1. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juni 2026 | Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Gottesdienst zum 350. Todestag von Paul Gerhardt

08. Juni 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu 1. Johannes 4,16b-21 und zu „Zieh ein zu deinen Toren“ (EG 133)

Liebe Gemeinde,

bei unserer wöchentlichen Teambesprechung in der Bischofskanzlei haben wir ein besonderes Ritual entwickelt. Wir beginnen allem voran mit persönlichen Hoffnungsgeschichten, die wir in der Woche zuvor erlebt haben. Vor all den schwierigen Krisen und Nöten, die uns natürlich auch beschäftigen, schenken wir einander ein paar Hoffnungsstrophen. Eine spirituelle Übung, wie wir festgestellt haben, weil sich in konkreten Bildern genau das entfaltet, was wir eben gesungen haben: Der Geist der Liebe wird sichtbar. Freunde der Freundlichkeit, sie bekommen ein Gesicht. Beispiel: der Ehrentag, den der Bundespräsident zum 77. Geburtstag des Grundgesetzes im Mai ausgerufen hat. Dazu gab es nebenan in der Elbphilharmonie ein Mitmachkonzert für Hunderte von Ehrenamtlichen. Mitreißend und berührend, schwärmte mein Team, das auch ehrenamtlich engagiert ist.

Die Hamburger Staatsphilharmonie hatte nämlich das Publikum dazu eingeladen, Teile der Misa Criolla von Ariel Ramirez gemeinsam mit ihnen aufzuführen, also farbenfroheste lateinamerikanische Sakralmusik. In Workshops fand man sich zwei Stunden vor Beginn des Konzertes zusammen, um das Singen und die Percussion zu üben. Ergebnis: ein grandioses Gemeinschaftserlebnis. Man erhob gemeinsam die Stimme. Einigte sich auf den Takt. Live und divers. Gelebte Demokratie in Salsa-Rhythmus. Elke Büdenbender, die Frau unseres Bundespräsidenten, mittenmang. Das waren unerhört glückliche Stunden mit und für die Menschen, die sonst anderen Glück schenken und Zuneigung. Die Liebe zeigen – Liebe in Zeiten des Hasses. Wenn da die Hoffnung kein Gesicht bekommen hat!

Sensationelle 27 Millionen Menschen in Deutschland ab 14 Jahren engagieren sich ehrenamtlich beim THW, bei der Feuerwehr, der Tafel und Tiertafel, bei Sport-, Schützen- und Umweltvereinen, in Chören und in der Kommunalpolitik, beim Zuhörkiosk und im Hospiz nebenan. Allein 1,5 Millionen Ehrenamtliche tragen die evangelische Kirche, 350 sind‘s allein im Michel. Aus lauter Liebe zu Ihnen und zu diesem Lichtspielhaus. „Für dich. Für uns. Für alle.“ Danke, liebe Ehrenamtliche in diesem Land!

Und mir ist klar geworden: Die Hoffnung lebt. Sie lebt durch herzliche, engagierte Menschen. Durch konkrete Geschichten, die einen Unterschied machen. Unsere Gesellschaft besitzt eine große Stärke, die mir oft viel zu schwach geredet wird. Sie hat Resilienz – also die innere Kraft, Stürme und Krisen zu überstehen und sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Auch der Glaube trägt diese Stärke in sich. Trotzige Hoffnung bisweilen. Und in diesen Tagen, in denen eine tiefe Angst die Menschen ergriffen hat, dass wir als Gesellschaft auseinanderfallen, spüre ich umso mehr die Sehnsucht nach Zuversicht, ja Gottvertrauen, das uns bei allen Erschütterungen im Innersten zusammenhält.

Ein Meister der Hoffnungssprache nun starb vor 350 Jahren und lebt. Bis heute wird er verehrt, geliebt, gesungen: Paul Gerhardt. Er gibt die ganze Zeit schon den Ton an. Aufs Eindrücklichste hat er für unser Leben und unsere Welt ausbuchstabiert, was es bedeutet, Gott zu vertrauen, ja, Gott zu lieben in Zeiten des Hasses. Denn Paul Gerhardt hat das unvorstellbare Grauen des 30-jährigen Krieges unmittelbar vor Augen. All die Gewalt, die Not, den Tod. Etwa ein Drittel der Bevölkerung des damaligen deutschen Reiches kam ums Leben, durch Massaker, Hunger, Pest und Krieg. Unfassbares Leid hat auch Paul Gerhardt selbst erlebt, hat seine Frau verloren und vier seiner fünf Kinder.

Dennoch: Er glaubt. Immer und immer glaubt er. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Und so schreibt Paul mitten in seinen Schmerz hinein: „Geh aus, mein Herz. Suche Freud!“ Eine poetische Anleitung zur Kunst des Lebens. Lutherische Glaubenslehre mit bis zu 29 Strophen. Mit vielen ungewohnten, barocken Worten und Wendungen, die einen ganz eigenen Tiefsinn haben. Wir haben da ein Schatzkästlein der Tradition mit lauter gesungenen Weisheiten, die tatsächlich Menschen bis heute Krisen und Kriege, Armut, Schmerz und Todesangst bewältigen oder zumindest besser aushalten helfen.

Die Kunst, in und mit Krisen zu leben und darin Mensch zu bleiben, dafür haben wir diese wunderschönen Sprachmäntel des Trostes, um uns darin zu bergen. Danke Paul!

Einer dieser Sprachmäntel – das Lied „Zieh ein zu deinen Toren“ – ist heute Predigttext. Eine kleine Lehre vom Heiligen Geist just am ersten Sonntag nach Trinitatis, der Vater, Sohn und eben den Heiligen Geist zusammendenkt. Ein Geist der Liebe, der in unseren Herzen zu Gast sein möge, und der, so Gerhardts Namensvetter Paulus, das Beste aus uns herausholen will. „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“ (Galater 5,22-23) Na bitte, als wäre Paulus in der Elphi dabei gewesen! Und: Was wäre das für eine Welt, wenn noch viel mehr Tore offen wären für diesen Geist! Da hätten Tiktok, X und all die vergiftenden Lügenportale keine Chance.

Gegen all das Toxische also: Suche Freud! Die Freude spielt in allen Liedern Paul Gerhardts auf. „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht sattsehen“, heißt es Weihnachten. „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“, so hebt sein Osterlied an. Und unser Pfingstlied erzählt vom „Geist der Freuden“ und vom „güldenen Freudensaal“. Die Abgründe der Welt – für Paul Gerhardt kein Grund, sich die Freude nehmen zu lassen. Und ja: Solche Macht dürfen wir den Tyrannen auch unserer Tage nicht über uns geben!

Vielmehr sich erinnern: Gott hat Freude an uns. In der Taufe zugesprochen. Weswegen wir bei allem Schweren, das wir ja wahrnehmen, die Lebensfreude bitte nicht vergessen dürfen. Damit sie uns Rückgrat gibt und Sinn inmitten einer Nachrichtenwelt, die uns in ihrem Irrsinn täglich verstört. Nein, singen mit Paul Gerhardt „[…] du bist ein Freund der Freundlichkeit, willst nicht, dass uns betrübe Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind [...]“

Das gilt es zu erinnern und zu singen, gerade im Blick auf die furchtbaren Kriegszerstörungen im Nahen und Mittleren Osten, in der Ukraine, im Sudan. Aber auch, weil es so viel Hass gibt in unseren Netzen und auf unseren Straßen, diese unversöhnlichen Verhärtungen und die verrohte Sprache – deshalb singen, mit klugem Wort! Die Menschen ins Gebet nehmen, Paul Gerhardt macht‘s folgende vier Strophen lang. Und die haben‘s in sich, liebe Geschwister, politischer geht‘s kaum. Damals schon. Denn wer Fürbitte hält, im Namen Jesu, will sich nicht abfinden mit Lieblosigkeit und Krieg, mit Despoten, Armut und Verachtung. Wer für die „ganze, weite Welt“ und „die Obrigkeit“ betet, setzt sich für sie ein, für die Welt und für die Obrigkeit! Und deshalb singen, nein, predigen wir gemeinsam die Strophen 8-11, nun mit der Melodie „Aus meines Herzens Grunde“.

8. Du, Herr, hast selbst in Händen
die ganze weite Welt,
kannst Menschenherzen wenden,
wie dir es wohlgefällt;
so gib doch deine Gnad
zu Fried und Liebesbanden,

verknüpft in allen Landen,
was sich getrennet hat.

9. Erhebe dich und steu’re
dem Herzleid auf der Erd,
bring wieder und erneu’re
die Wohlfahrt deiner Herd.
Lass blühen wie zuvor
die Länder, so verheeret,
die Kirchen, so zerstöret
durch Krieg und Feuerszorn.

10. Beschirm die Obrigkeiten,
richt auf des Rechtes Thron,
steh treulich uns zur Seiten;
schmück wie mit einer Kron
die Alten mit Verstand,
mit Frömmigkeit die Jugend,
mit Gottesfurcht und Tugend
das Volk im ganzen Land.

11. Erfülle die Gemüter
mit reiner Glaubenszier,
die Häuser und die Güter
mit Segen für und für.
Vertreib den bösen Geist,
der dir sich widersetzet
und, was dein Herz ergötzet,
aus unsern Herzen reißt.

„So gib doch deine Gnad, zu Fried und Liebesbanden, verknüpft in allen Landen, was sich getrennet hat.“ So unglaublich spricht mir das aus dem Herzen. Nichts trifft die Sehnsucht der Menschen heute besser, finde ich. Zusammenkommen, nicht verloren gehen in all den Zertrennungen und Ungnädigkeiten, zusammenhalten inmitten all der Ungewissheiten. Viele Menschen, so hat es eine Studie der EKD herausgefunden, leidet unter Gemeinweh: Heimweh – nach Gemeinschaft. Denn die Gemeinschaft zerbricht, das ist das Gefühl. Und keiner hält‘s zusammen. Man ist erschöpft, verängstigt und vereinsamt, fühlt sich den Krisen nicht gewachsen – und ist deshalb anfällig für die angebliche Stärke der einfachen Antworten. Die u. a. die Liebe zum Nächsten zur größten Schwäche der westlichen Welt erklären.

Der 1. Johannesbrief hält gegen: „Lasst uns unseren Bruder, unsere Schwester lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.“ Glasklar ist unser Evangelium. Wer Gott liebt, kann keinen anderen hassen. Oder runtermachen. Egal woher sie kommt oder wen er liebt. Diese Klarheit ist etwas ungemein Starkes. Und solche Stärke wird jetzt in unserem Land gebraucht! Unsere Kraft der Resilienz. Wissend: Furcht ist nicht in der Liebe. Nicht der Ohnmacht also das Feld überlassen oder den Wahlprognosen. Nein, beten, danken für all das Gute, das uns geschenkt ist, und handeln, einstehen für unseren Rechtsstaat und unser Grundgesetz, das den Schutz der Menschenwürde und die Liebe zum Leben zum obersten Prinzip erhebt. Jeder ist jemand. Auch wenn andere behaupten: Mancher ist niemand!

Du bist der Feindschaft Feind, so glaubt‘s immer und immer Paul Gerhardt. Mich berührt das: Gott hat es in Händen, das Herzleid (auch so ein wunderbares Wort) zu beenden, die Menschenherzen zum Besseren zu wenden. Gott kann „den bösen Geist“ vertreiben. Was für ein Vertrauen aus diesen Worten spricht! Wohlgemerkt in den letzten Jahren des 30-jährigen Krieges! Was für eine Ermutigung wider alle Verzweiflung und Resignation über die Zustände der Welt. Wäre das nicht auch das genau richtige Beten und Tun für uns? Die Bitte um einen tiefgreifenden, heilenden Segen für unser Gemeinweh. Gibt es einen aktuelleren Wunschreigen als jetzt, wo wir Rechtsstaatlichkeit und Demokratie angegriffen sehen? Durch Hetze und Lächerlichmachen von Regeln, Anstand, Verantwortung? Wunderbar dazu die 10: Strophe:

„[…] schmück wie mit einer Kron‘ die Alten mit Verstand, mit Frömmigkeit die Jugend, mit Gottesfurcht und Tugend das Volk im ganzen Land.“ Geschrieben für 2026, oder? Politisch – und zugleich so persönlich. Paul Gerhardt weiß genau darum, dass das Leben ein Kampf sein kann, auch mit den dunklen Seiten in ihm und in uns, die jedem von uns das Leben schwer machen. Deshalb die Bitte, nicht zu verbittern und zu verbiestern, nicht zu verhärten und nicht zu erstarren, nicht zu verdummen und zu verzweifeln. All das meint ja das alte Wort Sünde.

Und zu guter Letzt, wie in so vielen Liedern dieser Zeit, die Erinnerung daran, dass wir alle sterben. Nicht, um uns Angst zu machen, sondern als Ermutigung, im Hier und Jetzt zu leben und aus jedem Tag das Bestmögliche zu machen. Auch das ist Lebenskunst. Um den Tod zu wissen, damit wir leben. Und für das Leben streiten. Mit einer großartigen Kultur der Resilienz im Glaubensgepäck. Um widerständig, liebesmutig und selbstbewusst als Christenmenschen im Konzert der Gesellschaft die Stimme zu erheben, mit Gott an unserer Seite. Wie wär‘s also: Wir tauschen ab jetzt das morgendliche Scrollen durch die Schrecken der Welt mit Hoffnungsstrophen! Beginnen den Tag zum Beispiel mit den letzten beiden Strophen von unserem Lied, gleich nach dem Glaubensbekenntnis. So möge in uns die Hoffnung singen und Gottes Frieden, höher als unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

12. Gib Freudigkeit und Stärke,
zu stehen in dem Streit,
den Satans Reich und Werke
uns täglich anerbeut.
Hilf kämpfen ritterlich,
damit wir überwinden
und ja zum Dienst der Sünden
kein Christ ergebe sich.

13. Richt unser ganzes Leben
allzeit nach deinem Sinn;
und wenn wir’s sollen geben
ins Todes Rachen hin,
wenn’s mit uns hier wird aus,
so hilf uns fröhlich sterben
und nach dem Tod ererben
des ewgen Lebens Haus.

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