2. Oktober 2022 | Kirche St. Dionys und St. Jakobus, Lütau

Gottesdienst zum Landeserntedankfest

02. Oktober 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Markus 8, 1-9

Liebe Festgemeinde,

wir feiern. So richtig. Mit allem was dazugehört. Mit Trompete und Torten und Erntekrone (Danke allen, die sie gebunden und getragen haben!), mit einem fulminanten, anrührenden Kinderchor, mit Festumzug und Orgel, Kantorei und Erntegaben, wohin das Auge schaut. Und mit einer großen Festgemeinschaft aus Dorf und Kirche, Kreis und Land. Mit Menschen also, die richtig was auf die Beine gestellt haben, danke dafür! Und danke, dass ich dabei sein darf.

Für mich, die ich ja auch vom Land, aus Dithmarschen, komme, gehört Erntedank zum Allerschönsten. Schon immer. Denn so sehr sonst die Dithmarscher die meiste Zeit im Jahr ihre Kirche überaus schonen, Erntedank, da sind alle da. Da war und ist man vereint im Vaterunser. So beeindruckend für mich schon als Kind, wie demütig alle ihre Häupter geneigt haben vor knubbeligen Kartoffeln, großen Kürbissen und – klar – noch größeren Kohlköpfen. Eben: vor den Früchten des Segens, und nicht allein der Hände Arbeit. Das wusste doch jeder.

Ja, wir feiern. Weil wir auch dieses Jahr ernten konnten, jedes Jahr von vorn, habt ihr gesungen. Mit Macht und Zartheit. Mächtig viel Obst und furchtbar wenig Mais. Trotzdem – wir feiern, weil das Gute nah liegt, weil wieder einmal Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter nicht aufgehört haben. Weil Weizen und Äpfel gewachsen sind, von denen wir leben können.

Ach ja, und Hackschnitzel. Ihr wisst, nicht das Schnitzel, sondern die Hackschnitzel, selbst produziert aus den Knicks dieser unverwechselbaren und so wertvollen Lauenburgischen Landschaft. Die Hackschnitzel, die Ihnen jetzt gerade die Füße wärmen und anderes auch.

Ja, wir feiern das alles. Für diesen Moment zählen mal nicht die Sorgen und die Fragen. Krieg, Zukunftsangst, Energiekosten und Existenzsorgen – für einen Moment, wirklich: für diesen Moment, legen wir‘s beiseite. Und freuen uns am üppigen Leben. Dieses kostbare, wundervolle und wunderhafte Leben, das auf unserem Planeten wächst. Verlässlich von Jahrtausend zu Jahrtausend.

Denn das, liebe Festgemeinde, will Erntedank: dieses unfassbare Wunder des Lebens im Herzen verankern. Die Seele auffüllen mit Erntebildern, was Erde und Sonne, Regen und Segen – und ein bisschen auch die Photosynthese – an Schönheit hervorbringen und an Wachstum. Die Sinne will es wecken für frisches, duftendes Brot und echte, regional-scharfe Radieschen, so dass alles dies dem Herzen meldet: So ist es gut. Schön, das Leben. Das soll sich in unseren Herzen verankern, liebe Gemeinde, dass es uns Kompass bleibt und Halt: Denn das Gute liegt nah – und des Schöpfers Güte erst recht.

Schön und gut, das Leben. Gerade jetzt – in dieser traditions-innovativen schönen Dorfkirche und in dieser großen Gemeinschaft von, sagen wir fast 4.000 Menschen. Sie merken, das ist jetzt ein Übergang: Viertausend waren es, die damals Jesus zugehört haben. Irgendwo in der Pampa, wo es nichts gab. Sieben Brote und ein paar Fische, mehr war nicht rauszuholen. Völlig klar: Für Viertausend kann das niemals reichen. „Mich jammert das Volk“, sagt Jesus. Jammert, das heißt, es schmerzt ihn bis in die Magengegend, diese Menschen hungern zu sehen. Zumal sie ja schon drei Tage da sitzen. Irgendwas muss passieren. Brot muss her, Fische, irgendetwas zu essen. Schluss mit klugen Reden und tagelangem Predigen. Jetzt ist wirklich Anpacken angesagt.

„Landjugend packt an!“ So war es zu lesen in der Jubiläumsausgabe zum 75. Geburtstag von Bauernverband und Bauernblatt. Glückwunsch noch einmal! Nicht lang schnacken, anpacken. Ob beim Thema Klimaschutz, Landpflege – als die zweite wichtige Säule der Landwirtschaft neben der Lebensmittelproduktion. Ob bei Artenvielfalt und Demokratieerhalt, Traditionspflege wie Plattdüütsch oder Erntekrone: Landjugend mischt sich ein, sowas von. Und ihr wollt noch mehr teilhaben. Politisch mitbestimmen. Zukunft geht nicht ohne euch.

Und, liebe Gemeinde, das sind schon mal 7.000 Mitglieder. Nur noch ein Viertel davon arbeitet als Landwirt:in – im schönsten Beruf der Welt, wie ein Jungbauer sagt. Das sind doch hoffnungsvolle Stimmen! Denn alle sind sie verliebt ins Land, hungrig nach Leben. Und bereit, sehr viel dafür zu geben.

Tja, und dann sind tatsächlich alle satt geworden. Jedenfalls die Viertausend damals. Und es blieb noch jede Menge übrig. Sieben Körbe voll. Und wenn es da schon Taschenrechner gegeben hätte, dann wären die heiß gelaufen: sieben Brote, ein paar Fische, 4.000 Menschen, macht sieben große Körbe Rest. Aha.

Natürlich hat man sich davon erzählt. Übernatürlich. Wie kann das angehen? Alle kannten irgendwann die Geschichte. Und sie ist offenbar in so vielen Ecken damals weitererzählt worden, dass sie in den vier Evangelien der Bibel gleich sechsmal erzählt wird. Mal sind es 5.000, mal 4.000 Menschen, die da auf wunderbare Weise ungeplant satt werden. Einmal sind es fünf Brote und zwei Fische, woanders sieben Brote und einige Fische. Einmal bleiben sieben Körbe übrig, dann wieder zwölf.

Man hat das Wunderhafte mit der Zeit immer ein wenig gesteigert. Sie kennen das ja. Stille Post – die Leute reden halt gern. So wird die Geschichte immer größer und wunderhafter.

Ich kann das verstehen. Denn davon kann man doch gar nicht genug reden, in dieser Zeit: Es reicht für Tausende hinten und vorne nicht – doch die Leute werden satt! Die Luft müsste schwirren von Klageliedern und Kassandrarufen – doch Jesus dankte und brach sie und gab die Brote seinen Jüngern, damit sie sie austeilten.

Aus elender Not wird staunender Dank. Das ist wirklich ein Wunder. Und deshalb feiern wir das heute. Mit all der Not im Ohr und mancher Angst im Herzen, mit Kriegsbildern und Klimakatastrophe vor Augen. Sie merken: Jetzt sperre ich all das nicht mehr aus. Jetzt holen wir auch diese Realität und die schlimmsten Befürchtungen hinein in diese Kirche mit all den üppigen Erntegaben und den großen Chorälen. Weil wir uns hier aufgehoben fühlen können. Getragen von Gott mit seinem Trost und Licht und diesem Wunder, das uns berühren will: Zu wenig wird genug.

Und deswegen machen wir’s doch wie die Jünger: Wir packen an und vertrauen darauf, dass Segen dazu kommt. Vertrauen, dass es am Ende reichen und Gutes bewirken wird. Also: Bitte nicht der Angst und dem Gefühl, nichts ausrichten zu können, das Feld überlassen, liebe Geschwister. Obwohl so viel verkehrt läuft gerade in der Welt.

Bitte nicht aufhören, sich klar zu machen, dass wir mit knapp 100 Euro drei Kinder im Jemen vor dem Hungertod retten können. Bitte nicht vergessen, dass wir als Verbraucher:innen mit unserem Verhalten entscheidend Klimaschutz voranbringen können. Heißt auch, sich bei jedem weggeworfenen Kanten daran erinnern, dass jeder Mensch pro Jahr 78 kg an Lebensmitteln wegwirft, also einmal das Eigengewicht. (Na ja, wenigstens bei vielen ...) Brot, das Brot für die Welt sein könnte.

Und bitte, bitte lasst uns nicht aufhören, liebe Geschwister, um eine Ethik der Landwirtschaft zu ringen, die den dringlichen Klimaschutz nach vorn stellt – ohne dabei die ökonomische Not etlicher Betriebe zu vergessen.

Machen wir‘s wie die Jünger und teilen: Brot und Not und Sorgen. Aber auch das andere. Denn Not lehrt Beten, ja. Aber Not – das erlebe ich in vielen Gesprächen in unserer Zivilgesellschaft – sie lehrt auch neu zu denken. Zu suchen. Nach jungen Ideen und neuen Wegen.

Und – geht doch! Schauen wir auf dieses Hoffnungsprojekt Kirchenheizung, mit der heute Bauern und Kirche gemeinsam eine besondere Ernte einfahren. Ökologisch. Ökonomisch. Sozial. Et voilà: Das Gute liegt nah. 150 Meter nebenan. Denn aus all dem gehäckselten Knickholz kommt ja nicht etwa heiße Luft. Es wird Wärme daraus. Wärme, die die Energieversorgung ohne Gas (und ohne Abhängigkeit) ermöglicht. Aber auch Wärme, die Menschen zusammenhält. Zusammenhält gerade in diesem krisengeschüttelten Herbst. Gerade jetzt, wo so viele Menschen sich mit bangem Herzen fragen, wie sie zurechtkommen sollen.

„Wees man nich bang“, so heißt es in einem wunderschön lebensnahen Erntelied. „Gott is bi di. Is ok dat Leege dull togang, Gott kriggt toletzt de Babenhand. He helpt di hooch, gifft seekern Stand.“

Und da steht er dann, der Jesus. Ganz sicher mitten in unserem Leben. Und er nimmt das Brot, vor unseren Augen, und dankt. Und auf einmal sieht man, so mitten im Danken und neuem Denken, dass doch tatsächlich vieles gelingt, dass das Gute liegt wirklich nah. Denkt – allein in den sechs neuen Strophen gleich im Dankelied – für wie viel wir ganz real danken können: Essen und Lütau-Most und Wasser und Wald (und wie viel Wald!), Windstrom nicht zu vergessen und natürlich all die Landwirt:innen und Landfrauen mit ihrer segensreichen Hände Arbeit. Danke Ihnen und euch, nicht nur heute!

Und dann merkt man, dass das Danken die Seele schützt vor Bitterkeit. Merkt, wie Menschen mit Herzenswärme da sind und Anteil nehmen, wenn es hart kommt. Und, liebe Gemeinde, dass man Liebe erfährt und schenken darf, das ist doch „das Dankbarste“ überhaupt!

Deshalb ja, das zum Schluss, gibt es in dieser schönen Kirche nicht nur eine neue Heizung, sondern auch eine zweite Erntekrone. Eine Krone der Segensbänder. Mit den Namen der Menschen, die man liebt. Denn Liebe – sie braucht man doch als allererstes zum Leben!

Und so machen wir‘s wie die Jünger: Wir teilen Brot und Liebe. Und siehe, es wird mehr, wenn wir‘s teilen. Und alle, wirklich alle werden satt. Gesegnet von Gottes Frieden, höher als alle Vernunft, er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Datum
02.10.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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