„De Blaue Stuuv“

Gottesdienst zur Bibelfliesenausstellung am 3. September 2023 im Rieck Haus im Vierländer Freilichtmuseum Hamburg-Curslack

03. September 2023 von Kirsten Fehrs

13. Sonntag nach Trinitatis, Predigttext zu Lukas 10,25-37

Liebe Bibelfliesen-Gemeinde,

das ist ja nun wirklich etwas unvergleichlich Kostbares, was uns an diesen besonders schönen Ort zusammenführt. Danke, dass ich dabei sein – und sogar ein bisschen predigen darf. Und ich gebe zu: Ich habe mich überhaupt mit dieser Jahrhunderte alten Tradition der Bibelfliesen erstmals dank dieser großartigen Wanderausstellung beschäftigt. Man wird wirklich nicht dümmer, wenn man in die Geschichte dieses fast vergessenen Kulturgutes eintaucht.

Und dass diese Bibelfliesen als religiöses Brauchtum überhaupt wieder ins hellblaue Licht gerückt sind, ist Herrn Pastor Dr. Perrey gemeinsam mit einem kapitalen ehrenamtlichen Bibelfliesen- oder Fliesenbibelteam aus dem ostfriesischen Norden zuzuschreiben. Dank ihrer Arbeit, und nun der Arbeit des Bergedorfer Museumslandschaftsteams gemeinsam mit Pastor Waltsgott, die Sie „De blaue Stuuv“ erstmals nach Hamburg geholt haben, können wir bestaunen, wie viele unterschiedliche, wunderschöne Bibelfliesen es auch hier in Vierländer Bauernhäusern gab und gibt.

Delfter Kachelöfen der geistlichen Erbauung sozusagen. Mitten in die Küche oder „goode Stuuv“ gesetzt, weil doch die Menschen aller Zeiten eine Sehnsucht in sich tragen nach Halt und Wärme in einer aufgerauten, friedlosen Welt. Da brauchen Herz und Seele Ansichten der Hoffnung. Zuversicht eben.

So mögen die Bibelfliesen im 17. Jahrhundert entstanden sein: als Ansichten der Hoffnung, die man sehen kann. Sie entstanden genau dort, wo es in gut calvinistisch-reformierter Tradition so richtig gar nicht erlaubt war, mit Bildern die biblischen Geschichten oder gar Gott zu erfassen, im Norden Hollands nämlich und eben in Ostfriesland. Da herrschte damals strengstes Bilderverbot, damit die protestantischen Augen auch ja völlige Askese betreiben. Klingt alles irgendwie ziemlich freudlos ...

Und so malte man im berühmten Delfter Stil – kunstvoll, filigran und himmelblau – Bibelfliesen und unterlief damit ganz unauffällig und höchst wirksam das Verbot. Hunderte von kleinen Bibelszenen wanderten mitten hinein ins Leben der Menschen, hinein in die friesischen Bürgerhäuser und Bauernhöfe, später gar in Hamburgs Kaufmanns- und Kapitänshäuser.

Manche gut situierten Bauern schauten gar der halben Bibel täglich ins Gesicht an ihren Küchenwänden. Das Evangelium war also „mittenmang“. Für jedermann. Auch für die vielen damals, die nicht lesen konnten. Wie ein gezeichnetes Lesebuch blätterten die Bibelfliesen eine Liebesgeschichte Gottes nach der anderen auf. Denn Liebe, sie ist das A und O im Leben, und dieses göttliche Alphabet gehört allen. Im Alltag, nicht nur am Sonntag. Erbaulich, tröstlich, präsent. „Gott ist gegenwärtig“ in „de Blaue Stuuv“, ist mitten in unserem Leben, heißt das. Inmitten der menschlichen Gedanken, Träume, Nöte, und allem, was einem so auf dem Herzen liegen kann. Ja, Gott wurde selbst Mensch, getrieben von der übergroßen Sehnsucht, mitten unter uns zu sein!

„Es war ein Mensch“, so beginnt Jesus sein Gleichnis. Es war doch ein Mensch, der im Elend lag und unter die Räuber gefallen ist. Aber „sie zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.“ Da liegt er im Straßengraben, der Mensch. So mancher Mensch, halbtot, heimatlos und in seelischer Not, liegt da. Links liegengelassen. Links liegengelassen zuallererst von dem Priester, der wohl gerade vom Gottesdienst kommt.

Vielleicht hatte er im Jerusalemer Tempel just diese Worte der Bibel gehört: „Du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Offenbar reicht bei ihm die Kraft nicht. Das Herz zu klein? Die Bequemlichkeit zu groß? Der nächste Termin, der drängt? Wir wissen es nicht. Außer, dass es der Levit genauso macht. Auch er ging vorüber.

Und ich vielleicht auch, fragt mein Gewissen? Ein verletzter Mensch fordert einem die ganze Kraft ab, das wissen alle, die schon einmal jemanden gepflegt haben. Und das geht ja nicht immer und sofort. Das Gleichnis, liebe Geschwister, versteht viel von unserem Leben. Liebe und Hingabe sind nicht immer leicht zu schenken. Liebe geht auch vorüber.

Vorüber ging ich kürzlich übrigens in Altona an einer modernen Bibelfliese, die genau unser Evangelium auf den Punkt bringt. Gefertigt von Frau Jule, einer jungen Straßenkünstlerin. Und ihre Fliese hatte die Gestalt eines alten, rosenverzierten Kuchentellers, ganz so wie Sie ihn auf einer schön gedeckten Altengammer Kuchentafel finden würden. Dieser Kuchenteller nun prangte an einer Hauswand und hatte die Aufschrift: „Liebe ist ein Tuwort“. Kurz und knapp. Schlicht und schön. Liebe ist ein Tuwort.

Im Vorübergehen – mittenmang im Alltag – erinnert der Kuchenteller plötzlich an das Elementare für unser gesellschaftliches Zusammenleben: Nächstenliebe eben. Manche sagen Solidarität. (Es gibt übrigens auch einen Wandkuchenteller von der Künstlerin, der mir sehr gut gefällt, mit der Aufschrift „Solidarität und Sahnetorte“). Gut, dass er da hängt. Denn so viele Menschen sind doch in diesen Zeiten sehr ungnädig, auch mit sich, sind desinteressiert und gestresst, haben genug eigene Sorgen.

Und der Ton, nicht nur in den sozialen Medien, ist gefährlich scharf und abwertend geworden. Aber es gibt immer noch eine Mehrheit – die Mehrheit! –, liebe Geschwister, die etwas von dieser Nächstenliebe weiß, auch wenn man es meist anders nennt. Auf den Dörfern weiß man allemal davon. Da ist die traurige Nachbarin eben nicht egal. Auf das Kind von nebenan wird immer mit aufgepasst.

Man geht zum Chor – und singt nicht nur so wunderbar wie heute, sondern trägt einander, auch und gerade im Stimmungstief. Und so viele pflegen ihre alten Eltern und Schwiegereltern hingebungsvoll, selbst wenn es manchmal schwer und anstrengend ist. Liebe ist ein Tuwort – zum Glück gibt es noch viele, die das verstehen.

Aber – Tuwort eben – man muss auch etwas dafür tun, dass sich nicht die Scharfmacher und Hetzredner durchsetzen. Deshalb auch sind die Bibelfliesen aller Art so wichtig. Weil sie im Vorübergehen, en passant, im Alltag daran erinnern: Zusammenhalt, das geht nur, wenn man es letztlich macht wie der Samariter. Der nämlich hält inne. Weil er vom Leiden so berührt ist. Ausgerechnet er, muss man sagen. Er, der aus der jüdischen Gesellschaft verstoßene Mensch, kümmert sich. Er, der selbst in seiner Würde verletzt ist, erkennt den Schmerz des anderen sofort. Es jammerte ihn, heißt es. Wörtlich übersetzt: „Es rührte ihn bis an die Eingeweide.“

Und dann, liebe Geschwister, ja, dann steigt er erst einmal vom Esel herab. Das ist eine entscheidende Bewegung der Liebe. Man muss nämlich erstmal runterkommen. Runterkommen auch von dem Esel der eigenen eiligen Wichtigkeit, um zu erkennen, wie und wo man gebraucht wird. Und mehr noch – der Samariter kniet sich nieder. Liebe braucht Augenhöhe.

Die alte Bibelfliese zu dieser Geschichte, die auf dem Gottesdienstblatt abgebildet ist, zeigt das anrührend. Man sieht, wie der knieende Samariter den Verwundeten in die Arme nimmt und ein wenig aufrichtet, da ist keine Berührungsangst. Er gießt reichlich Wein und Öl auf die Wunden, verbindet die Verletzungen – wie‘s scheint, auch die der Seele.

Die Erzählung wird warm und farbig im Delfter Blau. Vorsichtig hebt er den Gebrochenen auf sein Reittier. Trägt ihn in die Herberge, gibt ihn in die Hände des Wirtes, den er zuvor noch gut bezahlt. „Liebe deinen Nächsten“ – so geht das, ja.

Aber es gibt einen zweiten Satzteil, der ebenfalls wichtig ist, nämlich: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Es geht auch um die eigene Kraft. Denn nachdem der Samariter alles in seiner Möglichkeit Stehende getan hat, und das war sehr viel, lässt er los. Er gibt den Verletzten in andere Hände. An den Wirt im Gasthaus, an die Diakonie, wenn man so will.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt ja: Alle sind wir Nächste. Und alle haben wir ein Recht auf Nächsten-Liebe. Denn jeder Mensch ist angewiesen auf Resonanz, darauf, auch einmal zu hören: „Ick heff di leev.“ Wir brauchen Berührung. Menschliche Nähe. So deutlich haben wir das während der Pandemie gemerkt, oder? Wir sind angewiesen darauf, in Liebe gesehen und angesehen zu werden. Auch als helfender Mensch, als Pflegekraft oder Politikerin, als Arzt oder Mutter brauchst du Anerkennung. Unterstützung. Freundliche Worte. Dass dir mal jemand eine Suppe vor die Tür stellt oder dich mit Sahnetorte tröstet, was weiß ich. Nächstenliebe lebt vom Geben und Nehmen, vom Lieben und Sich-Lieben-Lassen. Der Mensch vergeht ohne diese Gegenseitigkeit.

Es gibt dazu übrigens eine hoch interessante Studie. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch einem anderen spontan hilft, viermal so hoch, wenn ihm kurz vorher selbst etwas Gutes widerfahren ist und er ein Glückserlebnis hatte! Seitdem lassen die Autoren der Studie überall, wo sie gerade sind, beim Joggen oder Kaffeetrinken oder wo auch immer, hier und da eine kleine Münze fallen, auf dass sie jemand finde und sich darüber freue – und dann dem nächsten, der es braucht, etwas Gutes tut.

Na dann, liebe Geschwister, das ist doch mal eine Aussicht. Was immer Sie vor Türen legen oder an Glücklichem fallen lassen, es könnte ein kleines bisschen die Welt verändern! Diese Welt, die derzeit auch so am Boden liegt mit ihrem Friedenssehnen, so verwundet und voller Krieg und Gewalt, und die all unsere Liebe braucht, um den Hass zu überwinden.

So geht hin – und tut dies, spricht Jesus. Mit dem Blau des Himmels im Herzen und der Grünkraft der Hoffnung in euren Händen. So dass Friede werde, der Friede Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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