24. Dezember 2021 | Hauptkirche St. Michaelis

Gottesdienst zur Christnacht

24. Dezember 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Micha 5,1-4

„Hört, hört wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren.“ Also, liebe Festgemeinde, still ist deutlich was anderes. In Paul Gerhardts Lied springen die Herzen. Und das auch noch fröhlich. Da singen die Engel fortissimo, damit sie auch ja keiner überhört. Stille Nacht? Von wegen. Es tobt das Leben.

Herrlich finde ich das. Aufgeatmet, es ist Weihnachten! Es ist so befreiend, hoffen zu dürfen. Kein C-Wort jetzt außer Christkind. Geboren mit sanftem, trotzigem Mut, mitten hinein in diese Welt. Ein Retterkind, das sich aufmacht unser Herz zu erobern.

Wie das geht, habe ich jüngst hier in Hamburg erlebt, und zwar in einer Kinderkathedrale. Die gibt’s wirklich. „Ihr Kinderlein kommet“ hat sich die Simeon-Gemeinde in Bramfeld gedacht und einfach die halbe Kirche ausgeräumt – nur auf einer Seite stehen noch artig Kirchenbänke. Auf der anderen Seite sieht man ein einziges Kinderparadies, mit großen bunten Kissen, kleinen Kinder-Ohrensesseln, Büchern, Bastelecken, bunten Stabpuppen und lauter Erzähltischen zu biblischen Szenen. Im Moment stellen die natürlich die Weihnachtsgeschichte dar.

Zusammen mit mir ist die dritte Klasse einer Grundschule angemeldet. 23 Kinder aus elf Nationen. Farbig in jeder Hinsicht. Und Kinder, die ehrlich gelitten haben unter den Einschränkungen der Pandemie und dem Kontaktverlust. Durstig also nach Spiel, Spannung, sozialem Leben stürmen sie regelrecht die Kinderkathedrale – und reißen mich mit. Fasziniert erlebe ich, wie diese alte Weihnachtsgeschichte auf einmal lebendig wird, wenn Kinder sie in ihre Gegenwart hineinholen, sie sich aneignen, ja, Heimat in ihr finden mit ihren Sehnsüchten, Fragen, Glücksmomenten.

Wir stehen am Erzähltisch eins. Es geschah aber zu der Zeit des römischen Kaisers Augustus. Ob sie Römer kennen? „Na klar, logisch, von Asterix und Obelix“, antworten die Kinder gelassen. Interessanter scheinen ihnen die Hirten auf dem Felde. Ob man ihnen nicht Namen geben könnte, dann wären sie nicht mehr so arm. Gedacht, getan: Bob soll der eine heißen. Peter der zweite. Und – genau, Justus der dritte. Aha, denke ich, „die drei Fragezeichen“; Sie wissen, die Juniordetektive ... Und die Kinder treffen damit ja den Nerv. Denn die Hirten wissen doch wirklich nicht, wie ihnen geschieht! Erschrocken sind sie. Überall um sie herum auf einmal Engel – und dann auch noch in Scharen, die begeistert ihr Gloria singen und sich kaum wieder einkriegen. Der Heiland geboren? Die Hirten sind ein einziges dreifaches Fragezeichen. Und gehen trotzdem los, auf zum Stall nach Bethlehem, zur kleinen Stadt.

Wir kommen an Erzähltisch zwei. Denn dort – schaut mal – sind ganz verirrt die drei Weisen aus dem Morgenlande unterwegs. Sie suchen den Retter der Welt, ausgerechnet im Palast in Jerusalem! Doch hier droht Gefahr. Also ziehen die drei Weisen schnell weiter, mitsamt ihrer Kamele und Geschenke für das Retterkind. Was könnten das für Geschenke sein? Die Kinder antworten prompt. (Und Weihrauch und Myrrhe stehen erst einmal nicht auf ihren Top Ten …) Natürlich ein ferngesteuertes Elektroauto, sagt der erste. Ein Pappschwert, sagt der zweite. Und dann berührt es mich sehr, als Swetlana sagt: Die Könige bringen dem Kind ein eigenes Bett mit. Und Ahab fügt hinzu: und eine Freundin.

Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist, liebe Gemeinde. Eine Freundin. Es lebe die Freundschaft in dieser erschütterten Welt. So spürbar war bei den Kindern die Sehnsucht! Aber doch auch bei uns? Nach Liebe, Sicherheit und Zusammensein und entgegen, aller streitbaren Unruhe, nach Frieden, dem Menschheitstraum von Kind an. Und ich höre die Prophezeiung von Micha, mit denen er vor 3.000 Jahren ein auch zutiefst verunsichertes Volk aufgerichtet hat: „Darum wird die Not nur so lang anhalten, bis eine Frau das Kind zur Welt gebracht hat. Und ihr werdet sicher wohnen; denn seine Macht reicht bis zum Rand der Welt. Und er wird der Friede sein.“

Mit Pappschwert und Freundin. Und ich merke: Ja, das ist es für die Kinder. Sie sind angekommen in der alten Geschichte. Sind zu Hause. Friede auf Erden, weil du Freunde hast. Aus elf Nationen. Alle haben sie Platz in der Geschichte, die Kinder. Mit ihrer reichen Phantasie und ihrer Armut auch. Denn die ist ja nicht zu leugnen, liebe Gemeinde. Längst nicht wohnen alle Kinder sicher. Möge es bloß für jedes Kind Schutz und ein eigenes Bett geben.

Auch in Hamburg gibt es Kinderarmut. Möge bloß jedes Kind genug gesundes Essen und medizinische Versorgung und Bildungschancen bekommen – die Pandemie hat doch gerade die Kinder so gebeutelt und die ärmeren von ihnen noch mehr an den Rand gebracht!

Und gerade da, am Rand der Welt wird der kleine König geboren. Nicht im Zentrum der Macht. Nein, in der kleinen Stadt Bethlehem. Klein und sehr arm. Bis heute. Alles andere als ein Friedensort ist das.

Vor ein paar Jahren war ich dort. Unvergesslich die Spannungen, auch zwischen den Religionen. Und unvergesslich berührend dieser kleine, heilige Ort, an dem einst das Jesuskind die Welt aus den Angeln hob. Dort in der Geburtskirche. Eigentlich ist es darin nur ein winziges Krippen-Fleckchen, zu dem sich normalerweise Hunderte Pilger hin drängen. Doch bevor man hinkommt, muss jeder erst einmal innehalten. Denn der ehemals hohe Haupteingang der Kirche ist verkleinert auf 1,20 Meter Höhe. Seit dem Mittelalter ist das so. Und also müssen Erwachsene sich bücken, um hineinzukommen. Ob Bischöfe, Würdenträgerinnen, Könige und die Mächtigen der Welt, sie alle müssen sich kleinmachen. Werden ins Maß gebracht. Nur Kinder können aufrecht hineingehen. Und so wird dieses Allerheiligste der Christentumsgeschichte selbst zu einer Art Kinderkathedrale. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, spricht Gott. Und tut desgleichen: Er wird nicht nur Mensch, sondern Kind.

In Bethlehem, dieser kleinen Stadt, beginnt die große Liebesgeschichte zwischen Gott und uns Menschen. Eine Geschichte voller Würde und Schönheit, voller Zärtlichkeit und umstürzender Kraft zugleich. Eine Geschichte, die auch Sie herzlich einlädt, in ihr Platz zu nehmen. Als Muttersprache der Christenheit, die Schutz geben will, und sei es nur für diese Weihnacht, Schutz und Trost und Freude und Zuversicht in dieser irrsinnigen Zeit. Nicht im Sinne des: Es war einmal. Kein Weihnachtsmärchen. Sondern eine Sehnsuchtserzählung der Menschheit, in die wir unsere Wünsche nach einem friedlichen, von aller Zerrissenheit erlösten Leben hineinerzählen wie die Kinder. Also: Einmal wird es sein. Einmal wird es besser sein, weiser, friedlicher, genügsamer, einmal werden wir Freunde sein – und gar nicht mehr erinnern, dass es Feindschaft gab.

Es soll besser sein. Auch und gerade im Angesicht des Elends braucht es Menschen, die diese Hoffnung hoffen. Sie sollen sicher wohnen, die flüchtenden Kinder, Männer und Frauen, die an der belarussisch-polnischen Grenze vor den Augen der Welt erfrieren. Die Welt soll sich kümmern um die hungernden Kinder im Jemen, mein Gott.

Ja, es soll besser sein. Für sie alle, die am Rand sind, auch ihrer Kräfte. Denn der Stern der Hoffnung geht über allen Nationen auf, im Norden wie im Süden, im Nahen Osten wie im reichen Westen. Und verbindet uns doch – über Meere, Grenzen und Gräben hinweg. Also dürfen wir nicht aufgeben, Freundschafts-Brücken zu bauen! Auch hier.

Und so gehen meine Gedanken besonders zu den Brückenbauer:innen in unserem Land. Sie, die Sagenhaftes für unser Miteinander leisten und geleistet haben in den vergangenen 22 Monaten. Die vielleicht in diesem Moment gerade arbeiten. Pflegekräfte und Ärztinnen, Hospizmitarbeitende, Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe und in den Kirchengemeinden, Feuerwehr und Polizei, Heimleiter, Musikerinnen, Lehrer, Kita-Erzieherinnen und Obdachlosen-Betreuer, sie alle prägen das soziale Gesicht unseres Landes. Mit so viel Herz. Sie, die Brückenbauerinnen zwischen Generationen, Positionen, Religionen, allesamt Freundinnen des Friedens.

Und das Krippenkind? Das strahlt uns entgegen, unerhört freundlich zu jedermann. Das hat eine so versöhnende Kraft! So wichtig ist diese jetzt für die Familien und die Freundschaften, die von den Pandemiethemen ganz zerrissen werden. Für und Wider, Hin und her. Immer lauter und immer aufgeregter. Und immer erschöpfter. Ach, es will doch so gern einziehen in die Herzen mit seinem Frieden, das Gotteskind.

Und genau deshalb sollen alle an die Krippe kommen! Alle, auch wenn mir der andere fremd geworden ist, und auch wenn ich die Meinung der anderen wirklich nicht verstehe. Alle können kommen, Maria und Hirten, Engel und Seemann, Swetlana, Ahab und ihre hinreißende Lehrerin, Schaf und Ochs und der Esel auch. Alle dürfen sie das Kind hinreißend finden, sich sehnen und glücklich sein. Die Krippe ist der Ort, an dem die Unterschiede in den Hintergrund treten. Ein Hoffnungsort der Besonnenheit. Hier heilen Wunden, trocknen Tränen, blühen Kinder auf. Und wo Worte versagen und kein Gespräch mehr möglich ist, wo man sich schmerzlich unverständlich uneins ist, schenkt Christus an der Krippe tiefe Gemeinschaft. Das ist das Revolutionäre dieses kleinen, verwundbaren Friedenskindes, dass die Barmherzigkeit den Streit besiegt und Liebe die Verzweiflung.

Und damit sind wir angekommen. Am Ende der Predigt. Und mag sein in dieser alten Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen. So dass wir spüren: Die Liebe, sie ist die größte überhaupt! Und ich schaue uns an, wie wir gemeinsam vor der Krippe stehen, jetzt und hier, von Gott geliebt, geachtet, gesegnet – und denke: Ja, wir sind zu Hause. Ich wünsche Ihnen von Herzen frohe, gesegnete Weihnachten.
Amen.

 

Datum
24.12.2021
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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