04. Oktober 2026 | Dreifaltigkeitskirche, Lübeck-Kücknitz

Gottesdienst zur Entwidmung

04. Oktober 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Genesis 8,18-9,17

Liebe Gemeinde,

Deivallticheit. Dreifältigkeit. Dreifeltlichkeit. Dreiflattrichkeit.

So stand es, sorgfältig mit der Hand geschrieben, auf Anmeldezetteln und in Briefen ans Gemeindebüro. Pastor Iwer Rinsche hat diese Varianten in der Chronik gesammelt, mit sichtbarem Vergnügen. Der Name der Heiligen Trinität sei „für viele etwas kompliziert gewesen“, schreibt er. Aber man hat sich in roter Erde an den Namen schnell gewöhnt, passte er doch auch gut zur dreieckigen Kirche.

Denn das neue Viertel bekam als Kirche ein Zelt aus Holz und Beton, dazu einen spitzen Turm. Der Bau galt damals als sehr „anders“, als „modern“, in Dithmarschen würde man sagen: „apart“, also: gewöhnungsbedürftig. Und doch gab es von Anfang an Menschen – und es gibt sie bis heute, für die diese Zeltkirche die schönste Kirche überhaupt ist. Das Dreieck als geometrische Urform. In der Gemeindechronik steht dazu ein Satz, der mir sehr gefällt: „Das Dreieck trägt alles.“ Es ist sakraler Raum. Markthalle bei Festen. Experimentierfeld für alle möglichen Gottesdienstformen, inclusive Weltgebetstagen. Krippenspielort, Konzertsaal für Kantorei und Popchor. Und gestern Abend, nach einundsechzig Jahren zum ersten Mal: Ballsaal. Ein Fest von Jugendlichen aus Ihrer Gemeinde selbst organisiert. Großartig! Das Dreieck trägt wirklich alles. – Sogar den Abschied.

Interessanterweise war der von Anfang an mitgeplant, das vergisst man ja leicht, wenn man diese Kirche liebgewonnen hat und viele gute Erinnerungen darin wohnen. Diese Kirche war aber als Zelt auf Zeit konzipiert. 50 Jahre sollte sie halten. Es sind 61 geworden. Das morbid-feuchte Bröckeln und Bröseln ist deshalb alters- und planungsgerecht. Hier sollte kein Bau für die Ewigkeit entstehen. Deswegen hat man auch gespart am Material und zum Beispiel Zeitungspapier statt richtigen Dämmmaterials zwischen die Mauern gestopft.

Vielleicht haben die Planer damals schon geahnt, dass nichts so sicher ist wie die Veränderung und dass die großen Raumbedarfe der Sechzigerjahre nicht von Dauer sein würden. Recht hatten sie. Die Dreifaltigkeitskirche ist ja in einer historischen Ausnahmesituation entstanden: Lübeck hatte vor dem Krieg rund hunderttausend Einwohner. Nach dem Krieg waren es zweihundertdreißgtausend! Das ist mehr als doppelt so viele! Flender I, Flender III, Lager Gothmund, Lager am Stau, Auffanglager Pöppendorf – Namen, die manche hier noch im Ohr haben oder aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen. Hier lebten Menschen, die alles verloren hatten. Und die, wie es in der Chronik heißt, ihre „kernige Kirchlichkeit" mitbrachten und gewohnt waren, zuzupacken. Als das Barackenräumprogramm kam und die Wohnblocks am Ost- und Westpreußenring entstanden, wurde am 1. Dezember 1964 die Dreifaltigkeitsgemeinde gegründet. Am 28. Februar 1965 wurde die Kirche eingeweiht.

Mit einem Taufstein aus Bronze, gestaltet von Fritz Fleer, der rundherum eine einzige Geschichte gelegt hat: Noah. Auf der einen Seite der Bau der Arche. Dann die Taube über dem Wasser. Dann Noah inmitten der Tiere. Und schließlich Noah, kniend unter dem Regenbogen. Wir haben einen Ausschnitt der bekannten Geschichte ja gerade als Lesung gehört. Mich berührt, dass Menschen, die nach Flucht und Vertreibung mit fast Nichts neu anfangen mussten, ihren Kindern genau diese Geschichte ums Taufwasser gelegt haben. Die Geschichte einer Familie, die alles verliert und trotzdem die Tiere mitnimmt. Von einer Taube, die über endlosem Wasser endlich einen Friedenszweig findet. Von einem Bogen am Himmel, der verspricht: Ich fange noch einmal von vorn an mit euch. Ich bleibe bei euch. Eben dies: „Es soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Tag und Nacht.“

Gottes Segen bleibt. Auch nach der Zeit in der Arche. Gottes Zuspruch und seine Gegenwart hängen eben nicht an einer Behausung, nicht an zerstörten Häusern, nicht an einem Schiff, nicht an einer Kirche. Daran erinnert der Regenbogen, aufgespannt zwischen Himmel und Erde, zwischen Sonne und Regen, zwischen Freude und Trauer, unverfügbar und doch unendlich schön und stark. Damals und heute.

Es folgten kräftige Jahre des Zuzugs und des Aufbaus, das bedeutete Hunderte von Taufen und Konfirmationen jedes Jahr. Ganze Straßenzüge waren von den Festen geprägt, und bis heute ist ungeklärt, wie die Mütter das mit der Unterbringung der Gäste eigentlich gemanagt haben.

Aber den guten Jahren folgten magere. 1981 meldete das Metallhüttenwerk Konkurs an, später gingen auch andere große Arbeitgeber. Ganz Kücknitz war betroffen. Der Wirtschaftssenator riet den Arbeitslosen, die sich im Gemeindesaal versammelt hatten, auf das soziale Netz zu vertrauen – vorher müsse allerdings das Ersparte aufgebraucht werden. Harte Zeiten. Die Kücknitzer Gemeinden richteten einen Arbeitslosentreff ein, schön ökumenisch, der blieb auch, als die große Unruhe sich gelegt hatte. Aus dem Arbeitslosentreff wurde über die Jahre ein Rentnertreff, jeden Montagmorgen. Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der Geschichte dieser Gemeinde, die immer und immer versucht hat, nahe bei den Menschen im Quartier zu sein.

Wir verdanken dieser Kirche und den Menschen, die hier über all die Jahre aktiv waren, so viel. Deshalb ist es auch genau richtig, heute an Erntedank, diese Kirche mit großem Dank zu verabschieden. Dank für alles, was hier wachsen und gedeihen durfte: Für alle kreativen Gottesdienste, für Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Goldene Hochzeiten, für Trauerfeiern, für die Kita, für den wunderbaren PopcOhr, der 1995 hier entstanden ist und heute für uns singt. Vielen Dank für die schöne Musik – auch an der Orgel!

Dank für alle Bezirksmütter mit ihrem Besuchsdienst, für die Kindergruppen und für die Frauentreffen, die Seniorenkreise, die Jugendkeller-Abende, die Tafel. Dank für die Arbeit von sieben Generationen von Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern. Für das Engagement von Pastorinnen, Pastoren und Diakonen. Und für die Kantorinnen und Kantoren. Einer von ihnen ist ja am vergangenen Wochenende in den Ruhestand verabschiedet worden, nach sechsunddreißig Dienstjahren.

Großen Dank verdienen heute auch alle, die den Abschied von der Dreifaltigkeitskirche über Jahre gewissenhaft geplant und vorangetrieben haben. Dass dieser Prozess kein bisschen leicht war und die Gemeinde viel Kraft gekostet hat, wissen Sie alle besser als ich. Aber die Zeiten haben sich geändert, unsere Kirche wird kleiner und ärmer. Die Zeiten der „kernigen Kirchlichkeit“ sind auch nicht mehr so vital. Nützt ja nix.

>Wichtig aber ist: An all dem trägt niemand Schuld. Es ist so. Deshalb kann nicht alles bleiben, wie es ist und es braucht Menschen, die den nötigen Wandel verantwortlich gestalten. Trotz aller Widerstände und aller Trauer. Ich bin sehr beeindruckt, wie das Ihrer Gemeinde gelungen ist. Sie haben sich entschieden, den Bauboom der 50er- und 60er-Jahre als das zu betrachten, was er war: ein damals sinnvolles Wachstum, das aber keine Zukunft hat, weil so viele Gebäude einfach nicht zu unterhalten sind mit immer weniger Gemeindegliedern.

Also hat sich die Gemeinde entschlossen, ihre Arbeit auf St. Johannes zu konzentrieren und auf das Kirchenforum nebenan, in dem das Leben tobt. Die Johanneskirche wurde großartig renoviert, ein anziehender, zeitgemäßer Ort, um miteinander Gott die Ehre zu geben. Heute ist ein wichtiger Tag, weil mit der Entwidmung der Dreifaltigkeitskirche der Weg wirklich frei wird für die Konzentration auf das neue Herz der Kücknitzer Gemeinde. Sie geben dieses Gebäude auf und ab, dankbar mit vielen Erinnerungen und einem großen Erntedankfest, damit es für Sie als Gemeinde am anderen Ort lebendig und kraftvoll weitergehen kann.

Denn unsere Kraft und Stimme als Kirche wird jetzt so sehr gebraucht, liebe Geschwister. In diesen Zeiten mit all den schrillen, nationalen und abwertenden Tönen, mit all dem Schlechtreden und Schwarzsehen und der Feindseligkeit gegenüber jeder demokratischen Kultur. In diesen Zeiten wird die Kirche mit ihrer klaren Stimme für Menschenwürde und Mitmenschlichkeit gebraucht. Mit ihrer Haltung auch für eine inklusive Gemeinschaft und Zusammenhalt.

In diesem Prozess haben Sie etwas davon geschafft. Sie haben ein tief verwurzeltes Quartiersdenken überwinden können. Das ist eine große Leistung, weil Ihre Gemeinde ja durch Trave und Autobahn, Industriegebiet und Bundesstraße ganz schön zerstückelt und trotzdem zusammengewachsen ist, hin zu einer Gemeinde mit einem Zentrum, das Zukunft hat. Also: Dank an alle, die diesen Prozess gestaltet und begleitet haben, haupt- und ehrenamtlich, und ihn auch weitertreiben. Denn noch müssen ja Lösungen für die aufzugebenden Gebäude gefunden werden. Ich bin sicher, das wird sich finden; manche Dinge brauchen ihre Zeit. Dazu Ideen, Kraft und Zuversicht. Die wünsche ich Ihnen von Herzen.

Denn ich finde: Sie sind auf bestem Weg. Und trotzdem ist es schwer, ein vertrautes und warm geliebtes Haus zu verlassen. Das ist und bleibt eine Zumutung. Das Herz braucht da manchmal länger als der Verstand. Das Traurigsein gehört zum Abschiednehmen dazu. Deshalb ist es so klug, heute alles noch einmal zu benennen, die Klage und die Trauer, den Dank und die Zuversicht. Dafür ist noch einmal Raum und Zeit gewesen, auch zu Beginn des Gottesdienstes. Und gewiss nicht nur ich war von Ihren Worten, liebe Frau Pawlak, liebe Frau du Maire und lieber Herr Gülck, sehr bewegt.

Ihr Pastor Burkhardt hat im letzten Gemeindebrief geschrieben, die Dreifaltigkeit sei kein Rätsel, sondern eine Lebensregel: „Gott lieben, den Nächsten lieben, sich selbst nicht vergessen.“ Ein Dreiklang. Und Norbert Drechsler sagt über die Orgel: „Wichtig ist nicht das einzelne Register, wichtig ist der Zusammenklang.“

All das wird nicht entwidmet! Der Zusammenklang zieht mit. Der Regenbogen geht mit. Und das Licht der Osterkerzen auch. Dazu die Paramente, das Abendmahlsgeschirr und die Altarbibel. Das alles zieht nach St. Johannes, ins KirchenFORUM, dorthin, wo diese Gemeinde weiter Gemeinde ist. Was hier gewachsen ist – die Beharrlichkeit, die Musik, das Zupacken derer, die einmal mit nichts hier ankamen – das nehmen Sie mit. In jedem Menschen auch, der hier getauft wurde.

Als Ihr Kirchenmusiker gefragt wurde, welches Lied er seiner Gemeinde zum Abschied mitgeben würde, antwortete er: „Vertraut den neuen Wegen.“ Das ist es doch. Und das singen wir gleich. Denn: Die Taube hat damals über dem Wasser den Zweig gefunden. Endlich Land in Sicht! Und der Bogen steht am Himmel. Womit Gott sagt, wie damals zu Noah heute auch zu Ihnen: Ich bin und bleibe dabei, an eurer Seite. Also: Vertraut den neuen Wegen, Gott selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land!

Amen.

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