Gottesdienst zur Entwidmung der Kreuzkirche
07. September 2026
Predigt zu Gen 12, 1–4a | Lukas 17, 11–19
Liebe Gemeinde,
was ist das heute für ein berührender Tag. So nahegehend und bewegend, traurig, tröstlich und erfüllend. Wie diese Kirche selbst, die all unseren Emotionen in ihrem weiten Raum Heimat gegeben hat und die wir nun verabschieden. So viel Emotion in so viel Beton …
„Fünf Jahre Bunker“ oder „Beton ist schön“ – so betitelte schon Pastor Peter Hanne 1976 einen Artikel im Gemeindebrief der Kreuzkirche. Trotzig klingt das, fast kämpferisch, als müsste er sein eigenes Haus verteidigen. Dazu schrieb er einen bemerkenswerten Satz: Das Gebäude möchte etwas sagen, „und hat vermutlich weit mehr über sich zu sagen, als man so von einer Kirche zu wissen meint.“
Interessante These. Eine Kirche, die sich nicht auf den ersten Blick von selbst erklärt. Eine Kirche, die auch auf Widerspruch stieß in ihrer damals noch ungewöhnlichen Betonbauweise. Ganz modern. Kirche und Gemeindehaus unter einem Dach, durchlässig, offen – ein Marktplatz des Glaubens, kein abgeschlossener Sonderraum. Das war damals weit vorn. Bemerkenswert auch: Es gibt keine Stufen in diesem Gebäude, alles inklusiv, behindertengerecht, zu einer Zeit, als kaum jemand danach fragte. Eine Kirche, die in jeder Hinsicht offen sein wollte für alle. Ein Gebäude, das aber auch Anstoß erregen wollte und Reibung erzeugte in einem Quartier, das mit den vielen Flüchtlingen enorm gewachsen war. Diese vielen Hinzugekommenen konnten damals von der Domgemeinde nicht mehr mitversorgt werden, die Kreuzkapelle platzte aus allen Nähten. Und so entstand zwischen 1969 und 1971 diese Kirche, nach den Plänen des Hamburger Architekten Friedhelm Grundmann. Eine Zeite des Aufbruchs! Und daraus gingen im gleichen Jahrzehnt auch die Geschwistergemeinden St. Martin, die Zeltkirche, und St. Augustinus hervor. Eine ganze Kirchenlandschaft für eine wachsende Stadt.
Wie es sich für eine Kreuzkirche gehört, hat man an Kreuzen nicht gespart. Es gibt gleich drei davon. Seit Jahrzehnten steht das sogenannte Schrott-Kreuz im Foyer, kantig, roh, aus zusammengeschweißtem Alteisen, das mir sehr gefällt. Auf dem Altar aber leuchtet das Silberkreuz in stiller Präsenz. Und in der Passionszeit – das war die schöne Unruhe dieses Hauses – tauschten die beiden ihren Platz. Das Schrotthafte, das ästhetisch Widerständige rückte in die Mitte, in die Passionszeit hinein, dorthin, wo es hingehört. Als wollte diese Gemeinde sagen: Wir blenden nichts aus. Wir zeigen auch das Zerbrochene, über das es mehr zu sagen gibt, als man zu wissen meint.
Dieses zentrale Anliegen christlichen Glaubens, das Zerbrochene ins Leben zu holen, um es zu versöhnen, hat man auch nach außen sichtbar gemacht. Seit 1983 steht nun auch das dritte Kreuz auf dem Turm, aus jeder Perspektive als Kreuz erkennbar.
Am 16. Mai 1971 wurde die Kirche eingeweiht, mit Schlüsselübergabe und dem Segenswort: Gott segne diese Stätte, „daß in ihr Gemeinde sich zusammenfindet, die in seiner Gegenwart froh wird und diese Freude ausstrahlt in die Nähe und in die Ferne.“ Was für ein geradezu prophetischer Spruch, denn wirklich: das Gemeindeleben in dieser Kirche hat über Jahrzehnte Freude und Lebendigkeit ausgestrahlt. In diesem Haus wurde getauft, konfirmiert, geheiratet und Abschied genommen. Die Orgel, deren Gehäuse Grundmann selbst entwarf, hat Generationen begleitet. Dieses schöne Bild vom Einzug Jesu in Jerusalem, eng verbunden mit dem Christophorus – geschaffen von einem Ehepaar, Hanns Schubert und seiner Frau Elli – zog hier ein. Beide Kunstwerke einst gerettet vor den Nationalsozialisten – was für ein Zeichen des Widerstandes gerade heute, an diesem Wahltag, wo wir wieder mit einem erstarkenden Rechtsextremismus zu tun haben. Sie gehören zusammen und bleiben zusammen, begleiten unseren Weg in die Zukunft und sind uns dabei Mahnung und Ansporn zugleich.
Dann: Ein Kindergarten war hier zuhause, und die griechische Gemeinde der „Gastarbeiter", wie man damals sagte, hat dieses Haus über Jahre mitgenutzt. Nicht zu schweigen von der Trommelgruppe. Kreuzkirche war, was sie sein wollte: eine Heimat für viele. Fröhlich divers. Es gibt so viele Erinnerungen an all das – und vor allem an all die, die diesen Ort zu einem guten Ort gemacht haben! Wie gut, dass wir einen kleinen Ausschnitt daraus eben gehört haben. Und ich finde es großartig, dass Sie sich eine ganze Woche Zeit genommen haben, um sich an all das Gute, das hier möglich war, gemeinsam zu erinnern, um es zu würdigen. Mit einer Zeitreise durch die Geschichte dieses Hauses, einem offenen Café, mit Führungen, einem musikalischen Abend, mit Lagerfeuer und Grillbuffet, mit einer offenen Kirche für Stille und Kerzen. Viele von Ihnen haben mitgemacht, Kuchen gebacken, Fotos herausgekramt, Erinnerungen geteilt. Und mehr noch: die vielen Gefühle. Überall habe ich gehört, wie unglaublich intensiv und schön und tröstlich und traurig diese vergangene Woche war. Auch weil die tiefe Verbundenheit zueinander sichtbar wurde, die Dankbarkeit für all das Erlebte, das Lachen und die Tränen. Solch eine Fülle der Erinnerungen, die bis ans Innerste gingen – das waren gemeinsame Gänsehautmomente. Und genau das trägt: Gemeinschaft trägt – auch den Abschied. Obwohl der schwer ist und schwer bleibt.
Niemand wollte diese Kirche entwidmen und verkaufen. Und dass die Zeiten sich ändern, daran ist niemand schuld. Unsere Kirche wird kleiner und was einst in Zeiten des Wachstums entstand, muss heute unter dem Dach der Kirchengemeinde St. Jürgen neu zusammenfinden. Mit einem Gebäudebestand, der den sinkenden Gemeindegliederzahlen entspricht und auch mittelfristig zu finanzieren ist. Das ist die Wirklichkeit, in der Gemeinden heute Verantwortung übernehmen müssen. Nützt ja nix.
Niemandem ist die Entscheidung leichtgefallen, die Kreuzkirche aufzugeben. Auch wenn das Gemeindeleben in den vergangenen Jahren schon spürbar weniger geworden ist: Ein vertrautes und warm geliebtes Gebäude zu verlassen, ist und bleibt eine Zumutung. Deshalb gilt heute mein großer Respekt und meine ganze Hochachtung den Haupt- und Ehrenamtlichen in dieser Gemeinde, die seit Jahren mit großer Sorgfalt und viel Sachverstand um die Zukunft von St. Jürgen ringen. Als 2022 das Gebäudekonzept veröffentlicht wurde, gab es viel Trauer, Unmut und auch Unverständnis in der Gemeinde. Sicher auch, weil die Kommunikation damals nicht ganz so gut gelaufen ist, aber wie auch: St. Jürgen gehörte zu den ersten Lübecker Gemeinden, die sich mutig auf den Weg gemacht haben, ohne Vorbild, ohne Blaupause. Daraus wurde gelernt. Der neue Kirchengemeinderat, das PastorInnenteam, und ich nenne jetzt mal explizit Ihre wunderbare Pastorin Judith Fincke, haben alles darangesetzt, eine für alle tragbare Lösung zu finden. Hunderte (!) Gespräche haben sie geführt. Ich stehe bewundernd vor der Professionalität, mit der hier über Jahre gearbeitet wurde. Transparent, verantwortungsvoll, nach bestem Wissen und Gewissen. Ein großer Kraftakt! Und siehe da, es ist gelungen, tatsächlich einen Käufer für das Grundstück zu finden. Und mit dem Lübecker Bauverein einen gemeinnützigen Träger, der hier Wohnungen mit bezahlbaren Mieten bauen wird und vielleicht auch dringend benötigten studentischen Wohnraum. Das ist ein großes Glück – auch für die Finanzen der Gemeinde. Herzlichen Glückwunsch, dass das gelungen ist!
An die Kreuzkirche wird manches auch in Zukunft erinnern: Die Kreuzkirchenfarbe Blau bleibt im Logo der Kirchengemeinde erhalten. Die Kunstwerke ziehen nach St. Jürgen um. Glocke und Orgel werden anderswo weiter läuten und klingen. Und auch das Schrott-Kreuz und das Silberkreuz – dieses unruhige, wandernde Paar – werden ihren Weg finden. Sie waren eh nie an einen einzigen Ort gebunden. Sie haben ohnehin immer schon getauscht und den Platz gewechselt. Vielleicht ist gerade das ihr bleibendes Vermächtnis für uns: dass nichts, was wirklich trägt, an einen Ort gebunden bleibt.
Vor allem aber geht der Geist von all dem, was in diesem Gebäude möglich war, nicht verloren. Die Gemeinde bleibt doch lebendig, an den anderen Standorten. Dort wird weiter gelebt, gefeiert, gelacht: neunzig Konfirmandinnen und Konfirmanden, dreißig Teamerinnen und Teamer, das große Erntedankfest, der Laternenumzug zu St. Martin, all das ist nicht an diesen Ort gebunden.
Sie erinnern sich an die Lesung vorhin? An Abram und Sara und deren Aufbruch? Sie wussten nicht, was werden würde, als Gott sprach: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Kein Ziel wird genannt. Kein GPS, keine Roadmap, kein abgeschlossener Zukunftsprozess. Nur: Geh. Und Gott sagt: Ich bin dabei. Und: Segen liegt auf dem Weg. Abram ist übrigens fünfundsiebzig Jahre alt, erzählt die Bibel – falls jemand dachte, Aufbrüche seien nur etwas für die Jungen. Er und Sara brechen also auf. Wohlgemerkt: Sie laufen nicht weg. Sie gehen los. Das ist ein Unterschied. Und ja, wir kennen das alle: Aufbrüche kosten. Was man hinter sich lässt, trägt Spuren der Trauer – selbst wenn man weiß, dass es richtig ist. Selbst wenn die Vernunft sagt: Ja, das ist der nächste notwendige Schritt. Wir brauchen das weniger werdende Geld für Menschen, nicht nur für Gebäude. Doch das Herz braucht manchmal länger, um hinterherzukommen. Das ist kein Mangel an Vertrauen ins Neue. Das Traurigsein gehört zum Abschiednehmen einfach dazu.
Am Ende des heutigen Evangeliums steht dazu ein wunderbarer Satz: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“ So ähnlich hat Gott auch mit Abram und Sara gesprochen. Und siehe da, es kommt alles zum Guten, ihr Vertrauen in Gott und eine gute Zukunft hat ihnen geholfen! Und wird uns helfen, auch in einer kleiner werdenden Kirche lebendig zu bleiben.
Steh auf. Geh hin. Das ist die ganze Bewegung, um die es heute geht. Kein Verharren im Verlust, aber auch kein Drüberhinweggehen. Aufstehen – mit dem, was war. Gehen – in das, was wird. Dem Vergangenen: Dank, dem Zukünftigen: Ja!
Ja. Denn die Menschen, die hier getauft, konfirmiert und getraut wurden, tragen dieses Haus ja in sich weiter, an jeden neuen Ort. Was hier gewachsen ist – die Beharrlichkeit, mit der diese Gemeinde um den richtigen Weg gerungen hat, die Sorgfalt, mit der sie diesen Abschied gestaltet hat, die Gemeinschaft, die sich in dieser Erinnerungswoche noch einmal gezeigt hat – das zieht mit. Das wird nicht entwidmet.
Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt – so werden wir gleich singen. Nicht: Vertraut eurer eigenen Klugheit. Sondern: Vertraut auf Gott. Geht. Und: Segen liegt auf dem Weg. In dem Geist, den wir von hier aus mitnehmen ins Neue.
Amen.