4. Sonntag nach Trinitatis - 28. Juni 2026 | St. Jürgen-Zachäus, Hamburg-Langenhorn

Gottesdienst zur Entwidmung mit Bischöfin Fehrs und Propst Landwehr

28. Juni 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Gen 12

Liebe Gemeinde,

es war am 11. November 1973. Kirchweih an der Käkenflur. Das Erste, was Sie, lieber Pastor Reiner Schulenburg, an diesem Morgen sehen, als Sie den neuen Kirchraum betreten: eine große graue Zinkwanne auf dem Altar. Es tropft durchs Kirchendach. Man kann das in den Annalen der Gemeinde nachlesen. Was folgte, war durchaus hektisch und kraftraubend. Bis das Dach dicht war. Jedenfalls vorläufig. Flachdach eben.

Ich finde, das ist ein wunderbarer Anfang. Keine triumphale Einweihung, kein glatter Festakt – sondern das echte Leben, von Anfang an. Passt zu diesem Gebäude, das sich substanziell unterscheiden wollte von anderen Kirchenbauten der 1960er und 1970er Jahre, die oft groß, repräsentativ, nüchtern geplant wurden. In Langenhorn-West entschied man sich für eine Hauskirche – nach urchristlichem Vorbild. Mit Teppichboden. Für viele Zwecke nutzbar, offen und einladend für alle in diesem wachsenden Viertel, in das so viele Familien mit Kindern zogen.

Heute, 53 Jahre später, verabschieden wir uns von einem Teil des damaligen Konzepts. Es steht ein Wandel an. Das hat Propst Landwehr in seiner Begrüßung sehr schön auf den Punkt gebracht.

Auf der Schwelle zum Neuen möchte ich aber noch einen Moment innehalten und dem nachspüren, was dieser Raum für viele von Ihnen hier gewesen ist. Was alles möglich war an diesem besonderen Ort! Wir haben es in den Statements eben gehört. Vielen Dank für diese so persönlichen und berührenden Einblicke. Und wir werden auch nach dem Gottesdienst nochmal ganz authentisch hören, wenn Reiner Schulenburg vom Werden dieser Kirche erzählt. Sie sind eben ein echter Zeitzeuge. Der Baumeister von einst, der so viele Gedanken in jedes Detail gesteckt hat. Dabei hatten ja Sie und der damalige Kirchenvorstand, der mit Ihnen gemeinsam stritt und plante und rang – Sie hatten eine Idee, die für ihre Zeit ziemlich weit vorne war: Diese Kirche sollte keine sakrale Zelle, kein heiliger Sonderraum werden. Stattdessen: ein Haus für die Christenfamilie Langenhorn. Mit vielen Zimmern und offenen Türen. Ein Marktplatz, um den herum sich alles gruppiert – Gemeindesaal, Kindergarten, Jugendkeller. Alles verbunden, alles durchlässig. „Wichtig ist, was drinnen geschieht", hieß es damals.

Das war mehr als ein vom Bauhaus inspiriertes Architekturkonzept. Das war Theologie. Die Überzeugung, dass Gott nicht in einem abgesperrten Bezirk wohnt, nicht hinter dicken Mauern, nicht unter einem Turm, der Anspruch auf Herrschaft anmeldet. Bloß keine „imperial-klerikalen Ansprüche" erheben, wie es damals hieß. Gott wohnt inmitten und Gott wohnt mit den Menschen. Das gefiel zwar nicht allen. Aber es passte. Zu Langenhorn und zu einer Zeit, in der noch viel mehr Zeit war für Gemeinschaft und die von Aufbruch geprägt war.

Und dann diese Fenster. Hans Kock hat sie eigenhändig beschichtet, mit der Spritzpistole – bis er sich dabei tatsächlich eine Vergiftung zuzog. Die Morgenstimmung vor Sonnenaufgang sollten sie darstellen – kühl, dämmrig, still. Aber dann kam das Rot. Da hat Reiner Schulenburg nicht lockergelassen. Weil das Leben sich eben nicht auf die kühle Seite des Farbspektrums drängen lässt. Das Rot blieb. Vitalität! Power! Pfingstrot! Ein bisschen zu knallig, fanden manche. Aber es blieb. Schön ist das. Denn morgens, wenn die Sonne durch diese Fenster fällt, wird die Nordwand in Farbe getaucht – und manchmal, an Frühlings- und Herbstnachmittagen, verwandelt sich der ganze Raum in ein fast mystisches Farbspiel.

Dieser Raum hat eine Seele bekommen. Durch Generationen von Menschen, die hier getauft und konfirmiert wurden, die hier geheiratet und Abschied genommen haben. Die in den Jugendräumen ihre erste Liebe erlebten oder durchlitten, je nachdem. Durch 50 bis 70 Konfirmanden pro Jahr in den guten Zeiten. Durch Loki Schmidts Krippenfiguren, die Helmut Schmidt einst von Erich Honecker geschenkt bekam und die 1984 hier einzogen. Durch engagierte Pastoren und Pastorinnen, Diakoninnen und Musiker, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Durch die Küster! Alle haben hieraus einen Ermöglichungsraum gemacht. Ich kann dazu als kleine eigene Reminiszenz ergänzen, dass wir mit einem riesigen Chor Anfang der 1980er Jahre die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber proben durften. Da blieb kein Auge trocken. Hier war jede Stunde Leben, live und in Farbe. Gottesdienst-Frühschoppen und Familienkirche, Kulturkreis, Pfadigruppen und viele, viele Kinder, die hier durch die Gegend getobt sind und sich gefreut haben, an dem Tauffenster, durch das die Welt mal gelb, mal grün, mal orange erschien.

Dieses Farbspiel wird auch in Zukunft viele Kinder faszinieren. Denn die Fenster bleiben. Es sollen sogar neue dazukommen. Dieses Haus wird ein heller, (kinder-)freundlicher Ort bleiben, mit Platz für einen neuen KiTa-Eingang, einem Leitungsbüro und für die Kita-Andachten mit ihren Liedern und Geschichten. Ja, das Haus bleibt. Weil es ein Haus ist und keine Kathedrale und deshalb eine Zukunft hat. Reiner Schulenburgs Traum von einem Ort, der offen ist für die Menschen im Quartier, hilfreich für viele – er setzt sich fort. In anderer Form. Mit neuer Trägerschaft. Aber im selben Geist.

Das alles ist Ergebnis eines neuen Aufbruchs. Der ähnlich viel Fantasie, Durchhaltevermögen und Hoffnungstrotz braucht wie der Aufbruch vor 60 Jahren. Hut ab, liebe Kolleginnen, liebe Pastorin Astrid Wolters, liebe Verantwortliche in den Kirchengemeinderäten für diesen Kraftakt! Ich danke Ihnen für alle Geduld auch in den krisenhaften Momenten; denn leicht gefallen ist Ihnen diese Entscheidung wahrlich nicht. Aber nützt ja nichts: Die Zeiten ändern sich. Niemand ist daran schuld. Weniger Kirchenmitglieder, weniger Zeit für Gemeinschaft, neue Formen des Miteinanders. Also müssen auch wir uns als Kirche verwandeln. Sonst werden wir Museum. Also: Aufbrechen. Neues wagen. Wie gut, dass wir Ahnmütter und -väter haben, die auch schon aufgebrochen sind. Abram und Sara zum Beispiel. Denen war vielleicht auch ganz gemütlich im Gewohnten und dann sagt Gott: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.

Gott sagt nicht wohin. Kein GPS, keine Roadmap, kein abgeschlossener Zukunftsprozess. Nur: Geh. Und: Ich bin dabei. Und: Segen liegt auf dem Weg. Abram und Sara machen sich also auf. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt, erzählt die Bibel – falls irgendjemand dachte, Aufbrüche seien nur Sache der Jungen. Sie brechen auf, nehmen Lot mit und ihre Habe und gewiss auch ihre Schatzkiste. Wichtig dabei: Sie laufen nicht weg. Sie gehen los. Das ist ein Unterschied.

Und ja, wir kennen das alle: Aufbrüche kosten. Was man hinter sich lässt, trägt Spuren der Trauer – selbst wenn man weiß, dass es richtig ist. Selbst wenn die Vernunft sagt: Ja, das ist der nächste notwendige Schritt. Wir brauchen das weniger werdende Geld für Menschen, nicht nur für Gebäude. Doch das Herz braucht manchmal länger, um hinterherzukommen. Das ist kein Mangel an Vertrauen ins Neue. Das Traurigsein gehört zum Abschiednehmen.

Aber dann lese ich auch, was den Jüngerinnen und Jüngern in Lukas 9 mitgegeben wird, wenn Jesus sie aussendet. Kein Stab. Keine Tasche. Kein Brot. Kein Geld. Nicht einmal ein zweites Hemd (und das bei diesen Temperaturen!). Und trotzdem – oder gerade deswegen? – zogen sie los. Predigten das Evangelium. Heilten die Kranken. Waren bei den Menschen. Sprich: Unsere Lebendigkeit als Gemeinde Jesu Christi hängt nicht zwangsläufig an der Vielzahl unserer Gebäude. Wir brauchen welche, klar, aber eben nicht mehr so viele. Und deshalb wird dieser Ort, der vielen über Jahrzehnte Heimat war, zum Ort des Aufbruchs. Was hier entstanden und gewachsen ist – der Geist dieser Gemeinde, die Neugier, die Offenheit, das Ringen um den richtigen Weg – dieser Geist zieht mit, da bin ich überzeugt. Dieser Geist der Gemeinde wird nicht entwidmet.

Der zieht mit in eine neue Gemeinschaft aus Gemeinden, die hier gerade entsteht, und das sind gute, mutige neue Wege. Allein an Pfingstsonntag: 13 neue Teamerinnen werden gesegnet. Dreizehn! Junge Menschen, die sagen: Ich mache mit. Ich bringe mich ein. Ich trage das weiter. Das regionale Tauffest im KiWi-Freibad – Langenhorn tauft gemeinsam, unter freiem Himmel. Die Jugendarbeit, die wächst und sich bewegt. Die Büros, die zusammenarbeiten. Das sind keine kleinen Dinge. Das sind Zeichen, dass dieser Aufbruch hinein in eine neue Gemeinschaft der Gemeinden in Langenhorn lebt.

Natürlich könnten auch falsche Wege dabei sein. Wir sehen halt nicht alles. Wir irren uns manchmal. Auch Abram und Sara wussten nicht mit Sicherheit, wohin es ging. Sie vertrauten. Und sie handelten. Beides zusammen. Nicht Fügung statt Tun, sondern: Gott bitten, den richtigen Weg zu zeigen – und dann losgehen. Und vielleicht im gelobten Land ankommen, in dem Milch und Honig fließen und Menschen begeistert sind von der Botschaft Jesu Christi und zahlreich werden wie die Sterne am Himmel. Wer weiß das schon.

Vertraut den neuen Wegen – so werden wir gleich singen. Nicht: Vertraut eurer eigenen Klugheit. Nicht: Macht einfach weiter wie bisher. Sondern: Vertraut. Geht. Und: Segen liegt auf dem Weg. In dem Geist, den ihr von hier aus mitnehmt ins Neue.

Die Glocke hier läutet weiter. Das Licht fällt weiter durch diese Fenster. Kinder werden hier mit Gott groß werden. Menschen werden sich hier weiter treffen. Aber eben auch an neuen gemeinsamen Orten. Also: Ein Abschied und wiederum ein Aufbruch. Ein Wandern in die Zeit. Begleitet von Gottes Segen voll Vertrauen, dass gut wird, was wird. So bleibt behütet – und bleibt sehnsüchtig nach dem Frieden Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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