28. Februar 2020 | St. Lorenzkirche in Lübeck-Travemünde

Gottesdienst zur Landessynode

28. Februar 2020 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Genesis 3

Liebe Geschwister,

es wäre doch zu und zu schön. Es wäre doch zu schön, wenn man sich diese paradiesisch-prallen Früchten genussvoll einverleibte und dann Erkenntnis hätte und ewiges Leben. Es wäre doch so schön, wenn das Leben ausnahmslos gut wäre. Wenn es kein Leid, keinen Tod gäbe und auch nicht die kleinen Tode im Leben, den Streit nicht, die Schuld nicht, die Verzweiflung nicht. Wenn man das Böse aussperren könnte. Und die Krankheit und die Angst. Ungefährdetes Leben. Auf ewig, so paradiesisch.

So wünschte sich‘s der Mensch seit ehedem. Und dann – wäre das grandios – würde man ein bisschen sein wie Gott. Was könnten wir alles erschaffen, wenn wir dermaßen viel wissen und erkennen. Ja, was könnten wir alles bauen, wenn man uns einfach mal ließe, womöglich ohne Gesetz: das Paradies auf Erden. Türme mit Glocken, Orgeln und Nordstern … So schön, dachte sich‘s der Mensch seit ehedem.

Ein Fest für jede Schlange, dieser Mensch, der so voll ist mit Träumen und Sehnsüchten. Mit seiner Lebenslust und mit suchenden Fragen. Da setzt sie an, die Schlange, blitzschnell, und schlängelt sich in unsere Gedanken. „Sssollte Gott wirklich gesagt haben, ihr dürft von keinem Baum ein Früchtchen essen …“, zischelt sie und sät den Zweifel. Ich denke sofort an Kaa, die Schlange im Dschungelbuch, wie sie mit betörendem Singsang Mogli beschwört: „Hör auf mich, vertraue mir.“ Ich sehe die spiralkreisenden Augen vor mir, die Mogli in den Bann ziehen. Und der läuft prompt los. Besinnungslos, die Schlange bestimmt fortan seinen Weg.

Eine wunderbare, künstlerische Umsetzung von Verführung und Versuchung ist Walt Disney da gelungen. Genau darum geht es heute: um die Versuchung. Zwei Tage nach Aschermittwoch und zwei Tage vor Invokavit, dem ersten Sonntag der Passionszeit geht es um diese ur-menschliche Verrücktheit, dass unsere Sehnsüchte und unsere Abgründe so nah beieinander liegen können. Wir sehnen uns nach gutem und unzerstörbarem Leben. Und wir sind genau deswegen so verführbar. Das ist die tiefe Weisheit dieser uralten Erzählung vom Sündenfall, die die Welt und den Menschen zu erklären versucht. Mit seinem ewigen Ringen zwischen Autonomie und Zugehörigsein, zwischen eigenem Willen und Gottes Willen.

Ja, man ist hin- und hergerissen als Mensch seit ehedem. Her: ins selbstbestimmte Leben, jenseits der Engel vor dem Paradies – autonom, unabhängig, mit Mühen auch, aber mit der eigenen Hände Arbeit. Reell und bodennah. Erwachsen. Eine Welt für Realisten.

Und dann, weil‘s eben nicht nur autonom, sondern auch furchtbar einsam und schweißtreibend, schmerzhaft sein kann und bös‘, reißt es den Menschen eben immer wieder hin: in die Sehnsucht nach ungetrübter Gottesnähe, ins schützende Paradies mit seiner Kommodigkeit, aufgehoben im selig umzäunten Gedankengarten.

Ich muss gestehen, liebe Geschwister, dass mir durch das Lesen in verteilten Rollen dieser alte Text noch einmal ganz neu entgegengekommen ist. Beispielsweise dies: „Und du, Frau, es wird dich zu deinem Mann hinziehen“, ich meine, das geht ja noch, aber dann: „Und er wird über dich herrschen.“ Oje. Und dann sehe ich noch einmal hin und denke: Diese alte, aus patriarchaler Zeit stammende Geschichte ist doch auch ziemlich klug. Denn darin enthalten ist ja gerade das Wissen, dass das Geschlechterverhältnis nicht paradiesisch, dass es ungleich war und oft genug immer noch ist. Es wird beschrieben, was ist, und zugleich ist klar: Es sollte anders sein. Der Urzustand, das schöpfungsgemäße Zusammenleben von Mann und Frau und übrigens auch von Mensch und Tier ist gerade nicht ein Verhältnis von Herrschen und Beherrschtwerden. So ist es erst geworden.

Oder diese Antwort Adams, des Urmenschen von ehedem, als Gott ihn zur Rede stellt: Wer mir gesagt hat, dass ich von verbotenen Früchten essen soll? Ja, diese Frau da, die Du mir an die Seite gestellt hast, gab mir davon. Was sollte ich tun? Da habe ich gegessen. Ich konnte nichts dafür. Sie hat angefangen. Nein, Du, Gott, hast angefangen! – Schuldzuweisungen und Verantwortungsverweigerung, so beginnt das Übel schon in der Bibel.

Sofort springen meine Gedanken in die Gegenwart. Und was sich in der alten Geschichte mit einem wissenden Schmunzeln hören lässt, wird plötzlich sehr, sehr ernst. Schuldzuweisungen, Abwehrreflexe, Sündenbockmechanismen – das sind die schnell unterschätzten Anfänge von Feindbildern. Wie die sich zu hate speech weiterentwickeln und zu Alltagsrassismus, zu Feindseligkeit gegenüber Fremden und Andersglaubenden, bis hin zum rassistisch motiviertem Mord, das erlebten wir gerade. Wir alle sind doch noch erschüttert, von dem, was in Hanau geschah. Dass Menschen getötet, verletzt und um ihre Liebsten gebracht wurden, in tiefer Trauer stehen wir davor. Und dass diese Tat – die dritte schon nach dem Mord an Walter Lübcke und dem Anschlag in Halle – dass diese Tat uns als Zivilgesellschaft mehr denn je herausfordert, uns gerade zu machen und Klartext zu reden, wird allerorten gerade auch an uns als Kirche adressiert. Der Aufstand der Anständigen, es gibt eine Sehnsucht danach. Dass wir für mehr Kontrolle im Netz eintreten, um diesen ungehemmt rechtsextremen und rassistischen Worten und Gedanken, die geliket und geteilt werden ohne Ende, etwas entgegenzusetzen. Denn die Gewalt wächst. Längst sind wir über die Anfänge, derer zu wehren ist, hinaus.

Darum ist mir immer wichtiger geworden, liebe Synodengemeinde, dass wir in diesem Gedenkjahr 2020 die Erinnerung als Kultur aktiv pflegen. Im Januar: 75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus wird immer noch dringend gebraucht, damit nicht die Versuchungen des völkischen Schwarz-Weiß-Denkens wieder stark werden. Dann der 8. Mai: 75 Jahre Kriegsende und Frieden in Westeuropa. Ein Tag der Befreiung! Wohlgemerkt nicht des Triumphes; dieser Frieden ist Deutschland ja von anderen geschenkt worden. Aber ein Tag des Lebens, den wir feiern sollten. Wir brauchen eine bewusst gepflegte Erinnerungskultur, um das Leben zu würdigen.

Aus der Erinnerung ist immer wieder zu lernen, wie wir gegenwärtig achtsam umgehen mit dem Kostbarsten, das wir von der Schöpfung an haben: unser Leben. Leben, das aus lauter Liebe in diese Welt geboren wird und das diese Welt, so Gott will, auch wieder in Liebe verlässt. Leben, das Glück kennt, aber auch Leiden, Krankheit und Tod.

Solche Lebens-Achtsamkeit ist brandaktuell: Das neuartige Corona-Virus beschäftigt; es ist uns nah gerückt. Hautnah. Zunehmende Erkrankungszahlen, Absagen von Großveranstaltungen, Meldungen von Quarantäne durchbrechen die Normalität – auch einer Synodentagung. Leise noch und zögerlich, freundlich und ohne Panik. Aber spürbar verunsichernd. Ich glaube, solch eine Krankheit sät potentiell Misstrauen und kann in einer Gesellschaft durchaus die Mitmenschlichkeit und Solidarität auf die Probe stellen.

Es ist dran, dass wir neu nachdenken über Krankheit, Leiden und Tod. Die Passionszeit bietet sowieso den Raum dafür. Neu nachdenken über den Schutz des Lebens und die Würde jedes Menschen – und fragen: Wie wird Achtsamkeit heute konkret?

Heiligabend besuche ich ein Hospiz. Ich begegne dort – nennen wir ihn – Herrn Schröder. Er ist vorbereitet, auch auf meinen Besuch. Er plaudert charmant, seine Worte perlen so locker, wie sein Anzug bereits sitzt. „Wie geht es Ihnen?“ fragt er teilnahmsvoll. Und ich antworte: „Na, Heiligabend halt, viel zu tun, viele Erwartungen …“, unterbreche mich und denke: Das ist doch verkehrte Welt! Und frage: „Wie geht es denn Ihnen?“ „Sehr gut“, antwortet Herr Schröder, „seit November bin ich hier. Das war wie ein neuer Anfang. Natürlich weiß man, dass einem der Tod im Nacken sitzt; doch hier, hier spürt man es nicht mehr.“

Mehr davon. Mehr Hospize und Palliativstationen – das muss unsere Antwort als Kirche auf ein Gerichtsurteil zur Sterbehilfe sein. Unsere Antwort auch auf die Frage Gottes: Wo bist du, Adam?

„Wo bist du, Mensch?“ heißt das übersetzt. Wo bist du, wenn du gefragt bist? Mit deinem Wort, deiner Klarheit, deinem Da-Sein? Wo bist du, Mensch, wenn die Gewissensnöte des Lebens drängen und keine einfache Lösung da ist. Oder wenn Gut und Böse so nah beieinander liegen, weil du so traurig bist und so verletzt und Misstrauen und Angst deine Seele verdunkeln. Wo bist du, du nackter Mensch, der Fehler macht und an anderen schuldig wird. Wo genau ist der Mensch in Adam? Adam, wo bist du? Diese Frage ist für mich Zentrum und Ziel – Wo bist du, Mensch? Mit-Mensch?

Es geht immer im Ganzen um die Frage, wie wir einander ansehen: als Mitmensch oder als Bedrohung. Das Corona-Virus jedenfalls stellt vieles auf den Prüfstand, so etwa unser Alltagsleben und unsere Beziehung zum Mitmenschen. Wir erleben es ja selbst untereinander: Soll ich dir die Hand geben? Was machen wir mit dem Friedensgruß? Darf ich noch guten Gewissens am Abendmahl teilnehmen und wenn ja, wie? Zweierlei mag da helfen: Das eine, letztlich ja selbstverständlich, ist, Rücksicht zu nehmen, besonders auf die Schwächsten. Aufs Händeschütteln oder Trinken aus dem Abendmahlskelch kannst du doch verzichten, auch wenn du davor keine Angst hast. Doch vielleicht hat es der andere …

Und das zweite ist, den Verzicht auf körperliche Nähe nicht zum kompletten Rückzug werden zu lassen. Wir brauchen die Gemeinschaft und den Zusammenhalt, gerade jetzt. Wir brauchen den gegenseitigen Trost. Vielleicht müssen wir bald auf manch Fest verzichten. Aber, liebe Geschwister, wir verzichten nicht auf unsere Hoffnung.

Denn nach der Vertreibung geht das Leben ja mit je eigenem Weg weiter, mit Brüchen, ja, aber auch mit Gottes Schutz in tiefer existentieller Erfahrung, bei Geburt und Sterben, beim Hoffen und Träumen der Ewigkeit.

Nicht umsonst spielen die Engel dabei eine große Rolle – heute ja auch im Psalm. Denn an all den Übergängen im Leben sind oft sie es, die tragen, aufhelfen, die etwas konkret werden lassen vom Angesicht Gottes, das dich fragt: Wo bist du Mensch? Nicht nur an der Grenze zum Paradies wacht der Engel. Er wacht auch über die Hoffenden, Zweifelnden und Erschütterten, über das manchmal so unparadiesische, aber immer gesegnete Leben: „Gott hat mir längst einen Engel gesandt, mich durch das Leben zu führen“ – so singt‘s der Chor. Und ich sage: Amen. In Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
28.02.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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