Gottesdienst zur Übergabe der Erntekrone
26. September 2026
Predigt zu Johannes 6,1-15
Liebe Liebe Erntedank-Gemeinde,
in diesem Sommer hatte ich das Glück, auf dem Elbdeich beim Zollenspieker zu joggen. Ganz früh morgens war das, die Sonne war gerade über den Horizont geschlüpft, der weite Blick über die Marsch und die Elbe … herrlich. Ich bin stehengeblieben, mit dankbarem Staunen über diese schöne Ecke Hamburgs, aus der so viel Gutes und Nahrhaftes kommt. Und dann hörte ich das Knirschen unter meinen Schuhen, die viel zu trockene Erde. Da stand ich nun, die Schönheit vor Augen – unter den Füßen ein beunruhigender Mangel.
Genau das ist Erntedank in diesem Jahr 2026, liebe Gemeinde: Wir feiern die Fülle, die vor uns liegt und doch wissen wir, wie wenig selbstverständlich diese Ernte ist und mit wie vielen Sorgen sie verbunden ist. Auch wenn die Dürre und die Feuer dieses Sommers den Norden deutlich weniger getroffen haben als große Teile Europas, die erhoffte überdurchschnittliche Ernte blieb aus. Und es ist ja nicht nur der Klimawandel mit seinen wenig berechenbaren Folgen, der belastet. Bedroht sind viele Betriebe auch durch die vielen Krisen und Kriege, die Energiepreise in die Höhe schießen lassen.
Und, das habe ich noch einmal neu durch Ihren Brandbrief erkannt, durch Absatzprobleme auf dem heimischen Markt, wo regional und nachhaltig Erzeugtes einen schweren Stand hat gegenüber Massenimporten aus Ländern, in denen Sozial- und Umweltstandards deutlich niedriger sind.
Unbedingt ist deshalb Erntedank in St. Petri auch eine Erinnerung, dass wir als Gesellschaft heimische Produktion in jeder Weise fördern müssen, wenn wir weiter Obst, Gemüse und Blumen aus den Vier- und Marschlanden und dem Alten Land genießen möchten.
Auch deshalb ist es gut, dass wir hier zusammengekommen sind. Es ist eben gar nicht egal, wie es Ihnen geht, die Sie für unsere Lebensgrundlagen arbeiten. Wie schön, dass Sie alle hierhergekommen sind ins Zentrum der Stadt! Um zu danken für eine hart erarbeitete Ernte. Im Wissen, dass wir uns und diese Ernte letztlich Gottes Segen und seiner Barmherzigkeit verdanken. Weswegen es allen Grund gibt, ausgiebig zu tanzen, danke an die Trachtengruppe. Weswegen auch Sie unsere Hauptkirche mit der Erntekrone schmücken, diesem beeindruckenden Ähren-Kunstwerk von den Curslacker Landfrauen. Die Gemeinschaft Vier- und Marschlande hat diese schöne Tradition im vergangenen Jahr von den Landfrauen übernommen. Und die Erntemajestäten, die just heute ihr letztes Mal mit uns feiern, weil sie nächsten Sonntag „entkront“ werden und in den Ruhestand gehen! Die uns immer treu begleitet und die Erntekrone stets mit der gleichen Grandezza und einer in jeder Hinsicht aufrechten Haltung hineingetragen haben. All dies Zeichen der Beständigkeit, in einer Zeit, die sich so unbestän-dig anfühlt. Einschließlich dieses wundervollen Schatzes, der wie jedes Jahr vor uns liegt: Äpfel, Birnen, Kürbisse, Möhren, Grünkohl, Spitzkohl, Salat, Pflaumen, Honig, Blumenkohl, Kartoffeln … von Ihnen gesät, gehegt, bewässert – so gut es ging –, geerntet, sortiert, auf die Märkte gebracht. Wir könnten miteinander ein langes Loblied singen auf jede Quitte und jedes Radieschen. In denen so viel Knowhow und Arbeit stecken.
Wie gut also, dass es Erntedank gibt, weil es all die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit würdigt. Es geht ja im Alltag gerne mal unter, wie dankbar wir sein können, dass wir in einem freien, demokratischen, kulturell vielfältigen Land leben, in dem wir zudem genug zu essen haben. Was für ein Segen! Dank Ihnen, die all den vorher genannten Widrigkeiten trotzen.
Bei all der chronischen Unzufriedenheit, die sich in unserem Land zum Volkssport entwickelt hat, ist es umso wichtiger, danken zu können. Denn danken heißt auch denken, nachdenken, sich erinnern: 700 Millionen Menschen auf unserer Welt hungern, weit über zwei Milliarden Menschen werden nie wirklich satt. Vor allem Frauen und Kinder. Das tägliche Brot ist für sehr viele Menschen ein Traum. Vom Mangel erzählt deshalb auch die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung, die wir eben gehört haben: Jesus hat da eine große Menge hungriger, vielleicht auch lebenshungriger Menschen vor sich, die ihm gefolgt waren mit ihrer großen Sehnsucht nach Hoffnungsnahrung. Und Jesus fragt Philippus: „Wo bloß kaufen wir Brote?“ Nicht gemeint im Sinne von: „Wo ist der nächste Bäcker?“, sondern in einem tieferen Sinne: „Woher kommt mir das Brot des Lebens?“ Also: Was nährt uns eigentlich wirklich? Auf diese Spur will Jesus den Philippus und uns bringen! Und Philippus? Der starrt unentwegt auf seine 200 Silbergroschen und schüttelt immer verzweifelter den Kopf, so dass er Jesu Frage gar nicht hört. 200 Silbergroschen nur – für Tausende von Menschen. Das reicht doch im Leben nicht! Er kann gar nicht aufhören, auf dieses Geld zu starren und auf das, was gerade so richtig schlecht läuft, er knirscht verzweifelt im Angesicht der Krise. So, dass er die Möglichkeit der Rettung überhaupt nicht wahrnimmt.
Und dann, dann kommt – nein, kein Politiker, sondern ein Kind. Es löst den Bann. Das Kind ist ein Wunder. Auch in dieser Geschichte. Es ist nämlich nicht fixiert darauf, was ihm fehlt. Es hat Vertrauen. Vertrauen verändert sofort die Perspektive: Es geht nicht mehr um den Mangel. Sondern mit Vertrauen siehst du die ganze Wahrheit. Erde und Himmel. Und so zeigt das Kind: Es hat. So viel. Nämlich fünf Brote. Und Fische. Ein Wunderkind. Ein Erntedankkind.
Und das Wunder nimmt tatsächlich seinen Lauf: Alle werden satt. Mag sein, da hatten etliche etwas zum Teilen dabei. Der eine mehr, die andere weniger. Wie auch immer: Letztlich kommt es nicht darauf an, wie viel man hat, sondern wie wenig man braucht. Und dann, inmitten dieser teilenden Gemeinschaft, geschieht es – geradezu mit heiliger Stille: Jesus nimmt das Brot und dankt. Sagt, damals und in jedem Abendmahl: Ich bin das Brot des Lebens. Hier ist Liebe. Achtung. Freiheit. Trost. Licht. Die Fülle. Hier ist, was du suchst. Schmeck, wie freundlich Gott ist. Und wenn du es denn annimmst und mit den Hungrigen dein Brot brichst, ja, wenn dein Hunger still wird – all die Unruhe, die Not, die Angst auch, alles womöglich nicht mehr zu pa-cken, dann kannst du schauen, was zu tun ist für die Welt. „Sammelt die übrigen Brocken“, sagt Jesus, „damit nichts umkommt“.
Damit nichts in der Mülltonne landet. Damit niemand hinten runterfällt. Damit niemand hungern muss. Damit jeder sein tägliches Brot hat. Das wäre wirklich ein Wunder, nicht wahr? Wenn wir gerechter teilen würden, was Gott der Welt geschenkt hat, im Überfluss. Wenn die einen nicht darben müssten. Und die anderen nicht in ihrem Überfluss gleichgültig und überdrüssig werden würden und Lebensmittel möglichst billig kaufen wollen, um sie dann wegzuwerfen. Viel zu viele treten in die Tonne, was unendlich kostbar ist. Brot und Obst und Gemüse, aber eben auch den Respekt vor der geleisteten Arbeit, den Respekt vor unseren Lebensgrundlagen und den Kreisläufen der Natur, den Respekt vor den Tieren und den Respekt vor anderen Menschen und ihrer Würde.
In unserer Geschichte nun wird alles eingesammelt, damit ja nichts umkommt. Und niemand umkommt. Es braucht dabei die Bereitschaft, genau hinzuschauen und zu vertrauen, wie ein Kind. Vertrauen ist in dieser Zeit so eine wichtige Kraft. Vertrauen, dass es keine Katastrophe gibt, weil Menschen danken und denken und das Leben lieben. Weil jede und jeder selbst gesehen und geliebt wird von Gott und deshalb den Hunger anderer stillen kann. So wird der Mensch lebenssatt.
Ob all die gesättigten und hoffnungsvollen Menschen am Ende da in der Geschichte ein Danklied gesungen haben? Ob sie auch eine Spende für Brot für die Welt mit in den Korb gesteckt haben? Wir tun das auf jeden Fall, weil wir so viele Gründe haben, dankbar zu sein. Und getrost. Wir verdanken unsere Ernte und unser Leben Gott, der uns auch in Zukunft begleiten, mit Hoffnung ermutigen und behüten wird. Auch in trockenen Jahren, wenn‘s knirscht: Gott is bi di. Wees man nich bang. Sünd ok de Tieden swaar un drang, Gott is bi di.
Amen