7. Mai 2020 | Schwerin/Demmin

Grußwort zum Friedensgebet am 8. Mai 2020 in Demmin

07. Mai 2020 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Grußwort zum Friedensgebet am 8. Mai 2020, 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, in der Stadtkirche St. Bartholomaei

Liebe Besucherinnen und Besucher des Friedensgebets in der Stadtkirche Sankt Bartholomaei,

heute, am 8. Mai 2020, sehen wir zurück auf diesen Tag vor 75 Jahren: den 8. Mai 1945. Für Menschen in der ganzen Welt, insbesondere in Europa, die sechs Jahre eines schrecklichen Krieges mit unzähligen Toten und unfassbarem Grauen erlebt hatten, mit der Verfolgung und Ermordung von Millionen Kindern, Frauen und Männern in von Deutschen errichteten Konzentrationslagern, war dieser 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung: der Tag der Befreiung von nationalsozialistischer Gewalt- und Terrorherrschaft.

Aber während überall in Europa Menschen auf den Straßen tanzten und sich neu ihres Lebens freuten, waren die ersten Tage im Mai 1945 hier in Demmin Tage schrecklicher Ereignisse und menschlicher Abgründe. Als das Leid des 2. Weltkrieges an anderen Orten schon beendet war, nahm es in Demmin noch einmal einen neuen Anfang und dauerte tagelang an. An dem Tag, als Adolf Hitler Selbstmord beging, am 30. April 1945, nahmen sich auch die ersten Einwohner Demmins das Leben. Sie hatten dabei die nationalsozialistische Propaganda in Köpfen und Herzen, die die herannahenden sowjetischen Soldaten entmenschlichte und als mörderische Bestien beschrieb, die ihnen unweigerlich den Tod bringen würden.

Bis zu diesen Tagen im Mai 1945 war Demmin scheinbar eine Stadt im Frieden gewesen. Und das mitten im Krieg. Nicht eine Bombe war auf diese Stadt gefallen. Das weckte bei vielen Einwohnern die Hoffnung, dieser Krieg würde an ihnen vorüber ziehen. Doch unmittelbar vor dem Einmarsch der 65. Sowjetischen Armee verließen die in Demmin stationierten Einheiten der Wehrmacht und der SS fluchtartig die Stadt. Sie sprengten die Brücken über Peene und Tollense. Damit schnitten sie den Weg nach Westen ab und somit bewusst auch den Fluchtweg für die Bewohner der Stadt. Auch die sowjetische Armee konnte Demmin nun nicht einfach durchqueren, sondern drängte in die Stadt hinein. Obwohl an verschiedenen Häusern und dem Kirchturm von St. Bartholomaei weiße Fahnen aufgehängt waren, gab es keine geordnete Übergabe der Stadt. Denn auch die politisch Verantwortlichen hatten ihre Bürger*innen im Stich gelassen und waren geflohen.

Jeder sowjetische Soldat, der in diesen Tagen in die Stadt kam, wusste, welch unendliches Leid von deutschem Boden ausgegangen war. Mehr als 20 Millionen Sowjetbürger waren im deutschen Vernichtungskrieg bereits ums Leben gekommen. Als mörderische Bestien sahen die Menschen einander von beiden Seiten.

In der Nacht zum 1. Mai 1945 brannten in Demmin die ersten Häuser. Sowjetische Soldaten suchten nach Alkohol, vergewaltigten Frauen und Mädchen. Vier endlos scheinende Tage lang dauerte das Inferno aus Gewalt und Feuer. Für die Bevölkerung Demmins ging darin alles unter, was für sie wertvoll war und vermischte sich mit dem zeitgleichen Untergang des NS-Regimes. Viele Deutsche, auch in Demmin, wussten um deutsche Kriegsverbrechen oder hatten von ihnen gehört. Das damit verbundene Schuldgefühl, die Angst vor Rache und Vergeltung, die nationalsozialistische Propaganda und die nun erlebten Gewalttaten der sowjetischen Soldaten - all das trieb Menschen in dieser Stadt massenhaft in den Selbstmord. Und hat sie auch dazu gebracht, selbst ihre eigenen Kinder mit in den Tod zu nehmen, sie zu ermorden.

Über die Gewalttaten, die hier in Demmin geschehen sind, das schwere Leid der Mädchen und Frauen, durfte während der Zeit der Sowjetischen Besatzung und dann unter den Bedingungen der DDR nicht gesprochen werden. Es wurde verschwiegen. Es war unaussprechlich, nistete sich gerade so unter der Oberfläche im kollektiven Bewusstsein des Ortes ein - ein wortloses Wissen, das Folgen hatte. Ängste und leidvolle Erfahrungen konnten nicht ausgesprochen und bearbeitet werden, sondern wurden als gewissermaßen rohe, unverarbeitete Erfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben. Bis heute. Wie so vieles, das in beiden Teilen des geteilten Nachkriegsdeutschlands über Jahrzehnte nicht offen ausgesprochen und besprochen wurde: die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes, die Beteiligung daran oder deren billigende Inkaufnahme durch weite Teile der Bevölkerung, aber auch das Leid der Zivilbevölkerung während des Krieges - vor allem aber: das Leid der Kinder, die Unaussprechliches in Verfolgung und Krieg am eigenen Leib erfahren oder mitangesehen hatten.

In den letzten Jahren haben hier in Demmin zivilgesellschaftliche Organisationen, politische Institutionen und insbesondere auch die Kirchengemeinde Demmin viel zur Bearbeitung dieses so lange verschwiegenen Leids beigetragen. Erinnerungen mussten nicht mehr beschwiegen, sondern konnten besprochen werden. Sie haben gemeinsam Aufklärung geleistet und Gesprächsräume eröffnet. Die Opfer von damals erfuhren öffentliche Würdigung. Es gab die späte, zum Teil posthume Anerkennung von erlittenem schweren Missbrauch und eine moralische Verurteilung der Taten der Peiniger. Das war und ist für das Zusammenleben aller in Demmin bis heute wichtig.

Aber die vielen Fragen, was mit jeder und jedem Einzelnen geschah, mit den Flüchtlingen, deren Namen wir nicht kennen, was die Familien bewegte, die gemeinsam ins Wasser gingen, wie die Sogwirkung dieser Suizide entstand, wie viele Menschen starben - diese Fragen harren auch weiterhin einer Antwort. In all dem verleiht das bewegende Projekt des Demminer Trauertuches der Trauer um die Toten und der Würde jedes damals beendeten Menschenlebens sichtbaren Ausdruck.

An all das denken wir heute am 8. Mai, der vor 75 Jahren ein Tag der Befreiung war. Ein Tag, der auch die deutsche Bevölkerung von dem NS-System, in das viele aus Überzeugung und andere als Mitläufer zutiefst verstrickt waren, befreite - auch wenn das damals nur wenige Menschen in Deutschland so sehen konnten.

Wenn wir uns heute erinnern, uns unserer Geschichte und unserer Verantwortung stellen, dann geschieht das um der Betroffenen willen. Es geschieht um der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit willen. Und es geschieht um unserer Gegenwart und um unserer Zukunft willen. Dabei wird es auch immer wieder darum gehen, einer Instrumentalisierung und Vereinnahmung der damaligen Ereignisse und Opfer für gegenwärtige Interessen, insbesondere rechtspopulistischer und rechtsextremer Natur,  klar entgegenzutreten.

Ein Satz des spanischen Philosophen und Dichters Jorge Santayana sagt: "Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.“ Die Erinnerung ist wichtig, weil wir sie den Opfern und ihren Hinterbliebenen schuldig sind - sie dient der Anerkenntnis und dem Gedenken dessen, was ihnen angetan wurde. Zur Erinnerung, zur wahrhaftigen Erinnerung ist aber auch jede Generation um der ihr folgenden Generation willen verpflichtet. Damit, um einen biblischen Satz aufzugreifen, den Kindern nicht die Zähne stumpf werden um der sauren Trauben willen, die die Väter und Mütter gegessen haben (vgl. Ezechiel 18,2). Damit Kinder und Kindeskinder auf verschlungenen Wegen nicht immer weiter und immer wieder empfinden und erleben, was die Eltern und Großeltern getan, erlitten und verschwiegen haben. Damit wir uns an die Vergangenheit erinnern und sie durcharbeiten, anstatt sie zu verdrängen und zu wiederholen - auch darum ist es wichtig, dass über erlebte Geschichte nicht geschwiegen, sondern gesprochen wird: öffentlich, auch heute, auch hier in Demmin am 8. Mai 2020.

Weit über Demmin hinaus macht es Menschen Mut, Wege eines solchen Erinnerns um der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft willen zu beschreiten, wie Sie sie hier in Demmin seit dreißig Jahren gehen. Die befreiende Erfahrung solcher heilenden Erinnerung wünsche ich Ihnen von Herzen! Gott segne und behüte Sie!

Ihre
Kristina Kühnbaum-Schmidt
Landesbischöfin

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