4. Oktober 2020 | Hauptkirche St. Nikolai Hamburg

825 Jahre Hauptkirche St. Nikolai

04. Oktober 2020 von Kirsten Fehrs

Sonntag Erntedank, Predigt zu Psalm 85, 10 /Lukas 6, 27-31

Liebe Festgemeinde zu Nikolai!

Ich gratuliere von Herzen zum 825. Jubiläum und bin froh, dass wir heute beieinander sein können und feiern – anders als gedacht, mit nur 100 statt 825 Gästen. Aber zugleich doch in festlicher Gemeinschaft und mit wunderbarer Musik, die ganze Zeit schon, die aufs Trefflichste die feine Note dieses Jubiläums intoniert: Kirche respektive Nikolai spielt unbeirrbar das Friedenslied inmitten dieser Stadt. 825 Jahre schon. Mit Herz und Mund, auf den Straßen und an den Zäunen, auch den Zäunen dieser Welt. Denn Gottes Friedenslied ist eines, das allen gilt – und für das jede*r die Stimme erheben kann! Wir haben es eben in der Klanginstallation gehört. So viele, die sich von Frau Gera haben ansprechen lassen, hier und jetzt zu singen und damit  eine Liebeserklärung an das Leben ins Klingen zu bringen. Ist es doch einzig die Liebe, die die Kraft hat, den Hass aus der Welt zu vertreiben.

Und deshalb soll es sich heute küssen, das Paar aller Paare, und den Ton angeben bei diesem Jubiläum, gestatten: Herr Friede und Frau Gerechtigkeit. Sie kann nicht ohne ihn, er nicht ohne sie, und beide eint diese Sehnsucht nach Liebe, die den Kuss begehrt und die Uneinigkeit betrauert. Wie treffend, dieser Klang am Tag nach dem Tag der Einheit.

825 Jahre St. Nikolai – dankbar können wir zurückschauen, nicht nur heute zu Erntedank, auf eine lange, bedeutende Historie. Eine Geschichte mit etlichen Schichten, eingewoben in die Geschicke dieser Stadt, die im 11. Jahrhundert gegenüber der Altstadt eine Neue Burg errichtet, wo die Neustadt entsteht. Mit einer kleinen Kapelle wagt Nikolai jenseits der Trostbrücke den Aufbruch zu neuen Ufern, buchstäblich – denn mit Nikolaus, dem Patron der Schiffer, richtet sich der Blick wie bei jeder Nikolaikirche in jeder Hafenstadt auf die Seeleute; ihnen gilt besonderer Schutz und Segen. Den kleinen Leuten, die den Naturelementen und Stürmen trotzen, und die so sagenhaft wichtig waren – und sind! – für die Wirtschaft einer Stadt und eines Landes.

Was klein begann, sollte bald ein Kirchspiel und eine Hauptkirche St. Nikolai mit weltweiter Strahlkraft werden, tatsächlich zeitweise das höchste Bauwerk der Welt. Und so oft die Nikolaikirche in ihrer wechselhaften Geschichte ihr Gesicht veränderte, sooft sie durch Blitzschlag und beim großen Brand 1842 zerstört wurde, so innig waren die Hamburger dieser bürgernahen Kirche zugetan. Auch finanziell. Sie sollte wieder aufgebaut werden als ein Denkmal des Dankes für die Errettung der Stadt vor gänzlichem Untergang, hieß es. Hauptpastor Grimm begründet überdies die Zuneigung der Hamburger*innen in einem Vortrag von 1906 wie folgt: „Das Selbstständigkeitsgefühl, das dem Hamburger Bürger auch auf kirchlichem Boden eigen ist, scheint zuerst namentlich im Nikolai-Kirchspiel hervorgetreten zu sein.“[1]

So elegant in der Wortwahl, diese Hauptpastoren! Allemal die von St. Nikolai. Man denke an Bugenhagen, der 1529 gar eine Stadtordnung schreibt und das Schul-und Sozialwesen neu begründet. Er spricht klar und plattdeutsch, und die Hamburger verstehen´s endlich! Eindrücklich auch sie, die sich während der Reformation und Gegenreformation nicht gerade zimperlich gestritten haben; dazu noch einmal Hauptpastor Grimm: „In einer Schrift des Herrn D.C. Mönckeberg, Pastors zu St. Nikolai, über unsere Kirche wird ausgeführt, wie je nach den einzelnen Kirchen sich auch an ihren Predigern gewisse Charakterzüge bemerken lassen, an der einen Kirche kräftige, hervorragende Persönlichkeiten, an der anderen große Redner, an einer dritten gelehrte Theologen; von den Pastoren in St. Nikolai heißt es, sie zeichneten sich im allgemeinen durch Feinheit, Sanftmut, stilles Dulden aus.“[2]

Ein Ort also, lieber Martin Vetter, an dem Gerechtigkeit und Friede sich wahrlich küssen mögen, bis heute. Friedensliebe gehört zur DNA von St. Nikolai – und  setzt diesen Ton bis heute in beeindruckender Klarheit. Als aufragendes Mahnmal für das Leid der Zerstörung, als der Feuersturm der „Operation Gomorrha“ im heißen Juli 1943 Hamburg in Schutt und Asche legt. Auch die Nikolaikirche wird zerstört. Ganz bewusst aber bauen die Hamburger diese Kirche nicht wieder auf, obwohl es möglich gewesen wäre, sondern setzen ein mahnendes Zeichen: Nie wieder diese grauenvolle Gewalt, sagt es. Nie wieder Rassenwahn,  Menschenverachtung und Kriegstreiberei. Das Mahnmal ist zu Hamburgs zentralem Erinnerungsort für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft der Jahre 1933-1945 geworden. Erinnerung als Kultur! Eine Kultur, die unüberhörbar zur Versöhnung zwischen Menschen, Völkern und Nationen aufruft, bis heute.

„Selig sind die, die Frieden stiften. Dies ist nicht nur Geschichte, es ist bis heute Auftrag der Hauptkirche St. Nikolai. Oder wie die Bergpredigt Jesu bei Lukas weitergeht: „Ich aber sage euch, die ihr zuhört: Liebet eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen, segnet die, die euch verfluchten.“

Nicht umsonst seid Ihr hier von allem Anfang an verbunden in der Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry, die alle Nationen bitten lässt: Vater vergib. Wissend, dass wir alle schuldig werden, wenn wir in einem Menschen nur den Feind sehen und nicht auch in einem Feind den Menschen. Und so weiß auch die neue Hauptkirche St. Nikolai, die – 1962 erbaut – Bruchstücke von Altar und Kanzel der alten Nikolaikirche integriert hat, in ganz besonderer Tiefe um die Brechungen unseres Lebens. Weiß darum, dass der Mensch – so verwundbar, aber auch verführbar er ist – immer wieder neu beginnen kann und beginnen darf, um Gottes willen, nicht die Angst darf unser Leben bestimmen! Auch ganz aktuell vor Corona nicht und vor den sie umwabernden kruden Verschwörungstheorien. Vielmehr rufen die Ängste und Friedlosigkeiten unserer Zeit uns als Kirche heraus, provozieren im Wortsinn und sagen: Ihr, die ihr zuhört, segnet die Suchenden!

St. Nikolai hat hingehört; immer schon, war und ist immer bereit zu neuen Ufern aufzubrechen und Hauptkirche neu zu denken. Sie war stets eine Experimentierkirche, Chapeau! Bildungshungrig. Friedensbewegt. Eine aufmerksame Zeitgenossin und eine Kulturträgerin. So ist sie Kirche für die Stadt – mit dem mahnenden Blick zurück, ja, vor allem aber auch in der Verantwortung für die Zukunft einer Stadt, die mit sozialen Spannungen kämpft, in der viel, viel Einsamkeit herrscht und in der junge Menschen für Klimagerechtigkeit auf die Straße gehen. Ob in Kita, Gemeindeakademie oder Jugendarbeit, diese Themen sind hier Zeitansage. Und so haben wir es mit einer höchst lebendigen Gemeinde zu tun, nicht nur hier in Harvestehude, mit Herz und Verstand, Pragmatismus und Gebet, Kinderspiel, Medizinethik und bald, bald einer neuen Orgel! Einer, die mit allen Registern spielt: Selig sind, die Frieden stiften; sie werden Gottes Kinder heißen. Das ist das Lied unserer Zeit!  Mit Herz und Mund, Mut und Klarheit. Selig seid ihr! Jesus spricht in seiner Bergpredigt, der schönsten Predigt der Welt, den Menschen damit ein „Fürchtet euch nicht!“ nach dem anderen zu. Selig seid ihr, nicht zum Absturz, nicht zur Demütigung freigegeben. Kein Kind, Mann, keine Frau. In Jerusalem nicht, in Hamburg nicht und in Moria auch nicht. Selig seid ihr, Gotteskinder. Gerade wenn ihr traurig seid, verloren und ins Unrecht gesetzt. Und wenn es Momente gibt, in denen du nichts mehr glaubst und niemanden mehr liebst, am wenigsten dich selbst, ja dann gibt es einen Nächsten. Er, sie liebt dich aus deiner Feindschaft heraus. Und es wird Zeiten geben, da bist du diese Nächste, dieser Nächste, da bist du der Barmherzigkeit Hand. Denn: Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

So radikal und eindeutig waren Jesu Worte, dass man sie belacht, verhöhnt, verfremdet, entschärft  hat. Doch vergessen, vergessen hat man sie nie. Sie sind und waren immer wie ein Fels im Orkan der Seele und in den Aufbrandungen der Welt. Sie sind und waren  immer auch Sand im Getriebe der Zerstörung. Und deshalb haben sie stets Menschen bewegt. Haben ihnen bis heute mit ihrem Hunger nach Leben und ihrer Suche nach Frieden einen Ort geben.

Selig seid ihr, hier in St. Nikolai, ihr seid ein solcher Friedensort. Dank all der Menschen, die über die Jahrhunderte hin hier wirken und arbeiten. Ich danke Ihnen und Euch von Herzen dafür! 825 Jahre schon seid Ihr kein bisschen leise. Sondern eine Kirche, die Gott lobt und den Kuss der Gerechtigkeit herbeisehnt, die reichen Segen schenkt und mit Dankbarkeit ihre Lieder singt, die alte und junge Herzen berührt, weil ihr auf die Liebe setzt, [3]

das ist das Thema
den Hass aus dieser Welt zu entfernen
bis wir bereit sind zu lernen
dass Macht Gewalt Rache und Sieg
nichts anderes bedeuten als ewigen Krieg
auf Erden und dann auf den Sternen.

Die einen sagen, es läge am Geld
Die anderen sagen, es wäre die Welt
Sie läg‘ in den falschen Händen
Jeder weiß besser woran es liegt
Doch es hat noch niemand den Hass besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden

Er kann mir sagen, was er will
Er kann mir singen, wie er´s meint
Und mir erklären, was er muss
Und mir begründen wie er´s braucht.
Auch ich setz´ auf die Liebe! Schluss.

Und auf seinen Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, auch die nächsten 825 Jahre.
Amen.

 

[1] Hauptpastor D. Grimm, in: Hamburgs fünf Hauptkirchen, herausgegeben vom Männerverein zu St. Michaelis-Hamburg, Weihnachten 1906, S. 29

[2] Ebd., S. 32

[3]  Frei nach einem Text von Hanns-Dieter Hüsch, Mein Thema, in: Ich setze auf die Liebe, Moers 2000, S.44

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