18. November 2018 | Kirche Weitenhagen

„Ich kenne dein Leid, …bleib treu!“

18. November 2018 von Hans-Jürgen Abromeit

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, Predigt über Offb. 2, 8-10 anlässlich des Ordinationsjubiläums

Liebe Ordinationsjubilare,
liebe Gemeinde!

Nach vielen Jahren des Dienstes hat Ihre Kirche eingeladen und sagt: „Das ist etwas Besonderes, dass ein Pastor, eine Pastorin so viele Jahre im Dienst steht. Wir wollen einmal Stille halten und dessen gedenken.“ Sie, die sich haben einladen lassen, stehen viele Jahre und Jahrzehnte im Dienst unseres Herren und unserer Kirche - zwischen 25 und 65 Jahren. Das ist ein großer, ja zuletzt der überwiegende Teil des Lebens. Der für heute vorgeschlagene Predigttext – er wird heute übrigens zum letzten Mal regelmäßig in einem Sonntagsgottesdienst gepredigt – hat diese lange Perspektive vor Augen. Ein Leben ist lang. Da gibt es gute und schwere Zeiten. Es gilt in allem diesen Blick auf Gott und Jesus Christus durchzuhalten.

Der Brief an die Gemeinde in Smyrna (Offb. 2, 8-10 Basisbibel)
8 »Schreibe an den Engel der Gemeinde in Smyrna:
›So spricht der Erste und der Letzte,
der Tot war
und wieder lebt:
9 Ich kenne dein Leid und deine Armut.
– Aber eigentlich bist du reich! –
Und ich weiß um die Verleumdungen derer,
die sich als Juden bezeichnen.
Aber das sind sie nicht.
Sondern sie sind die Synagoge des Satans.
10 Hab keine Angst vor dem Leiden,
das dir noch bevorsteht.
Sieh doch!
Der Teufel beabsichtigt,
einige von euch ins Gefängnis zu werfen.
Denn er will euch auf die Probe stellen.
Zehn Tage lang müsst ihr Leid ertragen.
Bleib treu,
auch wenn es dich das Leben kostet.
Dann werde ich dir als Siegeskranz
das ewige Leben geben.‹


Wer redet hier? Ist es Johannes, ein angesehener Ältester aus Kleinasien, der heutigen Türkei? Er lebt im ausgehenden ersten Jahrhundert auf der Insel Patmos im Exil, weil er das „Wort Gottes verkündigt“ hatte (1, 9). Denn es ist eine böse Zeit. Zum zweiten Mal nach Kaiser Nero sitzt in Rom ein Christenverfolger auf dem Kaiserthron, Kaiser Domitian (81-96 n. Chr.). Seine Regierungserlasse beginnen mit der Formel: „Unser Herr und Gott Domitian befiehlt …“ Bis in die fernsten Provinzen des Römischen Reiches soll der Kaiserkult mit allem, was dazu gehört, durchgesetzt werden. Alle Menschen sollen den Kaiser als Gott verehren, ihn anbeten und ihm opfern. Die Christen wollen auf diese Forderung nicht eingehen. Ihr Herr und Gott ist Jesus Christus allein. Deswegen kommt es zu grausamen Christenverfolgungen.
 
Oder redet nicht eher Jesus selbst, der als der Menschensohn (1, 13) dem Seher Johannes erscheint und sagt: „Schreibe!“ Er stellt sich vor als der Erste und der Letzte, der einzigen Macht, die den Tod überwunden hat. Er war tot und ist wieder lebendig. Ja, und wenn der Kaiser in Rom als umfassende Macht verehrt werden will, dann sage ihm: Er ist nicht Gott! Er war nicht am Anfang und wird nicht am Ende sein und er hat den Tod nicht überwunden. Nein, wir Christen haben einen anderen Gott.

Die Worte, die der Seher Johannes sagt, sind Worte Jesu. Johannes sagt sie zu dem Engel der Gemeinde von Smyrna. Das ist so etwas wie ein Repräsentant der Gemeinde im Himmel. Johannes gibt Worte weiter, die ihm Jesus in einer Vision mitgeteilt hat. Der lebendige Jesus sagt also der christlichen Gemeinde der griechischen Stadt Smyrna: „Ich kenne dein Leid und deine Armut!“

Was ist der Gemeinde in Smyrna widerfahren? Welches Leid ist gemeint? Im Einzelnen wissen wir es nicht. Aber wir wissen, dass Smyrna eine reiche, ja sehr reiche Stadt war. Sie hatte ihren Wohlstand aus dem Handel gewonnen. Griechische und jüdische Kaufleute hatten ihn zusammengetragen. Die Christen gehörten nicht zu diesen reichen Gesellschaftsschichten. Sie gehörten zu den „kleinen Leuten“. Finanziell gesehen waren sie arm. Aber das sieht Jesus anders. Reich ist nicht, wer viel Geld hat. Reich ist, wer reich ist bei Gott (vgl. Lk. 12, 21). Das hatte Jesus sehr deutlich mit dem Gleichnis vom reichen Mann (Lk. 12, 16ff) gesagt. Da hatte einer eine große Ernte, riss seine alten Scheunen ab, baute neue, freute sich über seinen reichen Besitz und schaute beruhigt in die Zukunft. Aber Gott fragte ihn: „Was bleibt, wenn ich heute Nacht deine Seele von dir fordere?“

Nicht großer materieller Reichtum macht reich. Reich ist, wer inwendig reich ist. Wer weiß, dass es im Leben letztlich auf innere Werte ankommt, ja entscheidend ist, wer weiß, dass es zuletzt auf Gottes Gnade ankommt. Reich bei Gott ist, bei dem Gottes Gnade im Herzen wohnt.

„Solche Leute seid ihr!“ sagt Jesus zu der christlichen Gemeinde in Smyrna. Das Sendschreiben an die Gemeinde ist ohnehin bemerkenswert. Anders als bei den anderen Sendschreiben finden wir hier nur Positives und keinen Tadel! Die Christen in Smyrna setzen ihr Vertrauen ganz auf Gott. Aber deswegen müssen sie leiden. Sie brauchen Trost und so spricht Jesus ihnen zu: „Ich kenne dein Leid!“ Das richtet sie auf, denn ungesehenes Leid schmerzt doppelt. Leiden an sich ist schon schlimm. Aber du kannst es aushalten, wenn du weißt: Du bist mit deinem Leid nicht allein. Da ist einer, der sieht dich, der steht dir zur Seite. Damit ist das Leid nicht vorbei, aber es ist ertragbar. Auch Christen wird Leid nicht erspart, aber sie haben einen, der ihr Leid sieht, der auch selbst Leiden kennt und dir darum auch im schlimmsten Leid zur Seite steht.

Das Leid, das die Christen in Smyrna zu tragen hatte, war massive Verfolgung, war Ausgrenzung (wie auch bei dem Seher Johannes, der ins Exil auf die Insel Patmos musste), war Benachteiligung im Lebensalltag und konnte sogar bis zur Tötung führen. Das kennen wir auch: Die Christin Asia Bibi aus Pakistan, muss viel ertragen. Noch können wir hoffen, dass sie endgültig dem Todesurteil entronnen ist, aber viele müssen ihr Leben lassen. Die Geschichte der islamisch-christlichen Begegnung berichtet von unendlich viel Leid. Übrigens auch in diesem Ort, der damals Smyrna hieß und eine griechische und später christliche Stadt war und uns heute als Izmir und als türkische Stadt bekannt ist. Es ist noch gar nicht so lange her, dass im Zuge des griechisch-türkischen Krieges zwischen 1919 und 1922 zuerst 1000 Türken von den Griechen und dann 25000 Griechen von den Türken in dieser Stadt ermordet worden sind. Schließlich wurden Hundertausende Griechen und mit ihnen andere Christen vertrieben und aus Smyrna wurde endgültig Izmir.

Vielen Menschen, die hier sitzen, sind Benachteiligungen im Lebensalltag, weil sie Christen waren oder Pastoren, nicht fremd. Es ist hart, ein Leben lang für die Verkündigung der Liebe Gottes einzustehen. Da kann man schon müde werden. Aber wenn dazu noch kommt, dass die Kinder bestimmte Berufe nicht ergreifen dürfen, ja dass sie es schon in der Schule schwerer haben, dass einem selbst das alltägliche Leben schwer gemacht wird, dann kommt die Frage auf: „Lohnt sich das alles?“

Ich habe es mir sagen lassen, dass es auch Marathonläufern so geht. 42 km sind eine lange Strecke. Nach einer Weile möchte man aufgeben. Da muss man sich motivieren, dabei zu bleiben. Wenn Widerstände aus der Gemeinde, in der Familie im Lebenslauf eines Pastors oder einer Pastorin auftauchen, wenn vermeintliche Erfolglosigkeit den Mut nimmt, wenn Krankheiten das Leben mühsam machen, dann gibt es zwei Motivationen, die immer bleiben: 1. Jesus sieht dich. Es liegt ihm an dir. Du bist nie allein. Er ist mit dir auch in der Krise. Im Gesehenwerden liegt eine große Kraftzufuhr. 2. Am Ende wartet der Siegeskranz. „Bleib treu, auch wenn es dich das Leben kostet. Dann werde ich dir als Siegeskranz das ewige Leben geben“(V. 10). Oder Luther: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Es geht im Leben eines Pastors, einer Pastorin immer wieder darum, weiterzugehen, dran zu bleiben, nicht nachzulassen, im Beten, im Verkündigen, im Besuchen. Nach dem Verschnaufen geht es weiter. Denn die Gnade Gottes wohnt doch in dir. Du bist doch reich in Gott. Das müssen die anderen auch erfahren. Das muss heraus. Dieses Bibelwort ist eine Motivation für den langen Weg in manchmal nicht leichten Zeiten. So verstanden, ist es ein wundervolles Trostwort.

Heute ist diese Perikope zum letzten Mal Teil der Predigtordnung. Aber warum ist sie aus der Ordnung der Predigttexte herausgenommen worden? Es hat etwas damit zu tun, dass auch die strahlendsten Worte von ihrer Wirkungsgeschichte verdunkelt werden können. Am „Volkstrauertag“ sehen wir es auf Ehrenmälern für im Krieg getötete Soldaten. Ihnen wurde eingeredet, dass sie für die Treue zu einem Nationalstaat Gottes ‚Krone des ewigen Lebens‘ erhalten. In der Offenbarung geht es aber um eine ganz andere Treue, nämlich um die Treue im Glauben zu Gott.

Und auch das: Wir gedenken in diesen Tagen der Novemberpogrome von 1938. Mit dem fatalen Wort von der „Synagoge des Satans“ wurde diese Bibelstelle als Begründung für die Pogrome missbraucht. Dabei erklärt sich diese Wendung aus innerjüdischen Auseinandersetzungen. Juden waren als einzige aus der Notwendigkeit zum Kaiseropfer ausgenommen. Darauf versuchten auch die frühen Christen sich zu berufen. Und dann haben wohl Mitglieder der Synagoge gesagt: „Die gehören nicht zu uns“ und damit die Christen dem Messer ausgeliefert. Aber niemals darf diese aus einer aktuellen Auseinandersetzung geborene Bezeichnung verallgemeinert werden. So wie damals in Smyrna Juden an Christen schuldig geworden sind, so sind in viel, viel größerem Maße im Laufe der Geschichte Christen an Juden schuldig geworden. Das alles zu erklären, ist in einem normalen Gottesdienst schwierig. Zu vieles schwingt dann noch mit. Aus diesen beiden Motiven heraus hat sich die Perikopenkommission entschlossen, diesen Text am Volkstrauertag in Zukunft nicht mehr predigen zu lassen. Für unseren Gottesdienst zum Ordinationsjubiläum aber ist dieses Wort des auferstandenen und dem Johannes erschienenen Jesus wunderbar geeignet.

Es gibt einen, den wir namentlich kennen, und der damals wohl als junger Mann in Smyrna gelebt hat: Polykarp von Smyrna. Die Aussichten für Christen waren ja nicht gut. Es blieb nicht bei Armut und Ausgrenzung. Polykarp hörte aber auch das Wort Jesu: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Er blieb dabei. Er kämpft den guten Kampf des Glaubens, wird später Bischof von Smyrna und wirbt für das Bleiben bei Christus und beieinander. Als er im hohen Alter verhaftet wird, kann er erfahren, dass ihn die Beziehung zu Jesus trägt und stärker ist als die Furcht. Er soll Jesus abschwören. Er antwortet: „Schon 86 Jahre diene ich ihm, und er hat mir kein Leid getan. Wie kann ich meinem König, der mich erlöst hat, lästern?“ So ist er für Jesus gestorben und also in Leben und Tod bei Jesus geblieben. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Ja, er sieht uns. Wir sind nicht allein. Am Ende wird er uns als Siegeskranz das ewige Leben geben.
Amen.

 

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