Geschichte

Kirche streitet um NS-Vergangenheit in Schleswig-Holstein

Bischof Halfmanns Rolle in der NS-Zeit ist umstritten
Bischof Halfmanns Rolle in der NS-Zeit ist umstritten© Landeskirchliches Archiv Kiel

05. Januar 2015 von Timo Teggatz

Kiel. Wie hat sich die Kirche in Schleswig-Holstein während der Nazi-Zeit verhalten? Darüber gibt es Streit. Im Fokus steht der ehemalige Bischof Halfmann – seine Rolle soll jetzt wissenschaftlich diskutiert werden.

Der Streit um den Widerstand in der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche während der Nazi-Zeit soll jetzt auch öffentlich ausgetragen werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Rolle des Holsteiner Bischofs Wilhelm Halfmann (1896-1964), der die Landeskirche von 1946 bis 1964 leitete. Halfmann war während der NS-Zeit prominenter Vertreter der Bekennenden Kirche.

Bei einer Podiumsdiskussion am Sonnabend, 17. Januar (10.30 Uhr) im Kieler Uni-Institut für Kirchengeschichte werden die unterschiedlichen Positionen aufeinandertreffen. Eine weitere Tagung ist vom 3. bis 4. Februar in Breklum (Nordfriesland) geplant.

Anlass für die Kontroverse ist ein 350 Seiten starkes Werk des Historikers Stephan Linck, der unter dem Titel "Neue Anfänge?" die Geschichte der vier ehemaligen Landeskirchen Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck und Eutin zwischen 1945 und 1965 beleuchtet. Eine besondere Rolle spielt dabei die Bewertung der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung durch die Nazis wehrte. Ihr standen die nazitreuen "Deutschen Christen" gegenüber.

Halfmanns Schrift von der Gestapo verboten

In seiner Schrift "Die Kirche und der Jude" von 1936 wollte Halfmann dem radikalen Antisemitismus die Spitze nehmen. Er billigte jedoch die antijüdische Gesetzgebung des NS-Staates und stellte nach völkischer Ideologie die "Juden" den "Deutschen" gegenüber. Seine Schrift wurde kurze Zeit später von der Gestapo verboten. Als sie später 1960 öffentlich kritisiert wurde, erklärte Halfmann, seine Bemerkungen über die Juden seien zwar einseitig, aber sachlich richtig gewesen. "Ich kann die christlich-jüdische Verbrüderung auf humanitärer Basis, unter Eliminierung der Theologie, nicht mittragen."

 

Im Februar 1942 wurde von der Landeskirche ein Erlass mitunterzeichnet, nach dem "rassejüdische Christen" in der evangelischen Kirche "keinen Raum und kein Recht haben". Strittig ist jedoch, ob Halfmann und die Bekennende Kirche dies auch unterstützt haben. Der nazitreue Kirchenamtspräsident Christian Kinder behauptete nach Kriegsende, Halfmann hätte den Erlass gebilligt. Eine Ehrenerklärung Halfmanns für Kinder ist für den Historiker Linck eines der entscheidenden Indizien.

Schon kurz nach Erscheinen von Lincks Buch formierte sich Widerstand, als Halfmann in der Presse als "Nazi-Bischof" und "Wegbereiter des Nationalsozialismus" bezeichnet wurde. Der Lübecker Alt-Bischof Karl Ludwig Kohlwage, Ex-Diakoniechef Jens-Hinrich Pörksen, Alt-Bischof Ulrich Wilckens und ehemalige Pröpste kritisierten, Halfmann werde auf eine Stufe gestellt mit den nazitreuen "Deutschen Christen".

Alt-Bischof: Keine Beweise gegen Halfmann

Weder die Bekennende Kirche noch Halfmann hätten einen Ausschluss der Christen jüdischer Herkunft aus der Landeskirche gebilligt, sagte Alt-Bischof Kohlwage. Es gebe für eine solche Behauptung keine stichhaltigen Beweise. Dies wäre auch ein "Verrat am Evangelium" gewesen. Zudem werde von Linck die Härte der Verfolgung während der NS-Zeit völlig ausgeblendet. Die Kirchenleitung müsse deutlich Stellung gegen solche Unterstellungen beziehen und Linck seine Behauptungen widerrufen. 

Landesbischof Gerhard Ulrich nahm im November vor der Nordkirchen-Synode Stellung. Halfmann habe als einer der "herausragenden Köpfe der Bekennenden Kirche" schon früh Anfeindungen des Nazi-Regimes erlebt. Er habe damals mutig Euthanasie und die Ermordung von Kriegsgefangenen kritisiert. Allerdings sei er auch förderndes Mitglied der SS gewesen. Seine Person zeige eben "Brüche". Die Kirchenleitung, so versprach Ulrich, wolle die weitere wissenschaftliche Forschung zur Rolle der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein fördern.

Historiker verwundert über Debatte

Historiker Linck zeigte sich verwundert über die Debatte. Die Recherche-Ergebnisse zu Bischof Halfmann habe er bereits vor fünf Jahren veröffentlicht. Anders als in Hamburg und Lübeck habe sich die Bekennende Kirche in Schleswig-Holstein eben nicht klar vom völkischen Antisemitismus distanziert. Halfmann habe sich in der Nachkriegszeit für die Freilassung von NS-Verbrechern eingesetzt und bis zu seinem Tod seinen Antisemitismus nicht hinterfragt. Voraussichtlich Ende 2015 will er einen weiteren Band mit der Kirchengeschichte nach 1965 vorlegen.

Unterdessen entschloss sich im Juli der Landesverein für Innere Mission in Rickling (Kreis Segeberg), eine der größten Diakonie-Einrichtung im Norden, seinen "Bischof-Halfmann-Saal" umzubenennen. Bereits 2009 hatte der damalige Kirchenkreis Münsterdorf seinen Plan aufgegeben, das neue Verwaltungsgebäude in Itzehoe "Bischof-Halfmann-Haus" zu benennen.

Stichwort: Schleswig-Holsteinische Landeskirche

Die ehemalige Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig-Holsteins erstreckte sich auch auf das Gebiet der heutigen Hansestadt Hamburg. So zählten seinerzeit Stadtteile wie Altona, Blankenese, Niendorf, Wandsbek und Rahlstedt dazu. Lübeck und Eutin hatten eigene Landeskirchen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche im Hamburgischen Staat umfasste nur einen Teil des heutigen Stadtgebiets und zog sich im Norden von Poppenbüttel beiderseits der Alster über Bergedorf bis Geesthacht hin. Es waren die Grenzen Hamburgs bis 1937.

Die vier evangelischen Landeskirchen schlossen sich 1977 mit dem hannoverschen Kirchenkreis Harburg zur Nordelbischen Kirche zusammen. Nordelbien wiederum fusionierte Pfingsten 2012 mit den Landeskirchen Mecklenburg und Pommern zur Nordkirche.

1878 wurde die Schleswig-Holsteinische Landeskirche selbstständig, 1922 erhielt sie eine Verfassung. An der Spitze standen zwei Bischöfe in Kiel für den Sprengel Holstein und in Schleswig für den Sprengel Schleswig. 1933 lebten im Gebiet der Landeskirche 1,6 Millionen Menschen, von denen 92 Prozent evangelisch waren.

Info

Podiumsgespräch: "Die Bekennende Kirche in Schleswig-Holstein und die Juden", Sonnabend, 17. Januar 2015, 10.30-13.00 Uhr, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Kirchengeschichte, Ohlshausenstraße 75, Seminargebäude 3, Raum 30.

Tagung "Aufbruch und Neuorientierung in der Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holstein", 3. bis 4. Februar 2015, Christian Jensen Kolleg Breklum.

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