Kostbares Salz - Landeserntedankfest in Berkenthin
04. Oktober 2026
Predigt zu Matthäus 5 und 1. Könige
Liebe Festgemeinde,
was ist das hier nur für ein wunderschönes Fleckchen Erde! Da hat Gott beileibe nicht nur geübt. Und dann diese beeindruckende Dorfgemeinschaft – Jung mit Alt, mitmenschlich-freundlich, nahbar (buchstäblich) – und das alles in der schönsten Kirche weit und breit. Die heute auch wieder überfüllt ist.
Ich grüße Sie herzlich von der Kanzel aus vorm Livestream und draußen beim „Public viewing“, liebe Geschwister. Und wie Sie sich im Dorf aufs Feiern verstehen, großes Kino! Mit Erntekrone und Posaunen, Orgel und Chor, das volle Programm. Gestern Abend haben Sie schon angefangen, der Ernteball muss großartig gewesen sein. Und nach dem Gottesdienst geht es weiter, drüben an der Stecknitz, alle gemeinsam. Gemeinsam ist das Stichwort: Dorf und Kirche, Kreis und Land. Danke, dass ich heute mit Ihnen allen feiern darf!
Ja, wir feiern. Die Ernte 2026. Die war nicht so gut wie erhofft, das ist wahr. Hitze, Trockenheit und Hagel haben Sorgen gemacht, vor allem beim Raps und Winterweizen. „Hier im Umkreis haben wir noch Glück gehabt mit der Ernte“, sagte Bennet eben beim Erntebericht. Auch wohl, weil etliche Pflanzen den Widrigkeiten erstaunlich gut getrotzt haben. So liegen auch in diesem Jahr viele Früchte der menschlichen Arbeit vor unseren Augen, die, das wissen wir ja alle hier, nicht nur Regen, sondern Gottes Segen brauchen. Gott sei Dank, also freuen wir uns an den Blumen als schönste Klimamaßnahme, riechen das frisch gebackene Brot, bewundern Zucchinis, Kartoffeln, Wurzeln und Kürbisse. Alles zusammen, ein Genuss.
Allemal, wenn auch die richtige Würze dazu kommt. Nichts ist schlimmer als fade Gemüsesuppe. Nicht umsonst ist „Kostbares Salz“ das Motto dieses Landeserntedankfestes. Gefeiert in einer Kirche, die es ohne Salz nicht gäbe. Eine beeindruckende Geschichte ist das: Sie wurde gebaut aus den Gewinnen des mittelalterlichen Salzhandels. Salz als das „weiße Gold“ wurde mit Ochsenkarren von Lüneburg nach Lübeck gekarrt. Sechs Wochen hat das gedauert. An Berkenthin vorbei. Später ging es dann über den neuen Stecknitz-Kanal in mühsamen drei Wochen, die Salzprähme (Für die Gäste: Das sind die flachen Kähne zum Salztransport.), wurden vom Ufer aus getreidelt. Ein Exemplar ist am Festplatz zu besichtigen. Dort steht auch der schöne Silberhering, der daran erinnert, warum das Salz so kostbar war: Halb Nordeuropa ernährte sich von in Salz eingelegten Heringen. Die Berkenthiner wissen also schon immer, dass Salz für Leben und Wachstum sorgt.
Das haben sie mit dem Propheten Elisa gemeinsam. In seiner Geschichte salzt Gott das Wasser, um es von seiner Bosheit zu heilen. Ein feiner Gedanke: Eine Prise Salz lässt die Bosheit verschwinden. Und ehrlich: So eine Anti-Bosheit-Prise könnte unsere Gesellschaft gerade auch gut gebrauchen, oder? Denn eine Prise Salz reicht, um einen Unterschied zu machen. Im Wasser. In der Suppe. Und in einer Gemeinschaft. Auch Jesus benutzt dieses Bild, wenn er klar machen will, wie wichtig jede:r einzelne für ein gutes und friedliches Miteinander ist, wie sehr jede und jeder etwas für Gerechtigkeit und Frieden in unserem Land, für die Ernte und ein großes Fest tun kann. Im Alltag und an Erntedank. Auf jede:n von uns kommt‘s an!
„Ihr seid das Salz der Erde!“, sagt Jesus deshalb in der Bergpredigt. Ihr seid die, die diese Welt zu einem besseren und heilsamen Ort machen können. Das traut Jesus uns ohne weiteres zu. Jedem einzelnen. Zu Recht, wenn ich mir dieses Fest ansehe. So viel Salz in Berkenthin! So viel Engagement, so viel gutes Miteinander. Vom Küster bis zu den Bühnenaufbauerinnen, von den Landfrauen, den Kuchenbäckern bis zu den Grillmeisterinnen. Von den Musikern und Sängerinnen bis zu den Parkplatzwächtern. Von der großartigen, aktiven Berkenthiner Landjugend gar nicht zu schweigen. Und an dieser Stelle sei auch mal Ihr wunderbarer Pastor Jaan Thiesen erwähnt, der ja auch nicht täglich Landeserntedankfeste feiert und dieses hier zusammen mit Ihnen allen so großartig organisiert hat, nicht wahr?
Also: Wir haben so viel Grund dankbar zu sein, füreinander und für die Herzlichkeit, für das Salz und für alles, was Gott uns geschenkt hat, für die Erde und die Radieschen, für die Sonnenblumen und den Dinkel. Für die Bratwurst und das Bier. Dankbar, dass wir satt sind und ein Dach überm Kopf haben. Dankbar für diese Gemeinschaft, für das Lachen und das Gefühl von Heimat. Für das gesunde Kind und die Liebe des Lebens. Danken ist so wichtig, weil doch die chronische Unzufriedenheit, dieses Schlechtreden und Schwarzsehen zu einer Art Volkssport geworden sind. Was Folgen hat. Die Ergebnisse der letzten Wahlen sind besorgniserregend, spülen sie doch Kräfte an die Macht, die die Undankbarkeit bewirtschaftet. Die voll Hohn und Verachtung auf alle blicken, die sich für Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft einsetzen und dabei auch die Schwachen im Blick behalten.
Wir müssen, liebe Geschwister, aus den Verschanzungen des täglichen Missmutes herauskommen. Deshalb danken, feiern und tanzen. Ich bin überzeugt: Würden die Menschen mehr miteinander tanzen, hätten wir weniger Kriege auf der Welt! Und wir erleben es ja heute selbst, wie wunderbar menschenfreundlich und fröhlich sich das Gegengift anfühlt: Gemeinsam Salz sein, und die Bosheit heilen und den Unmut. Salz im Wasser und Friede im Herzen. Eine große Alltagsunterbrechung, die zuversichtlich macht. Diese Kraft der Zuversicht, sie wird heute besonders gebraucht. Und also: Ihr seid wirklich das Salz der Erde, liebe Leute! Die Prise, die den Unterschied macht – und Hoffnung!
Das Premium-Salz sind heute natürlich unsere Landwirtinnen und Bauern. Denn ohne ihre Plackerei und Expertise gäbe es schlicht nichts zu feiern – und zu essen. So lebenswichtig ist ihr Beitrag für uns alle!
Und doch, das weiß ich wohl, fühlen Sie sich manchmal, als würde Ihnen die Suppe, Ihre mühevolle Arbeit, versalzen. Nicht nur die Folgen des Klimawandels, auch die hohen Energie- und Düngerpreise, die viele Bürokratie und die schwierigen Marktbedingungen machen es schwer. Da zögern die Jungen, Höfe und Betriebe zu übernehmen.
Diese Sorge sollte uns gemeinsam umtreiben, liebe Geschwister. Es braucht zuallererst die Würdigung unserer Landwirte, die für alle große Risiken tragen, gerade in Zeiten des Klimawandels, der in diesem Jahr bedrückend spürbar geworden ist. Und es braucht natürlich faire Preise und Bedingungen für die regionale Landwirtschaft. Auf beides haben wir als Verbraucherinnen unmittelbar Einfluss. Ganz konkret. Es ist nicht egal, was und wo wir einkaufen. Es ist wichtig, nach Regionalem auch in Handelsketten fragen. Und wer kann, muss bereit sein, für nachhaltig erzeugte Lebensmittel mehr Geld zu bezahlen. Nützt ja nix. Biodiversität und gute Böden, Klimaschutz und Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif.
Konkret auf das eigene Einkaufsverhalten zu achten, heißt Salz zu sein für die Zukunft unserer Kinder. Und für die Zukunft unserer Landwirtschaft, die natürlich auch gute Rahmenbedingungen braucht, um ökonomisch und ökologisch sinnvoll wirtschaften zu können. Kirche und Landwirtschaft bleiben da gerne miteinander im Gespräch, das ist wichtig, auch im Streiten darüber, was denn nun das jeweils Bessere ist. Aber danach essen wir zusammen Pommes – mit Salz.
Ihr seid das Salz der Erde, hier in Berkenthin, im Lauenburgischen und in Schleswig-Holstein und in der Welt. Ja, auch das gehört zu Erntedank: den Blick über den eigenen Gartenzaun zu heben. Wer dankt, denkt nämlich nach und weiß: In dieser Welt hungern 700 Millionen Menschen und 2 Milliarden werden nie wirklich satt, vor allem Frauen und Kinder.
Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt! Jeder lichte, jeder gute Gedanke in Respekt gegenüber der Würde eines jeden Menschen, jeder Einsatz für dieses, unser christliches Menschenbild, das universal die Menschenwürde für unantastbar erklärt, und also auch jede Spende für Brot für die Welt rettet Leben. Nicht vergessen. Die Gabe kommt ja von Herzen, wenn ihr der Dank vorausgeht.
Liebe Geschwister, da wo ich herkomme, in Dithmarschen, da ernten wir immer viel Kohl und Begonien und Getreide und ach ja: Kohl. Und immer schon haben wir Dithmarscher darauf geachtet, unsere Kirche ordentlich zu schonen und sie nicht allzu oft zu besuchen. Aber an Erntedank, Erntedank waren und sind immer alle da. Weil wir Menschen vom Land eben genau wissen, wie wenig letztlich von uns selbst abhängt. Wie sehr all das, was wir hier an Fülle sehen und was wir zum Leben brauchen, ein unverfügbares Geschenk ist. Das uns satt macht, an Leib und Seele. Danke, lieber Herrgott, für die Früchte des Feldes, die auch unseren Lebenshunger stillen. Danke, dass uns so viel Gutes widerfährt. Was für ein Segen – oder in uns‘ Modderspraak:
Gott is bi di. Wees man nich bang. Sünd ok de Tieden swaar un drang, Gott is bi di un hölt sein Hannen över di. He lett sein Oogen in Leevde op di rohn un gifft di Freeden.
Amen