„Alles hat seine Zeit“ – auch das Gedenken

Landesbischof Ulrich hielt Festvortrag an Christian-Albrechts-Universität Kiel

Landesbischof Gerhard Ulrich
Landesbischof Gerhard Ulrich© © Soenke Dwenger

20. Mai 2015 von Stefan Döbler

Schwerin/Kiel. Die Entscheidung der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, anlässlich ihres 350-jährigen Bestehens die Geschichte der Fakultät in der Zeit der NS-Diktatur in besonderer Weise in den Blick zu nehmen, würdigte Gerhard Ulrich, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) am 20. Mai in seinem Festvortrag zum Dies Theologicus der Fakultät unter der Überschrift „‚Alles hat seine Zeit‘ – auch das Gedenken“.

„Die Theologie an den Universitäten stand und steht dafür, dass die menschliche Macht nicht allein ist, dass menschliche Macht abgeleitete Macht ist, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir uns nicht selbst schaffen“, sagte der Landesbischof. Von 1933 an sei die Fakultät im Sinne des NS-Systems personell umgewandelt worden und diesem Anspruch damit „nur noch bedingt“ gerecht geworden: „Im Ergebnis wurde zwischen 1936 und 1945 die theologische Wissenschaft nicht von allen, aber von einigen verraten und missbraucht.“

Weimarer Demokratie ohne festen Rückhalt bei Christen

„Die Kirche in Schleswig-Holstein hat es nicht besser gemacht“, sagte der Landesbischof und verwies auf Befunde der historischen Forschung, denen zufolge Pastoren und Laien in Schleswig-Holstein 1933 sehr aufgeschlossen gewesen seien für einen „antidemokratischen Führerstaat“. Zwar hätten auch in Schleswig-Holstein mutige Männer und Frauen dem NS-Terror widersprochen und widerstanden, dafür ihr Leben eingesetzt und auch gelassen. Dennoch habe die Demokratie keinen festen Rückhalt bei den Kirchen und der Mehrheit der Christen gehabt. Auch sei die Stimme der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein „nicht so eindeutig hörbar gewesen wie in anderen Teilen unserer Kirche“.

Auch nach dem Ende der NS-Diktatur habe in der christlichen Theologie in Deutschland bis in die 1960er Jahre hinein das Bewusstsein dafür gefehlt, „was der Massenmord an den Juden Europas für die Überzeugungen der Christen bedeuten konnte“, sagte Landesbischof Ulrich unter Bezug auf die 2006 erschienene Studie „Mit Blick auf die Täter. Fragen an die deutsche Theologie nach 1945“.

Selbstkritische Aufarbeitung in der Nordelbischen Kirche

In den 1990er Jahren habe die damalige Nordelbische Kirche begonnen, „eine kritische und selbstkritische Aufarbeitung ihrer Geschichte während der nationalsozialistischen Diktatur anzustoßen und zu fördern und die Ergebnisse auch öffentlich zur Diskussion zu stellen“, schilderte Landesbischof Ulrich. „Meiner Kenntnis nach ist dieser oft schmerzliche und mich mit Scham erfüllende Blick zurück für manche evangelischen Landeskirchen ein Beispiel geworden, nun auch ihrerseits sich dieser Aufgabe zu stellen. Und das alles ist ja Teil einer Vergangenheit, die nicht vergehen will – und auch nicht vergehen soll! Wir können und wollen auch aus diesem Teil unserer Geschichte nicht aussteigen – die Diskussionen halten an und rütteln auf – ja rütteln wach, wie ich meine, zum Glück! ‚Alles hat seine Zeit‘ – auch das Gedenken und Erinnern – das heißt für mich auch: Der Versuchung des Verdrängens, der Versuchung des Verschweigens, der Versuchung des Vergessens muss Widerstand geleistet werden! Zukunft braucht Erinnerung!“

Erinnerung ist auch biographische und persönliche Aufgabe

Zugleich sei Erinnerung eine biographische, persönliche Aufgabe, so Landesbischof Ulrich. In sehr persönlichen Schilderungen erzählte er von Schuld, Versagen und Verdrängen in seiner eigenen Familie. So habe er in einer der von 1995 bis 2004 gezeigten Ausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung über die Verbrechen der Wehrmacht auf einem Foto seinen Großvater wiedererkannt.

„Es hat sich im besten Sinne herumgesprochen, dass die Erinnerung an das, was war, an das, was geschehen ist, eine zentrale Aufgabe für das kulturelle Gedächtnis eines Volkes und eines Landes – auch einer Kirche ist“, betonte Ulrich. „Sich zu erinnern, bedeutet: Veränderung ist möglich! Befreiung und Gerechtigkeit gründen darin, dass die Menschen sich erinnern – so wie Gott selbst der große Erinnerer ist!“

Der Landesbischof ermutigte dazu, Lebensgeschichten weiterzuerzählen. „Immer noch und immer wieder ist ein Ergebnis von Verdrängung die Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen, von Gruppen, von Kulturen“, so Ulrich. „Ohne Erinnerung keine Zukunft!“

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