„Heilsame Gesprächsräume über die Vergangenheit öffnen“

Landessynode: Bischof Jeremias präsentiert Zeitzeugen-Film zu Kirche in der DDR

Wolfgang Banditt (r.) und Bischof Tilman Jeremias beim Dreh in Gartz
Wolfgang Banditt (r.) und Bischof Tilman Jeremias beim Dreh in Gartz© Nordkirche, Annette Klinkhardt

24. April 2021 von Annette Klinkhardt

Greifswald/Kiel. „Gesprächsräume zu öffnen, wo bis heute Schweigen herrscht“ – dieses Anliegen formulierte Bischof Tilman Jeremias heute (24. April) bei der digitalen Tagung der Landessynode (entspricht dem Parlament) der Nordkirche. Dabei soll es darum gehen, welche Rolle die Kirche zu DDR-Zeiten hatte. Der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern hat dazu in den letzten Wochen Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Mecklenburg, Vorpommern und dem brandenburgischen Bereich der Nordkirche geführt.

Daraus ist ein Film entstanden, den er den rund 160 Synodalen der Nordkirche präsentierte: Sieben Frauen und Männer von Gartz an der Oder bis Rambow in der Mecklenburgischen Schweiz erzählen, was Kirche für sie zu DDR-Zeiten bedeutet hat.
Mit dabei sind der 92-jährige Altbischof Heinrich Rathke, der Schweriner Bürgerrechtler Heiko Lietz und die Greifswalder Redakteurin Christine Senkbeil. Sehen kann man den 50-minütigen Film auf dem Kanal der Nordkirche auf YouTube. Dort findet man auch sämtliche Interviews noch einmal ungekürzt.

Der Film steht unter dem biblischen Motto „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Tilman Jeremias sagt dazu: „Unter dem Horizont dieser Zusage soll der Fokus auf die Vergangenheit im Mittelpunkt stehen, verbunden mit der Frage, was dieser Blick zurück für uns heute austrägt. Wenn nicht die Kirche – wer könnte solche Räume öffnen?“

Anlass seien die Abschiede von den beiden im Februar verstorbenen Altbischöfen Christoph Stier (Mecklenburg) und Horst Gienke (Pommern) gewesen. „Beide haben ihre Landeskirchen zur Zeit der friedlichen Revolution 1989 geleitet. Die Abschiede von den beiden Altbischöfen haben ans Licht gebracht, wie viele Wunden aus der Vergangenheit noch offen stehen und wie großen Gesprächsbedarf es heute noch an dieser Stelle gibt. Die Vergangenheit und unser Umgang mit ihr prägt hier unsere Gegenwart mit.“

Gerade die Nordkirche biete Möglichkeiten des Austauschs: „Wie wäre es zum Beispiel, damals bestehende Partnerschaften zwischen pommerschen und nordelbischen Kirchengemeinden zu revitalisieren und uns einander zu erzählen, was Kirche für uns bedeutet hat? Das Leben als Christinnen und Christen unterscheidet sich diesseits und jenseits der Elbe im Blick auf Vergangenheit und Gegenwart derart, dass wir innerhalb unserer Kirche immer wieder Orte und Zeiten des intensiven Austauschs schaffen sollten. Dabei zeigt sich für mich: Für zahlreiche dieser Geschichten hat es eine Generation Abstand gebraucht, damit sie überhaupt erzählt werden können.“

Doch nicht nur Menschen aus Ost und West sollten einander ihre Geschichten erzählen: “Ebenso benötigen wir diesen Austausch auch noch verstärkt zwischen Mecklenburg und Pommern. Die unterschiedlichen staatskirchenpolitischen Maximen zu DDR-Zeiten sind für manche bis heute ein Hinderungsgrund, aufeinander zuzugehen. Lasst uns an dieser Stelle Ängste abbauen und einander offene Ohren schenken dafür, was uns bewegt hat und heute bewegt! Gerade Betroffene staatlicher Willkür sollten in unseren Gemeinden und Einrichtungen Orte des seelsorgerlichen Vertrauens und der Bereitschaft zuzuhören finden.“

Als „hervorragendes Beispiel“ für erzählte Geschichte nannte er das „Biografien-Projekt“: Entstanden im Kirchenkreis Mecklenburg in Kooperation mit der Nordkirche und dem Bundesland vereinigt es 148 Porträts von Menschen, die zwischen 1945 und 1990 politisch verfolgt und diskriminiert wurden. In Pommern erforscht derzeit der Kirchenhistoriker Pastor Dr. Irmfried Garbe in einem nordkirchlichen Projekt die Geschichte der Greifswalder Kirche von 1970 bis 1990.

Jeremias fasste zusammen: „Es geht bei diesen Erzählräumen niemals um Nostalgie. Es geht um unsere eigene Historie in Ost und West, um Freuden und Wunden, Erfolge und Scheitern, Geglücktes und Schuld. Wenn wir diese Historie teilen, einander mitteilen, fallen mutige Schritte in die Zukunft leichter. Wie wir mit unserer Geschichte und mit unseren Geschichten umgehen, entscheidet mit darüber, ob wir heute glaubhaft und überzeugend Kirche leben können.“

Im Film kommen zu Wort:

Christine Senkbeil, Jahrgang 1971, Greifswald
„Ich kannte alle Pionierlieder, und für mich waren unser Fischerdorf Freest und die DDR selbstverständlich Heimat. Es gab nicht das Gefühl, dass ich dagegen sein müsste. Und jetzt war da auf einmal so ein Kreis von Menschen, die so viel ungezwungener waren und kritisch über Themen sprachen.“

Wolfgang Banditt (64), Gartz an der Oder
„Als ab 1982 unsere im Krieg zerstörte Stephanskirche wieder aufgebaut wurde, haben sich alle daran beteiligt, die LPG hat ihre Geräte zur Verfügung gestellt, der ganze Ort war auf den Beinen, egal, ob kirchlich oder nicht.“

Änne Lange, Jahrgang 1967, Rostock
„Ich war in unserer Dorfschule das einzige Pastorenkind und habe mich immer als Außenseiterin gefühlt. Als Kind bist du in solchen Situationen völlig sprachlos.“

Pastor i. R. Eckart Hübener, Jahrgang 1953, Rambow
„Welche Ethik haben wir als Christen für eine Veränderung der DDR? Wir waren da ziemlich hilflos, gab es doch nur die Zwei-Reiche-Lehre, die besagte, dass man Kirchliches schützen sollte, aber sich in staatliche Dinge nicht einzumischen habe. Dann wird man zum Untertan.“

Pastor Arnold Pett, Jahrgang 1974, Jarmen
„Das ist durchaus ambivalent. Mein Vorgänger Pastor Lucas hat bis heute viele Anhänger, da er gerade für die jungen Leute ganz viel möglich gemacht hat. Auf der anderen Seite hat er Menschen verraten und ins Gefängnis gebracht.“

Heiko Lietz, Jahrgang 1943, Schwerin
„Keine Gewalt“, das ist sein Motto, und mit diesen Worten verhinderte er 1989 die gewaltsame Erstürmung des Schweriner Rats des Bezirks.

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