11. Dezember 2019 | Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg

Lasst uns unsere Türen und unsere Herzen öffnen, um ihn zu empfangen

11. Dezember 2019 von Kirsten Fehrs

Ansprache von Bischöfin Kirsten Fehrs zum Adventsempfang 2019 der Nordkirche

Es gilt das gesprochene Wort

Das ist das Besondere am heutigen Adventsempfang, verehrte Gäste, dass wir nicht nur eine großartige Mittelholsteinische Weltkapelle erleben mit so originellen Musikern aus Syrien, Iran, Bayern und Dithmarschen – eine Weltkapelle also, die die ganze Vielfalt der Kulturen und Sprachen – samt der plattdeutschen – zu einem mitreißenden Klang zusammenfügt. Nein, Sie haben es heute auch mit einem Hamburger Bischofsquartett zu tun. Darf ich vorstellen: Das sind meine Bischofskolleginnen dieses Jahr Rike Sonnenberg, Kira Hoffmann und Connor Slupkowski.

Kinderbischöfe sind eine alte kirchliche Tradition. Sie wurden immer am Vorabend des Nikolaustages eingesetzt und blieben für einen Tag oder mehrere Wochen im Amt. An manchen Orten war der echte Bischof in dieser Zeit tatsächlich außer Amt und Würden. Stattdessen regierten Kinder die Kirche und hielten den Erwachsenen den Spiegel vor, ich finde, das hat was. 1994, vor 25 Jahren, haben wir hier in Hamburg mit der Wichernschule diesen Brauch wiederbelebt. Und dieses Jahr nun sind‘s diese drei Kinderbischöfe mit wie immer einem eigenen Jahresthema: Frei. Glauben. Denken. Ihr setzt euch intensiv für Kinderrechte ein. In diesem Jahr besonders für Artikel 14 der UN-Kinderrechtskonvention: das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religions- bzw. Glaubensfreiheit.

Wenn jeder Mensch in all dem frei sein soll, sagt ihr, dann müssen wir miteinander reden – da sind wir vier uns einig. Freiheit braucht den Dialog der Unterschiedlichen. Dialog zwischen den Generationen, aber auch Dialog zwischen den Kulturen, zwischen den Religionen und – zwischen uns.

Seien Sie also dazu herzlich willkommen hier in der Hauptkirche St. Katharinen, die uns wie immer so gastfreundlich aufnimmt – danke dafür, liebe Hauptpastorin Ulrike Murmann.

Ich freue mich sehr, dass Sie alle da sind, werte Gäste,
allen voran der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher und seine Frau;
ein herzliches Willkommen auch Ihnen,die Sie aus der Bürgerschaft, liebe Präsidentin Veit, lieber Vizepräsident Wersich,aus dem Senat, liebe Melanie Leonhard, Andreas Dressel und Ties Rabe,
die Sie aus der Politik, liebe Hamburger Bezirksamtsleiterinnen und -leiter,
aus Gewerkschaften und Verbänden, von den Gerichten, der Handwerkskammer und der Handelskammer,
willkommen, die Sie aus der Ökumene, lieber Erzbischof Heße und der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, lieber Uwe Onnen, von der EKD, lieber Vizepräsident Gorski,
aus dem benachbarten Stade, lieber Landessuperintendent Brandi,
aus der Nordkirche, liebe Synodenpräses Hillmann und lieber Bischof Magaard,
aus unserer Hamburger Diakonie, lieber Landespastor Dirk Ahrens,
überhaupt aus den Religionsgemeinschaften, dem Interreligiösen Forum Hamburg und all unseren evangelischen Gemeinden,
willkommen, die Sie aus Kultur und Wirtschaft, aus Medien und Wissenschaft, von Feuerwehr, Polizei und der Bundeswehr, lieber Generalmajor Kohl und lieber Oberleutnant Spindler den Weg hierher gefunden haben.

Nicht zuletzt grüße ich ganz herzlich die Vertreter und Vertreterinnen des konsularischen Korps, die Sie uns – wie die Seemannsmissionen, Brot für die Welt und die kirchlichen Friedensdienste – deutlich zeigen, wie die Vernetzung in alle Welt wichtig ist für einen globalen und ökumenischen Dialog der Friedensstifter. Und so bin ich wieder bei euch, den „Kibis“ …

Botschaft der Kinderbischöfinnen

Wir begrüßen alle, die sich für Kinderrechte einsetzen.

Connor: Das heißt: Wir Kinder müssen die Freiheit haben, ob wir glauben oder nicht. Wir müssen aber auch frei darin sein, wie wir glauben. Und wir Kinder sollen für uns selbst entscheiden dürfen.Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere verschiedenen Religionsgemeinschaften kennenlernen und dass wir Wissen über sie sammeln. Denn nur wenn ich weiß, was dem anderen wichtig ist, kann ich auf seine Freiheit Rücksicht nehmen.

Kira: Das ist zum Beispiel so bei Essensregeln: Isst jemand Schweinefleisch oder nicht? Kann ich auch Süßigkeiten ohne Gelatine verteilen? Wenn ich unachtsam bin oder unwissend, dann grenze ich andere womöglich aus. Daraus kann sogar Hass entstehen. Das gilt aber auch umgekehrt: Ich möchte nicht ausgegrenzt werden, weil ich vielleicht keine besondere Essensregel befolge.

Rike: Deshalb brauchen wir einen Raum, in dem wir wirklich Zeit haben, uns kennenzulernen. Das funktioniert in unserem Religionsunterricht ganz gut. Aber wie wir wirklich leben, das wissen wir immer nur von unseren direkten Mitschülern.Also haben wir uns vorgenommen, Schüler anderer Schulen kennenzulernen und zu besuchen. Im Augenblick versuchen wir, einen Termin mit Schülern der Joseph-Carlebach-Schule zu finden, der jüdischen Schule im Grindelhof.

Connor: Wir wollen auch Kontakt aufnehmen mit der Kindergruppe der Al-Nour-Moschee in unserer Nachbarschaft. Wir hoffen, dass wir miteinander ins Gespräch kommen können und uns gegenseitig besuchen können. Aus unserer Schule kenne ich viele verschiedene Religionsgemeinschaften, aber ich möchte wissen, wie das in anderen Schulen und Gruppen ist. Ich habe verschiedene Fragen, die ich gern stellen möchte: Gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel die Geschichte über Abraham oder Ibrahim? Was ist den anderen in ihrer Religion wichtig?

Kira: Warum muss Gott immer männlich sein? Was denken andere darüber? Wir wollen alle Fragen sammeln und veröffentlichen: Eine Idee ist, dass wir in unserer Schule jede Woche eine „Frage der Woche“ diskutieren. Eine andere Idee ist, dass wir die Fragen auch draußen vor der Schule für Fußgänger und Autofahrer sichtbar machen. Wir hoffen, dass wir in den nächsten Wochen mit vielen Menschen, vielleicht sogar im Rathaus, ins Gespräch kommen können.

Rike: Und wir haben auch heute einige Fragen mitgebracht: Welche Freiheit ist Ihnen, den Erwachsenen, wichtig? Und wie gehen Sie damit um, dass wir Kinder Freiheiten haben und zugleich noch viel lernen müssen, um selbstbestimmt zu leben?

Connor: Wie ist es für Sie, wenn wir Kinder laut unsere Meinung äußern? Zum Beispiel bei den Demonstrationen von Fridays For Future? Miteinander frei zu sein, das können wir Kinder und Sie als Erwachsene lernen, wenn wir gemeinsam Antworten auf unsere Fragen suchen und neugierig bleiben. Ich glaube, dass uns Gott dabei hilft, indem er uns allen nicht nur Freiheit schenkt, sondern auch ganz viel Liebe.

Danke euch, liebe Kinderbischöfinnen und Kinderbischof. Danke für eure vielen guten Ideen und Fragen und für euren Glauben. Und, ich denke, da spreche ich für alle hier, natürlich braucht es eure Stimme, eure Fragen, eure Meinung in dieser Stadt. Ohne euch ist die Zukunft nicht auszudenken. Keine Kirche, keine Wirtschaft, keine Politik, keine Klimapolitik, wird zukunftsfähig sein, wenn sie nicht euch, die Kinder und Jugendlichen hört. Mit euch redet. Ohne Dialog kein „Frei. Glauben. Denken“. Der Dialog ist das einzig überzeugende Gegenmodell zu dieser zunehmenden Gesprächs-Unkultur, in der abgekanzelt, herabgewürdigt, polarisiert, Unwahres behauptet wird. – Nein, keine Freiheit ohne Dialog – allemal in unserer so bunten hamburgischen Weltkapelle.

Dies durfte ich hautnah erleben auf unserer adventlichen, interreligiösen Pilgerreise nach Jerusalem vergangene Woche. Stellen Sie sich vor: Das Interreligiöse Forum Hamburg hat tatsächlich vergangene Woche, 14 Männer und Frauen gemeinsam, die heiligen Stätten unserer Religionen besucht. Ein echtes Experiment: Interreligiöser Dialog von morgens bis abends. Mit genau dieser Frage der Kinderbischöfinnen im Gepäck: Was ist den anderen in ihrer Religionen wichtig?

Wir waren eine bunte Mischung: vorneweg unser Reiseleiter Shlomo Bistritzky, der Landesrabbiner, mit schwarzem Hut, dann eine Muslima vom Schura-Vorstand mit leuchtend blauem Kopftuch, samt erwachsenem Sohn, eine evangelische Bischöfin mit violettem Schal, Aleviten, ein Buddhist mit gelber Stola, ein Bahai, ein methodistischer Pastor und noch ein paar Evangelische. Fast die ganze Welt der Religionen war auf der Reise hin zu den Quellen unseres Glaubens. In Jerusalem, das die Juden Jeruschalajim nennen und die Muslime Al Quds, die Heilige.

So also: Tochter Zion freue dich – dieser Adventschoral wurde mir erst in seiner Tiefe bewusst, als wir in Jerusalem das uralte Zionstor durchschritten. Diese Stadt ist imprägniert von Jahrtausenden der religiösen Entwicklung. Schicht auf Schicht – die über 3.000-jährige Geschichte der verschiedenen Religionen erzählt auf 25 Höhenmetern von Siegen und Niederlagen. Der einen Schutt und Asche ist der anderen Hoffnungsgrund. So stehen wir schließlich an dem Teil der Mauer, den man oberirdisch sehen kann, an der Klagemauer. Doch von Klage keine Spur – stattdessen drängen sich vor den Steinquadern fröhliche Familien, die Bar Mizwa feiern, quasi die jüdische Konfirmation.

Ganz anders der Tempelberg hoch darüber. Ruhig und majestätisch wirkt das weite Plateau. Und während muslimische Pilger ehrfurchtsvoll den blaugoldenen Kuppelbau des Felsendoms betreten, müssen wir anderen alle draußen bleiben. Vielleicht wäre uns das gar nicht so schmerzhaft aufgefallen, wären wir nicht interreligiös unterwegs gewesen.

Zurück in den Gassen der Altstadt, geht es hinein in das Labyrinth der Grabeskirche, in der es nur so wimmelte von Frommen und Touristen. Vor dem wahrhaftigen Grab Jesu warten wir geduldige 40 Minuten, mit mir solidarisch und ehrfürchtig Alevit, Buddhist und Bahai. Alle waren wir in Erwartung einer tiefen spirituellen Erfahrung. Hätte auch gelingen können, wäre da nicht der dicke Mönch gewesen, der uns mit lautem Rufen und Händeklatschen nach 15 Sekunden aus der kleinen Grabkammer scheuchte.

So könnte ich noch viel erzählen von den Begegnungen und Spannungen im Heiligen Land. Die vier Tage kamen uns vor wie vier Wochen. Das Wichtigste aber: Wir, Hamburgerinnen und Hamburger verschiedener Religion, sind uns noch nähergekommen, sind eine Gemeinschaft geworden. Jeden Abend haben wir lange zusammengesessen, diskutiert und gelernt. Wir wissen jetzt, was ein koscheres Handy und welches Fleisch haram ist, warum Bahai keinen Alkohol trinken und wo Buddhisten auch in Jerusalem spirituelle Erfahrungen machen. Wir lernten die Gebetspraxis der anderen kennen, ihre Familientraditionen und hörten ihre Diskriminierungserlebnisse; wir teilten unsere Hoffnungen.

Und wir haben gelernt: Man muss sich riskieren, muss an die gedanklichen Grenzen, an die völkerverstörenden Zäune gehen, um sie zu überwinden. Wie sagte nach all den tiefen Erfahrungen und kilometerweiten Wegen ein Alevit so treffend: Die Füße schmerzen, aber das Herz wird weit.

Die Reise nach Jerusalem war komprimierter interreligiöser Dialog. Und der bedeutet ganz klar erstens: Dialog will nicht die Einebnung der Unterschiede. Vielmehr will er genau das andere: die Erfahrung der Andersartigkeit würdigen. So ist es gerade nicht Ziel des Dialogs, gemeinsam Gottesdienst zu feiern, nach dem Motto: Wir glauben doch sowieso alle irgendwie an dasselbe. Vielmehr beginnt die gegenseitige Achtung, ja die Nähe, wenn ich die Tradition und Glaubensäußerung der anderen stehen lassen, sie sogar schön finden kann. Als wir vorm Abflug im Terminal 1 des Hamburger Flughafens in einem Kreis stehend reihum Segensworte aus unseren verschiedenen Traditionen sprachen, war es genau dies: gemeinsam und zugleich ein bisschen fremd, fremd-schön.

Das zweite positive Dialogerlebnis: Wir können uns herzlich streiten. Über den Nahostkonflikt ebenso wie über die Rolle der Frau in den Religionen. Aber die Regel ist: Wir tun es zivil, freundlich, achtsam und bitte gern auch mit Humor. Deshalb ist der direkte Kontakt so wichtig, der Blick in die Augen, am besten an einem Tisch mit Falafel, Minztee und süßem Kuchen. Eine Streitkultur, die Anstand kennt und auf das Argument setzt,eine Streitkultur, die in Zeiten hemmungsloser Polarisierungen verloren gegangen und dringend wieder geübt werden muss. Eine solche kontrovers-freundliche Gesprächskultur funktioniert nicht über die sozialen Medien, weder über Twitter noch Facebook. Denn da fehlen die Zwischentöne, die beruhigenden Gesten, die Wahrnehmung des anderen als komplexes Menschenwesen und nicht nur als eindimensionale Meinungsäußerung.

Schließlich: Zum Dialog gehört, nicht nur gemeinsam reden, sondern auch schweigen zu können. So hat uns in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die geballte Konfrontation mit deutscher Schuld schlicht verstummen lassen. Wir alle haben es gewusst – wie monströs die Grausamkeit, wie hoch die Zahl Ermordeten, wie verstörend die Bilder sind. Doch eindrücklich sind dort auch die kleinen Realitäten und Alltagsgeschichten, die die Unfassbarkeit des Holocaust verdeutlichen.

„Was meint ihr, wie viele jüdische Menschen haben vor der Nazizeit in Deutschland gelebt?“, so fragt uns angesichts der judenfeindlichen Hetzschriften und Propagandaplakate Anfang der Dreißigerjahre die 71-jährige Jana. Sie führt uns durch die Gedenkstätte. Viele ihrer Familienmitglieder sind in Theresienstadt ermordet worden. Wir schätzen: Eineinhalb Millionen? Zwei Millionen? „Nein“, sagt sie, „es waren noch nicht einmal fünfhunderttausend.“

Sie erzählt, dass sie ihren Namen von ihrem Paten bekommen hat, der seine mit sieben Jahren in Treblinka ermordete kleine Tochter wieder leben sehen wollte. Überhaupt, die Kinder – kaum auszuhalten. Eineinhalb Millionen Jungen und Mädchen sind von den Nazis und ihren Schergen vernichtet worden. Die Gedenkstätte für die ermordeten Kinder zerreißt uns das Herz; es ist ein dunkler Raum, in dem nur fünf Kerzen durch eine tausendfache Verspiegelung 1,5 Millionen Lichtpunkte erzeugen, wie ein Sternenhimmel. Und jeder Stern ist verbunden mit einem Namen. Eineinhalb Millionen Namen, die dort verlesen werden. In Deutsch, Englisch, Jiddisch. Jeder Stern ein totes Kind.

Als wir wieder draußen stehen und nicht so recht wissen, wohin mit uns, schlägt die muslimische Mitreisende ein Totengebet vor. Sie beginnt, die anderen folgen. Bewegend. Religion ist Ritual, das trägt. Sie ist Sprache, mit hebräischen, arabischen, deutschen und türkischen Worten. Religion ist eine Sprache, die zusammenhält, auch im Schweigen.

Als die Reihe an mir ist und ich gerade ansetze, unterbricht uns ein altes Ehepaar, das vorbeigeht: ,„Sie sprechen Deutsch? O my goodness!“, sagen sie, „Sie sprechen Deutsch!“ Und der kleine, fast 90-jährige Mann fängt an zu erzählen: Er sei Samuel Marder und als 15-Jähriger von der Roten Armee aus dem KZ befreit worden. Er emigrierte in die USA, wurde ein berühmter Geiger und spricht erst seit fünf Jahren über das Erlebte, erzählt es in Schulen und Universitäten, hat ein Buch geschrieben. Gerade ist er von einer Lesereise aus Berlin zurückgekommen. Was für eine Begegnung – versöhnte Hoffnung – vor der Gedenkstätte für die ermordeten Kinder jemanden zu treffen, der das als Kind überlebt hat. Und der nun eine Mission erfüllt und seine Botschaft in die Welt trägt.

Eine Botschaft für Zivilcourage, gegen Antisemitismus! Gerade die junge Generation muss, soll und will es wissen. So geschehen hier in Hamburg, am 8. Mai diesen Jahres. Genau in diese Kirche hat, gemeinsam mit Schulsenator Ties Rabe, der Holocaust-Überlebende Ivar Buterfas-Frankenthal 400 Schülerinnen und Schüler eingeladen und sich ihren Fragen gestellt. Er brachte es dann so auf den Punkt: „Vergeben haben wir längst, vergessen werden wir niemals.“ Bald werden diese Zeitzeugen nicht mehr da sein. Es gilt also, ihre Erinnerungen unbedingt in die Zukunft hinein zu vermitteln, und zwar für die junge Generation neu zu vermitteln. Denn der Rechtsextremismus in unserem Land, liebe Geschwister, nimmt zu – auf den Straßen und in den Schulen. Kein Grund zur Verharmlosung! Wir hören Wörter und sehen Angriffe, die wir glaubten, in diesem Land nie wieder hören und sehen zu müssen. Deshalb ist es so wichtig, dass die junge Generation politisch hellwach ist, dass sie interessiert ist an den großen Fragen des Lebens, und dass sie erkennt, dass der Dialog der Religionen unabdingbar ist, will man in einer so offenen Migrationsstadt wie der unsrigen friedvoll und frei denken, glauben, leben.

Ich bin deshalb froh, dass es uns gelungen ist, den besonderen interreligiösen Religionsunterricht hier in Hamburg gemeinsam mit der Schulbehörde weiterzuentwickeln. Denn jeder zweite Hamburger Jugendliche hat heute Migrationshintergrund. Damit hat auch die religiöse Vielfalt enorm zugenommen. Nicht umsonst haben wir als evangelische Kirche schon in den Achtzigerjahren damit begonnen, andere Religionsgemeinschaften informell an der inhaltlichen Gestaltung des Religionsunterricht zu beteiligen. Dieser „Religionsunterricht für alle“ hat sich bewährt und ist an den Hamburger Schulen ganz selbstverständlich. Er wird sich künftig in seinen Inhalten nicht merklich verändern. Was sich aber verändern wird, ist, dass neben uns auch andere Religionsgemeinschaften Verantwortung für diesen Unterricht übernehmen.

Ein dreijähriges Modellprojekt dazu hat gezeigt, dass es funktioniert. Schülerinnen und Schüler werden von Lehrkräften unterschiedlicher Religionen unterrichtet und erhalten ganz klar vollwertigen Religionsunterricht, der mit den Bekenntnissen der beteiligten Religionsgemeinschaften übereinstimmt. So schreibt es ja das Grundgesetz vor: Religionsunterricht ist keine Religionskunde. Das dialogische Prinzip ermöglicht dabei, dass die Kinder im Klassenverband beisammen bleiben und dieser nicht etwa in viele Religionsunterrichte zerfällt. So erleben sie Religion nicht als etwas Trennendes, sondern als etwas, über das man friedlich miteinander diskutieren kann. Ich bin überzeugt: Etwas Besseres können wir der jungen Generation nicht mitgeben.

Auch darin haben mich die Erfahrungen in Israel/Palästina bestärkt. Denn bei aller religiösen Vielfalt, die spannend anzuschauen war, war es doch auch bedrückend, wie ausgrenzend Religion sein kann. In diesem kleinen Land kann es tatsächlich passieren, dass ein Jude niemals einem Muslim, eine Palästinenserin niemals einer Israelin begegnet.

Der Frieden nicht nur im Nahen Osten hängt aus meiner Sicht entscheidend davon ab, wie wir mit den kulturellen und religiösen Unterschieden aktiv umgehen, und dies von Kind an. Ich bin fest davon überzeugt, dass den Ländern und Gesellschaften die Zukunft gehört, denen es am besten gelingt, sich mit der Vielfalt zu befreunden. In Hamburg haben wir da schon einiges erreicht, nicht zuletzt durch die Staatsverträge mit Kirchen, Jüdischer Gemeinde, muslimischen und alevitischen Gemeinschaften. Diese Verträge haben sich bewährt, sie sollten daher unbedingt erhalten und konstruktiv weiterentwickelt werden. Darüber hinaus müssen wir uns immer wieder fragen: Wie nutzen wir die Vielfalt in unserem Land produktiv, optimistisch und zukunftsgewandt?

Als Kirche und Diakonie sind wir seit geraumer Zeit dabei, unsere eigene interkulturelle Öffnung voranzubringen – also wahrzunehmen, wie vielfältig unsere Stadt inzwischen geworden ist. Dazu gehört es, innerhalb der Kirche all die Schranken abzubauen, die Menschen aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Sprache an der Teilnahme und Mitwirkung hindert. Übrigens gehört dazu auch, neu auf die zuzugehen, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Was Angehörige anderer Religionen betrifft, so werden wir stärker danach schauen müssen, wie wir etwas gemeinsam für das Wohl der Stadt tun können. Wie wir uns gegen religiöse Diskriminierung, gegen Antisemitismus genauso wie gegen Islamfeindlichkeit stellen können, wie wir gemeinsam Flüchtlingen helfen oder wie wir uns zusammen für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. All das geschieht punktuell bereits in unserer Stadt, im Interreligiösen Forum, in Stadtteilen wie Steilshoop, St. Georg, St. Pauli, Blankenese, Harburg. Oder auch im interreligiösen Jugenddialog Young Visions. Wir müssen unbedingt offensiver erzählen, liebe Geschwister, was da alles gelingt, um jenen entgegenzuwirken, die stets von Abgrenzung reden und von einer goldenen Vergangenheit, in der angeblich die Gesellschaft eine homogene war. War sie ja nie.

Als Christinnen und Christen denken wir also adventlich. Von dem her, der kommen will. Heißt: Das Zukünftige bestimmt unsere Gegenwart, nicht umgekehrt. So also: „Tochter Zion, freue dich. Siehe, dein König kommt zu dir.“ Er kommt arm und auf einem Esel reitend. Und er ist zu allem Volk gesandt. Zu den hellhäutigen genauso wie zu den dunkelhäutigen, zu jenen, die Deutsch und jenen die Farsi oder Chinesisch sprechen. Er kommt zu den Alteingesessenen ebenso wie zu den Neuankömmlingen. Er kommt zu den Fremden und den Schönen. Es ist Adventsempfang, liebe Geschwister: Lasst uns unsere Türen und unsere Herzen öffnen, um ihn zu empfangen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Datum
11.12.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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