Mit dem Rolli im Pfadfinderlager
13. Januar 2026
Zeltlager, Kanutouren und Stockbrot am Lagerfeuer, all das geht auch für Menschen mit Behinderung, sagt Lion Broschat. Möglich macht das die Behindertenhilfe Hamburg-Othmarschen.
Halstuch und Kluft machen sie aus, Ausfahrten gehören zum Programm und das Motto „Jeden Tag eine gute Tat“ verbinden viele Menschen mit ihnen: Pfadfinder.
All das macht auch die Gruppe „Feldfüchse“ aus. Sie gehört zum Stamm Elbe, der im Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) angesiedelt ist.
Informationen zur Behindertenhilfe Othmarschen: www.behindertenhilfe-othmarschen.de
Gruppenleiter Lion Broschat fährt auf Zeltlager, es wird geschnitzt und Stockbrot gemacht. „Heute haben wir Verstecken gespielt, Knoten und Wegzeichen geübt“, erzählt der 25-Jährige, der seit 2009 Pfadfinder und seit 2019 Gruppenleiter ist. Die Ausfahrten und Zeltlager gefallen ihm am besten, sagt er, aber: „Es ist nicht barrierefrei.“
Ein entscheidender Punkt für Broschat, denn er sitzt im Rollstuhl. Seine Gruppe „Feldfüchse“ ist eine sogenannte PTA-Gruppe. „Das steht für 'Pfadfinden mit allen'“, erklärt Christin Lührs (27). Sie arbeitet bei der Behindertenhilfe der Christuskirche Othmarschen, leitet den Kinder- und Jugendbereich sowie die inklusiven Pfadfindergruppen.
„Die Behindertenhilfe hat sich so gegründet, dass es hier einen Pfadfinderstamm gab und Geschwisterkinder mit Beeinträchtigung gern mitmachen wollten. Eine Gemeindehelferin hat das Angebot dann geschaffen.“
Nie ganz barrierefrei
Seit 1959 gibt es die PTA-Gruppe in Othmarschen. Der Stamm Elbe hat rund 150 Mitglieder, die sich in zehn Gruppen organisieren. Bei den „Feldfüchsen“ sind gerade acht Kinder. „Wir sind eine inklusive Gruppe, das heißt, da sind Kinder mit und ohne Beeinträchtigung dabei“, erklärt Lührs. „Pfingsten fahren wir auf ein typisches Zeltlager, mit großem Feuer, mit allen Gruppen zusammen.“
Ein Zeltlager könne nie voll und ganz barrierefrei sein, sagt Lührs. „Aber, das heißt ja nicht, dass nicht alle daran teilnehmen können.“ Dann werde individuell geschaut, was angepasst werden muss.

„Das kann bei Rollis heißen, dass wir zwei, drei starke Personen brauchen, die mal mit anschieben, oder ein Stück Holz, was einen über die matschige Wiese fahren lässt, wenn wir es drunter legen.“ Außerdem seien alle hilfsbereit, wenn es mit dem Rolli durch den Wald geht, ergänzt Broschat.
Raute auf dem Rolli
Für die Ausfahrten nimmt der 25-Jährige sich frei. Er arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. „Wir bauen Schiffspositionslampen und Kabel für Flughäfen.“ Neben den Pfadfindern ist Broschat Fußballfan. Bei Heimspielen des HSV ist er fast immer im Stadion. „Ich wohne nur zehn Minuten vom Volkspark weg.“ Und die Raute hat er sogar auf seinem Rolli.
Zusammen mit Christin Lührs bereitet er die wöchentlichen Gruppenstunden vor. Dazu gehört auch Erste Hilfe. „Da habe ich mit den Kindern die W-Fragen gemacht. Wo ist was passiert? Was ist passiert?“
Auch Wegzeichen müssen die jungen Pfadfinder lernen. „Das sind einzelne Stöcke und die legen wir zu einem Wegzeichen, um unser Ziel zu erreichen. Falscher Weg ist zum Beispiel ein Kreuz“, erklärt Broschat. Das Dreieck steht für Gefahr. „Das würde ich vor einen Abhang legen, damit der Rolli da nicht runtersaust.“

Lieder am Lagerfeuer
Bei einer Kanutour vor einigen Jahren hätte aber auch das nicht geholfen. „Meine Gruppe hat sich zu viel bewegt. Das Kanu ist umgekippt und der Rolli ist mit ins Wasser“, erinnert er sich. „Ich zum Glück nicht - das wäre es noch gewesen.“
Die Sache mit dem Kanu sei so oder so nicht optimal, sagt Broschat. „Das Ein- und Aussteigen ist schwierig.“ Er biete lieber Schokofondue an oder singe Pfadfinderlieder am Lagerfeuer.
Bei den PTA-Gruppen sei es wichtig zu schauen, welche Traditionen beibehalten werden und welche neu gedacht werden müssen, erklärt Lührs. „Es ist ein ständiger Wandlungsprozess.“
Etwa bei den sogenannten Proben, bei denen die Kinder etwas über Tiere, Bäume, Spuren, Wind und Wetter lernen. Für das Abzeichen müssen sie das Gelernte dann bei einer Prüfung erzählen. „Es ist nicht für alle Kinder gleich einfach, Dinge zu lernen oder vorzumachen. Wir finden dann eine Option, dass es vier Kinder oder die ganze Gruppe zusammen macht.“ Damit alle das Abzeichen bekommen.
Gesucht: Ehrenamtliche
Damit die Behindertenhilfe diese Gruppen anbieten kann, ist das Team auf eine FSJ-Person angewiesen, die auch Fahrdienste übernimmt, sagt Christin Lührs. „Das wird aber immer schwieriger, weil immer weniger junge Menschen den Führerschein machen. Wir haben zwei Bullis zur Verfügung, aber die müssen natürlich auch fortbewegt werden.“
Deswegen sei das Team immer auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen: „Es gibt ein großes Team an Ehrenamtlichen, aber es kann fast nie genug geben“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Interessierte können sich gern melden.
Lion Broschat macht das Pfadfindersein Spaß. Anderen im Rollstuhl rät er: „Ausprobieren kann man immer. Mutig drauflos und versuchen.“ Wenn es dann keinen Spaß macht, könne man ja immer noch aufhören. Und vielleicht brauche es auch ein bisschen Geduld, bis es mit dem Mitmachen klappt, sagt Lührs. „Unsere Gruppen sind leider häufig voll. Aber es gibt eine Warteliste.“
