30. Juni 2019 | Paulskirche Schwerin

Mit Freimut Zukunft und neue Wege suchen

30. Juni 2019 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt zum 150-jährigen Jubiläum der Paulskirche Schwerin zu Acta 4, 33

Liebe Schwestern und Brüder,

150 Jahre Paulskirche - ja, das ist ein Grund zum Feiern. Ein Grund für Dankbarkeit. Ein Grund, um zurück in die Geschichte und nach vorn, in die Zukunft, zu blicken. 1869 wurde die Paulskirche zur Kirche des Stadtteils Paulsstadt in der rasch wachsenden Stadt Schwerin geweiht. Sie wurde reich ausgestattet. Mit üppigen Schnitzarbeiten. Einem beeindruckenden Altar. Prächtigen Kirchenfenstern.

Seit 150 Jahren werden seitdem in dieser Kirche Gottesdienste gefeiert. Seit 150 Jahren klagen Menschen hier ihr Leid, lassen Trauer und Tränen zu. Und spüren, dass dennoch wieder Hoffnung und Trost wachsen. Seit 150 Jahren teilen Menschen in dieser Kirche ihre Freude und ihr Glück, erleben Gemeinschaft und Verbundenheit. Hören auf Gottes Wort. Stehen anderen zur Seite, wenn Hilfe nötig ist. Suchen die Begegnung und das Gespräch. Und immer wieder sehen sie so wie wir heute voller Dankbarkeit zurück und voller Hoffnung in die Zukunft.

Als das 100-jährige Jubiläum der Paulskirche gefeiert wurde, waren der Prager Frühling und seine gewaltsame Zerschlagung durch Truppen des Warschauer Paktes gerade ein Jahr her. Hoffnungen waren zerstört. Sorgen machten die Runde. Knapp drei Wochen vor dem 100-jährigen Jubiläum der Paulskirche war am 10. Juni 1969 der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR gegründet worden. Weil die Arbeit der Kirchen durch den Staat immer mehr erschwert wurde, hatten sich die evangelischen Landeskirchen zusammengeschlossen, um in schwierigen Zeiten zusammenzustehen. Um gemeinsam Kirche zu sein und zu bleiben. Um sich auch als Minderheit nicht beiseiteschieben zu lassen, und sich weiter beherzt für die Sache Jesu Christi und damit für alle Menschen in Not einzusetzen.

Damals, 1969, gehörte zum Paulskirchenjubiläum ein Gewitter mit so heftigem Regen, dass es sogar in die Kirche hineinregnete. Heute feiern wir bei heißen Temperaturen. Und können ganz körperlich spüren, wie gut es tut, sich in einer Kirche aufzuhalten - und noch dazu in dieser!

1989, im 120. Jubiläumsjahr der Paulskirche, wurde hier am 2. Oktober das Neue Forum Schwerin gegründet. Ein erstes Treffen mit über 800 Teilnehmenden fand in dieser Kirche statt.Und schon wenige Tage später, am 6. Oktober, sind es noch einmal Hunderte mehr gewesen. Trotz massiver Störungen und Bedrohungen, trotz aufgefahrener Autos der Volkspolizei, trotz Gewaltandrohungen der damaligen staatlichen Organe, trafen sich so viele Menschen hier in der Kirche. Offen und demokratisch haben sie inmitten der Diktatur miteinander diskutiert. Auf der Suche nach Zukunft und neuen Wegen. Der Paulskirchenkeller wurde damals zum zentralen Treffpunkt der Gründungsgruppe des Neuen Forums in Schwerin. Wie gut, dass er bis heute ein offener und einladender Treffpunkt ist - vor allem für Gespräch und Begegnung junger Menschen. Wie gut, dass die Paulsgemeinde ihnen mit der offenen Jugendarbeit im „Paule“ Raum und Beheimatung bietet!

150 Jahre Paulskirche, das sind 150 Jahre mit diesen und vielen weiteren bewegenden Erfahrungen. Mit Aufbrüchen und Veränderungen - bis hin zu der aktuellen Frage, wie eine Zusammenarbeit der Kirchengemeinden hier in der Schweriner Westregion zukünftig aussehen wird. Und was das ganz konkret für den Gemeindealltag in den beteiligten Kirchengemeinden bedeutet.

Da tut es gut, sich an Gemeinden zu erinnern, die in ähnlichen Situationen Kirche waren. Die sich gefragt haben, wie es weitergehen würde. Die die Erfahrung gemacht haben, dass äußerer Druck zusammenführen, aber auch trennen kann. Und die dennoch zusammen und beieinander geblieben sind. Die ersten christlichen Gemeinden waren genau solche Gemeinden. Gemeinden, in denen auch der Namenspatron dieser Kirche, der Apostel Paulus, gewirkt hat.

Von der Geschichte dieser Gemeinden wird in der Bibel im Buch der Apostelgeschichte erzählt. Aus der Apostelgeschichte stammt auch der Bibelvers, unter dem wir heute Gottesdienst feiern: „Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“

Bevor damals diese ermutigende Bilanz gezogen werden konnte, erlebten die Apostel und die christliche Gemeinde allerdings Bedrohung, Verfolgung, ja sogar Haft. Weil sie sich auf Jesus Christus beriefen und nicht denen vertrauten, die für sich als Machthaber Gehorsam und Anbetung einforderten. Weil sie von einem erzählten, der Liebe, Frieden und Barmherzigkeit bringt und nicht Hass und Gewalt. Weil sie denen nahe waren und halfen, die in Not geraten waren. Weil sie glaubten und sagten, dass Gott alle Menschen liebt und dass alle genug haben sollen zum Leben. Die christliche Gemeinde setzte sich deshalb von Anfang an mit freiwilligen Spenden für Arme und Benachteiligte ein.

Die Apostelgeschichte schildert es, sicher gehörig idealisiert, so: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“

Rund um die Schilderung dieses Gemeindelebens in der Apostelgeschichte spielt ein Wort eine wichtige Rolle. Immer wieder wird es erwähnt. Mal als Eigenschaft der Apostel. Mal als etwas, worum die Gemeinde bittet und betet. Dieses Wort heißt: „Freimut“. Die Menschen, so heißt es, „sahen den Freimut der Apostel und wunderten sich“ (Acta 4, 13). Sie baten Gott, „mit allem Freimut“ sein Wort zu verkündigen. (Acta 4, 29) Und, so weiter, „sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimut.“ (Acta, 31).

Freimut - einen freien Mut, offene Rede und offene Gesichter, ja, genau das braucht es, um in Gottes Namen zu sagen und zu tun, was an der Zeit ist. Auch heute, gerade heute, brauchen wir dringend diesen freien Mut. Um freimütig und offen dafür einzustehen, dass alle Menschen das Recht haben, in Frieden und Freiheit zu leben. Um freimütig und offen zu widersprechen, wenn anderen Menschen die Menschenwürde abgesprochen wird. Um freimütig und offen zu widerstehen, wenn Rechtsextremisten vor Gewalttaten und Mord nicht zurückschrecken. Wenn sogar der schreckliche Verdacht besteht, dass sie bis in das Umfeld von Polizei und Bundeswehr hinein vernetzt sind.

Damals wie heute gilt: um freimütig reden und leben zu können, braucht man innere und äußere Freiheit. Innere Freiheit von den Herrschaftsansprüchen anderer auf das eigene Leben, die eigene Würde, die eigene Freiheit. Diese innere Freiheit gewinnt, wer sich bindet an Christus. Gemeinsam mit anderen, in der Gemeinschaft derer, die herausgerufen sind und andere freimütig herausrufen aus Hass, Gewalt und Tod.

Für Christenmenschen damals wie heute wurzeln Freiheit und Freimut in grundlegenden Erfahrungen des jüdischen wie des christlichen Glaubens: Gott hat den Menschen gebildet nach seinem Bilde, gewürdigt durch seine Würde. Und das heißt:Alle Menschen sind gleich. Gleicher Würde, gleichen Ansehens. Gott hat sein Volk aus Ägypten herausgerufen und befreit - hat aus Sklavinnen und Sklaven freie Menschen gemacht. Gott hat Christus herausgerufen aus Tod und Vernichtung - und ruft alle, die ihm vertrauen und nachfolgen, heraus aus Angst und Tod in ein neues, ganz anderes Leben in seiner Liebe und seinem Frieden.

Das Vertrauen auf Christus, der Glaube an ihn sind es, die Christenmenschen freimütig und frei machen. Und so dabei helfen, offen und freimütig zu benennen: Wer das Leben von Menschen bedroht oder es abschätzig verächtlich macht, wer so den Boden bereitet für Gewalt und Mord, setzt sich ins Unrecht. Wer Menschen in Not sehenden Auges die rettende Hilfe verweigert - sei es im Mittelmeer, sei es in der Nachbarschaft - , setzt sich ins Unrecht.

Das Wort Gottes mit Freimut zu reden, bedeutet, das Wort Gottes zu sich selbst reden zu lassen. Sich selbst von Gottes Wort ansprechen, herausfordern, anfragen zu lassen. Damit es Folgen für das eigene Leben hat. Und deshalb auch Auswirkungen auf das Leben anderer.Hat nicht genau das auch in der Geschichte dieser Kirche und dieser Gemeinde eine wichtige Rolle gespielt?

Menschen bringen ihre Fragen, ihre Sorgen und ihre Sehnsucht nach Freiheit vor Gott. Reden offen und freimütig miteinander. Lassen Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit größer und Hass und Gewalt kleiner werden. Und Freimut und Offenheit wachsen, stecken andere an. Führen in innere und äußere Freiheit.

Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“ Von den Aposteln Petrus und Paulus ist bis heute nicht vor allem deshalb die Rede, weil sie etwas oder vieles richtig gemacht haben. Von christlichen Gemeinden wird nicht vor allem deshalb erzählt, weil sie dieses getan und jenes gelassen haben. Oder sich über diese oder jene Struktur ihrer Arbeit den Kopf zerbrochen haben. Von ihnen allen wird erzählt, weil sie Gottes Wort an sich haben wirken lassen. Und darauf vertraut haben. Ihr Leben neu ausgerichtet haben - orientiert an Christus und seiner Liebe. So wurden sie zu solchen, die Christus bezeugen und ihm nachfolgen. Sie wurden sie und so werden wir Nachfolgende der Barmherzigkeit Gottes, die unsere Welt gerade heute so bitter nötig hat.

Liebe Schwestern und Brüder, lasst uns einander in diesem Vertrauen und diesem Glauben stärken. Lasst uns einander darin unterstützen, Nachfolgende Christi, Nachfolgende seiner Barmherzigkeit zu sein. Lasst uns einander dabei helfen, uns als Geschwister zu sehen, als Schwestern und Brüder, die nur miteinander und niemals für sich allein, Kirche sein können, Gemeinschaft der Herausgerufenen aus Angst und Tod.

Jeder Kirchenraum, auch diese so schöne 150 Jahre alte Paulskirche, schenkt uns Menschen dafür Raum. Weiten Raum. Erinnert uns daran, dass die Bindung an Christus Freimut und Offenheit, Freiheit und neues Leben ermöglichen.Er, der von sich sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben, ruft uns beim Namen.So beginnen sie, Freimut und Offenheit, Freiheit und neues Leben: „Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“

Amen.

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