31. Dezember 2019 | St. Marien in Lübeck

Mit Pauken und Trompeten

31. Dezember 2019 von Kirsten Fehrs

Silvestergottesdienst, Predigt zu Markus 4,35 und Psalm 34,15

Kanzelgruß

 

Liebe Silvestergemeinde zu St. Marien!

„Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit“ – man hört‘s. Was für ein Schlussakkord für dieses Jahr 2019 – mit Pauken und Trompeten! Ich freue mich, wieder in St. Marien zu sein und quasi mit Ihnen unter einer Decke zu stecken – für warme Herzen im zu Ende gehenden Jahr und in etwas kühlem Ambiente. Da gibt dieser gewaltige Lobpreis des Vaterunsers auf Gottes Kraft und Herrlichkeit doch genau die richtige Stimmungslage. Gott allein die Ehre. Nichts als Lob. Keine Klage, keine schlecht gelaunten Beschwerden, keine Fehleranalyse. Einfach nur ein guter Schlusspunkt für 2019. Das braucht man an einem Tag wie heute. Etwas gut abrunden, damit man auch wieder gut anfangen kann. Mit Hoffnung hin zur Herrlichkeit, meint: zur Lebensfreude. Das predigt die Musik heute. Schön!

Und dann, daneben, vielleicht auch ein wenig dagegen: die Geschichte aus dem Markusevangelium. Die Sturmstillung. Unsanft werden die Jünger hin und her geworfen, da ist kein Vorn mehr und kein Hinten. Alles durcheinander. Und so viel Angst! Der schlafende Jesus scheint sie vergessen zu haben. Keine Pauken, keine Trompeten, stattdessen peitschende Wellen und pfeifender Sturm. Ein Schiff, das auseinanderbricht. Kein Ziel mehr, sondern bloß noch die Frage: Was wird bloß werden?

Und zwischen diesen beiden Bildern: wir mit unserem Leben. Irgendwo zwischen dem gloriosen Hoffnungsakkord und der ängstlichen Verzweiflung sind wir unterwegs mit unseren ganz persönlichen Themen und Fragen, Traurigkeiten und Glücksmomenten, all das, was uns beschäftigt hat, uns nicht loslässt, herausfordert, auch gemeinsam als Familie oder gemeinsam als Gesellschaft. Zwischen diesem Hoch und Tief: Welchen Ton schlagen Sie an jetzt zum Ende dieses Jahres?

Mir ist die Jahreslosung für 2019 mit ihrer sagenhaften Dynamik – nach vorn! – nachgegangen „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Es eilt! Das war das Vorzeichen fürs Jahr: die Sehnsucht, nein, die Suche nach Frieden. Das ist aktiv, kein passives Warten. Die Jagd nach Frieden stand am Anfang.

Das war wirklich eine Zeitansage. Denn schauen wir auf all die Friedensthemen, die auf der Tagesordnung waren und immer noch sind: Der Krieg in Syrien mit so vielen Opfern und unzähligen Flüchtlingen; fast neun Jahre dauert er! Und aktuell: Was für Bilder sind das jetzt gerade wieder? Von Kindern, sie besonders, die auf Lesbos gestrandet sind und es allenfalls vom Regen in die Traufe geschafft haben, vom Krieg ins Elend. Sie schreien nach Rettung.

So wie im Evangelium die Jünger, die angstvoll Jesus entgegenrufen: Fragst du nichts, dass wir umkommen? So hautnah geht die Frage: Fragt denn da keiner, dass sie umkommen? Ja, schlaft ihr denn alle? Es ist doch erschütternd, liebe Gemeinde, dass die europäischen Staaten sich in humanitären Fragen einfach nicht einigen können. In der Flüchtlingsfrage nicht, und – das Evangelium predigt dies – auch in Bezug auf staatliche Seenotrettung nicht. Und also gibt es kaum noch gerettete Flüchtlinge im Mittelmeer, nur die Statistik der Umgekommenen. „Jage endlich dem Frieden nach, es eilt!“, möchte man drängen; wir brauchen endlich eine entschiedenere Humanität der Verantwortlichen!

Dann das andere große Friedensthema dieses Jahres: der Klimawandel und die „Fridays for Future“. Wer hätte vor einem Jahr geahnt, welche Dynamik diese Schulstreiks entwickeln würden? Klein angefangen in Stockholm, bringt die Bewegung schließlich Hunderttausende auf die Straßen. Weltweit. In Afrika, wo man denkt: Die Menschen könnten andere Sorgen haben als das Klima. Nein, haben sie nicht. Immer mehr Menschen verstehen: Es gibt einen Widerspruch zwischen unserer heutigen Lebensweise und den Chancen für ein gutes Leben in der Zukunft, an dem alle teilhaben. Das wird immer mehr ein Generationenthema, wenn nicht ein Generationenkonflikt, den die Familien ganz real am Küchentisch austragen und aushalten müssen. Nicht selten geht es dabei auch um Streit – und um die Fähigkeit zu Einigungen zu kommen, eilig und zugleich besonnen! Gebe Gott, dass dies gelingt.

Denn die Welt braucht Klimaschutz, in vielerlei Hinsicht. Auch was den Ton der Auseinandersetzungen angeht, persönlich wie gesellschaftlich. Beeindruckt hat mich dazu ein Erlebnis im März: Einbürgerungsfeier in Pinneberg. 69 Menschen allen Alters aus 20 Nationen wurden feierlich mit Urkunde vom Landrat begrüßt und von den Bürgermeister*innen der jeweiligen Gemeinde mit einem kleinen Begrüßungsgeschenk willkommen geheißen. Eine so freundschaftliche Geste – und eine wunderbare Völkerverständigung. Der Saal war voller fröhlich-gerührter Menschen, die sich nahe waren. Bunt auch die Musik von einer rappenden Berufsschullehrerband, die abrockte mit dem Klassiker: „With a little help from my friends“.

Sehr passend, denn das Besondere: Von den 69 Neubürger*innen waren 38 Brit*innen. Very british – mit lauter Namen wie Meredith Moothworth und Alister Couthelstonehall, großartig. Sie haben noch rechtzeitig „rübergemacht“, flüsterte man mir rechts und links zu, vertraute Nachbar*innen durchaus, man kennt die Engländer schließlich seit Jahren als Gärtner in der Baumschule.

Hinterher im Gespräch mit den Briten war‘s dann auch ernst. Ganze Familien würden sich zerstreiten, sagte einer. Unzählige Beziehungen sind zu Bruch gegangen. Er käme aus Durham. Dort im Norden Englands ist das Ganze noch viel „brexitischer“ als in London – und mit diesem Tag seiner Einbürgerung wäre er den väterlichen Teil seiner Verwandtschaft los. Unfassbar diese Zertrennung, ein lügenhaftes Trauerspiel, weil keiner gewinnt und alle verlieren. Europa allen voran. „Wir brauchen Sie und Ihre Solidarität, gerade auch die Versöhnungskraft der Kirchen!“ sagte einer und fügte hinzu: „Wir alle teilen unser Leben in dieser einen Welt and we always need a little help from our friends.“ Wir werden immer einander brauchen, Freunde!

Also! Am 8. Mai 2020 werden wir in diesem Europa auf 75 Jahre Frieden in Deutschland und Westeuropa zurücksehen. 75 Jahre Frieden! Eine so lange Friedenszeit gab es noch nie. Man wünscht sich Pauken und Trompeten, um das zu feiern. Auch um einen Gegenakzent zu setzen gegen all das Misstrauen und die Ängstlichkeiten. Seid doch nicht so furchtsam, höre ich Jesus sagen! Es gilt sie zu setzen, die Gegenakzente gegen die Feindbilder, die neu gepflegt werden.

Genau wie Sie, liebe Lübeckerinnen und Lübecker, bewusst den anderen Ton angeschlagen haben, als im Oktober der Anschlag von Halle den Antisemitismus mit erneuter Dringlichkeit auf die Agenda gesetzt hat! Sofortiger Widerspruch denen, die Tabus aufweichen wollen, die Rechtspopulismus salonfähig machen wollen, die lieber abgrenzen und ausgrenzen als den Dialog und den Ausgleich zu suchen. Das ist es was wir brauchen: Menschlichkeit und Friedenswillen.

Und die neuen Glocken von St, Marien, die wir im April in einem bewegenden Gottesdienst gemeinsam geweiht haben, geben den guten Ton dazu. Mit der neuen Ratsglocke, die zu Zusammenhalt, zum Gespräch, zu demokratischer Kultur aufruft. Geht es aktueller? Oder die Glocke der Gastfreundschaft, die an das Hebräerwort erinnert: „Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Also: Haltet euch und eure Häuser und Städte offen. Für die vielen Engel, die der Königin der Hanse ihren Friedensgesang entgegenbringen. Haltet euch offen für die Not der Welt, damit diese sagenhaft schöne Stadt auch eine warmherzige bleibt.

„Sucht Frieden und jagt ihm nach!“ Vom Auftakt 2019 bis hin zum Jahres-Schlussakkord sind wir nun angekommen. Mit Kraft hin zur Herrlichkeit. Und dazwischen ist all das geborgen, was dieses Jahr ausgemacht hat. Glückliches und Trauriges – all das bleibt gehalten von diesem Anfang und diesem Ende: Von der Friedenssehnsucht, die uns Menschen alle miteinander verbindet. Frieden für die Seelen und Frieden für die Völker. Das Kind in der Krippe, der kleine Friedefürst hat dazu den Anfang gemacht. Nun am Ende übernimmt wieder die Musik mit Segen und Knabenchor und schlägt den neuen Ton an. „Freude, Freude über Freude“.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr. Mit tiefer Freude – und Gottes Friede, höher als alle Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
31.12.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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