Spiritualität mit politischem Engagement

"Moderne Mystikerin" - Vor zehn Jahren starb die Theologin Dorothee Sölle

Die Hamburger Theologin Dorothee Sölle in der Leipziger Universität bei einem Vortrag auf dem 27. Deutschen Evangelischen Kirchentag 1997 (epd-Archiv).
Die Hamburger Theologin Dorothee Sölle in der Leipziger Universität bei einem Vortrag auf dem 27. Deutschen Evangelischen Kirchentag 1997 (epd-Archiv).© Rüdiger Niemz, epd-Bild

08. April 2013 von Simone Viere

Hamburg. Sie verknüpfte Spiritualität mit politischem Engagement: Die evangelische Theologin Dorothee Sölle warb für einen "sichtbaren Glauben", der mit allen Sinnen erfahren werden kann. Doch ihrer Kirche war sie zeitlebens ein Dorn im Auge.

Dorothee Sölle (1929-2003) war eine zierliche, aber energiegeladene Frau. Und eine streitbare Theologin. "Sie hat den Glauben in eine Sprache übersetzt, aus der das tötende Dogma verbannt ist" - rühmte sie der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Ein weiteres Lebensthema Sölles war "Gottes Vorliebe für die Armen". Sie galt als eine der führenden europäischen Befreiungstheologinnen. Vor zehn Jahren, am 27. April 2003, starb die "moderne Mystikerin".

Sölle galt als eine der führenden europäischen Befreiungstheologinnen

Zeitlebens hatte sie auch eine Abneigung gegen die vor allem von Männern geprägte Kreuzestheologie. Sölle und andere feministische Theologinnen sehen im Kruzifix ein Symbol für männliche Brutalität und Todesverherrlichung. "Gott wird in die Schuhe geschoben, auf Blut zu stehen", schrieb Sölle. Es ist aber nicht Gott, der dafür sorgt, dass gefoltert wird, wie Sölle betont. Gott habe vielmehr eine besondere Vorliebe für die Benachteiligten. Das Kreuz symbolisiere zweierlei: das Leiden der Schwachen und die Option Gottes für die Ärmsten.

Bei einem heftig umstrittenen ökumenischen Abendmahl am Rande des 94. Deutschen Katholikentags im Jahr 2000 in Hamburg erklärte sie in ihrer Predigt, die Kirchentrennungen des 16. Jahrhunderts dürften heute nicht mehr gelten. Die Christen sehnten sich zunehmend nach sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ihres Glaubens. Die konfessionellen Unterschiede interessierten nur noch wenige Gläubige.

Dorothee Sölle wird am 30. September 1929 in Köln als das vierte von fünf Kindern des Ehepaares Hildegard und Hans Carl Nipperdey geboren. Das akademisch-großbürgerliche Elternhaus, ihr Vater ist Juraprofessor und erster Präsident des Bundesarbeitsgerichts, fördert die geistigen Begabungen der jungen Dorothee. Ab 1949 studiert sie Philosophie und klassische Philologie, 1951 wechselt sie zur Theologie und belegt auch das Fach Germanistik. 1954 promoviert sie im Fach Literaturwissenschaften und macht ihr Staatsexamen in Theologie.

Engagement für die Themen Frieden, Frauen und Ökologie

Ihre erste Ehe mit dem Maler Dietrich Sölle, in der drei Kinder geboren werden, dauert nur zehn Jahre. Bis Ende der 60er Jahre arbeitet sie als Gymnasiallehrerin, freie Journalistin, Universitätsassistentin, Studienrätin. 1965 erscheint ihr Buch "Stellvertretung". Besonders ihr Nachdenken über eine "Theologie nach dem Tode Gottes" darin ist heftig umstritten. Seit den 60er Jahren engagiert sie sich vor allem auf evangelischen Kirchentagen für die Politischen Nachtgebete rund um die Themen Frieden, Frauen, Ökologie sowie die Kluft zwischen Reich und Arm.

Sie entwickelt eine Theologie, in der sie für eine schöpferische Zusammenarbeit von Gott und Mensch wirbt. 1969 heiratet sie Fulbert Steffensky, aus dieser Beziehung geht Tochter Mirjam hervor. Steffensky lebte 13 Jahre als Benediktinermönch im Kloster Maria Laach, bevor er zum Protestantismus konvertierte. Er gehört heute zu den profiliertesten religiösen Autoren im deutschsprachigen Raum.

Dorothee Sölle war ihrer eigenen Kirche gegenüber stets überaus kritisch, lebte aber - so berichten Zeitzeugen - eine sehr innerliche protestantische Frömmigkeit. So weiß man von ihrer Liebe zum evangelischen Gesangbuch. Dennoch wurde der weltbekannten, hochbegabten und habilitierten Frau ein ordentlicher Lehrstuhl zeitlebens verweigert. Sie erhielt lediglich einen Lehrauftrag in Mainz und eine Gastprofessur in Kassel, 1994 dann eine Ehrenprofessur an der Universität Hamburg. Ansonsten lehrte sie Systematische Theologie in den USA in New York.

"Mit ihren radikalen Theologien - der Theologie nach Auschwitz, der Gott-ist-tot-Theologie, der Politischen, der Befreiungs-, der Feministischen Theologie, mit ihrer Dekonstruktion eines männlichen Herrschergottes, 'der alles so herrlich regieret' - war sie ihrer Kirche ein Dorn im Auge", bilanziert die Theologin Johanna Jäger-Sommer.

Theologin Jäger-Sommer: Dorothee Sölle war "ihrer Kirche ein Dorn im Auge"

In ihren letzten Lebensjahren widmete sich Sölle verstärkt dem Thema Mystik: "Die Religion des dritten Jahrtausends wird mystisch sein oder absterben", heißt es in einem ihrer Bücher. Am 27. April 2003 erlag sie in Göppingen völlig unerwartet den Folgen eines Herzanfalls. Am Vortag hatte sie noch einen Vortrag gehalten.

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Termin:

Der Film „Mystik und Widerstand – Dorothee Sölle”: von Rüdiger Sünner, wird am Sonnabend, 13. April, um 17 Uhr im Rudolf Steiner Haus (Mittelweg 11) in Hamburg gezeigt. 

Im Anschluss gibt es eine Diskussion mit Pastor Thomas Hirsch-Hüffel (Gottesdienstinstitut), Bärbel Wartenberg-Potter, Bischöfin i.R., Theologe Jörg Ewertowski, Frank Hörtreiter und Filmemacher Rüdiger Sünner.

Die DVD „Mystik und Widerstand – Dorothee Sölle”, Laufzeit: 70 Minuten Extra, Preis: 14,90 Euro kann unter www.absolutmedien.de bestellt werden.

Mehr über den Filmemacher im Internet unter: www.ruedigersuenner.de

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