Diskussionsveranstaltung zu den Folgen des IS-Terrors

Nadia Murad: „Was meinem Volk geschieht, ist ein Genozid“

Vortrag von Nadia Murad, UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden des Menschenhandels im Landeshaus in Kiel. Veranstalter Bischofskanzlei Schleswig, Frauenwerk der Nordkirche, Christian Jensen Kolleg, Evangelische Akademie, Parlamentarische Gesellschaft Schleswig-Holstein
Vortrag von Nadia Murad, UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden des Menschenhandels im Landeshaus in Kiel. Veranstalter Bischofskanzlei Schleswig, Frauenwerk der Nordkirche, Christian Jensen Kolleg, Evangelische Akademie, Parlamentarische Gesellschaft Schleswig-Holstein© Marie-Elisabeth Most-Werbeck

23. Februar 2017 von Marie-Elisabeth Most-Werbeck

Kiel. „Ich bitte Sie, die Menschen in Schleswig-Holstein, die Kirchen, die Politiker und die Zivilgesellschaft, an unserer Seite zu sein und Gerechtigkeit einzufordern, um den IS zur Rechenschaft zu ziehen für seine Verbrechen gegen alle unschuldigen Menschen!“ Mit diesen Worten appellierte heute (23. Februar) Nadia Murad, UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden des Menschenhandels, bei einer Diskussionsveranstaltung im Landeshaus in Kiel an die westliche Gesellschaft, den Genozid an der yezidischen Bevölkerung nicht ungestraft zu lassen.

Gemeinsam mit der Parlamentarischen Gesellschaft Schleswig-Holstein hatten für die Nordkirche die Bischofskanzlei Schleswig, das Frauenwerk, das Christian Jensen Kolleg und die Evangelische Akademie zu diesem Abend eingeladen. Es gehe, so Bischof Gothart Magaard in seiner Begrüßung, um das Selbstverständnis in Kirche und Gesellschaft „im Angesicht des entfesselten Terrorismus in Syrien und in so vielen anderen Ländern unserer Welt“.

Landtagspräsident Schlie: Herausforderungen für die Zeit nach Ende des IS-Terrors

Der Vortrag von Nadia Murad verweise bereits heute auf die gewaltigen Herausforderungen für die Zeit nach dem Ende der islamistischen Herrschaft, wenn es darum gehe, das Zusammenleben von Sunniten, Schiiten, Yeziden und Christen im Irak und in Syrien wieder auf eine friedliche Grundlage zu stellen. Darauf machte Landtagspräsident Klaus Schlie in seinem Grußwort aufmerksam. Und an Nadia Murad gewandt: „Mit Ihrer Arbeit zeigen Sie außerordentlichen Mut und große Zivilcourage.“

In ihrer Einführung erklärte die Leiterin des Frauenwerks der Nordkirche, Pastorin Ulrike Koertge, Nadia Murat zeige, dass ‚Macht‘ im wortwörtlichen Sinn dort entstehe, wo etwas geschieht, „wo Ohnmacht überwunden, Sprache zum Protest wird und Menschen ins Handeln gedrängt werden.“ Nadia Murad lasse sich nicht zum Opfer machen, spreche selbst von sich als Überlebender und lenke damit den Blick vom Passivum zum Aktivum.

Nadia Murad dankte den Veranstaltern: „Sie alle waren die treibende Kraft, um zu handeln.“ Mit der Organisation der Konferenz werde deutlich, „dass Sie weiterhin Ihre Stimme erheben und handeln werden“.

Nadia Murad: Fehlende psychologische und humanitäre Hilfe für IS-Opfer

Interviews und Videos von IS-Kämpfern bewiesen, „dies ist ein Genozid an meinem Volk, weil wir einen anderen Glauben haben. Yeziden haben niemals anderen Gruppen geschadet“, so Murad, doch der IS habe einen Genozid verübt. „Dieser Völkermord geschah und geschieht im Töten tausender Männer, in der Entführung und Versklavung tausender yezidischer Frauen, im gewaltsamen Raub von Kindern und jungen Männern, die einer Gehirnwäsche unterzogen werden.“

Für die mehr als 2.000 IS-Überlebenden in den Zeltlagern in Kurdistan-Irak gebe es keine ausreichende psychologische und humanitäre Hilfe. „Ich setze mich ein für die Einrichtung einer Sicherheitszone für Yeziden, Christen und andere religiöse Minderheiten im Irak und in Syrien, so dass mein Volk und auch andere über ihre Zukunft selbst bestimmen können“, sagte die UN-Sonderbotschafterin. Dies sei der einzige Weg, damit die schutzbedürftigen Minderheiten an ihren Orten leben können. „Wenn sich mein Volk nicht sicher fühlen kann, wird Versöhnung in der gegenwärtigen Situation nicht möglich sein.“ Deutschland kenne die Schrecken eines Völkermordes und sollte seine Stärke nutzen, um so etwas nie wieder zuzulassen.

Nadia Murad forderte in ihrem Vortrag, den Völkermord als solchen anzuerkennen, damit ein System für Ermittlungen und Verurteilungen errichtet werden könne – sowohl international wie auch lokal. Es gebe zahlreiche Überlebende wie sie selbst, die bereit seien, vor einem Gericht gegen den IS auszusagen. Massengräber und eindeutige Videos bewiesen die Gräueltaten. Insbesondere die religiösen Autoritäten rief Nadia Murad auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und eine größere Rolle in der Extremismusprävention einzunehmen. „Lassen Sie nicht Religion zum Schleier für Unrecht werden – Religion kann niemals Grausamkeiten gegen Gottes Schöpfung rechtfertigen.“

Bundestagsabgeordneter Wadephul: Weckruf für die Völkergemeinschaft

In der anschließenden Diskussion erklärte der Bundestagsabgeordnete Dr. Johann Wadephul (CDU), nach Ruanda und Srebrenica sei der Genozid an den Yeziden der dritte Völkermord in der jüngeren Geschichte. „Das Leid dieser Menschen ist ein Weckruf für die Völkergemeinschaft, sich in Zukunft noch mehr für die Verhinderung dieser Verbrechen einzusetzen. Die Geschichte von Nadia Murad empfinde ich daher als Zeichen der Mahnung, wie auch der Zuversicht.“

Sylvia Wähling, Leiterin des Menschenrechtszentrums Cottbus e.V., machte deutlich, dass es nicht erst eine Lösung durch die internationale Gemeinschaft geben müsse: „Wir könnten helfen mit Patenschaften oder auch Partnerschaften vermitteln zwischen Städten in Deutschland, in denen viele Christen und Yeziden aus der Ninive-Ebene und dem Shingalgebirge leben und den Orten ihrer alten Heimat. Sie können eine Vermittlerrolle zwischen den Deutschen und ihren Landsleuten im Irak übernehmen.“

Eine Ächtung und effizientere Verfolgung von geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe forderte auch die Kölner Journalistin Martina Sabra. „Frauen sollten bei sicherheitspolitischen Themen und in den entsprechenden Gremien stärker präsent sein und mehr Mitsprache haben."

Oberkirchenrätin a.D. der EKD, Cornelia Coenen-Marx, forderte die Kirchen auf, sich gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, aber auch Religionsgemeinschaften für einen respekt- und würdevollen Umgang mit den „anderen“ einzusetzen. „Dazu gehören auch Rechtsprechung und Sanktionen. Menschenwürde braucht aktiven Schutz und einen Raum der Sicherheit.“

 

Hintergrund:

Die Yezidin Murad wurde am 3. August 2014 von der terroristisch agierenden islamisch-fundamentalistischen Miliz Islamischer Staat (IS) aus ihrem Heimatdorf Kocho (in Sindschar, Irak) entführt und geriet für circa drei Monate in Mossul in Gefangenschaft. Während dieser Zeit wurde sie versklavt, vergewaltigt und gefoltert. Murad gelang von Mossul aus die Flucht mit Hilfe einer muslimischen Familie in ein Flüchtlingslager im kurdischen Grenzgebiet nahe Dohuk. Im März 2015 erfuhr sie in dem Lager von einem Programm in Baden-Württemberg, das etwa 1.000 traumatisierten Frauen und Kindern aus dem Nordirak helfen sollte. Murad meldete sich und ihre Schwester dazu an. Bei dem Überfall auf ihr Dorf durch IS-Terroristen verlor sie ihre Mutter und sechs Brüder. Insgesamt starben 18 Mitglieder ihrer Familie durch den IS. Nadia Murad kämpft seit Ende ihrer Gefangenschaft und ihrer Flucht nach Deutschland für die Anerkennung des Völkermordes an den Yeziden und die Befreiung weiterer yezidischer Gefangener aus der Gewalt der Terrormiliz Islamischer Staat.

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