Geschlechtergerechtigkeit

Nele Bastian: „Wir sollten anerkennen, dass wir vor Gott alle gleich sind”

 „Wir sind alle gut, so, wie wir jeweils sind”, sagt Nele Bastian. Sie ist seit 2019 Beauftragte für Geschlechtergerechtigkeit in der Nordkirche.
„Wir sind alle gut, so, wie wir jeweils sind”, sagt Nele Bastian. Sie ist seit 2019 Beauftragte für Geschlechtergerechtigkeit in der Nordkirche. © Privat

24. Februar 2022 von Janina Schmidt

Schon als Kind eckte Nele Bastian mit gängigen Geschlechterstereotypen an. Heute ist sie überzeugt, dass diese Rollenbilder gesellschaftlich gemacht und veränderbar sind. Als Beauftragte für Geschlechtergerechtigkeit in der Nordkirche wirkt sie daran mit. Nun stehen der Landessynode "richtungsweisende Beschlüsse" bevor, die auch Menschen zwischen den Geschlechtern aktiv ins Kirchenleben einbeziehen sollen, sagt sie.

Für Nele Bastian wird die Landessynode der Nordkirche (24. bis 26. Februar 2022) besonders spannend. Denn bei ihr werden die Synodalen über zwei Beschlussvorlagen diskutieren, die einen weiteren, großen Schritt Richtung Geschlechtergerechtigkeit bedeuten könnten. Doch warum brennt sie eigentlich für dieses Thema? Und was hat das mit ihrem Glauben zu tun? Wir haben sie im Interview gefragt. 

Ihr berufliches Leben bezog sich bisher konstant auf das Thema Gleichstellung – ob nun an Universitäten, beim Verein Frauennetzwerk zur Arbeitssituation oder bei Ihrer jetzigen Tätigkeit in der Nordkirche. Warum ist das Thema für Sie so wichtig?

Nele Bastian: Mein berufliches Leben begann mit einer Ausbildung zur Tischlerin. Während dieser Zeit hatte ich die Erkenntnis, dass Diskriminierung und Entwürdigung nicht nur in der Handlung einzelner Individuen geschehen, sondern Themen der Gesellschaft sind. Das hat mich interessiert.

Ich habe dann Soziologie, Ethnologie, Erziehungs- und Politikwissenschaften studiert und verstanden, dass Geschlecht gesellschaftlich gemacht ist. Das bedeutet auch, dass Stereotypen und Rollenbilder veränderbar sind. Dazu möchte ich einen konkreten Beitrag leisten.

Zur Person

Nele Bastian
Nele Bastian© Privat

Nele Bastian ist in einem Dorf im Kreis Pinneberg aufgewachsen. Sie absolvierte ein freiwilliges ökologisches Jahr und machte dann eine Lehre zur Tischlerin. Anschließend studierte sie Soziologie, Ethnologie sowie Erziehungs- und Politikwissenschaft. Zunächst war Bastian vier Jahre lang Gleichstellungsbeauftragte an den Universitäten Vechta und Lüneburg. Danach arbeitete sie als Beraterin und Bildungsreferentin im Verein Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V.

Seit 2019 ist Bastian Beauftragte für Geschlechtergerechtigkeit in der Nordkirche. Sie lebt in Hamburg.

Haben Sie auch in der Kirche persönlich die Erfahrung gemacht, aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert zu werden?

Beruflich habe ich seit meinem Amtsantritt 2019 mit der Kirche zu tun. Meine Erfahrungen beziehen sich eher auf meine Jugendzeit. Ich wurde mit zehn auf eigenen Wunsch getauft, später konfirmiert. Ich war im Jugendtreff und im Kirchenchor. Da gab es schon Situationen, in denen ich mich als Mädchen stereotyp angesprochen gefühlt habe. Es gab Aktivitäten, die für Jungen und für Mädchen gedacht waren. Mädchen machten eher etwas Ruhiges, wie basteln oder Kekse backen. Die Jungen reparierten was oder machten Gartenarbeit.

Mein Interesse für die „Jungenangebote“ wurde stets mit der Frage begleitet, ob ich nicht doch lieber Kekse backen möchte. Im Chor mussten alle Mädchen Röcke tragen – ich auch. Obwohl ein Rock nicht das Kleidungsstück meiner Wahl war.

Die Bibel ist ja nun eine uralte Schrift. Lässt sich der Glaube mit so zeitgemäßen Ansprüchen an Geschlechtergerechtigkeit überhaupt vereinen?

Oh ja, in vielerlei Hinsicht. Mich selbst begleitet besonders, dass ich mir sicher sein kann, dass ich von Gott gewollt bin, so, wie ich da bin. Dass ich angenommen bin, trägt mich seit meiner Jugend. Wenn ich als defizitär beurteilt wurde, weil ich einem Geschlechtsstereotyp nicht entsprach, dann hat mir der Glaube gesagt: Es kann nicht falsch sein, was Du bist. Es ist einfach nicht möglich, dass du etwas nicht darfst, nur weil Du ein Mädchen bist.

Wir sind alle gut, so, wie wir jeweils sind. Ich freue mich darüber, in der Nordkirche zur Verwicklung der Geschlechtergerechtigkeit beitragen zu dürfen. Die gesellschaftlich gewordenen Stereotypisierungen und Rollenbilder zu Geschlecht müssen wir verändern.

Wie steht die Nordkirche aus Ihrer Sicht denn heute da beim Thema Gleichstellung?

Die Nordkirche hat vieles erreicht. Sie bekennt sich ausdrücklich zu einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter. Für sie ist das eine Querschnittsaufgabe. Das heißt, dieses Thema soll bei allen kirchenpolitischen Entscheidungen mitgedacht werden. Deswegen hat sie 2013 das Gesetz zur Verwirklichung der Geschlechtergerechtigkeit auf den Weg gebracht. Darin steht unter anderem, dass kirchliche Gremien möglichst paritätisch besetzt werden sollen. Auch ist hier die Stelle der Beauftragten für Geschlechtergerechtigkeit beschrieben und damit fest verankert.  

Hat das Gesetz genützt? Was hat sich seither verbessert?

Messbar ist so ein Wandel unter anderem in Zahlen. Wir haben einen positiven Trend zum Frauenanteil in den führenden Gremien. In der Landessynode und in den Kirchenkreis-Synoden zum Beispiel hatten wir 2013 noch einen Frauenanteil von je 35 Prozent. 2020 waren es 42 Prozent in der Landessynode und sogar 47 Prozent in den Kirchenkreissynoden. 

Im Verwaltungsorgan, in den acht leitenden Dezernaten der Nordkirche, haben wir sogar ein paritätisches Verhältnis erreicht: Von acht Führungspositionen sind hier vier von Frauen besetzt. Damit hat die Nordkirche einen höheren Schnitt erreicht als  andere Landeskirchen.

Die höchsten Leitungsämter sind bei uns mit Frauen besetzt: Ulrike Hillmann ist Präses der Landessynode, Kristina Kühnbaum-Schmidt ist Landesbischöfin.

Allerdings haben wir unter den ehrenamtlich Tätigen einen Frauenanteil von zwei Dritteln. Da sich das noch nicht nach oben durchzieht, wissen wir, dass da noch viele weibliche Talente schlummern. Übrigens ist auch der Anteil an Pastorinnen stark gestiegen. Sie machen inzwischen knapp 47 Prozent aus.

Stichwort Pastorinnen: Wie familienfreundlich ist denn der Pastorenberuf? Ist die Zeit des klassischen Dorfpastors  als omnipräsente Figur abgelaufen?

Das pastorale Bild verändert sich. Das ist Teil der Veränderung, die Kirche heute erlebt. Solche Veränderungen bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Schmerz- und Hoffnungspunkten.

Die klassische Figur des allgegenwärtigen Pastors mit einer Frau im Hintergrund, die ihm den Rücken freihält, gibt es immer weniger. Insbesondere weil immer mehr Frauen beruflich tätig sind, unter anderem eben auch als Pastorinnen. Wir müssen der Frage begegnen, wie wir mit Vielfalt im Pfarramt und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie umgehen.

Was hat sich in der kirchlichen Jugendarbeit getan, wo gerade Sie ihre einschlägigen Erfahrungen gemacht haben?

Das Thema „Diversity“ wird gerade in der Jugendarbeit stark berücksichtigt. Da geht es um Geschlechteridentität, aber auch um andere Themen, die Diskriminierung begründen können, wie zum Beispiel Herkunft. Hier erlebe ich aufgeschlossene Leitende, die in ihrer Jugendarbeit die Auseinandersetzung zu diesem Themenbereich konstruktiv befördern.

Bei der Landessynode im Februar werden nun wieder zwei Beschlussvorschläge diskutiert. Worum geht es da?

Im Kern geht es darum, die Gleichstellung nicht nur auf die zwei Geschlechter Mann und Frau zu beziehen, sondern auch Menschen zwischen den binären Geschlechtern ganz deutlich mit anzusprechen. Es soll also das Gesetz von 2013 noch einmal erweitert werden. Das ist für mich eine richtungsweisende Entscheidung.

Konkret heißt das, dass künftig der Begriff „Menschen jeden Geschlechts“ in das Gesetz eingeführt wird, also nicht mehr nur von Männern und Frauen die Rede ist.

Und zweitens soll der Willen noch einmal geschärft werden, dass die Verbindlichkeit der paritätischen Postenvergabe größer wird. Dass nicht mehr gesagt werden kann, es ging eben nicht. Dass eben mehr dafür getan wird, dass es eben doch geht.

Bedeutet das im Klartext eine Quoten-Regelung?

Praktisch ja, aber Menschen jenseits der weiblichen und männlichen Geschlechteridentitäten müssen mit berücksichtigt werden. Deswegen muss es so formuliert sein, dass klar ist, dass Menschen jeden Geschlechts teilhaben können. Zugleich ist stark auf eine ausgeglichene Besetzung zwischen Frauen und Männern zu achten.

Glauben Sie, dass die Vorlagen von der Synode übernommen werden?

Ich bin optimistisch. Die Vorlagen sind gut vorbereitet. Das Ergebnis kenne ich noch nicht. Aber ich hoffe sehr darauf. Ich halte es für die Zukunft unserer Kirche für essentiell. Wir sollten anerkennen, dass wir vor Gott alle gleich sind.

Was müsste erreicht sein, damit der Posten einer Gleichstellungsbeauftragten getrost wieder abgeschafft werden kann?

Noch sind wir weit entfernt davon, dass solche Ämter obsolet werden. Die patriarchale Prägung ist tief verankert. Trotz vieler Fortschritte bewegen wir uns immer noch innerhalb eines patriarchalen Rahmens. Zentral ist für mich, dass wir uns als Gesamtorganisation als Lernende verstehen und im Tun und im Dialog gemeinsam mehr echte Gleichstellung erlernen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bastian.

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