7. Juni 2018 | Jenisch Haus Hamburg

Gemeinsames Unterwegssein 'Kultur und Kirche'

07. Juni 2018 von Kirsten Fehrs

Kulturworkshop, Herausforderungen und neue gemeinsame Wege in der Kultur

Ich danke herzlich für die Gastfreundschaft hier im Jenisch Haus und freue mich, dass so viele den Weg hierher gefunden haben. Kürzlich begegnete ich jemandem, und er ist glücklicherweise auch hier, der sagte: „Ich komme ja gern zu eurem Kulturworkshop. Aber warum eigentlich?“ Schön auf den Punkt gebracht, dachte ich.

Denn natürlich ist dieser Workshop ein Experiment. Eine Begegnung zwischen Menschen, die in Kirche und/oder Kultur unterwegs sind, buchstäblich unterwegs; denn wir sind immer wieder in Bewegung begriffen, per se, sonst wären wir nicht. Weder Kultur noch Kirche.

Willkommen zu ein paar Stunden gemeinsamem Unterwegsseins. Ich freue mich, dass Sie sich haben locken lassen; sicherlich einerseits, weil es immer von Wert ist, mit Kulturakteuren in dieser Stadt in den Dialog zu treten. Ahnend andererseits, dass wahrscheinlich am Ende der Veranstaltung kein Konzeptpapier steht, sondern Dynamik. Entstanden aus Neugier und Andersartigkeit, aus dem Dialog zwischen Kultur und Kirche, Religiösem und Nichtreligiösem, Fremdheit und Annäherung. Ich freue mich darauf!

Wie ist es zu diesem Workshop gekommen? Die Genese dazu weist schon die Richtung, in die es gehen könnte. Ausgangspunkte waren Reform und Reformation, nicht das Reformationsjubiläum, das haben wir ja schon gefeiert, sondern, nach vorne gedacht, Rückwandlung zum Eigentlichen oder auch Wandel zum Guten und Besseren. Angesichts einer Welt, die immer stärker von Abschottung und Nationalismus geprägt ist, ist es aus meiner Sicht unbedingt notwendig, gemeinsam den unideologischen, Vertrauen eröffnenden Raum der Freiheit auszumessen.

So haben wir in Vorbereitung auf das Jahr 2017 schon Jahre zuvor angefangen, mit Menschen aus Kultur, Politik, Medien, Zivilgesellschaft und Kirchen ein Netzwerk aufzubauen, das über die Jahre hin als sogenannter „Sprengelbeirat Reformationsjubiläum“ jede Menge Ideen zur Umsetzung gebracht hat. Als Ziel kristallisierte sich im Prozess heraus, mit unseren kulturellen Angeboten gerade nicht vor allem binnenkirchlich zu agieren, sondern in die Gesellschaft hinein, um ein sehr kulturinteressiertes, meist kirchenkritisches und -fernes Publikum anzusprechen. Warum nicht? An der Grenze entsteht Erkenntnis.

So haben sich z. B. junge Menschen der HipHop Academy Hamburg mit der Bedeutung von Luther für die heutige Zeit auseinandergesetzt („Von Luther zu Martin Luther King“). Daraus ist die Performance Luther-On-Stage entstanden. Die Jugendbühne des Ernst-Deutsch-Theaters hat sich mit Foucault und Luther befasst und ein Theaterstück kreiert. In Kooperation mit den Deichtorhallen zeigten wir die Bill-Viola-Ausstellung „Installationen“; mitsamt Gottesdienst in der Deichtor-Kathedrale war das ein aufregendes Experiment.

Dann gab es natürlich die „Martinstage“ – cross over par excellence. Martinus, Erasmus und viele andere erwarteten die Interessierten an unerwarteten Orten.

In der Grundbuchhalle des Landgerichts wurde der Reichstag zu Worms verhandelt und die Frage nach Gesinnungs- und Verantwortungsethik gestellt. Natürlich wollten und mussten wir zudem zu Luthers Antijudaismus Stellung beziehen. Die Bedeutung der Massenmedien unter der Überschrift „Vom Flugblatt zum Shitstorm“ fand in der Bucerius Law School statt; Schauspieler wie Charly Hübner, Mechthild Großmann und Burghart Klaußner haben Texte zu Luther gelesen; die Autorinnen Svenja Flaßpöhler und Sibylle Lewitscharoff haben sich zu Themen wie Verantwortung und Schuld geäußert; Frido und Christine Mann erstaunten im Nachtasyl, der Theaterbar des Thalia-Theaters durch brillante Gedanken zu Transzendenz und Quantenphysik. Die Inszenierung von religiös-existentiellen Themen an ungewohnten, nicht kirchlichen Orten hat ein Publikum angesprochen, das zwar durchaus religiös interessiert ist, sich aber häufig in Distanz zur Institution Kirche sieht. Charly Hübner beispielsweise sagt, dass er zwar SED-sozialisiert, daher institutionell nicht ansprechbar sei, auch nicht von Kirche, aber, ich zitiere: „Auf Luther habe ich Lust!“

Lust und Freiraum für Experimente, Kritik, Diskurs und Inspiration. Die Quintessenz ist: Wenn wir rausgehen aus dem Ummauerten, wird es gut und neu; es entsteht Geistes-Gegenwart. Für uns in der Kirche ist die Herausforderung, dem Geist, der – so heißt es im Johannesevangelium – „weht, wo er will“, auch wirklich eine Chance zu geben, dass er uns durcheinander bringt, aufwühlt, infrage stellt und zugleich stabilisiert. Religion gibt eben auch Kraft zu leben und schafft Resilienz.

Mir geht die Erfahrung der letzten Jahre nach, wie doch Kultur und Kirche letztlich ähnliche Themen bearbeiten: das Humanum, wir Menschen in der Welt, unser Anfang und unser Ende, Höhen und Tiefen in unserem Leben, die Lust auf Leben, das Wissen um Leid, auch solidarisches Handeln und sich selbst zu riskieren, um füreinander einzutreten. Das Überraschende in der Zusammenarbeit von Kultur und Kirche war und ist die Offenheit für den Geist, der zwischen uns ist – Inter-esse an Begegnung, im Blick auch auf die Herausforderung, dass alte Sicherheiten trügen und sich aufzulösen scheinen. Erkannt habe ich, dass das, was uns einen kann, die Weigerung von Resignation und Rückzug ist, die Lust auf Gestaltung von Zukunft und damit auch der Aufbruch aus alten Sicherheiten: Reformation eben. Wir kommen – re-formatio – zurück zum Eigentlichen, zur Frage nach dem erfüllten Leben, das ausnahmslos jedem Menschen zusteht.

Als gemeinsame Bewegung von Kultur und Kirche heißt das, nicht nur auf der Bühne zu stehen, nicht zuallererst von sich zu geben, sondern aufzuhorchen, auch auf sich selbst und die Frage zu stellen: Wo findest du den Grund, für den du lebst? Was baut dich auf? Was leitet dich, Frau, und dich, Mann? Will etwas neu geboren werden?

Für mich ist die Religion genau dieser Impuls. Sie fragt nach dem, was uns trägt, aber auch nach dem, was uns treibt, inmitten unzähliger gesellschaftlicher Dynamiken, digital und global. Während wir darin mäandern, kann es passieren, dass wir komplett positiv überrascht werden von dieser Lebensfülle, etwa durch eine Idee, die einfach gut ist, auch wenn sie nicht von mir selbst kommt. Wir können die Erfahrung machen, berührt zu werden von Musik, von einer Skulptur, von der Farbe und vom leidenschaftlichen Wort, weil wir uns einlassen, faszinieren lassen vom anderen im anderen.

Das wiederum setzt voraus, was reformatorischer Grundimpuls ist, als Gegenüber zum anderen Ich zu sagen. Die Entdeckung des Ich ist der Impuls zur Veränderung, zu erkennen, dass ich Subjekt bin, nicht mehr Objekt. Ich bin so frei, selbst zu denken, selbst zu handeln, zu würdigen und zu lieben, Mauern einzureißen und alles, was eng macht. Die Entdeckung des Ich ist die Energie jeglicher Reform.

Das betraf auch die mittelalterliche Kirche, mit all den blutleeren, schwer verständlichen Formeln, eine Institution mit starren Regeln. Man fragte damals schon – und meint auch heute: Was haben diese erstarrten Traditionen mit mir zu tun? Wie soll dies meine Trauer erreichen und meine ganz persönlichen Ängste lösen? Luthers alte Frage nach dem gnädigen Gott kommt mir aktuell allerorten entgegen. Die Jugendlichen beispielsweise fragen durch HipHop: Wie werde ich ein Mensch, der Mut beweist? Der Künstler fragt: Wo bleibt das Verständnis dafür, dass ich anders glaube – oder gar nicht? Foucault stellt die Frage, wer Heimatrecht gibt in diesem Land. Viele stellen sich die Sterbensfrage: Was geschieht mit mir, die ich nicht weiß, wie es ist, wenn es so weit ist? Und schließlich die Frage der umwälzenden Transformation unserer Zeit: Wo bleibt der Mensch in der digitalen Welt mit ihrer eigentümlichen Körperlosigkeit?

Es sind dies die Fragen der Christen und Nichtchristen unserer Zeit, die wir gemeinsam in einer säkularen Welt leben, mit dem inneren Impetus „Ich stehe hier …“ – und möchte es anders! Auf Luther in seiner ganzen Ich-Stärke, mit der er sich kritisch in große Distanz zur eigenen Institution begeben hat, hat man ja nicht umsonst Lust; das ist sehr modern. Denn ob in Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften, Museen, anderen Kulturräumen oder klassischen Medien, die Institution erreicht die Menschen offenbar immer weniger.

Mein Plädoyer hingegen ist, dass unsere Gesellschaft Institutionen braucht, damit sich das Recht des Stärkeren nicht durchsetzt. Schon Luther wusste um die Gefahr des entfesselten Ich, das zu einem riesigen Ego zu werden droht. Selbst in seinen wüstesten Polemiken hat er deshalb niemals die Abschaffung von Kirche, Kunst und Kulturleben gefordert – Reformation, nicht Revolution.

So könnten wir doch den Tag der Reformation auch zukünftig dazu nutzen, um uns nicht allein als Kirche, sondern in allen anderen Institutionen gemeinsam zu fragen: Wie müssen wir uns verändern, um den Menschen nahe zu bleiben? Ein Tag der Reformation, der nicht nur kirchlich, sondern gesamtgesellschaftlich das Neue sucht, mit lauter starken Ichs, die ernsthaft, gelassen, umfassend, kulturell aufgeschlossen, erfreut, aufmerksam, lächelnd, selbstkritisch, ernüchtert, detailgenau, streitbar und xenophil sind. Ichs, die ein neues Wir bilden.

Ich fände das eine aufregende Perspektive, gern auch schon heute und hier, wünsche uns dynamische Begegnungen und danke Ihnen.

Datum
07.06.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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