3. Oktober 2020 | Grenzdokumentationsstätte Schlutup

Nicht nur die Grenzen, auch die Herzen offen halten

03. Oktober 2020 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zum 30. Tag der Deutschen Einheit, Predigt zu Lukas 17,11-19

Liebe Gemeinde zu Schlutup,
es ist für mich etwas sehr Besonderes, an diesem historischen Ort zu stehen und mit Ihnen Gottesdienst zu feiern! Wir blicken zurück, wir denken zurück, wir feiern 30 Jahre deutsche Einheit. 3. Oktober 1990 – ein Tag, an dem Träume wahr wurden. In Ost und West. Für mich, die ich 1961 knapp vier Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer geboren wurde und aufgewachsen bin mit dem Schmerz einer geteilten Familie und eines geteilten Landes, war es ein Wunder.

Und wieviel mehr noch wurden Träume wahr für sie, die 1989 um ihre Freiheit mit Kerzen, Gebeten und Gesängen gekämpft haben. Eine friedliche Revolution, die ausging von den Kirchen in Leipzig aber auch Stralsund, Rostock und Schwerin. Wer würde sich nicht erinnern an die bewegenden Bilder dieser Zeit? Wie damals am 9. November ‘89 die Menschen einander in die Arme fielen, wie die Trabis an der Grenze mit Jubel begrüßt wurden – lauter Zweitakter, man roch buchstäblich die neue Freiheit.

Endlich überwunden diese schmerzhafte Grenze, die genau hier verlief, wo jetzt glücklicherweise die Grenzdokumentationsstätte die Erinnerung wachhält an all die Tränen, die Menschen geweint haben, weil sie auseinandergerissen worden sind. Erinnerung auch an diejenigen, die ihr Leben verloren haben, weil sie die Grenze, diese unmenschliche Beschneidung ihrer Freiheit nicht akzeptieren wollten.
Was mag Ihnen, die so viele Menschen haben mit ihren Hoffnungen buchstäblich untergehen sehen, was mag Ihnen hier in Schlutup damals durch Kopf und Herz gegangen sein, als immer mehr Menschen aufbegehrten in diesem heißen Herbst ‘89?! Wir waren doch alle zwischen Hoffen und Bangen, oder? Es stand auf Messers Schneide. Was etwa, wenn dem erstaunlich unsortierten Günter Schabowski auf der Pressekonferenz nicht das alles umstürzende Wort „unverzüglich“ herausgerutscht wäre? Oder am 9. Oktober ‘89 in Leipzig: Was, wenn auch nur einer in die Menge der 70.000 Demonstranten hinein geschossen hätte? Doch kein Schuss fällt. Stattdessen brennen Kerzen in friedlichen Fäusten von Christen und Nichtchristen, Akademikern und Arbeitern, Alten und Jungen. Sie rufen: Wir sind das Volk! Und: Keine Gewalt! Sie glauben daran. Und die Mauer fällt.

Was für eine Geschichte. So treffend genannt: die friedliche Revolution. Und nichts weniger als ein Wunder. Ich war und bin überzeugt: Gott war mitten unter ihnen, die sich ein Herz gefasst hatten. Unter ihnen, die sich nicht mehr mit brutaler Stasigewalt und den Demütigungen abfinden wollten, sondern aufstehen, immer klarer. Mutiger. Mit Geduld und Ungeduld.
Es war das Wunder, dass wieder zusammenwachsen konnte, was zusammengehört. So hatte es Willy Brandt in seiner berührenden Rede formuliert. Die vorher „drüben“ waren, ausgeschlossen von so vielen Möglichkeiten und eingesperrt in einen totalitären Staat, sie konnten jetzt teilnehmen auch am westlichen Leben mit all seinem Reichtum und seiner Freiheit. Freiheit ist die einzige die zählt! Sicher, da war vielleicht nicht alles ganz so perfekt und paradiesisch, wie man vorher dachte, aber immerhin: Alle gehörten dazu. Alle waren frei. Niemand war mehr ausgesperrt.

Und ich stelle mir die zehn Kranken aus der biblischen Wundergeschichte vor. Aussätzig waren sie, das hieß damals: Ausgesperrt. In Quarantäne für immer. Sie durften die Ortschaften nicht betreten. Nicht bloß hinter einer lästigen Maske versteckt und am Feiern gehindert, sondern wirklich komplett vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen hinter einer unsichtbaren Infektionsschutzmauer, die ihnen alles genommen hat. Auch ihr Selbstwertgefühl.

Und dann reißt Jesus diese Grenze, diese unbarmherzige Mauer einfach ein. Zeigt euch!, sagt er zu den Kranken. Geht zum Priester und lasst euch bestätigen, dass ihr wieder dazugehört. Und allein dieses sein Wort setzt – unverzüglich! – die Leidenden ins Menschenrecht. Und sie gingen, und es wuchs zusammen, was zusammengehörte. Nicht nur sie selbst waren jetzt wieder gesund, sondern es ist auch etwas heil geworden in der Gesellschaft damals. Nun gehörten sie wieder zusammen, konnten sich gemeinsam neue Ziele stecken – dort im Grenzland von Samarien. Jesus hatte sie auf den Weg geschickt. Mit neuer Freiheit, mit neuen Möglichkeiten, neuen Träumen.
Vom Wunder der neuen Einheit bewegt – jene dort in Samarien und wir hier in Deutschland. So feierten wir doch überaus dankbar den 3. Oktober 1990?! Verbunden mit so viel Hoffnungen und Zielen! Und dies ja nicht allein in Deutschland. Denn dieser elende Riss auch durch Europa und durch die ganze Welt schien endlich heilbar zu sein. Frieden lag in der Luft. Weltfrieden gar. Und Gerechtigkeit und Wohlstand. Die Landschaften sollten blühen.

Wir wissen alle, es setzte über die Jahre hin Ernüchterung ein. Man spürte und spürt die Enttäuschung vieler, gerade mit ihrer Ostbiographie nicht genügend gesehen und gewürdigt worden zu sein. Auch deshalb war es mir ein Herzensanliegen, den Apfelbaum hier nebenan am Reformationstag 2013 als Hoffnungsbaum zu pflanzen; gemeinsam mit vielen Kindern der Einheit, mit Konfirmanden, der Stadtpräsidentin, Frau Schatz natürlich und Pastor Schäfer. Inzwischen ist das Bäumchen deutlich größer geworden und hat sogar schon zwei Äpfel hervorgebracht! Und man erinnert unwillkürlich ein Luther zugesprochenes Wort: „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Der Apfelbaum als Hoffnungssymbol; er zeugt von der unerschütterlichen Sehnsucht der Menschen, dass diese Welt eine gesündere werde. Achtsamer. Gerechter. Auch um dieser Hoffnung willen muss uns heute beschäftigen, was nicht stimmt: Dass Löhne in Ost und West immer noch ungleich sind, dass ganze Landstriche inzwischen ausdünnen, dass die politischen Tonlagen mitunter so unterschiedlich sind in Ost und West. Es braucht Hoffnungszeichen für neuen Zusammenhalt, liebe Geschwister, gerade in diesen Zeiten. Es braucht Hoffnungsmenschen, die in Freundschaft aufeinander zugehen, immer wieder.

Auch deshalb ja kommen wir immer wieder hierher, Freunde, an diesen Ort und zu diesem Baum. Um zu feiern und uns zu erinnern an die Begeisterung und die glücklichsten Momente unseres Landes. Wir kommen zurück an den Ort grenzenloser Freude, an den Ort der Heilung nach zwei furchtbaren Gewaltherrschaften, die Deutschland im 20. Jahrhundert nicht nur erlitten, sondern leider auch verantwortet hat. Wir feiern heute hier, weil wir auf diesen wunderbaren Neuanfang vor 30 Jahren immer wieder zurückkommen wollen.
So wie der eine Geheilte aus der Geschichte, der umdreht und zurückgeht zu Jesus. Auch er geht dahin zurück, wo er gesund geworden ist. Mit diesem Ort in seinem Leben bleibt er innerlich verbunden. Und bedankt sich, und zwar nicht aus purer Höflichkeit, sondern weil er zutiefst begreift, was für eine heilvolle Wendung sein Leben genommen hat. „Steh auf und geh!“, sagt Jesus zu ihm. „Dein Glaube hat dir geholfen.“

Und so stehen auch wir auf – unser Glaube mag uns helfen – und feiern und danken Gott aus tiefstem Herzen. Danken für das Gute, das uns im Leben geschenkt ist – allemal doch meint Erntedank nicht nur den morgigen Tag! Wir erinnern, denken und danken, auch weil wir Rückenwind brauchen für all die Stimmen der Menschlichkeit und der Hoffnung. Um laut und klar aller Gewalt und Ausgrenzung zu widersprechen, aller Menschenfeindlichkeit heute. Denn wir sehen, dass so viele Menschen ertrinken, die sich ins Leben flüchten wol
len. Nicht mehr hier in der Ostsee, aber eben in viel zu großer Zahl im Mittelmeer. Wir sehen, wie Staaten wieder Grenzen schließen. Wie die Arme, die 2015 so weit und freundlich geöffnet waren, wieder verschränkt werden. Zu viele machen sich wieder stark für Ausgrenzung und Abgrenzung.

Stehen wir dagegen auf, liebe Geschwister! Das Wunder von 1989 und 1990 mahnt, nicht nur die Grenzen, sondern auch die Herzen offen zu halten. Und die Augen für all die Menschen, die von uns gesehen werden wollen. Es gibt sie ja gerade jetzt in der Corona-Zeit: die vielen helfenden Hände, unermüdlichen Füße und weiten Herzen. Das ist Deutschland! Ein Land, das sich seiner glücklichsten Momente bewusst bleibt. Ich wünsche mir und meinem Land, dass es diese Menschenfreundlichkeit weiter ausstrahlt im Herzen Europas. Auf dass es wirklich blühe im Glanze seines Glückes.

Voller Friede, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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