28. August 2018 | Christuskirche Hamburg

Nur wo die Liebe wohnt, wohnt auch Gott

28. August 2018 von Kirsten Fehrs

Predigt zu 3. Mose 19, 17-18, Gottesdienst für die LehrerInnen Hamburgs 2018

Liebe Schwester und Brüder,

unsere Welt ist voll von interessanten und ungewöhnlichen Dingen. Wenn wir allein die Hafencity nehmen; zweimal haben wir ja schon Gottesdienst gefeiert. Hypermoderne Hochhäuser, in der Sonne glänzend die Elphi. Dahinter die Elbe, ein sagenhafter Blick auf Containerschiffe – und die AIDA. Wandere ich weiter Richtung Altstadt, sehe ich die St. Petri-Kirche, uralter hanseatischer Backstein, ein Kirchturm mit der Kupferspitze. Toller Kontrast gerade bei blauem Himmel! Dann die Mönckebergstraße, jede Menge Schaufenster mit Kleidern, Brillen, Schmuck… HVV-Busse, erdgasbetrieben, einer nach dem anderen. Der kleine Hund pest gerade noch rechtzeitig über die Straße. Oft denke ich: Malerin müsste man sein, oder Fotografin, es gibt buchstäblich so viel Merk-Würdiges in unserer Stadt zu sehen.-

Und wenn man dann am Zeitungskiosk die Titelbilder der Illustrierten und Zeitungen anschaut, was sieht man? Menschen!. Alte Menschen, vor allem aber junge, Männer, vor allem aber auch Frauen, berühmte Menschen, unbekannte Menschen. Sie werden keine Illustrierte finden, die keinen Menschen auf dem Titel hat. Vielleicht mal ein Tier, aber das ist schon selten. Und Werbung, die gibt es gar nicht ohne Menschen und ohne Gesichter. Denn der Mensch sieht am liebsten - andere Menschen! Nichts ist so geeignet, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln wie ein anderer Mensch. Was sind die berühmtesten Kunstwerke? Keine Bilder von Bäumen oder Bauwerken. Sondern die Mona Lisa, die Nofretete, der Mann mit dem Goldhelm, der Schrei.

Man könnte das als anthropozentrisch verurteilen, als total narzisstisch. Eine Gattung, die in sich selbst verliebt ist. Spötter könnten sagen: Selbst euer Gott ist Mensch geworden, um eure Aufmerksamkeit zu erlangen. Und doch zeichnet uns genau das aus, und ich möchte keinesfalls darauf verzichten: Wir lassen uns durch andere Menschen anregen und aufregen und bewegen. Warum? Die Antwort finden wir in unserem Predigttext. Der beginnt ja erst einmal sehr mahnend:

Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst“, so übersetzt es Luther. Und weiter: Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Der Theologe Martin Buber hat dies – dem Hebräischen Denken nahe – ganz anders übersetzt: „Du sollst deinen Nächsten lieben, denn er ist dir gleich.“ Und er erklärt das so: Das, woran hier gerührt wird, ist die Ebenbildlichkeit. Also der tiefe Glaube daran, dass der andere Mensch von seiner Grundverfassung her von Gott genauso geschaffen wurde wie ich: Genauso bedürftig, genauso empfindsam, genauso mit guten wie mit schlechten Eigenschaften begabt. Mal klug und freundlich, mal dämlich und unbeherrscht.

Er ist wie ich. Sie ist wie ich. Ich bin wie du bist. Deswegen suchen wir – einander. Suchen danach, von einem anderen gesehen, und mehr noch: „erkannt“ zu werden. So gesehen geht es um Liebe. Liebe, die wir brauchen wie die Luft zum Atmen. Und Liebe, die wir deshalb anderen geben, dass sie leben. Kein Mensch überlebt ohne Zuneigung, zumindest Resonanz durch einen anderen.

„Hier im Gefängnis Silivri bin ich in einer Einzelzelle untergebracht“, schrieb der Journalist Denis Yücel in der dritten Woche seiner Gefangenschaft. „Das ist sehr verstörend. Ich werde gut behandelt. Aber das Alleinsein ist schon fast eine Art Folter.“ Erst nach 290 Tagen wurde er in eine andere Zelle verlegt, hatte wieder einen Zellennachbarn. Endlich wieder reden. „So wurde ich zur größten Laberbacke wo gibt im türkischen Knast“, sagte er später selbstironisch. Ein anderer Mensch. Eine andere Stimme, ein Gesicht, ein Ohr, das zuhört. Ein Lächeln am Tag. Ein Atmen in der Nacht.

Ein Mensch wie ich. Ebenbild Gottes und darum auch mein Ebenbild.

Der afrikanische Künstler Chidi Kwubiri hat diese Ebenbildlichkeit gemalt, in dem kleinen Kunstwerk, das Sie an Ihrem Platz gefunden haben. Es war das Motiv der Misereor-Kampagne im vergangenen Jahr, aber es wirkt auch jenseits dieses Kontextes, finde ich.

Zwei Menschen, die sich gegenüberstehen, fast spiegelbildlich ineinander übergehen, und doch zwei verschiedene Personen. „Ich bin, weil du bist“, heißt das Werk. Es verweist auf unsere gegenseitigen Abhängigkeiten. Arm an Arm. Und der Künstler sekundiert: Das Grün steht für die Natur, die Schöpfung, das Geschöpf. Das Gold verweist auf das Göttliche, den Schöpfer.

Und beide sind auf Augenhöhe, der berühmten. Wie empfinden Sie den Blick? Er ist ja einerseits sehr ernst. Ist es Zuneigung? Oder gar Liebe? In jedem Fall ist es tiefer Respekt. Getragen im Bewusstein, dass der andere seine eigene Würde hat. Die Grenze des weißen Balkens bleibt. Ich kann nicht einfach über den anderen, über die andere verfügen. Grenzen haben auch etwas Schützendes, wenn man sich begegnen will.

Und ich zitiere wieder Martin Buber: „In seinem Sein bestätigt will der Mensch durch den Menschen werden und will im Sein des anderen eine Gegenwarthaben. … Aus dem Gattungsreich der Natur ins Wagnis der einsamen Kategorie geschickt, von einem mitgeborenen Chaos umwittert, schaut der Mensch heimlich und scheu nach einem Ja des Seindürfens aus, das ihm nur von menschlicher Person zu menschlicher Person werden kann. Einander reichen die Menschen das Himmelsbrot des Selbstseins."

Einander das Himmelsbrot reichen. So wie es die beiden auf unserem Bild sinnbildlich tun, ohne dass das Brot zu sehen wäre. Das Himmelsbrot des Selbstseins steht für Herzensnahrung. Liebesstärkung. Denn: All you need is love,- so haben schon die Beatles den Lebenspuls Gottes besungen. Alles, was du brauchst, ist Liebe. Sie befreit zu Sinn und Sinnlichkeit, sie sucht immer wieder neuen Anfang, umarmt auch, was uns ängstigt. Der Mensch vergeht ohne Zärtlichkeit und ohne den Blick der Anerkennung. Der Mensch vergeht, wenn er nicht lieben darf. „Du sollst nicht hassen in deinem Herzen.“

Einander das Himmelsbrot reichen. Ganz konkret. Ich erinnere mich an das vergangene Jahr 2017. G20 – was für eine Zeit! Ich stand während dieser Tage bis in die Nacht hinein im Kontakt zu drei Kirchengemeinden, die mitten in den betroffenen Stadtvierteln lagen. Darunter die St. Pauli-Kirche. Sie hatte ein Zeichen gesetzt, „Ich und du“ ganz konkret umgesetzt. Sie hielt nämlich mitten in all dem Unheil und all der Angst ihren Kirchgarten offen. Jeden Abend lud sie Nachbarn, Demonstranten und Polizisten gemeinsam an einen Tisch. Essen, trinken, einander halten, auch aushalten, beten, segnen. Sich in die Augen sehen, den Menschen sehen und einmal nicht die Funktion. „Danke für die tolle Gastfreundschaft“, schrieb später ein Hundertschaftsführer der Bereitschaftspolizei an den Pastor. An der Kirche übrigens hatte die Gemeinde ein Banner aufgehängt: „Welcome to Heaven“.

Sich in die Augen schauen - auch um sich selbst zu begegnen. Wenn das schon bei fremden Menschen so ist, wieviel mehr dann bei denen, die wir täglich um uns haben. Dem Partner, der Partnerin sowieso, und der Familie. Aber auch bei den Kolleginnen und Kollegen, und natürlich bei den Schülerinnen und Schülern. Ja, ist das Liebe? Vielleicht so: Man wächst aneinander. „Ich könnte diesen kleinen Macker….grrr.“ „Soll doch diese Zicke dahin gehen, wo der Pfeffer wächst“ – das sind Gefühle, die Sie vermutlich aus dem Unterrichtsalltag kennen. Wenn die Pubertät sich gnadenlos Bahn bricht. „Eigentlich müsste man ihnen allen ein Schild auf die Stirn kleben: Wegen Umbau geschlossen“, seufzte vor einiger Zeit ein Lehrer. Aber dann gibt es doch diese rührenden Momente: Wo die Chaos-Klasse heimlich gesammelt hat für ein Geschenk zum Geburtstag. Oder wo der notorische Störer Ihnen nach einer überraschend friedlichen Stunde sagt: „Super, bei Ihnen habe ich das endlich gecheckt mit den Dativ...“

Und ehrlich: Man vermisst gerade die anstrengenden Schüler dann ja manchmal doch, wenn sie abgehen - einfach weil sie so sehr das eigene Denken und Fühlen bestimmt haben.

Du sollst keinen Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volkes – es gelingt nicht immer, aber manchmal doch wie von selbst. Weil wir aus Liebe und zur Liebe geschaffen sind. Und weil wir selbst merken, wie schwer Lieblosigkeit auszuhalten und auch aufzuhalten ist. In unserem Europa zum Beispiel, gerade jetzt. Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer, die verloren sind, wenn es keine Seenotrettung gibt – unsere Humanität geht mit unter, liebe Geschwister, wenn wir hier nicht lautstark Protest anmelden (am 2. September 14:30 bei der Seebrücke-Demo)! Auch weil wir wissen: Gott verstummt in einer Gesellschaft der Lieblosigkeit. Deshalb: retten wir die Liebe. Ubi caritas. Nur wo die Liebe wohnt, wohnt auch Gott.

Ich wünsche Ihnen in diesem Schuljahr, dass Sie diese Kraft erfahren, die Liebe und den Frieden, der größer ist als alle unsere Vernunft.
Amen.

 

Datum
28.08.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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