23. Oktober 2022 | Hl. Dreieinigkeitskirche, Hamburg St. Georg

Gottesdienst zur Ordination im Sprengel Hamburg und Lübeck

23. Oktober 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Markus 2, 1-12

Senkrecht von oben, liebe Festgemeinde, liebe Ordinand:innen, ich fange steil an, aber bessere mich. Versprochen. Senkrecht von oben kommt das Wunder in die Welt. Senkrecht von oben, das ist ja, Sie erinnern sich, das Kernstück der Offenbarungstheologie des berühmten Theologen Karl Barth. Senkrecht von oben, sagt er, kommt Gott als Mensch, als Jesus Christus, in unser Leben. Um sich uns in aller Hingabe zuzuwenden. Wir von uns aus als Menschen können hingegen nicht zu Gott zu kommen und ihn uns erschließen.

Und nun dieses Evangelium. Da ist es genau umgekehrt! Ein gelähmter Mensch bewegt sich senkrecht von oben, um Jesus da unten zu begegnen und Trost, ja, Heilung zu erfahren. Genauer: Er wird bewegt. Vier Freunde sind die Beweger. Damit da unten, wo Jesus dicht umringt ist von den Neugierigen, damit unten die Welt gesünder wird. Dafür buddeln die Vier hartnäckig, drängeln sich durch. Wollen dorthin, wo sie für ihren Freund Gutes erhoffen. Sie glauben – auch der Hoffnung. Sie glauben, senkrecht von oben. Vier Freunde für ein Halleluja!

Sie sind mehr als vier Freunde, mindestens fünfzehn Freund:innen waren es auf der Ordinationsrüs-tzeit. Und elf davon darf ich nun in meinem Sprengel erleben! Das macht mich ehrlich dankbar. Denn Freund:innen der Hoffnung braucht es in allen Zeiten, an allen Orten, jetzt. Freund:innen, die einfach nicht aufgeben, auch wenn es aussichtlos scheint. Die sich nicht abweisen lassen.

So war es für mich auch bewegend zu erleben, wie wichtig Ihnen selbst diese Freundschaft untereinander ist. Als Glaubensgeschwister, die so viele Erfahrungen mitbringen und Gottes- und Menschenliebe, von oben bis unten, in sich tragen. Die mit Hoffnung genährt all den Teamern, Täuflingen, Brautpaaren, den Suchenden, Fluchenden und Geflüchteten Segen mitgeben wollen und sagen, auch mit denkbar neuen Formen: Los jetzt! Stärken wir uns gegenseitig in kritischer Zeit.

So wie Sie es ja auch untereinander getan haben. Sie haben einander in manch lähmender Situation getragen, gerade in den vergangenen Monaten. Denn unsere Kirche hat für dieses eigentlich ermutigende „Los jetzt!“ nicht immer eingängige Ausdrucksformen, fanden Sie. Obwohl man der Fairness halber sagen muss, dass sich viele auch sehr angestrengt haben. Deswegen ist mir das heute so wichtig, klar zu sagen: Wir sind gemeinsam mit dem Dezernat und den Pröpst:innen von Herzen froh, dass Sie da sind. Dass Sie Verantwortung übernehmen wollen in unserer Hoffnungsgemeinschaft, die für diese Gesellschaft trotz aller Kritik dennoch so wichtig ist. Und ja, Sie steigen uns als Kirche so manches Mal aufs Dach – kritisch, aber ja auch in dem Wunsch, dass sich etwas öffnet, dass die Weite Luft bekommt und manch Enge durchdringt.

Und ich sag Ihnen, da war das vielleicht eng, in Kapernaum! Ich bin da ja mal morgens vom Bergpredigtberg aus hingejoggt. Das ist alles nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Und dieses Haus, von dem im Evangelium die Rede ist – das sind nur zwei Zimmer. Zwei Zimmer mit Dach. Wie viele mögen sich da reingequetscht haben? 50 Leute, oder 80? Puh! Und dann nachmittags, 40 Grad im Schatten, im Haus ist es unendlich stickig. Gedränge, Schweiß, verbrauchte Luft.

Wer weiß, ob nicht viele aufgeatmet haben, als da jemand durchs Dach kam: frische Luft, Licht, ein sanfter Luftzug. Endlich! Endlich freie Sicht senkrecht nach oben. Da ist solch ein Dachschaden doch glatt ein Segen. Ohne Dachschaden jedenfalls wäre an diesem Tag in Kapernaum nichts passiert; der Gelähmte hätte weiter sein tristes Dasein gefristet – und alle, die von dieser Begebenheit angerührt worden sind, müssten ohne diesen Anstoß für ihr Leben auskommen. Wie gut, dass es Freunde gibt, die auch mal einen Dachschaden riskieren!

Riskieren sage ich, denn ohne Dach fühlt sich‘s erst einmal nicht gut an. Das berühmte „Dach über dem Kopf” steht ja auch für Sicherheit und Geborgenheit. Und zwar ein dichtes Dach – ohne Loch und Lücke. Ohne dass es hereinregnet und man der Kälte ausgesetzt ist. Gerade jetzt. Wo sich die Sorgen so häufen. Vor Kälte auch sozialer Art. Hier in St. Georg wisst ihr so manches Lied zu singen mit Suppengruppe, Tafel und Streetworkern, was es heißt, dass Hamburg inzwischen die höchste Obdachlosigkeit bundesweit aufweist. Ihr wisst, was es heißt, wenn Menschen um Würde ringen und um Flaschen, die sie verzweifelt sammeln. Sie prägen das Bild nicht nur in der Innenstadt. Armut die man sieht, so ganz ohne Dach. Noch nicht mal mit einem Boden unter den Füßen.

Aber auch im übertragenen Sinn wünsche ich mir doch, dass das Dach meines Lebenshauses „wasserdicht“ ist. Deshalb ja ist es so wichtig, das hat mir natürlich eingeleuchtet, liebe Ordinand:innen, dass man ein Pastorat hat, in dem man wirklich wohnen und Heimat finden kann. Deshalb macht es durchaus viele froh, verbeamtet zu werden und unkündbar zu sein. Deshalb ist es so wichtig, zuverlässige Freund:innen an der Seite zu wissen. Deshalb ist es ein Geschenk, zu lieben und geliebt zu werden – so viele sind hier, die dies dankbar erleben. Und deshalb ist so ein dichtes Dach wahrhaf-tig ein Segen.

Allein – in dieser säkularen Welt, deren Teil wir ja wohlgemerkt alle sind, scheint mir das Dach doch enorm dicht, hermetisch fast, ohne Fenster und Aussicht nach oben. Gebaut aus Erkenntnis und Forschung und Naturgesetzen und Logik. Abgedichtet jedenfalls gegen alles Unglaubliche, Unerklärliche und gegen alles, was senkrecht von oben kommt. Nach dem Motto: Was ich mir nicht erklären kann, kann und darf es auch nicht geben. Wer anderes behauptet, der hat einen „Dachschaden”.

Dass ich zum Beispiel als Christenmensch wirklich glaube, hier unten in diesem Erdenspiel könnte sich etwas zum Besseren wenden, darum sind wir auf der Welt mit Jesu Auftrag! Dass ich glaube, da könnten Wunder geschehen, ein Gelähmter gesund werden. Das ist dann wohl ein Dachschaden bei mir. Dass ich glaube, Jesus berührt nicht nur ihn, sondern auch uns heute. Und ja, ganz besonders heikel, Jesus vergibt Sünden. Um von Last – welche immer das sei – zu erlösen. Wir haben es ja bei der Ordinationsrüstzeit im Beichtgottesdienst auch erlebt, oder? Und dass ich wirklich glaube, zugunsten eines anderen Menschen in den Konflikt zu gehen, ist richtig. So wie Jesus es in unserer Geschichte tut.

Um dann nämlich zu den Gelähmten dieser Zeit zu sagen: Steh auf, los, steh auf, und geh, dein Weg ist noch weit. Dass ich all das hoffe und glaube – nicht ganz dicht, die Bischöfin, respektive Ordinand:innen. Von denen ich doch ganz Ähnliches gehört habe ...

Doch: Nicht ganz dicht, liebe Geschwister, so ist‘s doch heute längst auf ganz andere Weise. So unsicher. Krieg, Krise, Not. Der Brandanschlag in Wismar, ukrainische Geflüchtete nun ohne Dach. Was geht bloß in diesen Brandstiftern unserer Zeit vor? Da liegt so vieles unverstanden auf der Seele, auch auf der Seele unseres Landes. Es regnet ziemlich herein im Moment – so viele Sorgen und Friedlosigkeit. Ja, die Hoffnung braucht Mut. Und sie braucht mehr als vier Freund:innen, die glauben.

So also, liebe Ordinand:innen, haben Sie den Mut zum offenen Dach – oder zumindest zum offenen Dachfenster in ihrem Arbeiten und Leben. Damit senkrecht von oben das Licht Gottes und die Weite des Himmels Ihr Herz für Wunder offenhält. Hier unten. Damit Sie eben wirklich keinen verloren ge-ben in den Stürmen dieser Zeit – gemeinsam übrigens mit den anderen Konfessionen und Religionen in Stadt und Land.

Und ja, steigt eurer Kirche aufs Dach, um den Himmel immer wieder neu auf die Erde zu bringen. Korn, das in der Erde die Liebe zum Wachsen bringt. Von ganz unten. Und dann, wenn du abends im Gebet und in Gedanken den Tag bedenkst und nach oben durch dein offenes Dachfenster blickst, zu den Sternen, die dich erinnern, dass dein Schöpfer das alles geordnet hat. Da mögest du dich geborgen fühlen, weil du doch weißt, dass Gott selbst dein Dach ist.

Gehen Sie behütet in die Zukunft. Es ist ein wunderbares Amt, das auf Sie wartet. Amen.

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