Ordination im Sprengel Hamburg und Lübeck
29. Mai 2026
Predigt zu Matthäus 6,5-14
Liebe Festgemeinde,
es gibt Momente im Leben, da seufzt man auf – fast wie ein kleines Stoßgebet. Dazu muss man gar nicht besonders fromm sein. Aber wenn einem bang ist oder man sich diebisch freut, dann kommt es über die Lippen, ein „Himmel hilf!“ oder ein „Gott sei Dank!“ Ich weiß nicht, was Ihnen beim Betreten der Kirche heute so durchs Herz gegangen ist. Als Menschen, die mit Jonas Soltau und Laura Wettke verbunden sind und ihren langen Weg hierher mit Liebe und Aufmerksamkeit, vielleicht auch mancher Sorge begleitet haben? Als Menschen, die aus ehemaligen und künftigen Gemeinden gekommen sind, um diesen besonderen Tag mitzufeiern?
Als Ordinandin und Ordinand, die Sie heute im Mittelpunkt des Geschehens stehen? An diesem Tag, auf den Sie so lange hingearbeitet haben?
Ich könnte mir vorstellen, da war in Ihnen beiden ein bisschen von beidem. Ein „Himmel hilf“, weil doch alles auch sehr aufregend ist und viel. Examen. Umzug (aus Japan!). Stellenantritt. Ordination. Uff … Ein „Gott sei Dank“, weil es nun endlich so weit ist. Auf der Ordinationsrüstzeit sind wir Ihrem Weg bis zum heutigen Tag ein wenig nachgegangen und da war spürbar: Die Zeit ist reif, es soll jetzt das Neue endlich anfangen! Sie möchten durchstarten. Los geht‘s. Heute werden Sie Pastorin und Pastor. Großartig. Deshalb sind wir alle hier! Um uns mitzufreuen.
Und um zu danken. Denn stellvertretend für unsere Kirche kann ich heute ganz und gar uneingeschränkt beten: „Gott sei Dank!“ Dass Sie da sind, dass Sie sich für diesen Beruf und die Nordkirche, die schönste Landeskirche, entschieden haben. Sie beide sind ein Geschenk! Und wir sind sehr froh, dass es eben nicht „genug“ damit war, Lehrerin zu werden oder Tourguide bei einer Brauerei.
Ich halte es übrigens für eine großartige Fügung, dass Sie heute am Sonntag Rogate ordiniert werden, was heißt „Betet!“. Denn ja, Ihre Jobbeschreibung schließt das mit ein: Sie werden neben einer großen Fülle an anderen Tätigkeiten auch fürs Beten bezahlt. Was für eine ausgesprochen gute Berufswahl, kann ich da nur sagen. Denn was ist das für ein lebensfreundlicher und lebenswichtiger Schatz, den Sie da hauptberuflich hüten und pflegen dürfen! Und das nicht nur privat, sondern in aller Öffentlichkeit.
Wobei das natürlich auch eine Herausforderung ist, ohne Zweifel. Denn es gibt wenig Themen, über die so selten gesprochen wird, wie über das Beten. Oder wann haben Sie, liebe Geschwister, das letzte Mal mit jemanden darüber geplaudert, ob, wann und wie Sie beten? Auf der Ordinationsrüstzeit war es zu zweit möglich, mit jemandem Vertrautes. Das füreinander – und miteinander beten hat uns berührt. Aber übers Beten reden? Och nö. Beten ist jenseits von Gottesdiensten eher privat. Intim. Nichts, was man an die große Glocke hängt. Diese Zurückhaltung geht übrigens schon auf Jesus zurück, wie hörten es eben. „Wenn du betest, geh in dein Zimmer und schließ die Tür.“ Ist auch dienlich, weil es zum Beten Ruhe braucht. Das Chaos aus Gedanken und Gefühlen lässt sich gerade in Zeiten wie diesen nur in der Stille klären. Zuhause oder in der Kirche. Heilung und Trost – alles möglich. Was für ein Geschenk in unserer wunden, aufgewühlten Welt. Eine Kraftquelle im Alltag mit all den vielen Krisen, den Kriegen, der Gewalt, der Armut und Verzweiflung.
Eine Kraftquelle im Alltag auch mit all dem Geplapper und Schlechtgerede und Miesmachen. „,Darum‘, sagt Jesus, ,sollt ihr so beten: Vater unser im Himmel …‘“. Und dann folgen nur 56 Worte. Inmitten der vorbeirauschenden Wortflut der Vielsager und Lautsprecher ist dieses Gebet ein Wunderwerk an Konzentration. Sieben Bitten, in denen alles gesagt ist, was wir fürs Leben brauchen: das tägliche Brot für Leib und Seele, Vergebung und Versöhnung, um frei aufzuatmen, Bewahrung vor dem Bösen in uns und um uns herum, Vertrauen und Frieden, klar, und der Himmel mit seiner Ewigkeit.
Ein Gebet für alle Fälle, wenn die Nerven flattern und Krisen einen schütteln, das Vaterunser bleibt. Im Alltag. Beim Ordinieren. Am Altar. Ein Gebet, das inwendig verankert ist und nicht nur auswendig gelernt. Ich jedenfalls war sehr froh, dass es mir zur Verfügung stand, als mir die Worte fehlten. Besonders am Sterbebett meiner 90-jährigen, großartigen Mutter – an die ich heute denke, am Muttertag.
Vater, Mutter unser – dieses alte Gebet enthält universal gültige Lebensweisheit. Weswegen dieses Gebet Menschen auf der ganzen Welt verbindet, auch uns hier in Europa, zum Beispiel mit unseren Geschwistern aus der anglikanischen Kirche, über deren (geistliche) Präsenz ich mich heute sehr freue! „Our Father“ verbindet auch uns – über den Kanal und den Brexit hinweg.
Und: Es ist ein jüdisches Gebet, das – christlich geworden – an unseren spirituellen Wurzelgrund erinnert und darin an die Verbundenheit mit unseren abrahamitischen Brüdern und Schwestern, ein feines Gegengift gegen jede Art von antijüdischen, antisemitischen und antimuslimischen Anwandlungen und Hetzereien. Heute besonders zu betonen im Andenken an Margot Friedländer, die gestern vor einem Jahr starb – und stets mahnte: Seid, bleibt Mensch!
Dieses Vaterunser, dieses Gebet des Menschseins wird Sie beide ein Berufsleben lang begleiten. Ein Schatz, der Sie stärkt und hält, der Ihnen vieles möglich macht. Denn, wie der Theologe Albert Schweitzer richtig sagt: „Gebete ändern die Welt nicht. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen verändern die Welt.“ Und Sie wollen die Welt, oder zumindest die Kirche, verändern. Passt! Beten heißt eben gerade nicht, lebensabgewandt im Kämmerlein zu bleiben, sondern sich hinauszudenken ins Leben. Das Leben in die Arme zu schließen und mit wachem Blick und hörendem Herz wahrzunehmen, wo wir gebraucht werden, ja herausgerufen sind, Verantwortung zu übernehmen. Wer betet findet sich nicht ab mit der Welt, wie sie ist.
Nicht abfinden, sondern besser machen, Neues suchen, Veränderung anpacken – das strahlen Sie aus. Ein bisschen Respekt haben Sie auch, es sind ja große Räume, die Sie mitgestalten werden, komplexe Strukturen, klar. Und trotzdem: Ran an die vielen neuen Arbeitsfelder! Sie werden die Kirche von morgen, die ganz anders sein wird, gestalten. Sie werden neue Wege gehen und vieles bewegen. Action! – Actio und gerade deswegen immer wieder auch: Contemplatio. Innehalten. Beten. Denn unsere Kräfte sind endlich, sie müssen immer neue Nahrung bekommen. Seelenbrot. Deshalb: Rogate! Betet!
Denn die Verführung ist ja allemal, genau dafür nie Zeit zu haben. Logo, es ist ja alles allerallerhöchste Zeit. Die Kirche muss umgebaut werden. Auch damit sie weiter und möglichst flächendeckend in unserer Gesellschaft all dem Hass und der Gewalt, dem Misstrauen und der Zerstörung entgegentritt! Die Mitglieder entschwinden. Die KI übernimmt. Der Küster ist krank. Der Größenwahn und die Zerstörungslust der Tyrannen unserer Tage schreien zum Himmel. Die neue Webseite will freigeschaltet werden, das Konfi-Camp muss organisiert oder die nächste KGR-Sitzung vorbereitet werden. Ach ja, und die Solaranlage für die Klimaneutralität muss auch noch gebaut werden. Und die „Tafel“ braucht neue Regale …
Unser Leben ist so sehr vom Tun bestimmt. Davon, zu organisieren und zu strukturieren, zu operieren, zu kontrollieren, zu reformieren, zu transformieren und gegebenenfalls auf der Kanzel zu brillieren. Innovation und Exnovation, agil und flexibel, inklusiv und klimafreundlich.
Klar, wir wollen (und müssen) viel bewegen. Noch mal kurz die Welt retten und davor die 100.000 Mails checken. So läuft das. Nicht leicht in all dem, die Grenzen der Machbarkeit zu erkennen, die Ziele im Auge zu behalten und – ganz wichtig: Die Freude nicht zu verlieren!
Deshalb: Beten. Eine Zeit für die Verbindung mit Gott im Terminkalender frei lassen. Denn Gott ruft und beruft Sie nicht nur in Ihre neuen Aufgaben, sondern auch in seine Ruhe.
Und dann – in der Ruhe – gibt es diese Goldmomente, in denen plötzlich alles ganz klar wird und Gott mitten unter uns und in uns lebendig wird. Auf geheimnisvolle Weise ist er genau da, wo wir sind!
Gestern bei der Einführung des neuen Propstes in der erhabenen Marienkirche in Lübeck, inmitten der Stille im Fürbittgebet kicherten auf einmal in Reihe vier einige Kinder. Sie wissen, dieses vergnügte Glucksen, selbstvergessen, fröhlich, schelmisch, das einem sofort ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Da ist man ja ganz wehrlos vor Vergnügen. Und ich dachte – sehr schönes Gebet. Gott wird seine Freude haben, da in Reihe vier. Und die Erhabenheit bekommt Spiel!
Freude sei weiterhin in Ihnen, als Gesegnete, die Sie nun zum Segen werden. So dass Menschen das Lachen finden und den Trost. Dass sie hoffnungstrotzig vom Frieden erzählen und Verhältnisse zum Tanzen bringen. Und so gehen Sie los! Mit Gottes Kraft. Getrost. Unser Gebet begleitet Sie. Und Gott begleitet Sie mit seinem Frieden, höher als Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.