22. Sonntag nach Trinitatis, 1. November 2026 | St. Gertrud Kirche, Hamburg

Ordination im Sprengel Hamburg und Lübeck

01. November 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Markus 2

Senkrecht von oben, liebe Festgemeinde, liebe Ordinandinnen, ich fange steil an, aber bessere mich. Versprochen. Senkrecht von oben kommt das Wunder in die Welt. Senkrecht von oben, das ist ja, Sie erinnern sich, das Kernstück der Offenbarungstheologie des berühmten Theologen Karl Barth. Eben der aus Basel. Senkrecht von oben, sagt er, kommt Gott als Mensch, als Jesus Christus, in unser Leben. Um sich uns in aller Hingabe zuzuwenden. Wir von uns aus als Menschen können hingegen nicht zu Gott zu kommen und ihn uns erschließen in seinem Geheimnis.

Und nun dieses Evangelium. Da ist es genau umgekehrt! Ein gelähmter Mensch bewegt sich senkrecht von oben, um Jesus da unten zu begegnen und Trost, ja, Heilung zu erfahren. Genauer: Er wird bewegt. Vier Freunde sind die Beweger. Damit da unten, wo Jesus dicht umringt ist, von den Neugierigen, damit unten die Welt gesünder wird. Dafür buddeln die Vier hartnäckig, drängeln sich durch. Wollen dorthin, wo sie für ihren Freund Gutes erhoffen. Sie glauben – auch der Hoffnung. Sie glauben, senkrecht von oben. Vier für ein Halleluja!

Sie sind mehr als vier, mindestens dreizehn Freundinnen und Freunde waren es auf der Ordinationsrüstzeit. Und fünf davon darf ich nun in meinem Sprengel erleben! Das macht mich ehrlich dankbar. Denn Freundinnen der Hoffnung braucht es in diesen Zeiten, an allen Orten, jetzt. Freundinnen, die einfach nicht aufgeben, auch wenn es schwierig wird. Die sich nicht abweisen lassen. Die keinen verloren geben, wie es nachher im Ordinationsversprechen heißt.

So war es für mich auch bewegend zu erleben, wie wichtig Ihnen selbst diese Freundschaft untereinander ist. Als Glaubensgeschwister, die so viele Erfahrungen mitbringen und Gottes- und Menschenliebe, von oben bis unten, in sich tragen. Die mit Hoffnung genährt all den Teamern, Täuflingen, Brautpaaren, den Suchenden, Fluchenden und Geflüchteten Segen mitgeben wollen und sagen, auch mit denkbar neuen Formen: Los jetzt! Stärken wir uns gegenseitig in kritischer Zeit.

So wie Sie es ja auch untereinander getan haben. Sie haben einander in manch lähmender Situation getragen, gerade in den vergangenen Monaten. Denn unsere Kirche hat für dieses eigentlich ermutigende „Los jetzt!“ nicht immer eingängige Verfahren. Obwohl man der Fairness halber sagen muss, dass sich viele auch sehr angestrengt haben. Deswegen ist mir das heute so wichtig, klar zu sagen: Wir sind gemeinsam mit dem Personaldezernat und den Pröpstinnen und Pröpsten von Herzen froh, dass Sie da sind. Dass Sie Verantwortung übernehmen wollen in unserer Hoffnungsgemeinschaft, die für diese Gesellschaft so wichtig ist. Auch wenn wir kleiner werden und uns intensiv gerade verändern. Deshalb ist auch wichtig: Steigen Sie uns als Kirche gern mal aufs Dach – kritisch und geistreich, eben mit dem gemeinsamen Wunsch, dass sich etwas öffnet, dass die Weite Luft bekommt und manch Enge durchdringt.

Und ich sag Ihnen, da war das vielleicht eng, in Kapernaum! Ich bin da ja mal morgens vom Bergpredigtberg aus hingejoggt. Das ist alles nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Und dieses Haus, von dem im Evangelium die Rede ist – das sind nur zwei Zimmer. Zwei Zimmer mit Dach. Wie viele mögen sich da reingequetscht haben, um Jesus zu erleben, live und in Farbe? 50 Leute, oder 80? Puh! Und dann nachmittags, 40 Grad im Schatten, im Haus ist es unendlich stickig. Gedränge, Schweiß, verbrauchte Luft.

Wer weiß, ob nicht viele aufgeatmet haben, als da jemand durchs Dach kam: frische Luft, Licht, ein sanfter Luftzug. Endlich! Endlich freie Sicht – senkrecht nach oben. Da ist solch ein Dachschaden doch glatt ein Segen. Ohne Dachschaden jedenfalls wäre an diesem Tag in Kapernaum nichts passiert; der Gelähmte hätte weiter sein tristes Dasein gefristet – und alle, die von dieser Begebenheit angerührt worden sind, müssten ohne diesen Anstoß für ihr Leben auskommen. Wie gut, dass es Freunde gibt, die auch mal einen Dachschaden riskieren!

Riskieren sage ich, denn ohne Dach fühlt sich‘s generell zunächst nicht gut an. Das berühmte „Dach über dem Kopf” steht ja auch für Sicherheit und Geborgenheit. Und zwar ein dichtes Dach – ohne Loch und Lücke. Ohne dass es hereinregnet und man der Kälte ausgesetzt ist. Gerade jetzt. Wo sich die Sorgen so häufen. Vor Kälte auch sozialer Art. Hier in Hamburg mit seinen viel zu vielen Obdachlosen. Vor allem aber auch in all den Kriegsgebieten wie der Ukraine, wo so viele Menschen ihre Geborgenheit verloren haben oder bei jedem Angriff neu bangen müssen, ob es diesmal ihr Haus, ihr Dach treffen wird.

Das jeden Tag zu hören und zu sehen, macht doch verzagt und ohnmächtig. Umso dankbarer bin ich, wenn es Initiativen gibt, die der Ohnmacht einen Weg zeigen und sei es auch nur ein Weg der finanziellen Solidarität mit den Opfern dieses entsetzlichen Angriffskrieges, der nun in den fünften Winter geht. Wir haben in der Begrüßung gehört, für was die Ordinandinnen die Kollekte heute erbitten. Seien Sie großzügig mit denen, die um ihr Dach fürchten müssen.

Aber auch im übertragenen Sinn wünsche ich mir, dass das Dach des Lebenshauses „wasserdicht“ ist. Deshalb ja ist es erstens so wichtig, das hat mir natürlich eingeleuchtet, liebe Ordinandinnen, dass man ein Pastorat hat, in dem man wirklich wohnen und Heimat finden kann. Deshalb macht es zweitens durchaus viele froh, verbeamtet zu werden und unkündbar zu sein. Deshalb ist es drittens so wichtig, zuverlässige Kolleginnen an der Seite zu wissen. Deshalb schließlich ist es ein Geschenk, zu lieben und geliebt zu werden – so viele sind hier, die dies dankbar erleben. Ergo: Ein dichtes Dach ist wahrhaftig ein Segen.

Allein – in dieser säkularen Welt, deren Teil wir ja wohlgemerkt alle sind, scheint mir das Dach doch bisweilen zu dicht, hermetisch fast, ohne Fenster und Aussicht nach oben. Gebaut aus Erkenntnis und Forschung und Naturgesetzen und Logik. Abgedichtet jedenfalls gegen alles Unglaubliche, Unerklärliche, das Geheimnis des Lebens und gegen alles, was senkrecht von oben kommt. Nach dem Motto: Was ich mir nicht erklären kann, kann und darf es auch nicht geben. Wer anderes behauptet, der hat einen „Dachschaden”.

Dass ich zum Beispiel als Christenmensch wirklich glaube, hier unten in diesem Erdenspiel könnte sich etwas zum Besseren wenden, darum sind wir auf der Welt mit Jesu Auftrag! Dass ich glaube, da könnten Wunder geschehen, ein Gelähmter gesund werden. Das empfinden inzwischen Menschen wohl als Dachschaden. So what. Was schadet es, dass ich glaube, Jesus berührt nicht nur die Suchenden seiner Zeit, sondern auch uns heute. Und ja, ganz besonders heikel, Jesus vergibt Sünden. Um von Last – welche immer das sei – zu erlösen. Wir haben es ja bei der Ordinationsrüst-zeit im Beichtgottesdienst auch erlebt, oder? Wie entlastend es sein kann, zur eigenen Fehlbarkeit zu stehen – und dann angstfrei das Land der Zukunft zu betreten.

Um dort nämlich zu den Gelähmten dieser Zeit zu sagen: Steh auf, los, steh auf, und geh; dein Weg ist noch weit. Das ist unser Beruf, ja Berufung, liebe Ordinandinnen. Und also: Aufstehen, liebe Geschwister, gemeinsam, und Mutworte und -taten suchen, das braucht‘s jetzt auch, weil‘s auf ganz andere Weise nicht ganz dicht ist – das Leben. So unsicher. Nicht nur der Krieg in der Ukraine, auch der Nahe und der Mittlere Osten brennen, dazu die Klimakrise und die Wirtschaftsflaute, die Polarisierung in unserer Gesellschaft und die erschreckend vielen Stimmen für eine Partei, die von Menschenwürde und Gerechtigkeit für alle so wenig hält. Was geht bloß in diesen Brandstiftern unserer Zeit vor? Da liegt so vieles unverstanden auf der Seele, auch auf der Seele unseres Landes. Es regnet ziemlich herein im Moment – so viele Sorgen und Friedlosigkeit. Ja, die Hoffnung braucht Mut. Und sie braucht uns alle, gemeinsam mit den fünf Freundinnen, die der Hoffnung glauben.

So also, liebe Ordinandinnen, haben Sie den Mut zum offenen Dach – oder zumindest zum offenen Dachfenster in ihrem Arbeiten und Leben. Damit senkrecht von oben das Licht Gottes und die Weite des Himmels Ihre Herzen für Wunder offenhält. Hier unten. Damit Sie eben wirklich keinen verloren geben in den Stürmen dieser Zeit – gemeinsam übrigens mit den anderen Konfessionen und Religionen in Stadt und Land.

Und ja, steigt eurer Kirche bisweilen aufs Dach, um den Himmel immer wieder neu auf die Erde zu bringen. Damit Himmel und Erde sich berühren. Und dann, wenn du abends im Gebet und in Gedanken den Tag vorüberziehen lässt und nach oben durch dein offenes Dachfenster blickst, zu den Sternen, die dich erinnern, dass dein Schöpfer das alles geordnet hat. Da mögest du dich geborgen fühlen, weil du doch weißt, dass Gott selbst dein Dach ist. Gehen Sie behütet in die Zukunft. Es ist ein wunderschönes Amt, das auf Sie wartet. Amen.

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