21. April 2019 | Dom zum Lübeck

Ostern ist‘s! Licht! Freude! Musik!

21. April 2019 von Kirsten Fehrs

Ostern, Gottesdienst mit Predigt zu Johannes 20,11-18

Liebe Gemeinde!

Ostern ist‘s! Licht! Wein! Freude! Musik! Aufgeräumt wird mit den dunklen Schatten, auch in uns selbst. Also: Jauchzt, ihr Christen, seid vergnügt! Ungeheuer, Tiger, Drachen hat das starke Lamm besiegt! Sünde, Tod und Belial schließt den aufgesperrten Rachen! Christus‘ Sieg ist euer Fall.“[1]

Junge, Junge – wenn das keine Osterfanfare ist. Großartig. Auch großartig von Ihnen, liebe Solisten, dargebracht. Das müssen wir nüchternen Protestanten jetzt mal aushalten, diese üppige Lebensfreude, ja, gar Triumph, Ha! Was für ein Sieg! Jauchzen sollen wir, also los: Er ist auferstanden, Halleluja!

Gemeinde antwortet: Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!

Erstanden, erstanden, erstanden, erstanden – viermal in jeder Strophe eben haben wir‘s wiederholt. Und? Haben wir‘s schon begriffen, liebe Geschwister? Oder anders: Hat‘s uns schon ergriffen? Die feierleichte Stimmung und das Halleluja der Aufgeweckten? Denn, dass das klar ist: Heute ist ein Fest!

Die Frage: „Tod, wo ist dein Stachel nun?“ hat sich erledigt. Ausgedient hat er, der Tod. Der verfinsterte Himmel an Karfreitag, das Erdbeben, die Felsen, die in Stücke gesprungen sind – das alles war vorgestern, ist vorbei, erledigt, vergessen. Jetzt wird gefeiert. Die Lebensfreude hält Einzug.

In dieser strahlenden Welt, in dieser ganz anderen, neuen Welt, die keinen Tod und keine Tränen und kein Leid mehr kennt – in dieser völlig fremden Welt findet sich Maria aus Magdala am frühen Ostermorgen. Ihre Welt ist eine andere.

Sie will ins Grab und sich um den toten Jesus kümmern, will tun, was zu tun ist. Auch wenn die Trauer ihr schier das Herz zerreißt, muss es ja irgendwie weitergehen, muss getan werden, was man eben tut, wenn jemand gestorben ist. Es hilft ja nichts. Die Welt ist so. Sie will ins Grab. Und dann ist das leer! Zwei Engel, ein Gärtner, aber kein Toter.

Nicht einmal der Tod ist sicher. Dabei hätte Maria das jetzt so sehr gebraucht, wo doch ihre Welt zusammengebrochen ist, ihre Hoffnungen zerstoben sind, ihre Liebe zutiefst verletzt wurde. Sie hätte ihn gebraucht, den toten Jesus, um sich an ihm festzuhalten. Wenn schon nichts mehr hält, dann will sie sich doch wenigstens an ihrer Trauer festhalten, an ihrem Schmerz, an ihren Tränen. Aber – dazu ist er einfach nicht mehr da.

Was für ein Schreck! Wie verstörend ist das, wenn das Grab leer ist, auf das man sich eingerichtet hat – oder gar: in dem man sich eingerichtet hat?

Auf diesen Gedanken bin ich gekommen, als ich mit der Maria innerlich mitgegangen bin, da ins Grab hinein. Vielleicht ist solch ein Festhalten an dem Traurigen, Beklagenswerten, an dem, was uns von der Feier des Lebens trennt, gar nicht so selten? Denn es gibt ja dunkle Momente in unserem Leben, die wir vielleicht immer wieder verdrängen, aber – hilft ja nichts – die dennoch Teil sind unserer je eigenen Biographie. Die verpasste Chance etwa, vor kurzem oder vor vielen Jahren. Was wäre gewesen, wenn ich Glück gehabt oder die Chance klüger ergriffen hätte, wo wäre ich heute? Oder dies: die bittere Klage über Menschen, die mir übel zugesetzt und geschadet haben, oder die Traurigkeit über nicht erfahrene Liebe und Anerkennung von Eltern oder Geschwistern, oder die Enttäuschung darüber, dass mein Startkapital für das Leben nicht so üppig war wie das von anderen. Oder halte ich gar schon jahrzehntelang fest an dem Schmerz darüber, dass ein geliebter Mensch oder eine Liebesbeziehung gestorben ist.

Könnte ja sein, dass es manchem von uns so geht? Dass wir – wie die Maria das Grab – immer wieder Gedankengänge aufsuchen und zur gleichen Enttäuschung zurückkehren, uns festgrübeln und einfach nicht rauskommen aus dem Schatten ans Licht? Ins Jauchzen, Vergnügen, Gloria Viktoria …

Unsere Ostergeschichte versteht uns so gut. Viermal nämlich weint darin die Maria, vom Jauchzen keine Spur. – Da braucht es schon mindestens ein viermal überzeugt gesungenes „erstanden“. Es geht eben nicht so schnell, von dieser in jene Welt, von der Traurigkeit ins Feiern, vom Karfreitag ins Ostern zu kommen. Es braucht die Redundanz der hellen Töne gegen die Verschattungen der Welt.

Es geht nicht so schnell, den tiefen Widerspruch zu akzeptieren oder gar zu überwinden, dass einerseits der Stachel des Todes nicht mehr schmerzen soll, es aber andererseits mit Maria so viel zu betrauern gibt. Gerade eben höre ich von den Bombenangriffen auf Hotels und vor allem auf Kirchen in Sri Lanka. So viele Menschen starben dabei, heute am Ostermorgen. Mit großer Trauer gedenken wir der Opfer und bitten Dich, Gott der Hoffnung, verwandle die Trauer in Widerstand gegen den Tod. Lass unsere Tränen die Flammen des Hasses löschen, lass uns aufstehen gegen die Gewalt.

So viel Terror, so viele Kriege, die endlich ein Ende haben müssen! Syrien etwa jährt sich schon zum 8. Mal! So viele Flüchtlinge, die nicht gerettet werden dürfen – wo gibt es so etwas, dass Seenotrettung kriminalisiert wird? Wie tief soll die Humanität an den Grenzen Europas noch sinken? Und überhaupt Europa, es droht vor lauter Spannung auseinanderzubrechen, liebe Gemeinde, die einstige Friedensstifterin braucht dringend Verbündete, damit sie wieder aufsteht. So viel ruft nach Veränderung, auch in unserem Land! Mit Sorge beobachte ich, wie die politischen und gesellschaftlichen Debatten immer mehr geprägt sind von Angst und denen, die die Angst aggressiv schüren. Da kommt vieles zusammen: die Angst vor Verlust des Wohlstandes, vor Digitalisierung, vor Zuwanderung, die Angst vor Europa. Und ich frage mich: Wo bleibt der Hoffnungsmut dieses Volkes, das vor dreißig Jahren mit friedlichem Aufstand eine Mauer zum Einsturz brachte?

Denn ja, wir haben Verantwortung zu übernehmen und der Realität des Lebens – und manchmal auch des Todes – ins Auge zu sehen. Wir singen unser viermaliges „erstanden“ nicht jenseits dieser Welt, sondern in ihr. Gerade heute. Laut und vernehmlich, mit der klaren Botschaft: Ostern ist ein Fest gegen die Angst!

Angst – sie entsteht aus Enge. Christus aber hat die Enge des Grabes hinter sich gelassen und ist auferstanden in die Weite des Lebens hinein. „In der Welt habt ihr Angst,“ so sagt er es in seinen Abschiedsreden österlicher denn je „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Damit Ihr Frieden habt.“ Das ist unsere Hoffnung, liebe Gemeinde! Die Überwindung jeder Lebensfeindlichkeit. Sie lässt uns neu auf das Jetzt schauen. Auf das, was wir festhalten und was uns festhält. Keine Angst also, erlöst werden will es, das Leben.

So wie damals, als Ostern wurde. Als Maria da im Grab vom Leben überrascht wird. Gegen alles Erwartbare und Realistische. Vom Leben überrumpelt geradezu. Zuerst ein Störfall, dann ein einziges Glück.

Der Tod hat nicht das letzte Wort. „Maria!“ spricht Jesus zu ihr. „Rabbuni!“ – „Mein Lehrer!“ Maria kann‘s kaum fassen.Auch das ist Ostern. Die Innenseite sozusagen.Nicht nur das laute, brausende Leben. Sondern auch diese leise, zärtliche Nähe.

„Maria!“ In dieser so trostlosen Szene am leeren Grab nur der Name. Und sie versteht sofort: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ „Rabbuni!“ – sie erkennt ihn wieder, ihren Jesus, und sie erkennt sich wieder. Und Maria ist so glücklich in diesem Moment: Nie hätte sie geglaubt, ihn wiederzusehen. Und nun steht er da. Leibhaftig! Wirklich. Und unwirklich zugleich. So viel möchte sie sagen, fragen, möchte ihn liebkosen, festhalten.

Doch: „Rühr mich nicht an“, spricht er. Ich bin nicht mehr von dieser Welt und noch nicht in jener. Der Moment des Glücks hat manchmal nur die Länge eines Augenblicks, liebe Gemeinde. Kaum gefühlt, ist es schon vorbei. Flüchtig, nie aber nichtig. Zerbrechlich wie Glas. Vergänglich, ja, aber unvergesslich.

Und so berührt sie ihn nicht. Sie weiß, dass sie nicht die Macht hat, die Grenze zu überschreiten. Aber das Befreiende dieses Glücksmomentes bleibt: Sie fällt nicht in ihre Trauer zurück. Im Gegenteil. Sie selbst steht auf. Diese stille, zärtliche Begegnung hat sie ins Leben zurückgerufen. „Ich habe den Herrn gesehen“, sagt sie später den anderen. Wahrhaftig, ich habe ihn gesehen.

Ein glücklicher Moment, der dich wieder ins Leben zurückführt. Der dich wieder bei dir selbst ankommen lässt, weil du bei deinem Namen gerufen wirst. Ostern schreibt viele solcher Geschichten.

Seit einigen Monaten bin ich ja die Stimme der Seemannsmission – ich habe sogar einen osterglockengelben Helm plus Sicherheitsweste, weil es mitunter auch auf eins der großen Containerschiffe geht. 400 Meter lang kann so ein Schiff sein – und auf einer wackligen Himmelsleiter die Reling hinaufzuklettern, ist für Menschen mit Höhenangst wie mich eine echte Mutprobe und lässt inbrünstig in die Hoffnung unserer Kantate einstimmen: „Des Todes Schrecken wird auch mein Leib nicht ewig schmecken.“ Na hoffentlich …

So groß dieses Schiff, so klein die Besatzung; nur 22 Seeleute sind rund um die Uhr im Einsatz. Das bedeutet sehr viel Arbeit, wenig Pausen, wenig Schlaf und am wenigsten: Kommunikation. Denn man trifft sich fast nicht. Die Schiffsbetriebsingenieurin Jana – ein weiblicher Seemann ist sie, wie sie mir erklärt – arbeitet mit einem einzigen Kollegen in einem Maschinenraum, der drei Etagen hoch ist. Seeleute kämpfen vor allem mit zweierlei: Mit Übermüdung und besonders mit Einsamkeit. Neun und mehr Monate dauert eine Fahrt. Kontakt nach Hause, nur wenn das Internet funktioniert. Sie liebe ihre Arbeit, aber manchmal würde sie fast verrückt vor Sehnsucht, sagt Jana. „Du bist ja gefangen in diesem riesigen Schiffsbauch, dazu der Mega-Stress. Es gibt absolut trostlose Tage, da sehe ich kein einziges Mal die Sonne.“

Aber dann! All das ist sofort vergessen, wenn sie in Hamburg auf dem Flughafen ankommt und schon von weitem ihre Großmutter winken sieht und ihre Geschwister zappeln vor Ungeduld und ihre Eltern rufen fröhlich ihren Namen. „Das ist ganz großes Kino und geht an die Seele“, sagt sie. „Dieser Moment, wenn wir uns alle gleichzeitig in die Arme fallen. Menschliche Wärme hoch zwölf – und dann bin ich angekommen, wahrhaftig angekommen!“

Keine Angst vorm Leben und seinen Reisen also – Gott bleibt an deiner Seite. In den Häusern und Straßen, in Kirchen, Schiffsbäuchen und Lebensstürmen. Ich rufe euch zurück ins Leben, immer wieder, spricht Gott. Ich rufe euch – und dass das klar ist: das ist ein Fest! – ich rufe euch ganz laut und vergnügt, zärtlich und hell! Er ist auferstanden, Maria, Halleluja. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Auferstandenen.
Amen.

[1] Text der Kantate „Jauchzt, ihr Christen“ von Georg Philipp Telemann

Datum
21.04.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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