10. Juli 2022 | Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis

10. Juli 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Johannes 8,3-11

Liebe Gemeinde,

Kraft, Liebe, Besonnenheit, diese drei. Diese Worte, mit denen der Apostel Paulus schon an anderer Stelle den Nerv seiner – und unserer Zeit getroffen hat, bilden heute meine Überschrift. Nicht der Furcht und den Scharfmachern das Feld überlassen, liebe Geschwister. Sondern mit Kraft, Liebe und Besonnenheit das Böse überwinden. Das sind für mich die entscheidenden Worte in dieser von Krieg und Krise eigentümlich beschwerten Sommerleichtigkeit. Und es sind für mich die Schlüsselworte für unsere Predigtgeschichte.

Denn da ist zuallererst Kraft. Das Evangelium strotzt vor starken Bildern und Gefühlen. Wütende Männer, die mit Steinen in der Hand Schulter an Schulter stehen. Die Frau, die Sünderin, beschämt, verzweifelt und todesängstlich. Jesus dagegen in sich ruhend, wie er auf dem Boden kniet und in den Sand malt. Nicht umsonst gibt es großartige Gemälde zu dieser Szene in der Kunstgeschichte; ich konnte gar nicht aufhören zu recherchieren. Bei Lucas Cranach etwa sieht man eine Bürgerfrau mit zerrissenem Schleier, bei Sieger Köder einen überdimensionalen schreibenden Finger und bei Max Beckmann hört man die Sünderin mit dem roten Haar der Prostituierten richtiggehend weinen in ihrem Jammer. Ich bin sicher, dass auch Ihnen die Szene lebendig vor Augen steht, mit eigenen inneren Bildern. Und darauf kommt es an.

Schauen wir also ein wenig genauer hin. Einer nämlich fehlt auf dem Bild. Von dem Mann, der beim Ehebruch naturgemäß dazu gehört haben muss, keine Spur. Und wer weiß, vielleicht hätten auch noch andere in die Mitte gehört, die am Unglück der Beziehung(en) beteiligt waren? Stattdessen steht in der Mitte nur die Ehebrecherin – und Jesus. Der Meister, der Lehrer – auch er ist Angeklagter. Die Schriftgelehrten und Pharisäer umringen beide mit ihrer Empörung und Wut. „Meister“, rufen sie, „diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Klar ist das eine Fangfrage: Wenn er Nein sagt, ist Jesus überführt, die jüdischen Gesetze nicht ernst zu nehmen. Und wenn Ja, maßt er sich das Todesurteil an, das der römischen Besatzungsmacht zusteht. Jesus soll hier zum Richter werden, damit man ihn am Ende selbst verklagen kann. „Nun, was sagst du?“ zischen sie, den Stein schon in der erhobenen Hand.

Jesus schweigt. Geht nicht zum Gegenangriff über. Bückt sich vielmehr und schreibt still vor sich hin in den Sand. Alle halten den Atem an. Die Spannung, ja, Feindseligkeit steigt ins Unermessliche. Doch Jesus ist ganz ohne Furcht. Nimmt sich Zeit. Er unterbricht die Dynamik des Bösen, das stets noch Böseres nach sich zieht. Das richtige Wort, geist- und kraftvoll muss es jetzt sein, braucht Besonnenheit. Und dann kommt der Satz aller Sätze: „Der von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

Dann beugt sich Jesus wieder hinunter zur Erde, um in den Sand zu schreiben, und schaut keinen an. Schon gar nicht triumphierend. Es geht gerade nicht darum, irgendjemanden zu beschämen, zu überführen, zu richten, auch nicht seine Widersacher. Denn nicht Richter ist er, sondern Anwalt. Anwalt für das Leben. Anwalt für die Bedrängten und Angeklagten in unserer Mitte. Anwalt der Liebe, die keine Grenzen kennt, aber immer die Treue hält.

Nach und nach hört man die Steine in den Staub fallen. Die Wut, sie fällt in sich zusammen. Irgendwann ist es ganz still. Langsam schaut Jesus auf, hin zu der Frau. Das grausame Spiel ist zu Ende. Keiner hat dich verurteilt und ich verurteile dich auch nicht. „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Eine sagenhaft starke Geschichte, liebe Geschwister, die allen Grund hat, in diesen Tagen gehört zu werden. Wegen ihrer Kraft durch die Besonnenheit und wegen ihrer Liebe in Zeiten des Hasses. Zum Glück steht sie in der Bibel, denn eigentlich ist sie erst später geschrieben worden, historisch also nicht dem Johannesevangelium zuzuordnen.

Ein Glück, Jesus hier als Anwalt derer zu erleben, die in der Krise und am Rande sind, die Angst haben und große Not. Als Anwalt des Lebens, der – So könnte es doch gewesen sein? – in den Sand solche Worte geschrieben hat: „Du sollst nicht töten!“ „Du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten!“ Oder „Shalom!“ All dies, damit der Wind es in unser Hier und Jetzt hineinweht.

Denn Jesus ist eben auch ein Anwalt, der natürlich sieht, was Menschen einander an Schmerz zufügen können. Der Ehebruch Sünde nennt, aber der Frau in ihrem Menschsein niemals die Würde abspricht. Sondern der alles tut, dass Menschen wissen: Sie tragen in Gottes Augen eine unantastbare Würde in sich. Sie sind Würdenträger.

Würdenträger wie du und ich, die wir alle nicht ohne Schuld und Sünde sind in unserem Leben. Und die wir deshalb anderes tun sollten als mit Steinen aus dem Glashaus zu werfen. Vielmehr dies: Mit dieser Würde, die uns so auszusöhnen vermag mit unseren Fehlern und manchmal so wütenden Gefühlen, wir Würdenträger sollten mit aller Kraft Liebe und Besonnenheit an den Tag legen. Das ist die Zeitansage dieses Evangeliums: kraftvoller Widerstand, mit dem man die Spirale der Gewalt unterbricht. Widerstand also auch gegen die Wortgefechte heutzutage mit ihren Verletzungen im Sekundentakt. Die Steine unserer Tage nämlich prasseln herab in öffentlicher Verurteilung von Menschen, die zumeist große Verantwortung tragen. Die nach bestem Wissen und Gewissen um Haltungen ringen. Um Frieden im Krieg. Als Politikerin, Unternehmer, Schulleiterin, Bundespräsident, als Würdenträger welcher Art auch immer.

Doch ein falsches Wort, vielleicht sogar anders gemeint als geschrieben, und schon bricht der Shit-Storm los. Per Twitter wird gemaßregelt, belehrt, verletzt, bedroht. Bisweilen ist dies verbunden mit einer fast religiösen Empörung, die den Andersdenkenden zur Klimasünderin, zum naiven Pazifisten, zum Feind erklärt. Liebe Geschwister, mich müht diese Selbstgerechtigkeit, die immer mehr zunimmt. Denn sie erstickt jede Diskussion im Keim, weil das andere Argument nicht als legitime Ansicht verstanden wird, sondern als Kampfansage.

Es braucht dringend Anwälte des Lebens, die diese Friedlosigkeit unterbrechen. Anwälte, die mit versöhnlichem Blick auf das Ganze des Lebens, auch des gesellschaftlichen Lebens sehen. Die den Ungerechtigkeiten ins Auge schauen und den natürlich berechtigten Ängsten vor Klimawandel und zunehmender sozialer Not bei all den steigenden Kosten. Die also den Blick richten auf die Krise und den furchtbaren Krieg mit seinen Folgen, ja, gewiss! Aber auch auf das, was in unserem Land und unserer Stadt getan wird, um die Krise zu überstehen. Wie Ärmeren geholfen wird und Geflüchteten. Allein in Hamburg sind von den über 40.000 ukrainischen Flüchtlingen fast ein Drittel in Privatquartieren aufgenommen worden. Und es ist doch eine große Errungenschaft, dass wir in Freiheit leben und in einer Demokratie und dass es so viele gibt, die sich für andere einsetzen! Im Gebet, im Friedensdienst, im sozialen Ehrenamt …

Lasst uns in der Nachfolge dieses Mannes weitergehen, der da in den Sand gemalt haben mag: Shalom. Bleiben wir Anwälte des Lebens, mit der Kraft des Wortes und nicht der Waffe, mit Liebe, die immer mehr wird, wenn man sie teilt, und mit der Besonnenheit der Klugen, die die Demut kennen.

Auf ganz besondere Weise Wirklichkeit wurde dies gleich nebenan, auf dem Kiez am Gründonnerstag. Fußwaschung wie vor 2000 Jahren. Stellen Sie sich vor: Vor der Davidwache sieht man junge Pastorinnen und Pastoren im Talar, die wie Jesus in unserer Geschichte im Sand knien. Doch sie knien vor Menschen, die auf Stühlen sitzen. Einer hat eine abgewetzte Jeansjacke an und eine Dose Bier in der Hand. Erstaunt schaut er auf die Pastorin herunter, die ihm vorsichtig Schuhe und Strümpfe abstreift und dann behutsam seine Füße wäscht. Er sieht skeptisch aus, fast peinlich berührt, so, als könnte er nicht ganz glauben, was ihm da geschieht. Doch dann wandelt sich plötzlich der Ausdruck auf seinem Gesicht: Er lehnt sich zurück, und alles, was er ausstrahlt ist Frieden. Zur Ruhe kommen. Vertrauen.

Als nächstes kommt eine junge, stark geschminkte Frau mit Bauchtasche vorbei – eine Prostituierte vom Hans-Albers-Platz. Sie hat von der Aktion gehört und will „nur mal gucken“. Freundlich wird sie von einem Pastor angesprochen. Sie setzt sich, noch unsicher, zieht sich zögerlich die High Heels aus, sinkt auf den Stuhl. Fast kann man ihre Gedanken lesen: Geht das in Ordnung? Ist das nicht total merkwürdig, dass ausgerechnet mir jemand im Talar meine Füße wäscht? Doch dann geschieht es wieder: Sie kommt zur Ruhe, atmet auf, entspannt sich und genießt. Anschließend bedankt sie sich tausendmal und sagt: „Das ist so krass gut gewesen, das werde ich bestimmt nicht vergessen.“ Und ich denke, ja, merk-würdig ist das wirklich, merk-würdig im Sinne des Wortes. Sie wird es nicht vergessen. Nicht nur weil ihre Füße sich erholen konnten, sondern viel tiefsinniger, weil sie mit dieser Zuwendung einen Moment Frieden gefunden hat. So wie Jesus es in den Sand geschrieben und uns als Überschrift mitgegeben hat.

Shalom – Friede uns allen in diesen Zeiten. Friede uns, die wir so getrieben sind von Sorgen. Friede allen, die sich unwürdig fühlen und beiseite geschoben, die voller Unsicherheit in die Zukunft schauen und so dringend Hoffnung brauchen, Friede allen, die sich nach neuer Kraft sehnen und mag sein nach neuer Liebe.

Und Jesus mitten unter uns hört uns und unser Sehnen nach Segen, und sagt: Geht, geht hin in Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Liebe, Kraft und Besonnenheit. Amen.
 

 

Datum
10.07.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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