31. Mai 2020 | Schweriner Dom

Predigt am Pfingstsonntag 2020

31. Mai 2020 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt predigt zu Apostelschichte 2,1-21

I

Sie waren alle beieinander an einem Ort - so, liebe Schwestern und Brüder, war es nicht nur damals, in Jerusalem. So war es auch zu Pfingsten vor einem Jahr, hier in Schwerin. Gemeinsam haben wir Pfingsten gefeiert, zugleich meine Einführung als Landesbischöfin. Zusammen waren wir mit Gästen aus der ganzen Nordkirche, aus der ganzen Welt. Ich bin noch immer bewegt, wenn ich an den vollen Dom, die wunderbare Musik, unseren gemeinsamen Gesang denke. Viele der Mitwirkenden waren aufgeregt, denn dieser Gottesdienst wurde ja auch noch von so vielen Menschen im Fernsehen live mitverfolgt.

Und dann ging es hinaus auf den Markt. Allen Befürchtungen zum Trotz schien die Sonne strahlend schön. Der Marktplatz war voller Menschen, die miteinander Brot und Wein teilten, und dann auch Kaffee und Kuchen, Freude und Sorgen in vielen Gesprächen. Verbundenheit und Gemeinschaft waren zu spüren: Wir gehören zusammen, vielfältig und verschieden wie wir sind. Verbunden durch unseren Glauben. Verbunden in einem Geist. Verbunden in Christus - über Unterschiede und Grenzen hinweg, auch über Kontinente und Konfessionen. Schön war das und hoffnungsvoll.

II

Sie waren alle beieinander an einem Ort. Heute ist das anders, aber auch nicht sooooo anders. Auch heute sind wir beieinander - nicht unbedingt dicht nebeneinander, aber beieinander. Und auch heute sind wir verbunden - ich denke jetzt besonders an die, die im letzten Jahr aus der ganzen Welt angereist waren, um mit uns zu feiern. An die Schwestern und Brüder aus Indien und Tansania, aus Brasilien und China, aus dem Nahen Osten ebenso wie aus Europa.

Für sie alle hat die Corona-Pandemie das Leben ebenso verändert wie für uns. Aber bei ihnen mit weitaus größeren Folgen. Hohe Erkrankungs- und Sterberaten in Großbritannien, ein überaus streng überwachtes Leben in China, die bedrückende Realitätsverweigerung des Präsidenten in Brasilien, eine drohende Hungersnot in Indien. Die Not so vieler Menschen ist gravierend, sie brauchen unsere Hilfe. Dass wir mit denen, die noch vor einem Jahr hier bei uns zu Gast waren, auch heute, auch jetzt, weiter verbunden sind, mögen sie alle spüren und erfahren: durch unser Gebet, unsere Fürbitte und ebenso durch unsere tatkräftige Hilfe. Heute bei der Kollekte am Ende des Gottesdienstes und jederzeit durch Spenden für den Nothilfefonds, den wir für unsere ökumenischen Partner eingerichtet haben.

III

Denn Verbundenheit im Glauben bewirkt vieles. Wir singen von der unbeirrbaren Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Wir seufzen mit Gottes Schöpfung, bitten und beten um seine Gerechtigkeit und seinen Frieden. Wir versuchen zu tun, was Not und Leid lindert. Das gilt weltweit und es gilt hier vor Ort. Trotz aller Abstandsgebote.

Ich weiß, wie schwer es manchen Menschen bei uns fällt, derzeit auf Kontakt und Berührungen verzichten zu müssen. Ich verstehe, wie schmerzlich das gerade für die ist, die allein leben. Die sich nach einer ausgestreckten Hand, einer freundlichen Geste sehnen, die regelrecht spürbar machen: „Du bist nicht allein“. Gut, wenn das bald wieder gefahrlos möglich sein wird.

Aber, auch das ist mir wichtig: Abstandsgebote setzten nicht die Nächstenliebe außer Kraft. Weniger Menschen in einem Raum an einem Ort begrenzen nicht die Zahl derer, mit denen wir verbunden sind. Sollte sich unsere Verbundenheit denn wirklich grundsätzlich ändern, wenn wir einander eine Zeit lang nicht die Hand geben oder uns nicht in die Arme schließen? Es wäre doch eine recht armselige Liebe zum Nächsten, die sie durch den Verzicht auf Berührung beeinträchtigen ließe.

Und, auch das will ich nicht vergessen: Es war - und ist weiterhin - auch eine Errungenschaft menschlichen Miteinanders, für andere unantastbar zu sein. Der Wunsch nach Berührung, um Verbundenheit zu spüren, ist das eine. Der Wunsch nach Verbundenheit, der körperlich Abstand wahrt und Grenzen achtet, ist das andere. Und nicht erst in Corona-Zeiten ist er für Menschen bisweilen überlebenswichtig.

IV

Die Verbundenheit, um die es an Pfingsten geht, dreht sich nicht um innige Umarmungen und körperliche Nähe. Die Verbundenheit, um die es an Pfingsten geht, ist die Verbundenheit in einem Geist. Im Geist Gottes der jeden Einzelnen verstehen lässt, was unsere gemeinsame Aufgabe ist. Wofür jede und jeder, so wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist, Verantwortung trägt: Von Gottes unbeirrbarer Menschenliebe erzählen. Durch Christus verstehen, was Barmherzigkeit und Liebe zum Nächsten, zum Anderen bedeuten. Und in Wort und Tat so leben. Durch Gottes Geist leuchtet unmittelbar ein: Wir alle wirken daran mit, dass Gottes neue Welt, dass sein Reich beginnt. Jetzt und hier.

Dafür, liebe Schwestern und Brüder, sind wir relevant. Wichtig, bedeutend, unersetzlich, dringend nötig. Mit unseren Gaben, mit dem, was wir können. Mit unseren Fragen, unserer Hoffnung, unseren manchmal so großen Sorgen und unserer manchmal so kleinen Liebe. Weil wir für Gottes Reich relevant sind, müssen wir sicher - ganz sicher - nicht belegen oder erweisen, dass wir systemrelevant sind - für welches System auch immer. Wir müssen uns auch keine herablassende Kritik zu eigen machen, wir wären in Corona-Zeiten nicht „systemrelevant“.

V

Liebe Schwestern und Brüder,

wir sind relevant für Menschen, nicht für Systeme. In jedem System aber sind wir relevant, unabhängig davon, ob andere das so sehen oder nicht, weil wir für Gottes Reich einstehen. Wir sind relevant dafür, dass Liebe und Barmherzigkeit ihren Raum suchen und finden, ihn beanspruchen und einnehmen. Dass sie zunehmen und größer werden, damit Frieden und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Und damit alle Menschen in Würde leben können. Denn menschliche Würde gründet nicht in einer je nach Stimmungslage möglicherweise wechselnden Übereinkunft zwischen Menschen, sondern in unserer Gottesebenbildlichkeit. Sie kommt jedem Menschenkind als einem Geschöpf Gottes zu - und ist deshalb unantastbar.

Das Reich Gottes ist kein System. Es ist ein weltumspannendes, Herz und Seele erfüllendes Kraftfeld. Das Kraftfeld seines Heiligen Geistes. Dieser Geist inspiriert, an Krankenbetten zu sitzen und dafür zu sorgen, dass Bedürftige zu essen haben. Er lässt uns Menschen retten - aus Seelenangst und Seenot gleichermaßen und schüttelt uns energisch durch, wenn wir spekulieren, welche Not wohl die größere sein könnte. Weil Gottes Geist ein schöpferischer Geist ist, schenkt er Möglichkeiten und macht neue Anfänge möglich. Lässt uns Träume haben und die Zukunft sehen, auch wenn die Gegenwart Anlass zu Sorge und Angst gibt: Ich will ausgießen meinen Geist, spricht Gott, und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben.

VI

Gottes Geist beflügelt uns, unser Leben neu zu denken. Nicht abzuwägen, wer wohl zurückstehen muss, damit die Wirtschaft jetzt schnell wieder zu ihrem Recht kommt. Sondern zu überlegen, wie unsere Wirtschaft, unser ganzes Leben aussehen müssen, damit alle in Würde am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und eben keiner zurückstehen muss. Er lässt uns überlegen, wie ein gutes Leben gelingen kann in einer globalisierten Welt, deren Verletzlichkeit alle weltweit spüren. Wie wir uns den Folgen des Klimawandels stellen werden. Wie wir zukünftig Kirche sein werden. Und dann lässt er uns handeln - mutig und neugierig, durch seine Kraft bestärkt.

Ich vertraue darauf: Gottes Geist schenkt uns dazu Fantasie und Tatkraft. Lässt uns Träume haben und Verantwortung tragen. Als Gottes geliebte Geschöpfe. Als in Christus versöhnte Geschwister. Auch heute ist er, Christus, doch mitten unter uns. Steht immer dort, wo der Abstand zwischen uns markiert ist. Legt uns liebevoll seine weit ausgebreiteten Arme auf die Schultern, verbindet uns miteinander.

So bitte ich jetzt: „Komm Gott Schöpfer, Heiliger Geist, besuch das Herz der Menschen dein.“ Und freue mich darauf, diese Worte bald wieder zu singen. Gemeinsam. Voller Hoffnung und Sehnsucht.

Amen.

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