31. Oktober 2021 | St. Nikolai Hamburg

Predigt am Reformationstag

31. Oktober 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

zu Mt 5, 1-10

I

Liebe Schwestern und Brüder,

„unsere Welt neu denken“ -

darum geht es in diesen Tagen für viele Menschen. Die Ökonomin Maja Göpel hat ein Buch geschrieben, das genau so heißt. Seit über einem Jahr ist es immer wieder in den Bestsellerlisten zu finden. Maja Göpel plädiert in ihrem Buch für ein zukunftsorientiertes Denken, für das neues und immer größeres Wachstum nicht mehr zentral sind. Und ihre Vision eines guten Lebens für alle beschreibt einen Lebensstil, mit dem wir Menschen nicht mehr aus dem Ökosystem unseres Planeten herausnehmen und konsumieren, als wir auch wieder zurückgeben können.

„Unsere Welt neu denken“ -

wir leben in einer Zeit, in der sich unser aller Leben zu verändern scheint. Was das genau heißt, lässt sich noch nicht sagen. Das macht es einerseits spannend und weckt Neugier. Und andererseits ruft es auch Sorgen und Ängste auf den Plan. Während die einen bereit für die Zukunft sind, möchten andere, dass alles so bleibt wie es ist. Oder, dass es wieder so wird „wie früher.“ Und bestimmt gibt es auch eine ganze Reihe von Menschen, die ihr Lebensgefühl als eine Mischung aus alldem beschreiben würden.

II

„Unsere Welt neu denken“ -

der Reformator Martin Luther hat zwar kein Buch geschrieben, das so heißt. Aber er hat die Welt neu gedacht. Auch damals eine Welt in Umbrüchen und in Veränderungen. Mit einer medialen Revolution - es waren keine digitalen Welten, die sich den Menschen erschlossen, aber neue Seiten, Eindrücke, Bilder, die sich ihnen auf Papier, durch das neue Massenmedium Buchdruck, eröffneten. Die Welt wurde buchstäblich größer - im eigenen Denken, und in gewisser Weise auch in der Realität. Mit der Entdeckung eines neuen Kontinents hatte sie sich für die Europäer gerade in kaum fassbarer Weise verändert und erweitert.

Das sich neu bildende Weltverständnis stellte auch das bisherige Glaubensverständnis in Frage. Und in einer Welt, die sich in Veränderung befand, fragten Menschen neu nach Sicherheiten und Gewissheiten. Martin Luther formulierte das so: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Einen, der mich gütig, liebevoll ansieht? Und was kann, was muss ich dafür tun?

Die neue und nahezu revolutionäre Antwort, die Luther nach langem Nachdenken und innerem Ringen auf diese Frage gefunden hat, diese Antwort bestand aus einem einzigen Wort: Nichts. Nichts kannst du dafür tun, dass du selig wirst. Nichts, aber auch rein gar nichts. Du kannst dafür nichts tun - und noch besser: Du musst dafür nichts tun. Sondern es ist allein Gottes Liebe, Gottes unbedingtes Eintreten für uns Menschen, die uns und unser Leben selig macht. Und diese Liebe Gottes, die kann man sich nicht erkaufen und man kann sie sich nicht verdienen. Nicht, wenn man sich noch so sehr bemüht, ein guter Mensch zu sein. Ja, nicht einmal dann, wenn wir immer und jederzeit alles tun würden, was in den Seligpreisungen beschrieben ist, die wir heute als Lesung gehört haben. Sondern Gottes Liebe, die gibt es geschenkt, gratis - allein im Glauben und im Vertrauen auf Jesus Christus, allein aus Gottes Liebe. Sie ist es, die uns und unser Leben selig macht.

Diese Erkenntnis war es, die Martin Luther damals geradezu schwindelig werden ließ. Schwindelig, überschwänglich, taumelig vor Glück. Auch deshalb, weil diese Erkenntnis uns Menschen in der Sicht Martin Luthers eine neue Freiheit eröffnete. Eine neue Freiheit,

die Welt verantwortlich mitzugestalten. Verantwortlich gegenüber Gott, verantwortlich gegenüber anderen Menschen - in Verbundenheit und Liebe.

III

„Unsere Welt neu denken“ -

wenn wir heute unsere Welt neu denken, dann sind wir meilen- und jahrhunderteweit von Martin Luther und seiner Zeit entfernt. Und doch verbindet uns manches, sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätze. Während die Menschen zur Zeit Luthers geradezu danach fieberten, sich die Welt zu erobern, sie neu zu entdecken, geht es heute wohl eher darum, dass wir uns eine neue Haltung gegenüber der Welt erobern, oder besser: erarbeiten müssen. Eine Haltung, in der wir uns weniger als Gegenüber zum Rest der Welt und mehr als ein Teil der großen Schöpfung Gottes verstehen. Als Geschöpf e unter Mitgeschöpfen. Um dem Auftrag Gottes nachzukommen, seine Schöpfung zu behüten und zu bewahren, werden wir eine auf uns Menschen zentrierte Sichtweise unseres Lebens aufbrechen müssen.

Damit allerdings sind wir gar nicht so weit von Martin Luther entfernt. Der beschrieb die Rolle und Aufgabe der Menschen in der Schöpfung nämlich erstaunlich aktuell. Als Mensch sind wir, so sagte er es, „cooperator Dei“ - Kooperationspartner, Mitarbeitende Gottes, nicht mehr, nicht weniger. Während Gott unermüdlich an seiner Schöpfung arbeitet, sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit baut, damit das Seufzen der ganzen Schöpfung sein Ende finden kann, sollen wir Menschen dabei mitwirkende Wesen sein. Aber wie? Und woran sollen wir uns dabei orientieren?

IV

„Unsere Welt neu denken“ -

die Seligpreisungen Jesu machen Mut, genau das zu tun. Denn sie denken das Leben neu. Jesus denkt sich das Leben neu. Er stellt Barmherzigkeit, Frieden, Gerechtigkeit in das Zentrum unseres Lebens. Und macht damit deutlich: Entscheidend ist nicht, was wir sind oder haben. Auch nicht, was wir leisten können. Und schon gar nicht, wie besonders fit, gesund, schön, klug, vermögend wir sind. Sondern unser Leben hat seinen festen Grund in der Liebe Gottes. Selig ist, wer das annimmt und versteht. Wer sich davon verwandeln lässt. Wer dann nicht mehr nur unsere Welt neu denkt, sondern gewissermaßen selbst neu wird. Sich neu ausrichtet und orientiert. Martin Luther hat das so gesagt: Aber der Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott, und macht uns ganz zu andern Menschen von Herz, Mut, Sinn und allen Kräften.[1]

Und wie werden wir gewissermaßen verwandelt, wie werden wir durch den Glauben neue, andere Menschen? Nun, sicher nicht so, als käme die berühmte gute Fee mit einem Zauberstab und wir erhielten eine neue Gestalt, einen neuen Körper oder ähnliches. Sondern eher so: Wer sich von Gott geliebt, angenommen und anerkannt weiß - genau das meint „gerechtfertigt“ - wer sich von Gott geliebt, angenommen und anerkannt weiß, hat damit ein Fundament für das eigene Leben, das Vertrauen und Zuversicht verleiht. Wer erlebt, von Gott um seiner selbst willen geliebt zu werden, wird damit auch frei von dem Zwang oder der Versuchung, sich selbst behaupten und durchsetzen zu müssen, wird frei davon, jemand „sein“ zu müssen. Noch einmal sage ich es heute am Reformationstag mit Worten Martin Luthers: Der Glaube ist ein lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal drüber stürbe, und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen.[2]

Wer erlebt, von Gott um seiner selbst willen geliebt zu werden, wird frei dazu, die eigenen Talente und Gaben, die eigene Lebensenergie zur Ehre Gottes und zum Wohl der Mitmenschen einsetzen. Entscheidend dabei ist, dass der Glaube und das Vertrauen auf Gott nicht fordern, dass wir so leben sollen, sondern dass wir im Glauben an Gott von ganz allein zu solchen Menschen werden, die Gottes Liebe an andere weitergeben. Das ist die Verwandlung, die durch den Glauben mit uns vor sich geht.

Das einzige, was es dabei für uns zu tun gibt: dass wir es geschehen lassen. Dass wir uns dem Strom der Liebe Gottes anvertrauen. Dass wir uns von Christus befreien lassen, unser Leben und unsere Welt neu zu denken. So werden wir selig. So werden wir zu solchen Menschen, die Barmherzigkeit üben, Frieden machen, Gerechtigkeit suchen, trösten und sich trösten lassen. So werden wir zu solchen Menschen, die andere in ihrer Mitte nicht ausgrenzen, sondern sie mit hineinnehmen. Die sich um die kümmern, die alt geworden sind. Die Kinder als ihre Gäste im Leben willkommen heißen und zugleich wissen: diese Kinder werden die Gastgeber von morgen sein. Die denen zu Seite stehen, die Krankheit, Leid oder Trauer erleben. Die hier ankommende Flüchtlinge freundlich willkommen heißen und ihre wie unsere Lebensgeschichte hören und erzählen wollen. Wir werden zu Menschen, denen nicht nur ihr eigener Friede, sondern auch der Friede anderer Menschen und in anderen Teilen dieser Erde am Herzen liegt. Wir werden zu Menschen, die wirklich mitmenschlich leben und handeln.

V

Selig werden wir, wenn wir Gottes Liebe glauben und trauen. Selig werden wir, wenn wir glauben und darauf vertrauen, dass Gott aus dieser Liebe zu uns heraus alles tut und alles gibt, was er hat - in Jesus Christus sogar sich selbst. Selig werden wir, wenn diese Liebe durch uns hindurch zu anderen weiter fließt und weiter strömt. Das verändert uns. Es lässt uns unsere Welt neu denken. Und vielleicht spüren wir dann auch: Wer’s glaubt, wird selig.

Amen.

 

[1]  [2] Einleitung Römerbrief-Auslegung

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