9. Februar 2020 | Dom zu Lübeck

Predigt am Sonntag Septuagesimae

09. Februar 2020 von Kirsten Fehrs

Septuagesimae, Predigt zu Matthäus 20,1-16

Liebe Gemeinde,

und am Ende des Tages wird abgerechnet. Am Ende des Tages – bekommt jeder Arbeiter das Gleiche vom Besitzer des Weinbergs. Genau das, was der Mensch zum Leben braucht. Einen Silbergroschen. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Heißt also in der Sprache des Gleichnisses: Gott schenkt jedem Menschen das, was er braucht. So ein Ärger!

Ungerecht – murren nämlich die, die sich in der Hitze des ganzen Tages krumm gelegt haben. Da hat man mal Glück gehabt und morgens schon Arbeit gefunden – erleichtert, dass dieser Tag zum Leben reicht. Das Leben als Tagelöhner – im Evangelium hören wir von Vielen aus der Zeit Jesu – dieses Leben ist ja nun wahrlich kein Zuckerschlecken gewesen. Jeden Tag aufs Neue Not. Existenzangst. So etwas steckt man nicht einfach weg. Armut ist auch für die Seele furchtbar. Demütigend und beschämend, wenn die Tagelöhner jeden Morgen da stehen und sich feilbieten müssen. Und sie wissen wahrlich wie es ist, leer auszugehen. Wenn sie in der dritten, neunten, elften Stunde immer noch müßig herumstehen müssen. Und dann bekommen die, die zuletzt angefangen haben, das Gleiche? Die Letzten werden die Ersten sein, wie zynisch ist das denn.

Und damit nicht genug. Die, die ihr Unrecht herausmurren, werden auch noch zurechtgewiesen. Was guckt ihr scheel drein, sagt der Weinbergbesitzer – im Gleichnis Jesu hören wir dabei Gott selbst: Ich bin nicht ungerecht zu dir. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Und habe ich nicht die Macht, dem Letzten dasselbe zu geben wie dir? Stört’s dich, dass ich so gütig bin?

Die ärgerliche Güte Gottes, sie ist ein Tarif der ganz besonderen Art, liebe Gemeinde. Güte um jeden Preis. Gnade vor Leistung. Irritierend in unserer Welt. Gut so. Wahres Menschenrecht, und um das geht es hier, heißt eben nicht: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Sondern: Jeder Mensch ist gleich wertvoll. Unabhängig davon, was er oder sie leistet.

Und so werden wir – wiederum einmal – in unserer Weltsicht vom Evangelium aufgerüttelt. Umgekehrt. Angezählt. Denn hier werden grundlegende Normen und Regeln unseres Zusammenlebens durchbrochen. Und das löst Gefühle aus. Es mag ja irgendwie „gerecht“ sein, wenn jeder das bekommt, was vereinbart war – vom Kopf her – dennoch fühlt es sich ungerecht an. Ja, unordentlich. Wo gibt’s sowas in unseren realen Weinbergen und Jobcentern: gleicher Lohn für ungleiche Arbeit? Wenn das Schule machen würde, dann würden doch alle zusehen, dass sie nur noch eine Stunde arbeiten statt acht?

Aber darum allein geht es ja nicht, sagt das Gleichnis Jesu. Noch einmal: Es geht darum, dass jeder Mensch in Gottes Augen gleich viel wert ist, egal was er leistet. Die ersten ebenso wie die allerletzten. Das ist doch wahrlich eine menschen-gerechte, menschen-liebende Ordnung, die keinen verloren gibt.

Heißt für uns in unserem Leben jetzt: Natürlich müssen wir darauf achten und das uns menschenmögliche tun, dass keiner verloren geht. Dass wir für Normen sorgen, soziale Regeln einhalten und uns um Gerechtigkeit mühen – alles andere würde das Recht des Schwächeren noch mehr schwächen. Doch zugleich ist da immer Gottes Größe und Güte hineinzudenken, in unsere Grenzen seine Grenzenlosigkeit. Es ist die Idee wachzuhalten vom wahren Menschenrecht, das eine tiefe Achtung des Lebens – auch und gerade des meines Nächsten – vor alles andere stellt. So will das Himmelreich real werden, immer wieder, deshalb ja erzählt Jesus das Gleichnis.

Auch uns. Denn das Unrechtsgefühl der ersten Tagelöhner treibt heute viele Menschen um. Zum Beispiel sie, die tatsächlich wenig Geld für ihre Arbeit bekommen. Die in prekären Verhältnissen leben und einfach nicht auf die Beine kommen, soviel sie auch arbeiten – besonders bitter auch für die Kinder. Wir haben eine erschreckend hohe, ungerechte Kinderarmut, liebe Gemeinde, in diesem letztlich doch reichen Land.

Und dann ganz anders gibt es jene, die Unrecht spüren und aufgewühlt reagieren, weil Regeln und Normen des humanen Zusammenlebens zutiefst gestört sind und gute Ordnung gefährdet ist.

Wir haben in den vergangenen Tagen in Thüringen so etwas erlebt. Einen Normenbruch sondergleichen in der parlamentarischen Demokratie. Eine Partei mit eindeutig rechtsextremen Positionen schafft es, durch perfides Machtspiel die Regeln parlamentarischer Demokratie auszuhebeln. Chaos auf allen Seiten. Rücktritte. Verwerfungen in allen Parteien. Hämische Claqueure im rechtsextremen Lager. Ein Trauerspiel. Ergebnis: Der Thüringer Landtag, der Parlamentarismus funktioniert so nicht mehr. Die öffentliche Empörung, der Ärger, die Appelle und verzweifelten Kommentare zeigen, dass dies viele Menschen in unserem Land nicht nur bewegt, sondern vielen ganz tief, bis an die Herzhaut geht. Ja, auch Ängste auslöst. „Wehret den Anfängen“, hörte man allerorten, wissend, dass die Anfänge doch längst keine mehr sind … Für mich spricht das Gleichnis vom Weinberg heute direkt in diese Verstörung hinein. Quer. Umgekehrt. Paradox.

Die Achtung des Lebens nämlich – sie steht über allen Regeln. Je mehr diese Regeln angezählt sind, gilt es, die Werte hinter unseren Normen stark zu machen. Nur so wird man Zertrennungen überstehen. Also, nicht irre machen lassen, nicht „scheel gucken“, liebe Gemeinde. Davon profitieren die Falschen! Sondern klug, ruhig und besonnen, der Idee, die hinter dem demokratischen Parlamentarismus steht, ins irdische Leben helfen. Und das heißt ganz konkret, gegenüber jeder Menschenverachtung und Häme die Grundwerte des Humanen stark machen. Die Menschenrechte zuallererst! Wir haben ein großartiges Grundgesetz. Der gewaltfreie Umgang miteinander, unsere Verantwortung fürs Gemeinwohl. Das alles ist doch nicht verhandelbar! Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, zur ersten, dritten und elften Stunde, das Beste für die Menschen im ganzen Land im Blick zu behalten.

Also: Schaut hin. Genau! Wie überwinden wir die Spaltungen? Wo ist das Verbindende?

Schaut hin – so lautet auch das Motto des dritten ökumenischen Kirchentages 2021 in Frankfurt. Denn heute ist nicht nur Sonntag Septuagesimae – noch 70 Tage bis Ostern, genauer bis zum 1. Sonntag nach Ostern –, sondern auch Kirchentagssonntag, nicht umsonst ja die heutige Liedauswahl.

Schaut hin – diese zwei Wörter sind der Geschichte der Speisung der Fünftausend entnommen und könnten tatsächlich eine Zeitansage sein: Schaut hin in die Welt mit ihren Wundern – aber auch Wunden! Schaut hin, wo Frieden gelingt, aber auch dorthin, wo Ängste geschürt werden. Demokratie gefährdet ist. Schaut auf die Zertrennungen, das Unrecht. Schaut dorthin, wo der Schmerz der Menschen sitzt – übrigens auch mit ihren Kirchen! Denn das fühle ich allerorten: die Sehnsucht nach Veränderung, in Gesellschaft und in unseren Kirchen.

Deshalb gibt es nicht nur Synoden bei uns, sondern auch einen synodalen Weg in der katholischen Kirche. Synoden – das heißt ja übersetzt: gemeinsamer Weg – sie signalisieren Aufbruch. Aufbruch hin zu mehr Gerechtigkeit, hin zu einer Gleichberechtigung von Frauen in den Ämtern, hin zu viel mehr Sensibilität mit Opfern von Missbrauch und Gewalt – längst noch nicht sind wir den Betroffenen gerecht geworden!

Schließlich: Es ist dran, Formen zu finden, gemeinsam Abendmahl zu feiern. Es ist dran, liebe Gemeinde, dass sich etwas bewegt, zueinander hin. Und dies nicht unbedingt in sich steigerndem Aktivismus; Beschleunigungen erleben wir schon genug. Nein, lassen wir uns bewegen, indem wir dem Wunder die Hand hinhalten …

Es gilt, uns zu öffnen. Gemeinsam aufzumerken. Für die neuen Wege des Glaubens, die sich die Güte Gottes sucht, damit sie uns berührt. Bis an die Herzhaut berührt. Grenzenlos positiv. So dass in uns die Sehnsucht wächst, dass die Menschheit neu hinsieht, darauf, was der Mensch braucht. Frieden. Brot. Liebe. Nicht dauernd Gewinn. Sondern das, was zu leben hilft. Den Ersten und den Letzten auch.

Beim vergangenen Kirchentag in Dortmund gab es viele ökumenische Begegnungen, die mich manchmal sogar an Wunder glauben lassen haben. So zum Beispiel Kabarett am letzten Abend: Der katholische Bischof Franz-Josef Overbeck und ich sind gemeinsam auf der Bühne und kommen so in Fahrt, dass dem Kabarettisten buchstäblich die Worte fehlen … uns dagegen nicht. Humor, Lachen, heilsam verbindend! Schön, wenn man sich nicht so wichtig nimmt.

Aber auch dies: Abendmahlsfeier mit der indischen Gemeinde. Die Inder*innen erzählten, dass in ihrer Heimat das Abendmahl zu den schönsten Momenten in der Woche gehört. Insbesondere die Dalits, die Unberührbaren aus der untersten Kaste des indischen Systems, lieben es. Nicht allein, weil man Brot und Wein teilt. Sondern wegen des Friedensgrußes. Immer wenn es heißt: Gebt euch ein Zeichen des Friedens, gehen, ja eilen sie alle aufeinander zu, berühren sich mit den Händen und umarmen sich, jede mit jedem, großartig, sie können gar nicht aufhören damit. Herzhaut-Momente. Sie werden berührt. Mit der gütigen Menschenachtung, die allem voransteht.

Schaut hin! Fern unserer menschlichen Maßstäbe, am Ende des Tages wird gerade nicht abgerechnet. Da wird sich gewundert. Aufeinander geachtet. Denn Gott rechnet nicht. Er liebt. Und so wird uns gerade nicht die Rechnung präsentiert

„[...] für das Rauschen der Blätter, [...]
für den Schnee und den Wind, [...]
für die Luft, die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne
und für all die Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen [...]
Bitte die Rechnung!
Doch wir haben sie
ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
soweit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!“ (Lothar Zenetti)

So bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
09.02.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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