Predigt beim ARD-Fernsehgottesdienst zum Karfreitag
25. Juni 2026
2. Korinther 5, 14–21
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus!
Jesus, der Gottessohn, stirbt am Kreuz. Anstößig ist das. Mehr noch: verstörend. Sagen viele. Was ist das für ein Gott, der uns diesen Weg zumutet? Diese Frage habe ich mir persönlich schon oft in meinem Leben gestellt. Besonders in einer Zeit, in der ich lange krank war. Ein ärztlicher Kunstfehler hat mein Leben von jetzt auf gleich verändert. Und ich habe mit Gott gehadert: wieso hast du zugelassen, dass das mit mir passiert? Wieso gerade mir?
Heute, am Karfreitag, blicke ich auf das Kreuz. Symbol des christlichen Glaubens. Immer schon.
Hier, unterm Kreuz, stehen sie alle. Die Soldaten. Die Frauen und Männer. Bestimmt auch: Kinder.
Und ich stehe da über 2000 Jahre später genauso wie sie. Mit meinem eigenen Leben. Wir haben ja eben schon einige Menschen gehört, die uns erzählt haben. Von Schwerem und von Momenten der Versöhnung. Vom Tod mitten im Leben.
Jesus stirbt. Ein elender Tod war die Kreuzigung. Man starb langsam. Verdurstete. Der Essig – die letzte Linderung.
Alle Menschen da auf dem Berg Golgatha ahnen: Was hier gerade passiert, wird sie für immer verändern. Einer, der ohne Schuld ist, muss sterben.
Und sie wissen nicht wohin mit ihrer Trauer.
So ist es ja, wenn uns ein Unglück mitten aus dem Alltag reißt.
Trauer legt sich auf die Seele und alle Gefühle sind wie betäubt. Es dauert, bis der Schmerz kommt. Aber dann mit aller Wucht. Stechend. Beißend. Ein innerer Schrei, der den Körper zerreißt.
Auch Schuld frisst sich in die Seele. Schlägt Wunden. Manche heilen mit der Zeit. Viele: nie.
Genauso bei Jesus, dem gekreuzigten Gottessohn.
Die Wundmale bleiben. Über den Tod hinaus. Später, beim Auferstandenen.
Sie bleiben, weil sie Teil unseres Lebens sind. Meines und deines Lebens.
Wir tragen sie mit uns. Sie machen uns zu dem Menschen, der wir eben sind.
Heute, am Karfreitag, ist Zeit für diesen ganz anderen Blick auf unser Leben. Auf das, wofür wir keine Worte haben. Was weh tut. Was wir nicht allein tragen können. Wo es Versöhnung braucht. Wir haben schon einige Geschichten heute gehört.
Viele fragen ja: Wozu noch dieser Tag? Karfreitag! Ein Feiertag, an dem einige öffentliche Veranstaltungen verboten sind. Und einige regen sich darüber auf: Die miesepetrigen Christen verleiden uns Spaß, Tanz und Gesang.
Dabei ist es ja so: Niemand tanzt an jedem Tag im Leben. Es geht ja nicht darum, die Freude zu nehmen! Sondern für einen einzigen Tag zu erinnern, dass Leid, Verletzungen und Tod dazugehören.
Und ich frage mich: Wieso die Abwehr gegen diesen einzigen Stillen Tag im Jahr? Der dazu einlädt auszuhalten und nicht schönzureden, was einfach nicht schön und hell und erfolgreich ist? Haben wir als Gesellschaft ein Problem mit dem Tod?
Musikalisches Intermezzo mit Bratsche
Heute ist Karfreitag.
In der Mitte: Das Kreuz. Das für alles steht, woran wir leiden, was weh tut. Für unsere Trauer.
Ich frage: Was machen wir heute damit? Mit diesem Stillen Tag, dem Kreuz, mit diesem Gott? Welche Botschaft ist darin für uns heute enthalten? Ich lade Sie ein, mit mir in die Bibel zu schauen.
Der Apostel Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth genau darüber. Was der Tod Jesu eigentlich für uns bedeuten kann. Ich fasse das, was Paulus schreibt, in meinen eigenen Worten zusammen:
Denn Gott liebt uns so sehr – er war in Christus und versöhnte die Welt durch seinen Sohn mit sich selber.
Und wir sollen zu Botschafterinnen und Botschaftern der Versöhnung werden. Indem wir uns mit Gott versöhnen lassen.
Das Kreuz als Ort des Todes. Karfreitag, der Stille Tag.
Und gleichzeitig bricht hier jetzt ein anderes Bild durch.
Das Kreuz als Ort der Versöhnung.
Die Liebe Gottes nimmt nicht den Schmerz und die Sprachlosigkeit. Der Tod tut nicht weniger weh. Auch der Auferstandene trägt die Wundmale an sich.
Aber Gott spricht durch die Kreuzigung Jesu auf dem Berg Golgatha ein Wort der Liebe in unsere so ganz und gar unversöhnte und von Kriegen zerfurchte Welt. „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Lasst Gott das wirken, was wir aus uns selbst heraus nicht hinbekommen!
Ich weiß, das klingt wie eine Zumutung.
Wie kann ich gerade dort, wo ich am tiefsten Punkt meines Lebens angelangt bin, Gottes Liebe spüren? Wo wir als Gesellschaft in Abgründe schauen, für die wir keine Lösung haben. Wo wir schuldig werden an anderen… Wie können wir gerade dort die Liebe Gottes erfahren? Wie kann gerade von dort aus, vom Kreuz aus, etwas befriedet werden und heil?
Wie das gehen kann? Die besten Antworten darauf sind die Erfahrungen von Menschen, die genau so etwas in ihrem eigenen Leben erlebt haben. Frau le Coutre hat von Familien erzählt, in denen trotz Verletzungen durch ein neues Verstehen wieder etwas zusammenwächst.
Wir hier oben im Norden Schleswig-Holsteins erleben es im Grenzland zu Dänemark. Tag für Tag leben wir hier in versöhnter Verschiedenheit zusammen.
Und auf dem Holm, der Fischersiedlung hier in Schleswig, leben die Menschen tagtäglich mit dem Friedhof in ihrer Mitte. Aus dem Küchenfenster sehen sie auf das Grab ihrer Lieben. Das verändert ihren Blick auf den Tod, aber auch auf das Leben. Der Friedhof dort auf dem Holm ist für mich ein Ort der Versöhnung. Weil hier Tod und Leben aufs Engste miteinander verbunden sind.
Versöhnung.
Wenn das Kreuz – dieses Symbol des Todes – am Karfreitag tatsächlich zugleich Gottes große Liebeszusage an uns ist, dann müssen wir an diesem Feiertag als Gesellschaft unbedingt festhalten. Weil wir an unserem bewussten Umgang mit Tod und Schuld immer auch zeigen, wie wertvoll und heilig uns das Leben ist.
Botschafterinnen und Botschafter der Versöhnung sollen wir sein.
Einer Versöhnung, die die Verwundungen nicht ausblendet, die wir einander zufügen.
Das ist es, was wir Christen eintragen in diese Welt. Wir wissen uns von einem Gott geliebt, der aus Liebe zu uns durch den Tod gegangen ist.
Manchmal gibt es keine Worte für den Schmerz, den ich in mir trage. Nicht alles wird irgendwann heil. Auch in meinem eigenen Leben nicht. Und trotzdem schenkt Gott mir – und dir - heute Morgen Versöhnung.
Vielleicht bist du gerade allein zu Hause. Oder dich belastet etwas sehr. Eine Krankheit, ein Streit. Du darfst dich Gott anvertrauen. Darfst mit allem, was dich belastet und dich traurig macht hier unter dem Kreuz stehen.
Kein Schmerz ist Gott fremd. Und seine Liebe unermesslich groß. Zu jedem einzelnen von uns.
Wenn ich mich heute traue, anderen auch meine Verletzlichkeit zu zeigen, dann kann Vertrauen wachsen. Zwischen mir und dir. Zwischen uns hier in Schleswig und allen, die mit uns gehen. Dann werden wir eine Gemeinschaft, die die dunklen Seiten nicht verdrängt.
Amen.