Predigt im Festgottesdienst am Himmelfahrtstag zum Abschluss des Sanierungsprojekts der Eiderstedter Kirchen
14. Mai 2026
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt!
Wann reißt der Himmel auf?
„Tausende Kreuze trägt er über den Tag
365 Tage im Jahr
12 Stunden zeichnen sein Gesicht
Es ist okay, aber schön ist es nicht
Jeden Morgen geht er durch diese Tür
Jeden Morgen bleibt die Frage, wofür und
Jeder Tag gleitet ihm aus der Hand
Ungebremst gegen die Wand
Ist nicht irgendwo da draußen 'n bisschen Glück für mich
Irgendwo ein Tunnelende, das Licht verspricht?
Er will so viel doch eigentlich nicht
Nur ein kleines bisschen Glück
Wann reißt der Himmel auf?
Auch für mich, auch für mich
Wann reißt der Himmel auf?
Sag mir, wann, sag mir, wann?“
Aus: Silbermond: Himmel auf (2012)
Die Band Silbermond hat diesen Song schon vor über 10 Jahren geschrieben. Und es ist wohl kein Zufall, dass sich die Bandmitglieder bei einem Musikprojekt von Ten Sing, vom CVJM Bautzen, kennengelernt haben.
Wie kommt man sonst auf dieses Bild – wann reißt der Himmel auf?
Wann reißt der Himmel auf – für die, für die jeder einzelne Tag in Kampf ist und ein Überlebensmodus? Die an einer Krankheit leiden. Die finanzielle Nöte haben – bei der Tafel anstehen oder die es kaum schaffen, ihre täglichen Aufgaben zu verrichten, weil alles unendlich viel Kraft kostet.
Wann reißt der Himmel auf, Gott?
Das feiern wir heute. Himmelfahrt.
Der Himmel reißt auf. Wir sehen einen kurzen Moment eine Welt, die uns sonst verwehrt ist.
Und die Welt ist auf einmal mit sich versöhnt. Ein kleines bisschen Glück mitten im Alltag.
Himmelfahrt? Ein zugegebenermaßen sperriges kirchliches Fest. 40 Tage nach Ostern, der Auferstehung Jesu – dann die Himmelfahrt.
Wenig zu greifen. Wenig leidenschaftlich. Wir haben es eben gehört.
Diese Himmelfahrtsgeschichte wird ja auch nicht von allen Evangelisten erzählt und klingt fast wie eine Verlegenheitslösung. Irgendwo muss der Auferstandene ja hin, wenn er schon nicht mehr sichtbar da ist. So hat man, dem alten Weltbild entsprechend, die Geschichte erzählt, dass er aufgehoben wurde und eine Wolke ihn vor ihren Augen hinwegnahm.
Für uns heute ist also aus meiner Sicht weniger die Frage entscheidend: wie war das alles ganz genau und ist das historisch? Sondern: Wo ist für UNS der auferstandene Jesus? Wie können wir selber einordnen, was da an Ostern geschehen ist, und wie leben wir damit konkret im Alltag?
Daran kann diese Frage von Silbermond gut anknüpfen: Wann reißt der Himmel auf? Wann spüre ich, dass Gott da ist – für mich. Konkret, im Hier und Jetzt.
Wann gibt es sie, solche Himmelsmomente, für mich?
Und nun könnt ihr natürlich fragen: Wie kriegt sie jetzt den Bogen zu uns hier in Tating, auf Eiderstedt? Wie zu unseren restaurierten Kirchen? Klar. Heute ist das recht einfach: Ein Himmelsmoment.
Aber: Es könnte ja durchaus sein, dass wir hier ganz vom Gegenteil von Himmelfahrt sprechen. Denn so eine Kirchenrestaurierung ist ja nun mal ganz und gar irdisch. Es geht um Schieferplatten und Fugen und Mauersteine. Um Nordseewind und Salz in der Luft. Um Stürme und Starkregen.
Und hinter allem natürlich um die Frage: Brauchen wir sie noch? Diese alten, durchbeteten Mauern? In denen die Tränen derer sind, die hier getrauert haben und trauern. Um ihre Frauen, ihre Männer, ihre Töchter und Söhne. Um ihre Eltern.
In denen die Freude derer steckt, die hier Ja zueinander gesagt haben. Vor Gott und vor denen, die ihnen nah stehen. Die hier ihr Kind zum ersten Mal anderen in die Arme gelegt haben, damit sie getauft werden.
Und die Steine ächzen und das Wasser dringt ein und der Sturm hinterlässt Spuren und die Zeit sowieso. Lohnt sich das?
Brauchen wir sie noch? Wenn Jesus doch zum Himmel gefahren ist?
Und ja, ihr lieben Menschen. Wir brauchen sie.
Unsere alten Gemäuer. Die durchbeteten Steine. Die krummen Ecken…
Nicht, weil wir museale Räume erhalten müssen.
Sondern, weil wir Menschen ganz dringend immer wieder Himmelsmomente brauchen und Orte, an denen wir auch in uns einen Raum schaffen für Gott. Für unsere Gefühle. Für unsere Heimatsehnsucht.
Und genau dafür sind unsere Kirchengebäude bergende Orte.
Anders-Orte. Himmelsräume.
In seinem Buch „Nachtzug nach Lissabon“ beschreibt der Autor Pascal Mercier das mit wunderbaren Worten.
„Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdischen Tönen. Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit der Marschmusik. Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.“
Aus: Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Carl Hanser Verlag 2004
Und ja, wir sind hier nicht in einer Kathedrale dieses Ausmaßes. Wir wollen mal nicht so tun.
Wir sind hier in Dorfkirchen. Nicht jede unserer Orgeln wird uns mit rauschenden Klängen überraschen können. Nicht alle Kirchenfenster blenden uns mit unirdischen Farben.
Aber: Unsere Kirchen sind bergende Himmelsräume. Sie funktionieren auch mit schiefen Klängen und mit unebenen Böden. Sie müssen nicht perfekt sein.
Gerade, weil wir selbst ja nun auch alles andere als perfekt sind. Sie sind wie wir. In die Jahre gekommen, die Fassade blättert, die Lebenstürme hinterlassen Spuren, nicht alle Scharniere funktionieren noch. Hier auf Eiderstedt haben eure Kirchen nun natürlich den Vorteil, dass ihnen eine Generalüberholung zuteilgeworden ist – nicht alle werden in diesen Genuss kommen.
Deshalb – eine kleine Umdichtung der Hymne auf die Kathedralen dieser Welt. Für Eiderstedt.
Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kirchen leben. Ich brauche ihre Schlichtheit und ihren bergenden Schutz. Ich brauche sie, erhaben auf den Warften, gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will durch trübe Kirchenfenster hinaussehen und mich bescheinen lassen vom klaren Licht der Morgensonne. Ich will die Kirchenlieder hören, die mich schon seit meiner Kindheit begleiten. Ich will sie mitsingen, mit schiefer Stimme und aller Kraft.
Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kirchen leben. Sie stellen mich in eine Geschichte, die größer ist als ich selbst.
Ich brauche ihre Stille. Weil ich in ihnen einfach nur sein darf. Ohne zu müssen. Weil hier die Fassade blättern darf und ich mein wahres Gesicht zeige. Weil meine Tränen in ihnen einen Ort haben und auch meine Freude. Weil das Gebet dringend Raum haben muss in unserer Welt. Für mich selbst und für andere.
Wann reißt der Himmel auf? Wo sind sie, die Himmelsmomente im Hier und Jetzt?
Wir leben von ihnen. Und deshalb können wir Gott danken heute – für all die Menschen, die so viel eingesetzt haben, um unsere Kirchen zu restaurieren. Damit sie erhalten bleiben. Und uns und nachkommenden Generationen Himmelsmomente schenken können.
Amen