Predigt im ökumenischen Festgottesdienst zum 80. Jahrestag der Gründung des Landes Schleswig-Holstein
23. August 2026
Lk 6, 20-23 a
Mal ganz offen gefragt: Brauchen wir Gott – welchen Namen wir dafür auch nehmen – Adonai, Allah, der Allmächtige, Herr, die Liebe – der Islam hat ja die schönsten 99 Namen, also Eigenschaften Gottes mal zusammengefasst, aber auf 99 komme ich jetzt nicht.
Brauchen wir – Gott? Zu unserem Glück?
In den westlichen Industrienationen sagen zunehmend mehr Menschen ganz klar: Nein. Meinem Leben fehlt nichts, wenn Gott fehlt. Dazu gibt es übrigens eine interessante Studie aus den Niederlanden von einem katholischen Priester und Professor, der sagt: wir leben in einem Zeitalter der religiösen Indifferenz, und es ist nicht möglich Menschen mit etwas zu erreichen, wonach sie sich überhaupt nicht sehnen!
Heute Morgen ist jetzt – leider – nicht die Zeit, da tiefer einzusteigen. Aber eins ist doch deutlich: Immer weniger Menschen binden ihr persönliches Glück oder auch gesellschaftliche Zufriedenheit an die Überzeugung, dass wir alle eingebunden und mehr noch, verbunden sind mit einer Instanz, die höher ist als unsere Vernunft.
Ich schätze – viele von uns, die heute Morgen hier sind, sehen das anders. Wir wissen, dass wir in unserem Leben von etwas getragen sind, das höher, tiefer, liebender ist, als wir selbst es je sein könnten.
Allein, weil die gesellschaftliche Großwetterlage so ist, wie sie ist, ist es deshalb einfach ein gutes Signal, dass wir heute den Landesgeburtstag gemeinsam mit einem Gottesdienst feiern. So, wie es bei uns in Schleswig-Holstein gute Sitte ist, das neben Weihnachten und Ostern das Erntedankfest zur DNA unseres Landes gehört. Gott für das danken, was uns geschenkt ist. Das ist kein weltfremder Überbau, das gehört ganz schlicht und einfach dazu für viele Menschen in unserem Land.
Und das wird sehr schön in den Seligpreisungen ausgedrückt, die wir heute schon in der Lesung gehört haben. Ich erinnere an den zweiten Teil:
Glücklich seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Glücklich seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen.
Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel.
Glücklich – makarios – selig – das ist nicht nur ein kurzes Glück oder ein Postkartensonnenuntergang in SPO [Sankt Peter Ording]. So schön der auch ist!
Glück ist in der jüdischen und christlichen Bibel etwas, was viel tiefer geht. Weil es eben genau diese Rückbindung an Gott bedeutet. Die dann dazu führt, dass ich frei werde.
Frei von oberflächlichen Zuschreibungen, wie wohl ein glückliches Leben auszusehen habe. Frei von dem Zwang, es Menschen recht zu machen oder Dinge schönzureden, nur weil ich dann beliebter bin.
Frei, kritisch auf die politischen Entwicklungen bei uns in Deutschland zu schauen und wachsam zu sein.
Die Worte in den Seligpreisungen sind ja ziemlich krass – glücklich seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen … um des Menschensohnes willen.
Wichtig: Hier geht es nicht um Selbstkasteiung.
Hier geht es darum, dass zu diesem tiefen Glück gehört, dass das ausgesprochen werden muss, was zu sagen ist. Auch, wenn es nicht bei allen gut ankommt. Und man sogar Wählerstimmen verlieren könnte.
Und das gilt auch für uns hier in Schleswig-Holstein – einer der häufigsten Sätze, den ich hier höre, ist ja: Wir haben es ja noch gut, bei uns gibt es keine rechtsextreme Partei im Landtag.
So sehr das stimmt und ich diese Erleichterung teile, so gefährlich ist es doch auch, wenn das eigene Glück vor allem über die Abgrenzung zu anderen beschrieben wird.
Denn eins erleben ja Menschen auch hier bei uns: Der gesellschaftliche Ton ist rau, Minderheiten müssen beständig dafür kämpfen, gehört zu werden; immer mehr Kinder leben in Armut, psychische Erkrankungen nehmen zu. Menschen jüdischen Glaubens überlegen unser Bundesland zu verlassen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen.
Insofern ist es zu kurz gedacht, unser Glück hier im echten Norden vor allem dadurch zu beschreiben, dass die Welt bei uns noch irgendwie in Ordnung ist.
Nein, sie ist es nicht.
Wir brauchen ihn, den realistischen Blick auf unser Bundesland. Die Dinge müssen benannt werden, weil sie ansonsten unter der Oberfläche brodeln und sich auf andere Weise Bahn brechen.
Brauchen wir Gott – zu unserem Glück?
Ein klares Ja – wenn damit genau dies gemeint ist: Eine Rückbindung und Verbindung mit dieser Instanz, die uns klar an unsere Stelle weist und auf unseren Auftrag verweist – für ALLE ein gutes Leben zu ermöglichen. Und die uns frei macht, alles auszusprechen, was auch nicht so gut ist.
80 Jahre Schleswig-Holstein. Das ist Grund zu viel Dankbarkeit. Unsere Gründungsväter und Gründungsmütter haben dieses Land aufgebaut, haben eine starke Demokratie geschaffen. Umso mehr gilt es für uns, das zu bewahren! Unser Glück ist zugleich unsere Verantwortung für die, die nach uns kommen.
Deshalb, zum Schluss, ein paar Seligpreisungen für uns Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner:
Glücklich seid ihr, die den Mut haben Partei zu ergreifen für die, die sich nicht gehört und gesehen fühlen.
Glücklich seid ihr, die ihr euch nicht damit abfindet, dass Menschen in unserem Bundesland Angst haben, ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Überzeugungen frei zu leben.
Glücklich seid ihr, die ihr eure Sehnsucht nicht vergrabt unter vordergründigem Glück, sondern ihr nachgeht und keine Ruhe gebt, bis ihr euch verbunden fühlt mit dem Urgrund eures Seins. Wie auch immer ihr ihn nennt.
Freut euch an diesem Tag und tanzt, denn der Himmel über euch ist weit und Gottes Gnade und Güte sei mit euch, so weit die Wolken ziehen.
Amen