Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt im Unigottesdienst am 25. Juni 2023 in St. Katharinen, Hamburg

27. Juni 2023 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigttext Hiob 38

Liebe Geschwister,

Wer bist du, Mensch? Was vermagst und kannst du, Menschenkind? Wo warst du als die Erde gründet wurde? Und wo bist du nun, wo das Leben auf ihr gefährdet ist, wo die Bewohnbarkeit dieses Planeten für dich, Menschenkind, in Frage steht? Was tust du? Was vermagst und kannst du? Wer bist du, Mensch?

Was ist der Mensch? Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy beantwortet diese Frage so: Der Mensch istdie Frage nach sich selbst. Was Menschen am Leben erhält, ist viel stärker, viel spiritueller und viel philosophischer als ihr bloßer Wille zum Überleben. Wohl auch deshalb stellt die Bibel im Buch Hiob keine allgemein philosophischen Betrachtungen an zum Menschsein an und für sich. In ihr geht es nicht um theoretische Antworten und allgemein gültige Weisheiten. Sondern um eine existentielle, die eigene Existenz von Grund auf betreffende Antwort. Wer bist du, Mensch? Was kannst du, was vermagst du wirklich? Wo warst du, wo und wie wirst du sein? Das sind direkte, persönliche Fragen. Gegen die sich der eine oder die andere vielleicht verwehren mag: „So kommst du mir aber nicht. Mit solch persönlichen Fragen. Das ist dann wohl doch etwas zu direkt.“

Gott aber lässt sich davon nicht beirren. Er wird persönlich. Er fragt direkt und unmittelbar. Und seine Fragen dienen nicht der Beschämung, sondern der Klärung - einer Beziehungsklärung in mehrfacher Hinsicht. Wer bist du, Mensch, im Großen und Ganzen der Welt? Wie ist deine Beziehung zu allem, was lebt? Wer bist du, Mensch, im Verhältnis zu Gott? Wie steht es um deine Beziehung zu ihm?

II.

Wie ist der Mensch? So fragt der Psalm, den wir vorhin gehört haben. Und er antwortet: „Nicht viel geringer als Gott, gekrönt mit Würde und Glanz“. Lange Zeit wurden Sätze wie diese so verstanden: Wo wir sind, ist oben. Und lange Zeit hat dieses Verständnis die Sicht auf die Menschen und ihr Verhältnis zur Welt in Europa und in den von Europa aus beherrschten Gebieten der Erde geprägt.

Jahrhundertelang implizierte die Selbstplatzierung als Krone der Schöpfung die De-platzierung anderer Geschöpfe. Ihre Rechtlosigkeit. Ihre Nichtverortbarkeit in der Welt. Für sie hieß das: Kein Ort, nirgends. Nicht-menschlich - und deshalb dazu bestimmt, von Menschen für allein ihre Bedürfnisse benutzt und verbraucht zu werden. Ohne um ihrer selbst willen leben zu dürfen. Nicht-männlich - und deshalb dazu bestimmt, bestenfalls als Gehilfin ohne Rechte und in Abhängigkeit zu leben. Ohne eigene Wünsche und Ziele haben zu dürfen. Nicht-weiß - und deshalb dazu bestimmt, ausgebeutet und ausgenutzt zu werden. Ohne die Anerkennung einer eigenen Würde und eigener Rechte.

„Nicht viel geringer als Gott, gekrönt mit Würde und Glanz“. Wo Worte der Bibel wie diese so missverstanden wurden, dass aus dem ins-Verhältnis-setzen, aus sich-zu-Gott-in- Beziehung-setzen ein sich-selbst-an-die-Stelle-Gottes setzen wurde, um sich in die Lage zu bringen, sozusagen an seiner Statt handeln und herrschen zu können, da begann der Verlust der wahren Menschlichkeit des Menschen. Und damit beginnt das, was die Bibel Sünde nennt.

III.

Wo warst du, Mensch? Wer bist du? Das sind Fragen, die ins Herz treffen. Ins Herz menschlichen Selbstverständnisses wie persönlicher Existenz und Lebensweise. Davon erzählt auch das Buch Hiob. Hiob – für ihn gerät der anscheinend so sichere Lebensweltboden, der eben noch felsenfest erschien, plötzlich ins Wanken, bricht unter den Füßen weg, und stellt alles in Frage, was war und was ist. Hiob erleidet schwere Schicksalsschläge, den Tod der ihm liebsten Menschen, den Verlust seines Vermögens, eigene schwere Krankheit. Unerklärlich und sinnlos, ohne eigenes Verschulden allzumal. All das lässt ihn nach Gott fragen. Nach Gottes Verhältnis zum Menschen. Nach Gottes Macht und Einfluss.

Seine Freunde versuchen, Antwort auf Hiobs Fragen zu geben. Hiobs Leid, vor allem aber Gott und sein Wirken erklären sie in abstrakten Kategorien. Aber dieses Reden von Gott hilft Hiob nicht. Es trägt nicht, es tröstet nicht, es eröffnet keine Perspektive. Im Gegenteil, es macht sein Leid und seine Fragen nur noch größer. Und endet letztlich in Sprach - und Beziehungslosigkeit. Es ist Gott, der es dabei nicht belässt. Der sich bemüht, die Sprach- und Beziehungslosigkeit zu durchbrechen. Nicht mit einem abstrakten Vortrag. Sondern mit Fragen. Zunächst mit einer Weitung des Blicks auf alles, was lebt, auf alles, was existiert. Und dann mit der Konzentration auf das Verhältnis von Gott und Mensch, auf das Leben des Geschöpfes Mensch  als Teil von und mitten in Gottes Schöpfung. So soll aus einem, dem alles, auch Gott, fragwürdig geworden ist, einer werden, der seine Antworten findet. Einer, der in Schweigen und Depression zu versinken droht, soll seine Sprache wiederfinden. Was Gott tut, würde man heute wohl als Empowerment bezeichnen, als Ermutigung zur Übernahme von Verantwortung für sich und andere.

Gott ermutigt mit Hilfe von Fragen. Wo warst du, wer bist du, wer wirst du sein? Und seine Fragen ermöglichen zunächst eine Einsicht, die der Philosoph Hans Blumenberg als eine Kränkung der Menschheit beschrieben hat: die Einsicht nämlich, dass Menschen keineswegs im Mittelpunkt des Universums stehen; dass ihre Existenz alles andere als zentral ist, sondern  nur vorübergehend ist und nicht ewig.

IV.

Wo warst du, Mensch? Wer bist du? Wer wirst du sein, Menschenkind? Im Blick auf die biblischen Texte besteht die Antwort auf alle drei Fragen aus genau zwei Worten: nicht allein.

Wo warst du, Mensch, als die Erde gegründet wurde? Vor den Menschen waren bereits viele andere Geschöpfe da. Menschen sind Geschöpfe unter Geschöpfen - nicht allein. Wer bist du, Mensch? Als Geschöpf unter Geschöpfen leben, sind Menschen in zweifacher Weise nicht allein. Wir Menschen sind Beziehungswesen, in Beziehung zu Gott, Quelle und Grund allen Lebens. Und in Beziehung zu anderen Menschen, zu allem, was lebt - nicht allein.

Und wer wirst du sein, Menschenkind? Hört man die Fragen Gottes an Hiob, an uns alle, wird deutlich: Gott zeigt in immer neuen Variationen die vielen verschiedenen Aspekte des Lebens auf der Erde auf, die Hiob nicht sehen und nicht verstehen und die er auch nicht kontrollieren kann. Eines Lebens, in dem der Mensch eine alles andere als zentrale Rolle spielt. Die große Rede Gottes mit ihren Fragen widerspricht einer anthropozentrischen, einer allein auf die Menschen konzentrierten Sichtweise und Lebenshaltung.

Wer wirst du sein, Menschenkind? Gottes Fragen an Hiob rufen in Erinnerung, um welche Neuorientierung es gehen könnte: Weg von der Konzentration auf uns Menschen und allein unsere Bedürfnisse, hin zur Verbundenheit allen Lebens. Hin zu dem, was heutige Wissenschaft unter das Stichwort „interconnectedness“ fasst - alles Leben ist miteinander verbunden, ist voneinander abhängig. Alles Leben greift ineinander. So sagen es Wissenschaft wie alte Bibelworte: alles Leben hat seinen Platz und seine Bedeutung - und wir Menschen stehen nicht außerhalb, sondern sind von Anfang an verbunden mit allem Lebendigen. Noch vor aller Frage nach der daraus folgenden Verantwortung ist das Anlass zu Freude, zu Staunen und Dankbarkeit. Es erinnert uns daran, nicht allein, sondern ein Teil von etwas größerem zu sein. Nicht allein und verloren, sondern verbunden. Es erinnert uns daran, dass unser Leben wunderbar ist, dass es liebenswert ist, so dass wir es erhalten und weitergeben möchten. Kurz: der Glaube an Gott den Schöpfer, das Vertrauen darauf,  als Geschöpf unter Geschöpfen geliebt und gewollt zu sein, ist eine Quelle für Resilienz. Für die Fähigkeit, auch widrigen Umständen und in Krisenzeiten standzuhalten, und die Hoffnung nicht aufzugeben.

V.

So auf Gottes Schöpfung zu sehen und sich als Teil von ihr zu begreifen, ist der letzte Rat, den Hiob bekommt, überbracht von seinem Freund Elihu: „Höre Hiob, steh still und merke auf die Wunder Gottes.“ Resilienz und Hoffnung in Krisenzeiten - sie speisen sich aus dem Vertrauen auf Gottes von Anbeginn der Zeit bis in Ewigkeit wirkende unbeirrbare Liebe. Sie speisen sich aus der Hoffnung, die das mit der Taufe beginnende, neue Leben in Christus schenkt. Sie speisen sich aus der Energie und Kreativität, die die Kraft des Heiligen Geistes immer wieder vermitteln. Gegen alle Rückschläge und alles Scheitern steht die Auferstehungshoffnung: nichts, gar nichts, nicht einmal der Tod, wird Gottes unbeirrbarer Liebe zum Leben widerstehen können. Wer so das Leben als Gabe und als Geschenk aus der Hand Gottes versteht, wird frei zur Verantwortung an Gottes Seite - für Andere, für die Nächsten, für die Mitgeschöpfe, für unser Zusammenleben, für diese Welt. Nimmt aus dieser Freiheit heraus Verantwortung dafür wahr, dem Leben mit anderen und der gesamten Schöpfung zu dienen. Dabei bleibt die österliche Erfahrung zentral, dass es letztlich allein Gott ist, der Leben, neue Perspektiven und neue Möglichkeiten zu schenken vermag, vor allem da, wo wir Menschen nicht oder nicht mehr damit rechnen.

Das eröffnet die Möglichkeit, sich selbst neu zu verstehen und neu in Beziehung zu treten - zu Gott, zu Mitmenschen, zur ganzen Schöpfung. Genau darum geht es gegenwärtig: Unter Gottes Segen verantwortungsvoll in seiner Schöpfung leben - als Geschöpf unter Geschöpfen. Und es geht darum, in all unserem Tun und Lassen darauf zu vertrauen, dass Gott alle seine Geschöpfe, seine ganze Schöpfung ins Leben liebt - in sein Leben.

VI.

Hiob wechselt seine Perspektive. Er findet zurück ins Leben. Am Ende dieses Perspektivwechsels sagt er zu Gott: „Ich will dich fragen, lehre mich.“ Hiob erfährt, was der Dichter Uwe Kolbe in einem seiner Psalmen einmal so beschrieben hat und was wir alle erfahren mögen:

„Den Hoffenden führst du unter den offenen Himmel,

den Sehnenden stellst du vor die Weite der See,

und dem, der verloren war, gibst du dein Wort.“

Amen.

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