​​​​​​​5. Dezember 2021 | Zur Orgelweihe in St. Marien zu Husum

Predigt zum Zweiten Advent

Die Klais-Orgel in St. Marien zu Husum
Die Klais-Orgel in St. Marien zu Husum© Kirchenkreis Nordfriesland

06. Dezember 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Zu Jesaja 63,15-64,3

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

I Weckruf

Schau! Sieh! Zerreiße den Himmel! Was für ein Weckruf am zweiten Advent! Als ob Gott wach gerüttelt werden müsste mit eindringlichen Worten, so wie Theodor Storms Regentrude mit dem richtigen Verslein. Ein Weckruf in spannungsreicher Zeit. Denn als angespannt erleben viele diese Tage und Wochen der bisher schlimmsten Welle der Corona-Pandemie. So angespannt, dass es sie selbst zerreißen könnte. Kaum auszuhalten. 

Ein zweiter Advent, eine zweite Adventszeit in Folge, die von Einschränkungen bestimmt ist. Nicht von denen des Fastens, der Selbstbesinnung und der Buße, wie sie eigentlich in die Adventszeit gehören, als Vorbereitung auf das große Fest der Geburt des Christuskindes. Als Vorbereitung darauf, den Gott, der sich uns schenkt und sich vertrauensvoll in unsere Hände begibt, mit liebevollem Herzen, offen und frei von belastenden Anspannungen untereinander zu empfangen. In der Adventszeit soll es eigentlich besinnlich zugehen. Damit wir uns besinnen auf die Frage, die wir gerade gesungen haben: Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich Dir? 

Aber nicht mit dieser, sondern mit anderen Fragen in Kopf und Herz gehen wir auf die Weihnachtstage zu: Wie sollen wir einander empfangen? Und wie begegnen wir uns? Mit 3G? Oder 2G plus? Auch für den heutigen, so lange liebevoll geplanten Festgottesdienst haben Sie diese Frage sorgfältig bedacht und entschieden. Und ich vermute, dass Ihnen dabei deutlich geworden ist, was ich so sagen möchte: Die Immunitätsdebatten, die wir derzeit führen, sind auch immer zugleich Gemeinschaftsdebatten. Sie werfen Fragen auf: Wer kann, wer soll, wer darf dabei sein? Wer schließt sich selber aus? Und was sind Einzelne bereit, für die Ermöglichung von Gemeinschaft beizutragen? Denn Gemeinschaft, das ist derzeit deutlich wie selten, kann man nicht einseitig von anderen einfordern. Sondern jede und jeder Einzelne trägt dazu bei, ob und wie sie gelingt. Jede und jeder Einzelne trägt Mitverantwortung dafür, eine sensible Balance immer wieder mit auszuloten und auszuhalten: Die Balance zwischen dem Wunsch nach individueller Freiheit einerseits und einer Gemeinschaft andererseits, in der wir uns um Anderer willen in unserer Freiheit beschränken und so füreinander Sorge tragen, Verantwortung übernehmen. Das immer wieder neue Justieren dieser Balance kann in Spannungen führen. In Spannungen, die zuweilen schwer auszuhalten sind. Wie zum Zerreißen gespannt. Wenn doch nur einer all das sehen und ihm ein Ende machen würde. So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

II Orgelglanz

Zum Zerreißen gespannt - ein Seelenzustand, der in sehr unterschiedliche Reaktionen führen kann. Die einen sind wütend und zornig. Werden zunehmend aggressiv auf alles und jeden und wollen damit auch die provozieren, die vernünftig, klar und besonnen bleiben. Denn wenn alle wütend würden, wäre man nicht mehr so allein mit dieser scheinbar unaushaltbaren Anspannung. Andere sind verzweifelt, traurig und unsagbar müde. Werden immer stiller, ziehen sich zurück, fühlen sich erschöpft und einsam. So allein mit all dem, was das Leben schwer macht. 

In einem Trostbrief an den Organisten Matthias Weller, der solche Phasen tiefer Traurigkeit und Einsamkeit kannte, schrieb Martin Luther im Jahr 1534: „Kommt der Teufel und gibt euch finstere Gedanken ein, so wehrt euch frisch: ‚Hau ab, dämlicher Teufel, ich muss jetzt meinem Herrn Christus ein Lied spielen, und dann nehmt ihr eure kleine Orgel, und spielt ein ‚te deum laudamus, Herr Gott dich loben wir’ darauf.“  

Genau das tun wir heute auch. Inmitten aller Spannungen, unserer eigenen Anspannung, inmitten von Sorgen und Ängsten und herzzerreißender Fragen hören wir heute auf die wunderbare, neu geschaffene Orgel in dieser Kirche. Wir öffnen und weiten unser Herz für andere Töne und Klänge als die, die aus uns selbst heraus strömen. Für eine Toccata von Johann Sebastian Bach, für tröstliche und vertraute Adventslieder und nachher, am Ende, für ein Dank- und Loblied an Gott, ein „te deum laudamus“: Lob, Ehr und Preis sei Gott

Und indem wir das tun, schließen wir unser Herz und unsere Seele auf für den weiten Horizont, der sich mit der neu geschaffenen Klais-Orgel heute über Husum öffnet! Der Horizont, der von der Marien-Orgel in Husum bis zum Kölner Dom und der Elbphilharmonie in Hamburg reicht, und wohl auch noch weiter. Denn die Marien-Orgel setzt eine Tradition erlesener Instrumente fort, die alle von der Familie Klais geschaffen wurden. Ihnen, lieber Herr Klais, dem Orgelbauverein, der Orgelbauprojektgruppe und der Kirchengemeinde ist es gemeinsam mit vielen Förderinnen und Förderern gelungen, ein Juwel des europäischen Orgelbaus im ländlichen Raum nun hier in der Küstenregion Schleswig-Holsteins zum Klingen zu bringen. Ihnen allen sei Dank, dass sich Herz und Sinne heute weiten können und sich in diesem Gottesdienst unterschiedliche Klangfarben miteinander verweben: die helle Festfreude über den wunderbaren Klang dieser neuen Orgel, unsere Fragen und Ängste und Sorgen, und die alte und doch so aktuelle Sehnsucht nach Glanz und unbeschwerter Heiterkeit, nach Liebe, Frieden und Geborgenheit, die den Advent prägt und bestimmt.

III Ernüchterung

Immunitätsdebatten sind Gemeinschaftsdebatten. Und wo es um Gemeinschaft geht, ist die Frage nach der Gemeinschaft mit Gott nicht fern. Bist du, Gott, denn überhaupt bei uns? Siehst du uns noch? Bist du da? Denn das müsstest du doch: „Du bist doch unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“  

Die Fragen und Klagen prasseln nur so hernieder auf einen Gott, der sich daran anscheinend nicht mehr erinnert. Gott wird angerufen, herausgefordert. Vom Himmel herunterschauen soll er. Hinunterkommen auf die Erde. Herausforderung, Klage, Bitte und Anklage - alles in in einem ist das. Was davon schleudern wir Gott heute entgegen? Die so schwer zu bekämpfende Pandemie? Das Unverständnis von Menschen für helfende und Leben rettende Maßnahmen wie das Impfen, Abstand, Hygiene, Einschränkung von Kontakten? Was legen wir Gott heute ans Herz? Den menschengemachten Klimawandel auf unserer Erde? Die Hungernden in den Armuts- und Kriegsregionen unserer Erde, in Afghanistan, in Madagaskar, im Jemen, in Syrien? Das Leid der Flüchtlinge an den Grenzzäunen Europas? Den Eindruck, das in unserer Gesellschaft immer weniger Bereitschaft vorhanden ist, unterschiedliche Positionen zu einem Konsens zu führen, und dafür auch von eigenen Interessen absehen zu müssen?  

Der biblische Prophet arbeitet sich durch spannungsreiche Gefühle, durch Ängste und Fragen. Bis er schließlich versteht: nicht Gott muss geweckt werden - nein wir selbst sind es, die aufgeweckt werden müssen. Ernüchtert nach den tobenden inneren Kämpfen sagt Jesaja es schließlich so: Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

IV Trost

Was muss geschehen, damit es zu dieser Einsicht kommt? Ich verstehe es so: Die Klagen, das Schimpfen und innere Toben wollen gesehen und anerkannt werden. Sie warten darauf, dass jemand uns tröstend übers Haar streicht und mitfühlend sagt: ich weiß ja, ich weiß… Ich weiß,  wie deine Angst sich anfühlt. Ich kenne das auch. Ich bin ja wie du - ein Mensch. Angefragt und angeklagt. Ein Mensch, der Zerstörung, Verzweiflung, Gewalt und Hass am eigenen Leibe erfahren, ertragen und durchlitten hat. 

Ich bin ja wie du, ich bin an deiner Seite, ich gehe nicht fort, ich bin da - das sagt der, der als geliebtes Kind zur Welt kommt und einsam am Kreuz stirbt. Und von dem wir dennoch bekennen, dass er auferstanden ist von den Toten, lebendig und gegenwärtig mitten unter uns ist: Christus. In ihm ist Gott so gegenwärtig, wie er in Wahrheit ist: als schöpferische Liebe, die alles von Grund auf neu macht. In der Gegenwart Christi wird unser eigenes Leben deshalb zu dem, was sein soll: ein Ort, an dem Gottes Liebe am Werk ist. An dem seine Güte, seine Freiheit und seine Gerechtigkeit wirken und Neues schaffen. Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit, Frieden mit allen Geschöpfen.  

Am Ende, nach allem Klagen, Toben und Verzweifeln bricht sich die Hoffnung Bahn. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. In Gottes Gegenwart leben, das bedeutet: mitwirken an Gottes Wirken, im Überwinden von Hass und Gleichgültigkeit, im Bewirken des Guten, in Klarheit und Wahrhaftigkeit.  

V Am Horizont

Wenn Wut und Trauer gesagt, gefühlt, begleitet und durchgearbeitet sind, kann sich der Blick wieder heben und weiten. Wenn Verzweiflung herausgeschrien wurde, Bitten und Beten zur Sprache kamen, wenn eine Hand übers Haar gestrichen hat und sich der Sturm wieder legt, wird auch der Blick wieder frei auf den offenen Horizont. Und offene Ohren hören, was sie so lange nicht mehr oder noch nie gehört haben. Eine adventlich flüsternde Stimme: „Die Nacht ist vergangen, es kommt schon der Tag.“ Geöffnete Augen sehen, was sie so lange nicht mehr oder noch nie gesehen haben: Das Morgenrot, den Silberstreifen am Horizont. Und ein Schiff, das sich beharrlich nähert unter vollen Segeln. Beladen mit Hoffnungsbrot bis an den Rand. „Nun sei uns willkommen, Jesus, Herre Christ, der du zu uns von ferne gekommen bist. Nun sei uns willkommen, wärst du uns nicht geborn, wär’n wir hier auf Erden wohl allzumal verlorn. Kyrieleis.“  

Amen.

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