6. Juni 2026 in St. Marien, Greifswald

Predigt zur Bachkantate „Nun danket alle Gott“ - Morgenmusik der 80. Greifswalder Bachwoche

08. Juni 2026 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

„Nun danket alle Gott.“ 
Bewegende Musik. 
Und ein schlichter Satz. 
Vier Worte nur. 
Keine schwierige Formulierung. 
Keine komplizierte Theologie. 
Keine langen Erklärungen. 
Stattdessen einfach nur: 

„Nun danket alle Gott.“ 
Aber schon das erste Wort lässt aufhorchen, 
dieses schillernde „nun“. 
Meint es: Jetzt, nun mal los, lasst uns endlich anfangen, Gott zu danken? 
Oder ist es ein „nun“ nach einer schwierigen Zeit – 
nun, da sich alles gut gewendet hat, 
nun danket alle Gott. 
Oder ist es ein begütigendes „nun“ – bleibt ruhig, 
es wird schon werden, 
lasst uns erst einmal Gott danken. 

„Nun danket alle Gott.“ 
In diesen wenigen Worten steckt eine erstaunliche Kraft. 
Denn sie sprechen vom Zentrum gelingenden menschlichen Lebens: 
von einem Herzen, das dankbar sein kann. 
Und damit von etwas, 
was immer seltener zu werden scheint. 
Gründe zur Besorgnis, für schlechte Stimmung und Angst – 
von denen hören wir täglich. 
Von Beschwerden und Angriffen, 
davon, wie andere schlecht gemacht werden, 
oft, um sich selbst besser fühlen zu können. 
In unserem Alltag zählen wir Erfolge und Misserfolge, 
Gewinne und Verluste. 
Und täglich erleben wir, 
wie viel Anlass zur Sorge es gibt. 
Wer aufmerksam hinsieht, 
kennt die Lasten, die Menschen tragen. 
Auch Menschen heute Morgen in dieser Kirche. 
Krankheit. Einsamkeit. Ungerechtigkeit. Gemeinheit. 
Die großen Krisen unserer Zeit 
und die ganz persönlichen Kämpfe. 
All das ist da. 
Und das nicht zu knapp. 
Und dann diese Kantate: 

„Nun danket alle Gott.“ 
Sie singt nicht: 
Dankt Gott, weil alles gut ist. 
Sie singt nicht: 
Dankt Gott, weil ihr keine Probleme habt. 
Sie singt ganz einfach: 
„Nun danket alle Gott.“ 
Jetzt. Heute und hier. 
An diesem Tag, an diesem Ort, in diesem Moment. 
Der Dank steht nicht am Ende aller Schwierigkeiten. 
Sondern gerade jetzt sollen wir uns Zeit für ihn nehmen, 
uns selbst und unser alltägliches Sorgen und Tun unterbrechen – und danken. 

Der Dichter Martin Rinckart schrieb den Text in einer Zeit, 
die von Krieg, Hunger und Seuchen geprägt war. 
Die Welt, in der dieses Lied entstand, 
war alles andere als sorglos. 
Und dennoch verfasst er kein Klagelied. 
Er resigniert nicht. 
Er verzweifelt nicht an Gott. 
Stattdessen beschreibt er Gott als den, 
„der große Dinge tut an uns und allen Enden“. 

Was für ein erstaunlicher Blick auf die Wirklichkeit! 
Nicht auf das, was fehlt, 
sondern auf das, was da ist. 
Was geschenkt ist.  

Ich nenne das einen österlichen Blick. 
Einen Blick, der die Welt und das, was uns in ihr geschieht, 
ins rechte Licht rückt. 
Ins Osterlicht. 
Geh nicht der Dunkelheit nach. 
Geh nicht der Gewalt nach. 
Geh nicht der Angst hinterher. 
Gib die Hoffnung nicht auf. 
Vielleicht ist das eines der größten Geheimnisse des christlichen Glaubens, 
des in der Auferstehung wurzelnden Glaubens: 
dass er die Wirklichkeit nicht beschönigt, 
aber anders betrachtet.  

Die in diesem Glauben wurzelnde Dankbarkeit bedeutet nicht, 
die Augen vor Leid und Angst zu verschließen. 
Sie bedeutet, trotz allem wahrzunehmen, 
dass Gottes Liebe Veränderung möglich macht, 
dass Gottes Zukunft immer schon begonnen hat 
und Leben und Hoffnung schafft, 
wo wir sie kaum erwarten. 
Wer immer wieder in diese Dankbarkeit findet, 
kann die Welt neu entdecken. 
Die Sonne über dem Bodden. 
Den Menschen, der an der Seite bleibt. 
Musik, die das Herz berührt. 
Nichts davon ist selbstverständlich. 
Und vielleicht liegt genau darin die geistliche Übung dieses Chorals: 
nicht alles für selbstverständlich zu halten. 
Denn Selbstverständlichkeit macht blind. 
Aber Dankbarkeit macht sehend. 
Sie öffnet die Augen für das Geschenk des Augenblicks. 
Sie erinnert uns daran, 
dass unser Leben nicht nur Ergebnis unserer Leistung ist.  

Vieles von dem, was uns trägt, 
haben wir nicht gemacht. 
Wir haben uns unser Leben nicht selbst gegeben. 
Wir haben die Menschen, die uns lieben, 
nicht selbst erschaffen. 
Alles Wichtige in unserem Leben, 
ja, unser Leben selbst, 
beginnt als Geschenk. 
Wer das erkennt, beginnt zu danken.  

Der Choral singt weiter von Gott als dem, 
der uns „von Mutterleib und Kindesbeinen an“ 
unzählige Wohltaten erwiesen hat. 
Ja, unser Leben hat viel früher begonnen, 
als wir selbst denken. 
Bevor wir überhaupt auf der Welt waren, 
wurden wir getragen. 
Bevor wir lieben konnten, wurden wir geliebt. 
Bevor wir sprechen konnten, 
wurde mit uns gesprochen. 
Wir wurden liebevoll angesehen. 
Der Glanz im Auge von Vater oder Mutter, 
ihr ermutigendes Lächeln, halfen uns, 
einen eigenen Weg ins Leben zu finden. 

Der christliche Glaube erinnert uns daran, 
dass unser Leben nicht mit unserer eigenen Leistung beginnt, 
sondern mit Gottes Zuwendung, 
unter dem segnenden Angesicht Gottes. 
Sein Segen gilt und besteht – 
obwohl wir Menschen viele Anlässe bieten, 
die nach menschlichen Maßstäben Liebe und Zuwendung 
nicht gerade nahelegen.  

Sein Segen erinnert uns: 
Wir sind nicht zuerst Produzenten unseres Lebens. 
Wir sind Beschenkte. 
In einer Welt, die ständig nach Leistung fragt, 
kann das befreiend sein. 
Viele Menschen stehen unter dem Druck, 
sich beweisen zu müssen. 
Sie fragen sich: 
Reiche ich aus? 
Bin ich erfolgreich genug? 
Beliebt genug? 

Die Kantate antwortet nicht mit einer neuen Forderung, 
sondern mit einem ungeheuren Trost: 
Zuerst und vor allem anderen bist du Gottes Geschöpf. 
Du musst dir deinen Wert nicht verdienen. 
Du bist gewollt. 
Du bist angesehen. 
Gottes Liebe hängt nicht von deiner Perfektion ab. 
Und auch nicht vom guten oder bösen Willen anderer Menschen.  

Nach diesen Grundlagen richtet die Kantate 
mit einer Bitte den Blick nach vorn. 
Dort heißt es: 
„Der ewig reiche Gott 
Woll uns bei unserm Leben 
Ein immer fröhlich Herz 
Und edlen Frieden geben 
Und uns in seiner Gnad 
Erhalten fort und fort 
Und uns aus aller Not 
Erlösen hier und dort.“  

Auch diese Worte sind bemerkenswert. 
Das Leben wird nicht romantisiert. 
Es kennt Not, Schmerz und Verlust. 
Es kennt die dunklen Tage. 
Aber dabei bleibt es nicht. 
Sondern Frieden, Gnade und Erlösung blühen uns. 

Der Liederdichter Gerhard Schöne hat die Worte Martin Rinckarts so übertragen: 
„O Gott, mein großes Glück, 
ein Lieben hat kein Ende. 
Du hältst mich nicht zurück, 
wenn ich mich von Dir wende. 
Doch wenn ich ausgebrannt, 
verzweifelt schrei nach Dir, 
kommst Du mir nachgerannt 
und heilst die Wunden mir.“  

Das ist kein billiger Optimismus. 
Sondern die Gewissheit, 
dass Gott das letzte Wort 
nicht an Angst und Dunkelheit abgegeben hat 
und nicht abgeben wird. 
Denn die Mitte unseres Glaubens 
ist nicht das Grab, 
nicht der Tod, 
nicht der Untergang. 
Die Mitte unseres Glaubens ist die Auferstehung, 
ist Leben, neues Leben. 
Christlicher Glaube weiß um die dunkelste Nacht. 
Aber er rechnet mit dem Morgen. 
Vielleicht passt das besonders gut zu einer Morgenmusik. 
Weil jeder Morgen davon erzählt, 
dass die Dunkelheit nicht ewig bleibt. 
Dass die Nacht vergeht. 
Und ein neuer Tag beginnt. 
Dass Gottes Möglichkeiten größer sind 
als unsere Befürchtungen.  

Auch deshalb schließt die Kantate mit dem Lobpreis des dreieinigen Gottes, „der ist und bleiben wird, 
jetzt und immerdar.“ 
Noch einmal weitet sich der Blick. 
Es geht nicht mehr nur um mein Leben, 
nicht mehr nur um meine Geschichte. 
Der Blick richtet sich auf Gott selbst, 
der da war und da ist und da sein wird. 
Gewißheit pur. 
Vielleicht wird genau sie beim Hören der Bachkantate erfahrbar. 
Menschen kommen aus Generationen und Lebensgeschichten kommen zusammen. 
Sie hören dieselbe Musik. 
Für einen Moment entsteht Gemeinschaft, 
die mehr bedeutet, als zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. 
Eine Gemeinschaft, die uns erinnert: 
Du bist Teil eines Ganzen. 
Dein Leben ist eingebunden in einen größeren Zusammenhang.  

Ja, nun danket alle Gott. 
Nicht: Nun danke du. 
Nicht: Nun danken einige. 
Sondern: 
„Nun danket alle Gott.“ 
Alle. 
Die Fröhlichen und die Traurigen. 
Die Jungen und die Alten. 
Die Glaubensgewissen und die Zweifelnden. 
Die Einheimischen und die Gäste.  

Auch deshalb sind achtzig Jahre Greifswalder Bachwoche 
ein Grund zur Freude. 
Viele Generationen haben dazu beigetragen: 
Musikerinnen und Musiker, 
Veranstalter, 
Förderer, 
Besucherinnen und Besucher, 
Menschen, die mit Leidenschaft, Geduld und Hingabe 
diese Tradition getragen haben.  

Auch das ist ein Anlass zur Dankbarkeit – ad infinitum. 
Dankbar für das Leben. 
Dankbar für die Menschen an unserer Seite. 
Dankbar für die Musik. 
Dankbar für Gottes Treue. 
Und zuversichtlich für das, was kommt. 

Denn der Gott, dem wir heute danken, 
ist derselbe Gott, 
der uns auch morgen begleitet. 
Der gestern getragen hat. 
Der heute gegenwärtig ist. 
Und der die Zukunft in seinen Händen hält. 

Noch einmal mit Worten von Gerhard Schöne: 
„Mein Gott, ich freu mich so, 
wenn ich Dich bei mir spüre 
und werde nicht mehr froh, 
dann, wenn ich Dich verliere. 
Bleib bei mir, wertes Licht, 
lass lachen meinen Mund, 
erhelle mein Gesicht 
und küss mein Herz gesund."  

Amen. 

 

 

 

 

Datum
08.06.2026
Quelle
Kanzlei der Landesbischöfin
Von
Kristina Kühnbaum-Schmidt
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