21. Oktober 2021 | Dom zu Güstrow

Predigt zur deutsch-polnischen Kirchenleitungsbegegnung

Dom zu Güstrow. Mit dem Bau des Domes wurde 1226 begonnen, die Weihe des Altars wurde jedoch erst 1335 vorgenommen. Kunstwerke des 15. und 16. Jahrhunderts sowie der "Schwebende Engel" von Ernst Barlach sind im Dom zu bewundern.
Dom zu Güstrow. Mit dem Bau des Domes wurde 1226 begonnen, die Weihe des Altars wurde jedoch erst 1335 vorgenommen. Kunstwerke des 15. und 16. Jahrhunderts sowie der "Schwebende Engel" von Ernst Barlach sind im Dom zu bewundern.© epd-bild / Norbert Neetz

21. Oktober 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

zu Mt 5, 38-48

Liebe Schwestern und Brüder,

heute Morgen blicken wir zurück. Wir sind fast am Ende unserer Begegnung angekommen und können zurückblicken auf bewegende Tage, auf viele Eindrücke und Gespräche. Alte Freundschaften wurden vertieft, neue Verbindungen geknüpft. Für mich ist das Anlass zu tiefer Dankbarkeit. Ich danke Gott und Ihnen allen für unser Miteinander in diesen Tagen hier in Güstrow. Ich danke Ihnen für ein Miteinander in einem Geist der Freundschaft, der Verständigung und Versöhnung.

Ich spreche dies so dankbar und ausdrücklich an, weil die Geschichte unserer Partnerschaft zwischen den Diözesen Wrocławska und Pomorsko-Wielkopolska und der Pommerschen Evangelischen Kirche und nun der Nordkirche auch eine Geschichte ist von Schuld, von Verständigung und Versöhnung. Von Schuld, die benannt und bekannt wurde. Von Verständigung, die in vielen kleinen Schritten erreicht wurde. Von Versöhnung, die großzügig und mit dem Wunsch nach Frieden für gegenwärtige und kommende Generationen gewährt wurde.

Denn wir denken in diesen Tagen auch an den Oktober 1941. Da war es gerade zwei Jahre her, dass das nationalsozialistische Deutschland Polen überfallen hatte, nur acht Tage nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes, mit dem die beiden Diktaturen das Baltikum und Polen, Finnland und Rumänien unter sich aufteilten. Im Oktober 1941, also vor 80 Jahren, gab Adolf Hitler den Befehl zum Angriff der deutschen Wehrmacht auf Moskau. Der Zweite Weltkrieg setzte sich von deutscher Seite in einer neuen Stufe des mörderischen Vernichtungskrieges insbesondere gegen die europäischen Juden und die Länder Osteuropas fort.

Und wir denken an den Oktober 1945. Am 19. Oktober, also unter dem Datum, an dem auch unsere diesjährige Begegnung begonnen hat, am 19. Oktober 1945 haben Vertreter der evangelischen Kirche vor Vertretern der weltweiten Ökumene ein wichtiges Dokument formuliert und unterzeichnet: Die Stuttgarter Schulderklärung. In dieser Erklärung haben sie die übergroße, nahezu unaussprechliche Schuld der Deutschen mit den folgenden Worten benannt und bekannt: Mit grossem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden…. wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Die millionenfache Ermordung von Menschen jüdischen Glaubens und der Vernichtungskrieg in Osteuropa werden in diesem Dokument nicht genannt. Diese Worte von Seiten deutscher evangelischer Kirchenvertreter im Kontext einer ökumenischen Begegnung waren aber ein Anfang. Sie waren wichtig und notwendig, um ein Gespräch über die Schuld der Deutschen zu eröffnen. Entscheidend war aber schließlich die Versöhnungsbereitschaft derer, denen von Deutschen unermessliches Leid zugefügt worden war. Sie eröffnete später Wege zur Versöhnung in Europa. Wege, die neue Anfänge und menschliche Schritte aufeinander zu ermöglicht haben. Dafür bin ich allen, die diese Schritte und Wege miteinander gegangen sind und weiterhin miteinander gehen, zwischen Polen und Deutschen, zwischen unseren Kirchen, in ganz Europa, von Herzen dankbar. Und ich danke Gott dafür – ich bin dankbar, dass wir in Europa so miteinander unterwegs sind!

II

Mitten auf diesem Weg hören wir heute auf die Worte unseres Herrn Jesus Christus, wie sie beim Evangelisten Matthäus im fünften Kapitel geschrieben stehen:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Was Jesus hier fordert, ist geradezu radikal. Und es ist auch eine ungeheure Zumutung. Denn er fordert nicht nur Gewalt, Unrecht und Unterdrückung nicht mit Gegengewalt zu beantworten, sondern er fordert auch, auf eigenes Recht zu verzichten. Und so aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt auszusteigen.

Worauf es Jesus ankommt, verdeutlicht er anhand von drei Situationen, die zu seiner Zeit jeder erleben konnte, der im Land Israel unter römischer Militärbesatzung lebte: Man konnte unwürdig und willkürlich behandelt werden - mal eben ein erniedrigender Schlag mit dem Handrücken auf die rechte Wange. Man konnte finanziell und wirtschaftlich zugrunde gehen - so sehr, dass sogar die Kleider, die man am Leibe trug, gepfändet werden konnten - lediglich die Unterwäsche durfte man behalten. Und man konnte gezwungen werden, einem beliebigen römischen Soldaten zu dienen, sein Gepäck zu tragen und mit ihm mitzugehen.

Angesichts dieser Unrechtssituation ruft Jesus zu drei Handlungsoptionen auf. Erstens: absolute, vielleicht sogar provokative Gewaltlosigkeit - wer demütigend auf die rechte Wange geschlagen wird, soll auch noch die linke hinhalten. Zweitens: Absurde Überhöhung der Anpassung - wem die Kleidung gepfändet wird bis auf das letzte Unterhemd, der gibt auch das noch ab und steht nackt da. Drittens: Bloßstellung und Offenbarwerdenlassen der gewaltsamen Unterdrückung - wer gezwungen wird, einen Soldaten eine Meile zu begleiten, um ihm das Gepäck oder die Ausrüstung zu schleppen, der geht auch noch eine zweite Meile mit.

Was auf den ersten Blick nahezu unzumutbar erscheint, hat einen tieferen Sinn. Denn wer so handelt, wie Jesus es beschreibt, verlässt die Rolle des hilflosen Opfers, das tatenlos erleidet, was ihm widerfährt. Wer so handelt, wie Jesus es beschreibt, wird stattdessen aktiv; ist nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern handelt aufgrund eigener Entscheidungen. Und holt sich genau so die Würde zurück, die ihm oder ihr nicht zuerkannt wurde.

Das Handeln, das Jesus nahelegt, ist also ein Handeln, das aus eigener Würde und deshalb in Freiheit geschieht. Es erobert die eigene Freiheit in unfreier Situation. Es erobert die Freiheit dazu, nicht zu hassen und auszusteigen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Das Handeln, das Jesus vorschlägt, erobert deshalb die Freiheit zur Liebe. Zu der Liebe, die Christus und seinem Handeln entspricht. Denn diese Liebe ermöglicht, uns selbst, aber auch alle anderen, als Nächste Gottes zu sehen. Weil Gottes vollkommene Gegenwart und seine Liebe ja nicht nur mir selbst gelten, sondern allen seinen Geschöpfen. Nächsten- und Feindesliebe, umfassende und unbeschränkte Mitmenschlichkeit, sind deshalb kein moralischer Appell. Sie wurzeln auch nicht in einer mehr oder weniger auf Sympathie beruhenden Verhältnisbestimmung zu anderen Menschen. Sondern sie wurzeln in unserem Verhältnis zu Gott, in Gottes Verhältnis zu uns.

Und das hat Konsequenzen: Es bedeutet, sich jedem Menschen gegenüber so verhalten,

dass wir ihn als einen ansehen, den Gott sich zum Nächsten gemacht hat. Es bedeutet,

sich nicht damit zu begnügen, seine Freunde freundlich und andere anders zu behandeln. Es bedeutet: Andere zu lieben in dem Wissen, dass wir selbst  – wie andere – nicht immer liebenswert sind. Es bedeutet, sich anderen zuzuwenden als solche, die wissen, dass sie selbst ebenso wie andere zum Abwenden sein können.

III

Wer, liebe Schwestern und Brüder, wer vermag so zu leben? Vielleicht verhält es sich mit der Antwort auf diese Frage so, wie es der polnische Philosoph Leszek Kolakowski einmal gesagt hat: „Dass es nur sehr wenige gibt und je geben wird, die dieser Anforderung wirklich gewachsen sind, ist sicher; auf den Schultern dieser wenigen ruht aber das Gebäude unserer Zivilisation, und das geringe, wozu wir fähig sind, verdanken wir ihnen.“

Es sind wohl immer nur wenige, die so zu leben verstehen. Aber ohne sie gäbe es das nicht, was wir so dringend brauchen: Den täglichen Aufbruch zur Liebe. Aufbruch zur Liebe aus der Freiheit heraus, die Christus schenkt.

Lasst uns in unserer Partnerschaft und als Schwestern und Brüder in geschwisterlicher Verbundenheit einander dabei helfen und einander darin unterstützen und lasst uns Gott darum bitten, dass wir selbst daran mitwirken - am täglichen Aufbruch zur Liebe in einer Welt, die diesen Aufbruch bitter nötig hat.

Amen.

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