24. Oktober 2021 | Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

Predigt zur Eröffnung der Evangelischen Akademietage

24. Oktober 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt zu Mt 10, 34-39

I

„In Zukunft…“ —
ein verheißungsvolles Motto
für die 11. Evangelischen Akademietage hier in Hamburg,
deren Auftakt wir heute und hier feiern!
„In Zukunft…“ —
das klingt nach großen Plänen, nach Visionen,
wie sie unsere Gesellschaft gerade jetzt so dringend braucht.
„In Zukunft…“ —
das schmeckt nach neuen Erfahrungen,
nach Entdeckungslust und Vorfreude.
Im Programm der Akademietage stehen dazu die passenden Worte:
Träumen. Abrüsten. Zuhören.
Lachen. Gestalten. Erinnern. Handeln.
Jedes dieser Worte kann in den kommenden Tagen
für einen Schritt in die Zukunft stehen.
Seien wir gespannt!

„In Zukunft…“ —
mit diesen Worten kann aber auch
eine andere Tonalität mitschwingen.
„In Zukunft werden wir andere Saiten aufziehen —
 in Zukunft werden wir uns neu aufstellen müssen.“
Wenn solche Sätze fallen,
klingt das nicht nur nach Entdeckerlust und Aufbruch.
Sondern nach einschneidenden Veränderungen,
deren Folgen noch nicht absehbar sind.

„In Zukunft …“ —
das Motto der Akademietage ist schillernd.
Verheißungsvoll kann es sein,
aber auch Fragen und Sorgen auslösen.
Und schillernd ist die Zukunft ja auch selbst  —
einerseits können wir sie aktiv entdecken und uns erschließen,
andererseits kommt sie auf uns zu,
steht nicht in unserer Hand.
Was bringt uns die Zukunft?
Mitten in diese Frage hinein
hören wir noch einmal
auf den Predigttext des heutigen Sonntags aus dem Matthäusevangelium.

II
Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Denkt ja nicht, dass ich gekommen bin,
um Frieden auf die Erde zu bringen!
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen,
sondern das Schwert.
Ich bringe Streit zwischen einem Sohn und seinem Vater,
einer Tochter und ihrer Mutter,
einer Schwiegertochter und ihrer Schwiegermutter.
Feindlich sind einander dann die Menschen,
die zusammen ein Haus bewohnen.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir folgt,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren.
Aber wer sein Leben verliert,
weil er es für mich einsetzt, wird es erhalten.

In Zukunft: Streit und Auseinandersetzung!
Zwischen Söhnen und Vätern,
Töchtern und Müttern,
Schwiegerkindern und Schwiegereltern.
Also wohl ein typischer Fall von Generationenkonflikt!
Davon ist auch bei uns zur Zeit viel die Rede.
Meist unter dem Stichwort: Generationengerechtigkeit.
Und damit ist nicht die übliche Auseinandersetzung gemeint,
die jede Generation mit der ihr folgenden Generation führt.
Der heutige Konflikt um die Gerechtigkeit zwischen den Generationen
meint die berechtigte Angst und Sorge der heutigen Jugendlichen,
dass die Generation der Eltern und Großeltern
ihnen eine Erde mit im Wortsinn
katastrophalen Zukunftsperspektiven hinterlassen.
Ihr Vorwurf lautet:
Weil ihr bisher nicht gehandelt habt
und euch auch jetzt noch nicht anschickt,
wirklich konsequent zu handeln,
werden unsere Zukunftsaussichten immer düsterer.
Die Bewegung der Fridays for Future
ist für diese Stimmung nur ein Ausdruck.
Und — haben die jungen Leute nicht Recht?
Ist es nicht berechtigt,
dass sie zu den anstehenden Zukunftsfragen
mit den Generationen vor ihnen
in harte Auseinandersetzungen gehen?
„Feindlich sind einander die Menschen,
die zusammen ein Haus bewohnen.“

Der Streit, den Jesus benennt,
ist aber mehr als ein reiner Generationenkonflikt.
Er resultiert nicht allein
aus der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Generationen
und daraus folgenden verschiedenen Meinungen
zum richtigen Leben in herausfordernden Zeiten.
In den Konflikten,
die Jesus für die Zukunft benennt,
geht es um eine grundsätzliche Bestimmung:
Woran orientiere ich mein eigenes Leben?
Wonach richte ich mich aus?
Und welche Konsequenzen hat das für mich?
Ernste und gewichtige Fragen,
die sich auch heute stellen.
Zukunftsfragen.
Für unser persönliches Leben
wie für unser Zusammenleben in unserer Gesellschaft,
in unserem Land, in Europa, weltweit.
Nicht nur der Weltklimarat sagt:
Dieses Jahrzehnt und die Handlungsentscheidungen,
die wir darin treffen,
wird entscheidend dafür sein,
wie wir leben werden –
„in Zukunft…“.

III
„Denkt ja nicht, dass ich gekommen bin,
um Frieden auf die Erde zu bringen!
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen,
sondern das Schwert“.
Alle, die sich nach Harmonie sehnen,
dürften sich bei diesen Worten wohl ziemlich
vor den Kopf gestoßen fühlen.
Zumal, wenn sie in der Kirche und im Gottesdienst
als Worte dessen weitergegeben werden,
auf den sich der christliche Glaube gründet:
Christus.
Solus Christus — allein Christus.
Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer.
Denn um nichts anderes geht es:
sich allein auf Christus zu gründen.
Sich allein an ihm und seiner Botschaft der Liebe,
der Barmherzigkeit und des Friedens zu orientieren,
das ganze Leben genau daran auszurichten.

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.“
Diese Worte  machen deutlich:
sich an Christus und seiner Botschaft zu orientieren,
führt unweigerlich in Konflikte.
Auch und gerade mit denen,
die einem persönlich am nächsten stehen:
Eltern, Kinder, Partner und Partnerinnen.

Weil die Prioritäten andere werden,
weil auch das persönliche Leben sich neu sortiert.
Ausgerichtet auf Christus und die Hoffnung,
mit ihm von allen Mächten des Todes befreit zu sein,
wird unser Leben befreit vom Kreisen um sich selbst.
Eigene Sorgen und Ängste verschwinden nicht einfach,
aber sie werden weniger mächtig.
Denn wer sich an Christus orientiert,
wird befreit, die Welt mit anderen Augen zu sehen,
mit Gottes Augen.
Und sie neu zu buchstabieren:
Wir sehen Not und Elend —
und buchstabieren Barmherzigkeit.
Wir sehen prekäre Lebenssituationen,
eine sich immer noch weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich —
und buchstabieren Gerechtigkeit.
Wir sehen Terror, Hass und Gewalt —
und buchstabieren Shalom.
Das verändert uns.
Es verändert unsere Beziehungen.
Und es verändert unsere Welt.

IV
„Denkt ja nicht, dass ich gekommen bin,
um Frieden auf die Erde zu bringen!
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen,
sondern das Schwert.“
Jesus redet mit diesen Worten
nicht Bewaffnung und Krieg das Wort.
Das Schwert, von dem er hier spricht,
meint nicht nur das Schwert,
wie es von Soldaten mit sich geführt wurde.
Es meint auch ein sehr scharfes Messer,
wie es in der Küche zum Zweiteilen und Zertrennen verwendet wird.
Ich denke an unsere Küchenmesser
und die scharfen und durchaus schmerzlichen Schnitte,
die ich mir insbesondere dann zuziehe,
wenn mein Mann die Messer
gerade mal wieder frisch geschärft hat.
Aber das ist eine andere Geschichte…

Die scharfen Messer
und ihre klaren, durchtrennenden,
aber auch sehr schmerzhaften Schnitte
 stehen für die schmerzlichen Konflikte,
die sich an der Frage nach der richtigen Art zu leben,
auch im engsten persönlichen Umfeld
entzünden und tief verletzen können.
Wir alle haben es erlebt und erleben es noch,
wie sich in der Corona-Pandemie
auch innerhalb von Familien oder häuslichen Gemeinschaften,
in Nachbarschaften und Freundeskreisen,
und auch in und zwischen Kirchengemeinden
durchaus schmerzliche Differenzen aufgetan haben.
Dabei ging und geht es um die Frage,
wie wir mit der Pandemie und ihren Folgen
leben und umgehen.
Manche Gräben zwischen einzelnen Menschen,
aber auch innerhalb unserer Gesellschaft
wurden da gegraben und werden in Zukunft
wieder zu überwinden sein.

V
Engagierte und heftige,
verletzende und schmerzliche Debatten und Auseinandersetzungen
gerade zwischen denen, die einander besonders nahestehen,
hat auch Jesus im Sinn.
Sie alle entzünden sich an seiner Person.
An der Frage, ob und wie ihm nachzufolgen
und sich an seiner Botschaft der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens  
zu orientieren ist.
Seid euch bewusst, sagt Jesus,
dass die Antwort auf diese Frage
zu Trennungen führen kann.
Zu Trennungen von bisherigen Lebensgewohnheiten,
zu Trennungen von Menschen.

Sich an Christus zu orientieren,
seiner Sicht auf das Leben zu folgen,
das trennt auch von menschlichen Illusionen.
Von der Illusion, wir Menschen würden die Erde,
die Natur und alle Geschöpfe beherrschen.
Von der Illusion, wir Menschen wären in gewisser Weise unantastbar
und hätten alles unter Kontrolle.
Und auch von der Illusion,
wir hätten schier unendlich Zeit,
verfügten über unerschöpfliche Ressourcen
und das freie Kräftespiel des Marktes
würde schon alle Probleme lösen.

All diese Trennungen aber führen auch in neue Bindungen,
in eine neue Gemeinschaft.  
In die heilsame Nähe Gottes.
In die barmherzige Liebe Christi.
In bestärkende Geistesgegenwart.
In die Gemeinschaft derer,
die nicht darauf hoffen,
dass ein altes oder früheres Leben wieder zurückkommt.
Sondern die ein neues Leben
erwarten, ersehnen, erhoffen.
Auf Erden wie in Ewigkeit.
Und die an Gottes Seite daran mitarbeiten.

VI
„In Zukunft…“ —
Zuhören. Lachen. Gestalten. Handeln.
Was das heißen mag,
in der Bindung an Christus,
auch das wird in den Akademietagen zu besprechen sein.
Weil aber nicht wir,
sondern Gott entscheidet,
wer sich an Christus orientiert und seinen Willen tut,
eröffnet das unter uns Menschen einen Raum.
Für Gespräch, Debatte und Diskussion.
Einen offenen Raum,
in dem die Barmherzigkeit und Liebe Gottes
uns alle verändern können.
Das ist der Raum,
den allein die Gnade Gottes baut.
Wir alle haben ihn immer wieder nötig,
bitter nötig.
Auch „in Zukunft...“
Denn uns allen gilt die befreiende Botschaft,
mit der Jesus wenige Verse
nach dem heutigen Predigttext zusammenfasst,
woran er erkannt wird:
„Blinde sehen und Lahme gehen,
 Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist,
wer sich nicht an mir ärgert.“
Amen.

 

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