8. Februar 2017 | Hamburg

„Reformation heute in Hamburg – Glaube und Gesellschaft im Dialog“

08. Februar 2017 von Kirsten Fehrs

Vortrag anlässlich des Neujahrsempfangs der Rotary-Clubs Hamburg

Ich danke Ihnen für die Einladung und empfinde es als Ehre, an Ihrem Neujahrsempfang den Festvortrag halten zu dürfen. Und ich wünsche Ihnen allen, liebe Freundinnen und liebe Freunde, ein gesegnetes neues Jahr mit viel Kraft für all das, was Sie sich vorgenommen haben!

Wir, die evangelische Kirche hat sich auch einiges vorgenommen dieses Jahr. 500 Jahre Reformation, es gibt Grund zu feiern. Und nachzudenken. Heißt genauer: Es geht eben nicht allein um 500 Jahre Luther, schon gar nicht um Heldenverehrung, davon gab‘s genug  im Jahre 1917…. Nein, in 2017 geht‘s um eine reflektierte, kritische, zugleich selbstbewusste Auseinandersetzung mit einer umwälzenden Reform, die nicht nur in Theologie und Kirche, sondern gesamtgesellschaftlich und europaweit eine tiefgreifende Veränderung bedeutete. Eine progressive Bewegung, die sich modern am ehesten mit dem Wort "Freiheit" verbinden lässt - bei allem Schmerz, den sie auch hervorgebracht hat. Diese Bewegung begann am 31.10. 1517 mit dem berühmten Thesenanschlag Luthers in Wittenberg, so der denn historisch stattgefunden hat. Und schon diese Anmerkung macht deutlich: Es gilt nicht allein Historisches nachzuvollziehen, es gilt zu orten, was Reformation für uns heute bedeutet. Was bedeutet sie auch für die Stadt Hamburg? Außer dass fünf schöne evangelische Hauptkirchen unsere Stadtsilhouette prägen und der 31. Oktober in diesem Jahr ein arbeitsfreier Tag sein wird?

Diese Brückenschläge ins Heute finde ich interessant. Knüpfe ich also in meinem ersten von drei Kapiteln an die aktuellen Ereignisse an: Seit dem 20. Januar schauen wir mehr oder weniger verstört auf einen neuen US-Präsidenten, der in vielem mit dem bricht, was wir unter Freiheit verstehen. Der z.B. tatsächlich eine Mauer zu bauen beabsichtigt und nahezu täglich Dekrete und Verlautbarungen von sich gibt, die von ungezähmter Wut  und von dem Gestus apodiktischer Macht zeugen, aber wenig von Werten. Der Protest weltweit ist denn auch bemerkenswert. Darunter vielfach von Protestanten. In den USA sind etliche von ihnen Weggefährten eines Mannes, der in den USA viel bekannter ist als Martin Luther: Martin Luther King. Er steht wie kein anderer für das andere Amerika, das die Freiheit liebt und die Demokratie.

Der Kampf dieses Mannes gegen Ungerechtigkeit und sein Einsatz für die Freiheit - all das hat auch mit unserem Land und insbesondere mit Martin Luther zu tun. Eine spannende Geschichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Gerade mal fünf Jahre war der kleine Michael King alt, als sein Vater, der auch Michael King hieß und ein Baptistenpastor war, ihn 1934 zu einem Baptistenkongress nach Deutschland mitnahm. Nach dieser Reise änderte Michael King senior seinen Namen und den seines Sohnes in Martin Luther King. Man vermutet, dass der Vater so stark beeindruckt war von Martin Luthers Leben und Werk, das er sich mit seinem Namen, aber auch in seiner Haltung an ihn gebunden hat. Und ich musste sofort daran denken, dass ja auch Luther selbst strenggenommen seinen Namen geändert hat. Von „Martin Luder“ in „Luther“, abgeleitet von griechisch „E-leutheros“ – „der Befreite“ oder "der Freie". Ein Name mit Programm, eben der Freiheit eines Christenmenschen.

Genau 30 Jahre später kam der inzwischen berühmte Martin Luther King junior erneut nach Berlin. Die Stadt war geteilt, eingeladen hatte ihn Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister. King sprach 1964 auf der Waldbühne in West-Berlin vor 20.000 Menschen und begeisterte sie mit den Worten: „Überall, wo Menschen trennende Mauern niederreißen, erfüllt Christus seine Verheißung. In diesem Glauben werden wir gemeinsam für die Freiheit aufstehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden.“ Am Abend dann wollte er auch in Ostberlin predigen. Davon riet die US-Stadtkommandantur ihm dringend ab, weil tags zuvor ein DDR-Flüchtling an der Mauer erschossen worden war. Vorsichtshalber behielt sie gleich seinen Pass ein. King fuhr natürlich trotzdem zum Checkpoint Charly und zeigte dort - seine Kreditkarte vor! Er predigte tatsächlich in der Marienkirche vor über 3000 Menschen. Und als der Kirchenchor dann den Spiritual sang „Go Down, Moses“ – und als es immer wieder hieß: „Let My People Go“… da hatte jeder verstanden, was gemeint war. Noch heute sagen Menschen, die dabei waren: Die Erinnerung an diesen Moment hat mir 1989 Mut gegeben.

Was für eine Geschichte! Als Fünfjähriger nahm Michael King den großen Namen Martin Luther aus Deutschland mit. Als 35-Jähriger brachte er nach Deutschland etwas zurück: Seine Hoffnung und seinen Traum: Trennende Mauern niederzureißen. Und es dauerte noch nicht einmal 25 Jahre, bis diese Vision Wirklichkeit wurde.


Es ist dies ein Beispiel für die immer wieder neu aufbrechende Aktualisierung der Reformation. Sie wurde schon zu ihrer Zeit und auch später immer wieder als eine Freiheitsbewegung verstanden. Heinrich Heine und nach ihm Friedrich Engels bezeichneten Luthers Kampflied "Ein feste Burg" nicht ohne Grund als "Marsellaise der Reformation" (Heine) bzw. "der Bauernkriege" (Engels).

Auch nach Hamburg kam die Reformation im Prinzip als eine solche Befreiungsbewegung - weniger von einer unterdrückenden Obrigkeit als vielmehr im Interesse eines selbstbewussten Bürgertums, das sich nicht länger von überkommenen Stadt- und Kirchenstrukturen einengen lassen wollte. In dieser hanseatischen Variante der Reformation lief ja alles ein bisschen pragmatischer, unaufgeregter und friedlicher ab. Philipp Melanchthon lobte die Hamburger 1537, als die Stadt schon acht Jahre offiziell evangelisch-lutherisch war, so: "In diesen bewegten Zeiten war in jener Gegend keine Stadt ruhiger, weil die Besonnenheit ihrer Bürger einzigartig ist.“ Es gab weder Bilderstürme noch sonstigen Aufruhr. Stattdessen hatte der Rat der Stadt entschieden: Es gibt eine Disputation im Rathaus. Altgläubige und Vertreter der neuen Lehre tragen Argumente vor, dann entscheidet die Stadtvertretung. So geschah es. Und die evangelische Seite, vertreten durch Johannes Bugenhagen, gewann.

Denn mit Bugenhagen hatte Luther nicht nur einen seiner klügsten Leute nach Hamburg geschickt, sondern auch einen, der einen unschlagbaren Vorteil gegenüber den altgläubigen Theologen hatte: Er konnte Platt schnacken. Und das auch noch überzeugend. Die Leute haben endlich einmal verstanden, worum es ging. So beauftragte der Senat Bugenhagen 1529, eine Verfassung zu schreiben: „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung“. Keine reine Kirchenordnung war das, sondern beinahe eine Stadtverfassung. Sie regelte das Schulsystem, die Armenversorgung, das Friedhofswesen. Und das erste Kapitel handelt nicht etwa von der Kirche, sondern von der Schule. Bugenhagen stellt einen genauen Lehrplan auf und kümmert sich darum, dass die Lehrer nicht zu kurz kommen. Sie sollen jeden Mittwochnachmittag frei haben, denn – das hat mir besonders gefallen: „So können die Lehrer einmal Muße haben, etwas Besonderes zu studieren - oder zu baden.“ - Vorbildlich wird zudem Bildung mit der Armenfürsorge verbunden: Wer arm ist, dem soll das Schulgeld erlassen werden, er soll sein Recht bekommen wie die Kinder von den Allerreichsten. Und schließlich führt er auch den Unterricht für die Mädchen ein.

Mit dieser Ordnung waren Stadt und Kirche in Hamburg eine untrennbare Einheit geworden. Die Bürgerschaft hatte sozusagen die Kirche übernommen. Mit dem aus heutiger Sicht unschönen Nebeneffekt, dass niemand Hamburger Bürger werden durfte, der einem anderen Glauben anhing. So blieb das in Hamburg bis ins 19. Jahrhundert hinein, als Staat und Kirche wieder voneinander entflochten wurden. Aber die Prägung blieb. Die Entwicklung Hamburgs als bürgerliche Stadtrepublik wäre ohne die Reformation nicht denkbar. Das würdigt auch die Politik, nicht umsonst der freie Tag. Im rot-grünen Koalitionsvertrag heißt es dazu: „Der 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017 wird ein wichtiger Anlass, sich an dieses unsere Hamburger Geschichte prägende Ereignis zu erinnern.“

 

Wir sind als Kirche vom Staat getrennt, gut so!, aber ihm doch in vielen Feldern der Zusammenarbeit verbunden. Sehr gut verbunden, betone ich, gerade in Hamburg. Und so komme ich zum dritten Teil meines Vortrags, der beleuchten soll, was die Reformation denn inhaltlich heute noch bedeuten kann. Darum ging es übrigens auch, als ich gemeinsam mit Senator Rabe am 31.10.2016 eine Religionsstunde gehalten habe. Ein Schüler etwa fragte mich ganz gewitzt: „Hätten Sie eigentlich damals auch einen Ablassbrief gekauft?“ Ich überlegte kurz und sagte: „Ehrlich gestanden, ja.“ Denn die Menschen hatten Höllenangst, auch um ihre Angehörigen, Angst, die ganz bewusst geschürt wurde. Und wenn man Ängste hat, die einen buchstäblich im Herzen eng machen, greift man schnell nach jeder angebotenen Lösung. Selbst wenn man bei näherem Hinsehen ahnt, dass dies die Angst nicht wirklich löst. Martin Luther hat dagegen gehalten. Nicht zuerst mit Mut. Sondern eben mit der Freiheit. Sie ist der Gegenimpuls zur Angst. "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." So lautet Luthers berühmtes Wort dazu.

Diese individuelle Freiheit in Verantwortung für die Gemeinschaft ist heute wichtiger denn je. Sie – auch in ihrer Dialektik - als Wert zu halten ist elementar. Nicht eng werden, liebe Freunde, Weite zumuten! Und Verantwortung übernehmen. Im Blick natürlich auf das Ganze, nicht auf das eigene Interesse (wie wir es leider heutzutage häufig erleben!). Das ist die erste wesentliche Grunderkenntnis der Reformation bzw. Luthers, und sie ist alles andere als altbacken.

Es gibt im Gegenteil etliche Brückenschläge zu heute. Ich möchte das kurz anhand von vier „Basics“ erläutern, die gliedern, was Reformation theologisch bedeutet. Vier Soli, vier Begriffe, die jene Freiheit, von der Luther spricht, mit Inhalt füllen.


Solus Christus – allein Christus

Für Martin Luther war das der zentrale Gedanke der Reformation und eine Wiederentdeckung: Gott ist tatsächlich Mensch geworden. Gott ist nicht der ferne, jenseitige, unbarmherzige Herrscher. Er ist auch kein gedankliches Prinzip, keine esoterische Schwingung. Vielmehr hört Gott ja gerade auf, nur ein Gedanke zu sein. Das Wort ward Fleisch, heißt es, Gott wird ein Mensch, der isst und trinkt, lacht, weint, der heilt und tröstet. Einer, der mit Leidenschaft lebt, mit Passion. Der so liebt, dass er damit selbst den Tod überwindet. Diese Gottmenschlichkeit unterscheidet uns Christen elementar von den beiden anderen abrahamitischen Religionen (Judentum und Islam) und überhaupt allen anderen Religionen. Aber auch unter Christen ist dies über die Zeiten hin so unglaublich gewesen, dass man ständig irgendwelche Heiligen als eine Art Mittler zwischen Gott und Menschen gestellt hat. Da hat die Reformation kräftig entrümpelt. Luther, der ja zuweilen eine sehr geradlinige Sprache pflegte, betont diese Menschlichkeit Christi entsprechend drastisch: „Der liegt neun Monate in dem Leib Marias, der Jungfrauen, scheißet und pisset in die Wiegen, darnach stirbt am Kreuz erbärmlich, als ein Dieb und Schelm. Das soll ein Gott sein?“ Um gleich zu antworten: Ja. Denn nur einer, der alles Menschliche erlebt hat, kann auch den Menschen erlösen.

Ein ganz radikales Gottesbild, ein wenig fern auch, aber andererseits eben auch sehr nah. Dieser Gott in den Windeln lässt sich jedenfalls nicht vereinnahmen als der „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Wehrmacht oder als der „In God we trust“ auf der Dollarnote. Was ist dein Gott? fragt Luther und antwortet im Großen Katechismus: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Es ist kein Gott, für den man in den Krieg zieht, für den man andere versklavt oder tötet. Und aus diesem Gottesbild erwächst das Menschenbild: Ein Gott als Gegenüber, der ist vor allem zu finden im Nächsten. Denn was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan, spricht Christus. Was für ein Befreiungspotenzial ist das gegenüber den ideologisch total Verirrten, die – Gottesnamen rufend – Menschenleben auslöschen!

 

Sola Scriptura – allein durch das Wort

Zum zweiten: Sola scriptura oder auch Solo verbo, allein durch die Schrift, allein durch das Wort. Sehr ungewohnt für unsere Zeit. Nicht etwa Bilder stehen im Mittelpunkt, sondern ein Text. Deshalb ja auch die Bibelübersetzung, das Lesen und Hören des Wortes, das jedem und jeder zugänglich sein soll. Bildung ist Menschenrecht!, sagt die Reformation. Alle sollen das Wort lesen, denken können – um dann es dann auch zu ergreifen, mündig zu werden.

Unser evangelischer Glaube ist ein emanzipatorischer, ein denkender Glaube. Und dazu braucht es den geduldigen Text, um selbigen zu durchdringen. Ungeduldig hingegen unsere aktuelle Bilderwelt. Bilder, die Wunderschönes ins Herz heben können, aber auch manipulative Macht ausüben und in ihrer Gewaltlust zutiefst verstören. Ein Bild sagt schnell mehr als 1000 Worte. Und es lügt auch mehr als 1000 Worte. Mit seiner brachialen, ja unverschämten Präsenz entzieht es sich, anders als ein Text, der Argumentation. 

Nun ist es nicht so, dass wir als Christen keine Bilder haben sollten. Im Gegenteil - wir brauchen sie, wir leben von Visionen! Wichtig ist daher, so Luther, nicht das äußere Bild, sondern dass in der Gedanken – und Seelenwelt auch schon des kleinen Menschen heilsame, innere Bilder entstehen. Bilder von der Gnadensonne. Von der Güte, die einem die Angst nimmt. Von Händen, die gereicht werden.

Diese Bilder aber passen so gar nicht auf den Flachbildschirm. Sie brauchen das Wort, das Tiefgang nicht scheut. Und so ist es eine enorme und gemeinsame Herausforderung, unverdrossen die Kultur des freien Wortes zu leben, die sich nicht den herrschenden Ab- und Entwertungen und populären Vereinfachungen beugt. Die konsequent den Gegenimpuls setzt zu einem erschreckend zunehmenden Verbalradikalismus, der sich im Internet ungehemmt Bahn bricht.

 

Sola fide – Vertrauen höher als alle Vernunft

Sola fide – allein durch den Glauben. Schwierige Sache, wo doch gefühlt nur noch so wenige Menschen glauben. „Glaubst du?  An Gott?? Oder: Was glaubst du – noch?“ Solch meist skeptisch konnotierte Fragen mag man nur ungern beantworten. Klingt´s dabei doch allzu schnell nach: „leichtgläubig“ sein. Nach dem Motto: Barmherzig, aber doof.

Was meinen die reformatorischen Schriften mit Glauben? - Worte wie Treue, Zugehörig sein, Heimat sind da zu lesen. Und: Anvertrauen. Und diese Worte fragen eigentlich nicht „Glaubst du?“, sondern „Vertraust du“?

Wem vertraust du? Das ist die Frage, um nicht zu sagen Anfechtung unserer Zeit. Vertrauen wir noch unseren Politikern? Oder den Medien? Den Unternehmern, Lehrerinnen, Pastoren? Wem vertrauen wir etwas an?

Der Soziologe Niklas Luhmann bezeichnet Vertrauen als einen „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“. Eine Art Naivität, die dem Menschen hilft zu leben. Das heißt, dass er sich traut zu entscheiden, auch wenn er rational nicht bis ins genaueste durchdringen kann wofür oder wogegen. - Recht hat er. Wer erfasst im digitalen, extrem beschleunigten Kommunikationsraum schließlich noch rational bis ins Letzte, was es an Möglichkeiten und Risiken abzuwägen gibt? Es wäre vielleicht gar nicht schlecht, mit dem ältesten Segenspsalm innezuhalten und zu sagen: Ich hebe meine Augen auf. Ich hebe meine Augen auf - vom Smartphone. Den Data-Autobahnen. Ich hebe meine Augen auf – und  erkenne vielleicht endlich einmal wieder, dass da oben ein Himmel ist, Weite. Horizont! Das ist wie eine dritte Dimension, die mein Denken und Sein weitet. Die mich in ihrer Transzendenz heilsam relativiert. Demut ist das Wort dafür; sie könnte eine Konjunktur gebrauchen. Meint sie ja: Frei gewählte Haltung statt aufgezwungener Demütigung. Denn wir, mittendrin in diesem Getriebensein, wissen doch genau, dass der Jazz am Morgen und Geistesgegenwart am Lebensabend, dass dein Kind auf dem Schoß und die Hand des Freundes auf der Schulter, dass all dies ein Gnadengeschenk ist. Und genau dies meinte Luther, als er sagte:

 

Sola gratia – Alles gratis

Sola gratia. Allein aus Gnade. Oder auch: Alles gratis. Das wirklich Wertvolle in unserem Leben, das was uns im Innern der Seele glücklich macht und stark, das ist gratis. Nicht zu verdienen. Einfach nur zu empfangen….,

…und kaum zu glauben, dachte der junge Luther. Darin sind wir diesem Zweifler und Denker vielleicht heute am nächsten: Die permanente Überforderung durch immer mehr Leistung. Um es gut zu machen, machen wir alles. Und dies eben nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Privatleben. Der dauernde Zensor quält: Habe ich genug getan? Genug für meine Lieben? Wie geht es richtig - lieber evangelisch oder vegan…?

Die gute Nachricht dazu: Die Reformation hat die „Guten Werke“ als zweitrangig abgetan. Sie sind nicht die Voraussetzung, sie sind Folge der Gnade. Es gibt ja die schöne Geschichte, wie die Reformation in der Schweiz begonnen hat. Ganz handfest mit einem deftigen Wurst-Essen. Am 9. März 1522, mitten in der Fastenzeit, lud der Drucker Christoph Froschauer demonstrativ Freunde und Bekannte in sein Haus in Zürich ein, mit dabei war auch der Reformator Ulrich Zwingli. Und es gab Wurst, viel Wurst. Und das in der Fastenzeit. Verboten, das! Als der Rat davon Wind bekam, und genauso war es geplant, gab es einen Riesenärger. Am Ende siegte Froschauer und mit ihm Zwingli und die Reformation.

Evangelisch sein, das heißt auch subversiv sein. Das heißt manchmal auch Verordnungen übertreten. Gnade vor Recht. Nicht umsonst wurden die Evangelischen später „Protestanten“ genannt.

Als ich vor einigen Monaten gefragt wurde, wo ich in einem Fernsehgottesdienst am kommenden Sonntag zum Thema „gratia“ gern predigen möchte, da habe ich als Ort die St. Pauli-Kirche vorgeschlagen. Weil es da meinem Gefühl genau um diese Gnade, um diese bahnbrechende Barmherzigkeit ging, als vor drei Jahren diese Gemeinde aus einem spontanen Herzensimpuls 80 afrikanischen jungen Männern Unterkunft in ihrer Kirche geboten hat. Über 100 Ehrenamtlichen haben sie fast ein Jahr lang versorgt.

Gnade vor Recht, das bringt uns auch in Konflikte. Klar. Gnade ist eben nicht billig. Aber sie ist oft genug der Ausweg. Gründet sie sich doch genau auf die Zusage, dass ausnahmslos jeder Mensch bedingungslos von Gott geliebt ist, und deshalb gar nicht anders kann, als anderen gute Werke zu tun.

 

Der Dialog mit Religion(en) ist unabdingbar für eine friedliche Gesellschaft

Ich biege in die Schlusskurve ein. Und bleibe bei den Flüchtlingen. Denn sie konfrontieren uns nicht nur mit der Not auf der Welt, sondern setzen auch das Thema Glauben und Religion neu auf die gesellschaftliche Tagesordnung. Dazu gehört auch, dass Hunderte Geflüchtete vor allem aus dem Iran und Afghanistan sich taufen lassen – wohlgemerkt nach einem längeren Glaubenskurs. Ich habe mit vielen gesprochen, sie gefragt, wie es sich für sie anfühlte bei der Taufe. „Freiheit, das war das erste Gefühl!“, sagte einer. Religion habe nichts mehr mit Zwang, Strafe, Bedrängnis zu tun wie in der Heimat. Eine andere ergänzte: „Sie dürfe denken als Christin! Auch den Glauben!“ Eine dritte fügt zu: In dem Moment der Taufe sei ihr die Würde wieder zurückgegeben worden. „Als Pastor Andreas mir mit dem Wasser das Kreuz auf die Stirn zeichnete, hatte ich plötzlich keine Angst mehr.“ –

Keine Angst mehr, aber Freiheit. Auch in der Religion. Diese Religionsfreiheit, reformatorisches Erbe über die Jahrhunderte hin, sie ist als Übung der Toleranz ein so hohes Gut in unserem Land, wenn nicht gar das höchste! Und die müssen viele, die in unser Land kommen, tatsächlich erst lernen.

Und auch wir lernen. Verändern uns. In den Stadtteilen, Unternehmen und Betrieben, Kirchengemeinden. Mehr denn je werden wir auf die Tatsache gestoßen, dass wir eben keine allein christliche, sondern auch religiös eine pluralistische Gesellschaft sind. Der größte Fehler wäre nun, weil man sich mit Religion nicht mehr auskennt, selbige aus dem gesellschaftlichen Diskurs zu eliminieren. Wie im Laizismus das Thema Religion aus dem Gesellschaftsdialog zu verbannen, verstärkt nachweislich eher, dass Radikalisierungen entstehen. Demgegenüber ist Religion in seiner toleranten, gemäßigten Form das entscheidende Gemeinschaftsgen, das diese in Parallelgesellschaften erodierende Gesellschaft dringend braucht. Und dazu bedarf es – natürlich – des Dialogs, um zu verstehen, was uns fremd ist. Und zu verstehen, was uns eint. Fazit: Solus dialogus. Allein der Dialog - nur durch ihn werden wir Frieden halten und die Freiheit würdigen in dieser Stadt und in diesem Land. Und mittun kann dabei jede und jeder hier. Auch wenn er oder sie nicht evangelisch sein sollte.

Noch nicht. 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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