2. Oktober 2016 | Gottesdienst zum Landeserntefest in Groß Brütz

Respekt für Landwirte und faire Lebensmittelpreise

02. Oktober 2016

19. Sonntag nach Trinitatis, Gottesdienst zum Landeserntedankfest, Kirche Groß Brütz, Predigt zu 2. Kor 9,6ff

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Im Fußball sagt man: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Entsprechend könnte man in der Landwirtschaft sagen: „Nach der Ernte ist vor der Ernte.“ Wir freuen uns, dass wir – trotz geringerer Erträge – auch in diesem Jahr satt zu essen haben werden. Zugleich sind die Arbeiten, die die nächste Ernte vorbereiten, schon wieder im Gang. Daher einige gute Wünsche für das Jahr, das vor uns liegt (ursprünglich stammen sie aus dem Jahr 1864):

„Du neues Jahr, sei ein Jahr des Lichtes, der Liebe und des Schaffens!
Bringe den Menschen die Krone des Lebens und lasse die Kronen menschlich sein.
Setze dem Überfluss Grenzen und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Gib allem Glauben seine Freiheit und mach die Freiheit zum Glauben aller.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort und erinnere die Ehemänner dagegen an ihr erstes.
Lass die Leute kein falsches Geld machen, aber auch das Geld keine falschen Leute.
Gib den Regierungen ein besseres Deutsch und den Deutschen bessere Regierungen.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit und der Wahrheit mehr Freunde.
Lass uns nicht vergessen, dass wir alle von Gottes Gnaden sind und dass die allerhöchsten Menschen Demokraten waren.
Gib unserem Verstand Herz und unserem Herzen Verstand, auf dass unsere Seele schon hier selig wird.
Sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen, aber noch nicht gleich!“

Erstaunlich, wie aktuell mancher Wunsch nach 150 Jahren immer noch ist! (Und dabei denke ich nicht nur an das letzte Wort der Ehefrauen.) Am meisten beschäftigt mich die Frage, wie der Verstand Herz bekommen kann – und das Herz Verstand.

Eine Antwort lautet:
Indem wir heute innehalten, unsere Arbeit unterbrechen;
indem wir uns besinnen, worauf es ankommt;
indem wir heute Erntedank feiern.

Wenn pausenlos durchgearbeitet wird, wenn es nur noch Werktage und keine Feiertage mehr gibt, wenn die Vielfalt der Lebensmittel selbstverständlich genommen wird, dann geht Entscheidendes verloren – nämlich das Bewusstsein dafür, für wie vieles wir dankbar sein können.

Wir verdanken uns unseren Eltern, ohne die wir nicht wären. Wir können dankbar sein für dieses gute Land mit seinen fruchtbaren Böden und einem gemäßigten Klima. Froh und dankbar bin ich auch, dass wir nach wie vor in Frieden leben können – die Konflikte vor Europas Haustür machen deutlich, dass dies keineswegs naturgegeben ist. Danken können und wollen wir den in der Landwirtschaft Tätigen, die Jahr um Jahr durch harte Arbeit und mit großem Fachwissen dafür sorgen, dass wir keinen Hunger leiden müssen. Dankbar können wir sein gegenüber Gott, der seinen Segen nicht zurückgehalten hat.

Zur Dankbarkeit gehört auch, wahrzunehmen, unter welch schwierigen Bedingungen Landwirte unser täglich Brot erarbeiten:

Wo es früher genügte, auf dem heimischen Markt zu bestehen, muss man sich heute in globalen Zusammenhängen behaupten.

Trotz unglaublich gewachsener Produktivität, kann man in der Milchwirtschaft und in der Schweinemast auf Dauer nicht von den gegenwärtig erzielten Preisen leben. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe müssen aufgeben.

Landwirte sollen die Umwelt schützen. Zugleich greifen die meisten Leute beim Lebensmittelkauf zu Billigangeboten.

Zudem erleben viele Landwirte ein zunehmendes Misstrauen gegenüber ihrer Arbeit, weil sich die mediale Aufmerksamkeit auf Missstände konzentriert – der Normalfall, die gute, verantwortliche Arbeit Tag für Tag, ist halt keine Nachricht ...

Darum – mit Herz und Verstand: Geben wir unseren Landwirten den Respekt, den sie verdienen! Danken wir Gott, der uns dieses Leben geschenkt hat!

Mit Herz und Verstand dankbar zu sein, schließt ein, verantwortlich zu leben. Für Paulus, der viele der ersten Christengemeinden gründete, hieß das: Da zu sein für Menschen in Not! So war er sich nicht zu schade, für die verarmte Gemeinde in Jerusalem um Spenden zu bitten. An seine Gemeinde im griechischen Korinth schrieb er daher:

„Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er's sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.« Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.“

In diesen Worten spricht sich gute Menschheitserfahrung aus: Wer reichlich gibt, wird reichlich empfangen. Darauf liegt Segen – nicht engherzig seine Habe zusammenzuhalten, sondern andere daran teilhaben zu lassen. Ein mehrfacher Reichtum liegt in all dem:
Es hat etwas Beglückendes, für andere da sein zu können – sei es materiell oder auf andere Weise. Es macht unser Leben reich, wenn wir es in seinen Möglichkeiten mit anderen teilen.

Es gibt einen ‚Reichtum der Gnade‘ und einen ‚Reichtum des Genug‘: Etwas von der Fülle der Gaben Gottes wird deutlich, wenn Menschen sich über ihren Beruf hinaus einsetzen –
für ein gutes Miteinander in Dorf und Kirchengemeinde z. B.,
für Menschen in Not – seien sie Einheimische oder Geflüchtete,
für die Bewahrung der Schöpfung.
‚Früchte der Gerechtigkeit‘ nennt Paulus das.

Neben diesem ‚Reichtum der Gnade‘ gibt es auch den ‚Reichtum des Genug‘. Den Leuten in Korinth wird verheißen:

„Gott aber kann machen, dass . . . ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk.“

„Volle Genüge haben“ – was ist eigentlich genug? Diese Frage kann man in unserer Überflussgesellschaft nicht oft genug stellen. Schon Wilhelm Busch wusste:

„Wonach du sehnlich ausgeschaut,
es wurde dir beschieden.
Du triumphierst und jubelst laut:
‚Jetzt hab ich endlich Frieden!‘
Ach, Freundchen, rede nicht so wild,
bezähme deine Zunge.
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
kriegt augenblicklich Junge.“

Wie unterschiedlich gesehen werden kann, was Menschen brauchen, wurde mir klar bei einem Hilfstransport, den wir Anfang der 90er Jahre in die Ukraine unternahmen:

Ganze LKW-Ladungen voller Kleidung und Medizin hatten wir auf abenteuerlichen Wegen in die Ukraine gebracht. Damit die Hilfe auch wirklich ankommt, hatten wir auch Pakete gepackt, die wir in abgelegenen Dörfern selbst übergaben. Lebensmittel, Kleider und Blumensamen waren darin. Ein Freund brachte solch ein Paket auch zu einem alten Mütterchen, deren ärmliche Behausung zum Herzerweichen  war.  Als sie die Sachen auspackte, wusste sie mit dem Kleid nicht so recht etwas anzufangen und sagte: „Ich hab’ doch schon ein Kleid“,  –  nämlich das, was sie tagaus tagein auf dem Leibe trug.  Aber als sie die Blumensamen sah, da strahlte sie voller Freude. Diese kleine Geste hatte ihr Herz erreicht.

Dankbarkeit und Verantwortung gehören zusammen. Mit Herz und Verstand sollen wir unser Leben führen – als Landwirte genauso wie als Verbraucherinnen und Verbraucher! Unser Kaufverhalten entscheidet mit, ob bäuerliche Betriebe Zukunft haben. Mit zunehmendem Erfolg werden fair gehandelte Produkte aus Übersee gekauft. Darüber bin ich froh, weil es nur gerecht ist. Jetzt ist es aber höchste Zeit, faire Preise auch für alle einheimischen Lebensmittel zu zahlen!

Es ist wichtig, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen! Für alle Fragen unseres Zusammenlebens in der Familie, im Dorf, in der Stadt, im Land, in der Welt gilt ja grundlegend: In Dankbarkeit und in Verantwortung werden wir uns und einander nur gerecht, wenn wir Augen, Ohren und offene Hände für die jeweils Anderen haben – mögen sie zu uns gehören, mögen sie uns fremd begegnen. Sich darin zu üben und zu bewähren, ist unser Volk gegenwärtig besonders gerufen. Und ich bin überzeugt: Wir sind in der Lage, alle Herausforderungen zu bewältigen.

Nicht nur, weil wir ein wirtschaftlich starkes Land sind,
nicht nur, weil wir in unserer Geschichte schon ganz andere Herausforderungen gemeistert haben,
nicht nur, weil die politisch Verantwortlichen nach meinem Eindruck längst alles daran setzen, zu ordnen, was geordnet werden muss,
nicht nur, weil erstaunlich viele Menschen von dem guten Geist beseelt sind, sich um geflüchtete Menschen zu kümmern,
nicht nur deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir diese Aufgabe annehmen können und meistern werden.

Mein Vertrauen gründet auch darin,
dass Jesus uns Menschen in Not ans Herz gelegt hat – und er mutet uns gewiss nicht etwas zu, was uns überfordern würde.

Vor allem weiß ich:
„Gerechtigkeit erhöht ein Volk.“

Wir leben in einem wunderbaren Land. Ein menschlich reiches Leben – das ist der Segen, den wir von Gott empfangen. Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit – das ist der Segen, den wir weitergeben sollen. Dazu stärkt uns Gott.

Amen.

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