15. November 2017 | Lübeck-Travemünde

Das rechte Maß finden

17. November 2017 von Andreas von Maltzahn

Gottesdienst zur Synodentagung in Lübeck-Travemünde, Predigt zu Hos 10,12

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Anfang des Jahres hatte mich ein Mitarbeitenden-Konvent gebeten, eine Bibelarbeit zu halten zum Thema „Das rechte Maß finden“. Ich spürte in mir eine Menge Widerstand. In meiner Kindheit und Jugend wurde mir oft die väterliche Ermahnung zuteil: „Müsst ihr denn immer so maßlos sein!?“ Wenn ich vom Fußballspielen glühend nach Hause kam und meinte, erst einmal die Wasserleitung leer trinken zu müssen; wenn ich bis spät in die Nacht mit der Taschenlampe unter der Decke den Roman weiterlas, von dem ich mich nicht fortreißen konnte; wenn ich meinte, meine Hausaufgaben nicht ohne lautstarke Musik erledigen zu können – es trug mir (und offenbar meiner ganzen Generation) den Vorwurf ein: „Müsst ihr denn immer so maßlos sein.“ Ja, ich musste! Meine Lebendigkeit wollte nicht gedämpft sein! Maßhalten – das war für mich damals etwas Blutarmes! Etwas für Leute mit Migräne! Falsche Vorsicht vor einem Leben in Fülle!

Später habe ich meinen Vater besser verstanden. Nicht nur, weil ich meine eigenen Grenzen erfahren habe. Ich lernte die Prägungen meines Vaters kennen. Bei unserer Hochzeit überreichte er uns während seiner Tischrede – eigenhändig auf Glas gemalt – den Familienspruch der Maltzahns:

„Nec timide, nec tumide, sed omnia moderate.“

(“Nicht furchtsam, nicht hochfahrend, sondern alles mit Maßen.”)

Da war es wieder – das Maßhalten, das offenbar nicht zum Erbgut von uns Menschen gehört, sondern angemahnt und erlernt werden muss.

„Alles mit Maßen?“ Wer sagt uns, dass dies der richtige Weg ist? Vielleicht führt er nur zu Mittelmaß! Ist der Mittelweg tatsächlich so golden, wie der Volksmund meint?

Die Bibel plädiert für alles andere als für wohltemperiertes Mittelmaß: Im Evangelium können wir lesen, dass es Liebe und Barmherzigkeit sind, die das „gute Maß“ qualifizieren. Und so ist das, was Jesus uns als Feindesliebe ans Herz legt, geradezu maß-los!

Vom Propheten Hosea haben wir gehört:

„Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!“

Ich bin hin- und hergerissen: Einerseits das Gespür – ja, genau das ist es! Darum geht es in unserer Zeit, unserer Kirche! Andererseits die Fragen: Säet Gerechtigkeit?

  • Die SPD hat mit diesem wichtigen, guten Thema gerade nichts werden können – kann und soll ausgerechnet ‚Gerechtigkeit‘ leitend auf dem Weg unserer Kirche sein?
  • Und – ist das Thema nicht mehr oder weniger kirchlich ‚gegessen‘? Hier sind wir in den letzten Jahrzehnten doch tatsächlich deutlich wacher geworden: 3% unserer Finanzmittel gehen in die Entwicklungsarbeit. Ökofaire Beschaffung wird immer selbstverständlicher. Was haben wir für engagierte Bewegungen der Eine-Welt-Läden und der Partnerschaftsarbeit – wenn ich allein an Tansania denke!

Und doch bleiben da eigentümliche Lücken. Am 24.Juli 2015 hielt Roger Willemsen im Rahmen der festspiele Mecklenburg-Vorpommern eine „Zukunftsrede“. Es sollte die letzte Ansprache seines Lebens sein.  Willemsen betrachtet die Gegenwart, indem er sich fragt, wie uns unsere Enkel und Urenkel einmal sehen werden. Nach seinem Eindruck werden spätere Generationen über uns sagen:

„Sie lebten asynchron: In einer Zeit dachten, in einer anderen empfanden, in einer dritten handelten sie.

Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Wir durften es nicht fühlen und hörten doch T. S. Elliot fragen: ‚Where is the wisdom we lost in knowledge? Where is the knowledge we lost in information?‘ (Wo ist die Weisheit, die wir in Wissen verloren? Wo ist das Wissen, das wir in Information verloren?) Hörten es und häuften noch mehr Informationen auf. Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf Höhe der drohenden Zukunft wäre.“

Welch eigentümliche Spaltung zwischen Wissen und Handeln, zwischen Denken und Tun! Ein Phänomen erst unserer Zeit? Oder waren Menschen schon immer so schizophren? Wie kommen wir zu einer Praxis unseres Lebens, die glaubwürdig und überzeugend ist?

 „Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!“

Eine glaubwürdige Lebenspraxis ist zu finden, wenn wir Gott suchen, wenn wir Gerechtigkeit säen. Und wenn wir uns daran erinnern, dass ‚Zedaka‘, ‚Gerechtigkeit‘, in der hebräischen Bibel immer ein gemeinschaftsgerechtes Verhältnis zu Gott und seiner Schöpfung meint, dann wird klar: Hier geht es nicht nur um die Verwirklichung innerweltlicher Gerechtigkeit. Es geht um unsere Beziehung zu Gott, um ein Leben vor und mit Gott, das in seinem Sinne ist.

Bleiben wir einen Moment bei Hosea und seiner Zeit: Er wirkte während der letzten, katastrophalen Jahre des Nordreiches Israel, bevor die Assyrer es einnahmen. Allermeist hatte er Gericht anzusagen. Wie Hosea es sah, verkannte Israel Gott als Geber aller Gaben (2,10). Seinen Priestern fehlte Gottes-Erkenntnis (4,6ff). Die öffentliche Verantwortung trugen, nahmen politische Reparaturen am Gemeinwesen vor, setzten Könige ein und wieder ab, schmiedeten Bündnisse – anstatt sich auf Gott zu verlassen. So half alle Geschäftigkeit nichts. Vergeblich geißelte Hosea die „Kanaanisierung“ Israels: Der Glaube an Adonai verlor sich im Fruchtbarkeitskult der Kanaanäer. Je mehr Früchte sie ernteten, desto mehr Götzen-Altäre errichteten sie (10,1b). Wo sie in Dankbarkeit und Liebe gegen Gott hätten ernten sollen, war ihr Herz den Fruchtbarkeitsgöttern verfallen.

Eine völlig fremde Geschichte? Ich fürchte, auch der christliche Glaube kann ‚kanaanisiert‘ werden –

  • im Erfolgsdenken etwa, wenn wir unser Handeln einseitig am Erfolg oder Misserfolg unserer Bemühungen ausrichten! ‚Erfolg‘ heißt in der Bibel ‚Baal‘!
  • Oder wenn wir Gottes Anspruch auf unser Leben ermäßigen: Da sind wir vielleicht ausgezogen mit brennendem Herzen, für Gott zu leben und zu arbeiten; aber unter den Mühen der Ebene, vielleicht auch unter dem Schweigen Gottes droht uns nicht nur der Elan abhanden zu kommen, sondern auch die Liebe zu ihm. Da kann man nach außen hin weitermachen, ist aber innerlich vielleicht schon längst auf dem Rückzug ins Private, lebt fürs kleine Glück, oder sucht andere Reize, begnügt sich mit Ersatz, wo es um Gott gehen sollte. Darum:

„Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt…“

Das wird uns helfen, Gerechtigkeit zu säen und zu ernten nach dem Maß der Liebe – mit einem Wort: Es wird uns helfen, lebendig zu sein.

„Pflüget ein Neues“: Wir erleben Umbrüche in unserer Kirche, in denen Altes zu Ende geht und Neues sich ankündigt. In verschiedener Hinsicht brauchen wir Paradigmenwechsel kirchlicher Arbeit. Dazu gehört für mich eine verstärkte Offenheit für Menschen mit säkularer Lebenshaltung: Müssen sie eigentlich erst religiös werden, um mit Gott verbunden sein zu können? Müssen sie erst werden wie wir? Oder können wir mit ihnen nicht-religiöse Wege ins Glauben, Hoffen und Lieben entdecken?

Da ist mehr möglich, als man glaubt: Da wird in Gemeinden gemeinsam mit Nicht-Christen ein politisches Nachtgebet zum Thema „Armut“ vorbereitet. Da entsteht eine Liturgie für einen Gottesdienst für Menschen auf der Suche – und auf einmal sind da Menschen in unserer Kirche, die wir noch nie gesehen hatten. Da verbündet sich ein ganzes Stadtviertel, um etwas zu tun gegen die Nöte vor Ort – und die Leute staunen, welche Fähigkeiten wir als Kirche einzubringen haben.

„Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, Gott zu suchen“. Schwestern und Brüder,es ist diese Suche selbst, die Suche nach Gott, die die unsere Sache ist und die uns ruft:

  • persönlich – indem wir vorbehaltlos fragen, was uns Angst macht und was uns hoffen lässt, indem wir die alten Bilder von Gott abstreifen, weil es Zeit ist für neue Entdeckungen,
  • gemeindlich, in Diensten und Werken – dass wir die falsche Scheu ablegen, über den Glauben zu sprechen: Es gibt eine erstaunlich verbreitete, innere Zensur aus Sorge, Menschen könnten mit dem Glaubens-Thema verschreckt werden. Dabei kann es so befreiend sein, wenn wir unverkrampft darüber sprechen, was unser Leben trägt.

Bei Mahatma Gandhi habe ich gelernt, dass die Suche nach Gott das Thema eines ganzen Menschenlebens sein kann. Ich bin überzeugt: Nach Gott existentiell zu fragen – auf jeder Lebensstufe neu – ist geradezu ein Lebenselixier, genau das, was uns lebendig bleiben lässt!

 „Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!“

Es ist hinreißend, dass das unsere Berufung ist! Wir können darauf bauen: Gott will entdeckt werden.

Amen.

 

 

 

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