12. Oktober 2016 | Güstrower Dom

Schön ist, was geliebt wird!

© Daniel Vogel

12. Oktober 2016 von Andreas von Maltzahn

Sprengelkonvent Mecklenburg und Pommern, Predigt zu Jesaja 61,1-4.10.11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Schwestern und Brüder,

was Augen ausdrücken können! Bei einem Besuch in Tansania in unserer Partnerdiözese haben mich die Augen der Kinder fasziniert. Leuchtend strahlten sie einem entgegen. Trotz aller Armut – unbändige Lebensfreude! Die Augen der jungen Erwachsenen wirkten dagegen müde, desillusioniert. Was mochten sie erlebt haben, dass sich – in wenigen Lebensjahren nur – ihr Blick so veränderte?!

Wenn ich mit Theologiestudierenden zusammen bin und sie frage, warum sie sich für Theologie entschieden haben, erzählen sie von schönen, prägenden Erfahrungen – in der Jugendarbeit, von Erlebnissen als Teamer, von ihrer Liebe zum Gottesdienst, von einer Mitarbeiterin, die sie begeistert und beflügelt hat – und ihre Augen leuchten dabei.

Was erzählen unsere Augen, die wir zumindest schon einige Jahre im Dienst stehen? Da sehe ich durchaus Hoffnungsvolles, Strahlendes, Lebendigkeit. Doch lese ich darin auch manches, das von Ermüden spricht. Aus vielerlei Gründen:
in der Fülle der Aufgaben und Chancen manchmal nicht zu wissen, was man zuerst machen soll – und trotz allen Bemühens bleibt Wichtiges auf der Strecke;
da arbeitet man viel, manchmal mehr, als es gut ist – und kommt dennoch zu wenig zum Eigentlichen;
da gab es vielfältige Veranstaltungen, ein lebendiges Gemeindeleben – aber am Ende des Jahres wartet der Fragebogen ‚Kirchliches Leben in Zahlen‘ und spiegelt wieder einmal vor allem den demografischen Wandel …

Und wie steht es mit den Augen Gottes? Wie sieht er seine Welt, wie sieht er uns?

Da erst recht gibt es viel, was zutiefst ermüden kann, ja, zum Verzweifeln ist:
die Barbarei in Aleppo und die Hungertoten, die kaum noch einer Meldung wert erscheinen;
der Hass aufeinander, Verfolgungen um des Glaubens willen an vielen Orten dieser Erde;
und andererseits Christenmenschen, Gemeinden, ganze Kirchen, die mit sich selber beschäftigt sind, anstatt ihrer Sendung zu folgen ...
Da möchte man doch dreinschlagen – oder die Augen schließen und sich abwenden von all dem Jammer ...

Glücklicherweise ist da aber auch noch etwas Anderes: Gottes Hoffnung für sein Volk, für seine Welt, für uns – heute in den Worten des dritten Jesaja:

„Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt,
den Elenden gute Botschaft zu bringen,
die zerbrochenen Herzen zu verbinden,
zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit,
den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen;
zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN
und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes,
zu trösten alle Trauernden,
zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen gegeben werden
Schmuck statt Asche,
Freudenöl statt Trauerkleid,
Lobgesang statt eines betrübten Geistes,
dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«,
»Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.
Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen
und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten;
sie werden die verwüsteten Städte erneuern,
die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben.“ (Jes 61,1-4)

Schwestern und Brüder, was für eine Sendung! Was für ein lohnender Auftrag! Jesus hat diese Worte auf sich bezogen. In seiner Nachfolge gelten sie auch uns! Wir – von Gott gesandt,
den Elenden gute Botschaft zu bringen,
denen am Rand der Gesellschaft, dass Gott Hoffnung für sie hegt;
den in ihrer Sattheit Bedürftigen, dass ihr Leben sich ändern kann;
gute Botschaft auch uns selbst, dass Christus auch zu uns sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Nicht erst irgendwann, sondern schon jetzt – auch ihr sollt leben!

Wir – von Gott gesandt,
die zerbrochenen Herzen zu verbinden,
Trauernde zu begleiten, dass sie wieder ins Leben finden und ins Vertrauen zu Gott;
den Halbwüchsigen beizustehen, die sich dem Leistungsdruck nicht gewachsen fühlen, dass sie sich nicht aufgeben, sondern ihren Weg finden;
es zu bejahen, dass unsere Gemeinden willig auch ein ‚Sammelplatz der Verwundeten‘ unserer Zeit sein sollen; denn selig sind wir, wenn wir Leid tragen – wie in der Gemeinde Brunow/Muchow, in der ein Kreuzweg unserer Tage haltmacht an einer Todeskurve, an einer Bushaltestelle, am ehemaligen Konsum – und die Menschen kommen, weil sie ihr Kreuz aufgenommen spüren.

Wir – von Gott gesandt,
zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit,
den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen;

die elende Angst, nicht bestehen zu können – vor dem Blick der anderen, vor sich selbst;
die vermaledeite Angst, nicht bestehen zu können – im Beruf, in der Familie oder auch gegenüber dem unbarmherzigen Diktat, seines Glückes Schmied sein zu sollen;
diese alles vergiftenden Ängste, nicht genügen zu können –
sie gehören verlacht und ausgetrieben!
Denn Gott bekommt nicht genug von uns! Denn seine unglaubliche Liebe lässt uns vor ihm bestehen in all unseren Unvollkommenheiten, unserer Gottesvergessenheit. Ob ich es glauben kann oder nicht – ich gehöre zum ihm, bin bejaht, befreit. Nicht geht es darum, uns bei ihm zu Ansehen und Geltung zu bringen, sondern darum, seine Liebe zu erhören. In seinen Augen erkenne ich, wer ich bin.

Das ist wie in dem amerikanischen Gospel, der von dem Leben eines schwarzen Mädchens bei seiner Großmutter, seiner ‚Nana‘ erzählt:
„Da war kein Spiegel bei meiner Nana im Haus
Kein Spiegel in Nanas Haus
Da war kein Spiegel in Nanas Haus
Kein Spiegel in Nanas Haus

Und das Schöne, das ich sah in allen Dingen
Das Schöne in allem war in ihren Augen

Nie hab ich gesehen meine Haut ist zu schwarz
Nie sah ich meine Nase platt
Nie wusste ich meine Kleider passen nicht
Nie merkt ich es gibt Zeug das mir fehlt
Weil die Schönheit aller Dinge in ihren Augen lag

Was für eine Erfahrung! Das kleine Mädchen läuft mit einem Schutzmantel durch die von Abwertung und Dürftigkeit gezeichnete Welt – und bleibt unverletzt. Der liebende Blick ihrer Großmutter umgibt sie. Durch Nanas Augen strahlt eine andere Wahrheit, das Geheimnis der Schönheit: Schön ist, was geliebt wird!

Schön sind wir, weil wir geliebt sind. Und zu dieser Schönheit unseres Lebens gehört, gesandt zu sein:
Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen
und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten;

Ja, es ist einiges zu bauen, zu entwickeln. Dabei denke ich nicht nur an unsere Kirchgebäude. Wie vieles ist da in den letzten 26 Jahren geworden! Im Blick auf das Bauliche haben wir viel geschafft. Aber es geht ja auch und vor allem um das Innere: Wie entdecken Menschen den Glauben für sich neu?

Die Gebäude sind manchmal eine Brücke, das Innere zu entdecken. Letztes Jahr in der Kirchengemeinde Friedland – eine Gemeinde mit 19 Kirchen und Kapellen, von denen nicht mehr alle gottesdienstlich genutzt werden. Zwei dieser Dörfer fragten im Advent an: „Können wir in die Kirche? Wir würden gern Weihnachtslieder singen.“ Ein Gespür für die Besonderheit von Kirchen ist da – als Orte, die für die innere Mitte stehen; eine Mitte, die verbürgt, worauf es ankommt und was sich zugleich der eigenen Verfügbarkeit entzieht.

Für mich ist es eine spannende Aufgabe, gemeinsam mit anderen neu zu entdecken, was unsere Gemeinden mit ihren Räumen für die Menschen, mit denen wir leben, sein können:
Ein guter Ort für gemeinsame Trauer und gemeinschaftliche Freude;
Gastgeberin können wir sein für Menschen auf der Suche – für Menschen, die auf Zeit einkehren und frei sind, wieder zu gehen oder zu bleiben;
Gastgeberin für Menschen in Not – seien sie einheimisch oder geflüchtet, denn wo, wenn nicht bei uns, darf man Barmherzigkeit vermuten?!
Gastgeberin für das Gespräch über die drängenden Fragen eines Ortes können wir sein – denn wir sind im Auftrag Jesu unterwegs, der uns das Brückenbauen und Stiften von Frieden ans Herz gelegt hat.

Wie entdecken Menschen den Glauben neu für sich?

Auch das bewegt mich: Immer mehr Menschen in West- und Mitteleuropa sehen sich als religionslos. Einige von ihnen verstehen sich sehr reflektiert als ‚religiös unmusikalisch‘. Stellt sich die Frage: Müssen sie erst religiös (empfänglich) werden, um Christus folgen zu können? Müssen sie erst werden wie wir? Oder kann es gelingen, einen anderen Weg zu Christus mit ihnen und für sie zu entwickeln – dass sie ins Vertrauen, Lieben und Hoffen, also in die Beziehung zu Gott finden, ohne zuvor religiös ‚musikalisch‘ werden zu müssen? Vielleicht wird neben der Vertiefung des geistlichen Lebens in unseren Gemeinden mehr denn je das gebraucht, was Dietrich Bonhoeffer eine ‚religionslose Interpretation des Christentums‘ genannt hat.

Welch reiche Vielfalt hält unser Auftrag bereit! Umso wichtiger ist es, sich zu konzentrieren,
sich gut zu gründen in Gott – reinen Herzens, in all unserer geistlichen Armut;
sich zu vertiefen in seine Güte und Zuneigung – schön in seinen Augen, als seine Kinder geborgen im Schutzmantel seiner Liebe;
sich begabt  und beauftragt zu wissen – von ihm gesandt und zu nicht weniger gerufen, als Antwort zu geben mit unserem Leben.

Mögen wir darum einstimmen können in die Worte Tritojesajas in guten wie in schweren Tagen:
„Laut freue ich mich über Gott,
und meine Seele jubelt über meinen Herrn;
denn er hat mir die Kleider der Rettung angezogen
und mich in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllt,
wie einen Bräutigam mit feierlichen Schmuck geziert
und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.
Ja, wie aus der Erde ihr Gewächs hervorsprießt
und ein Garten seine Samen wachsen lässt,
so lässt Gott, die Macht über alles,
Gerechtigkeit wachsen
und Lobpreis in Gegenwart aller fremden Völker.“ (V.10f)

Da lasst uns einstimmen! Darauf lasst uns unser Vertrauen setzen.
Amen.

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