20. Januar 2019 | Kirche St. Matthäus Regensburg

Seid fröhlich in Hoffnung

20. Januar 2019 von Christian Meyer

Predigt zu Röm 12,9-16

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,

wo Gottes Glanz aufscheint, da verwandelt sich das Leben. Licht durchdringt die Finsternis. Der fade Beigeschmack endloser Wiederholung weicht der Festtagsfreude.

Wo Gottes Glanz aufscheint, da verwandelt sich das Leben, wird aus Wasser Wein – wie bei der Hochzeit zu Kana.

Gewiss, es gibt auch die umgekehrte Erfahrung: Als mein Bruder mir kurz nach der Wiedervereinigung half, den Haushalt meiner Patentante aufzulösen, fanden wir in ihrem Keller eine Flasche Rosé, Jahrgang 1959. Was für eine Kostbarkeit – dachte ich und schenkte sie meinem hilfreichen Bruder. Er hat sie auch tapfer getrunken und die Folgen einigermaßen überlebt. Doch seitdem wissen wir: Aus Wein kann Essig werden. Seither halten wir uns lieber an einen Song von Gerhard Schöne, einem ostdeutschen Liedermacher:

„Spar deinen Wein nicht auf für morgen.
Sind Freunde da, so schenke ein!
Leg was du hast in ihre Mitte.
Durchs Schenken wird man reich allein.“

Ist es ein Wunder, dass mir bei diesen Versen auch die bayrisch-mecklenburgische Kirchenpartnerschaft in den Sinn kommt?! Ein Schelm, wem da als erstes unsere amicablen Abende einfallen, bei denen im Gegensatz zu Kana nie ein Weinwunder nötig wurde. Nein, wie oft haben wir erlebt: Die Erfahrungen unseres Lebens können einander befruchten! Zu hören, auf welche Weisen Gemeindeleben hier in Bayern und bei uns in Mecklenburg gelingen kann, ist bereichernd! Eure Treue und Geschwisterlichkeit zu erfahren! Und in alledem zu spüren: Wo Gottes Glanz aufscheint, da verwandelt sich das Leben. Es kann beglückend neu werden.

Diese Möglichkeit hat auch den Apostel Paulus beflügelt. In immer neuen Anläufen beschrieb er, wie dieses neue Leben Gestalt werden kann. Auch im Brief an die Christengemeinde in Rom ist davon die Rede. Wie ein vielstimmiger Chor ist das, was er seinen Leserinnen und Leser ans Herz legt:

„Eure Liebe sei ohne Hintergedanken.
Nennt das Böse beim Namen und werft euch dem Guten in die Arme.
Liebt einander von Herzen wie Geschwister
und übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.
Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück.
Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Teilt das, was ihr habt, mit den heiligen Geschwistern, wenn sie in Not sind.
Seid jederzeit gastfreundlich.
Segnet die, die euch verfolgen,
setzt auf das Gute in ihnen und verflucht sie nicht.
Freut euch mit den Glücklichen und weint mit den Traurigen.
Zieht alle an einem Strang und richtet euch dabei nicht an den Mächtigen aus, sondern lasst euch zu den Erniedrigten ziehen.
Bildet euch nicht zu viel auf eure eigene Klugheit ein.“  (Röm 12,9-16)

Schwestern und Brüder, wie hört ihr das? Als verlockende Möglichkeit eines befreiten Lebens im Kraftfeld Gottes? Oder als einen Wust moralischer Ermahnungen?

Ich gestehe: Ich habe so meine Schwierigkeiten mit Imperativen, vor allem, wenn sie gehäuft auftreten! Aber Paulus geht es hier nicht um Anstand und Moral, sondern um das erneuerte Lebendig-Sein in Christus, um die Lebensmöglichkeiten, die – wie er sagt – aus dem ‚neuen Sein in Christus‘ erwachsen.
Vermutlich wird uns das sofort deutlich, wenn wir uns nicht an der Form der Ermahnung abarbeiten, sondern an Menschen denken, an deren Haltung oder Wesen zu erleben war und ist, was Paulus im Sinn hatte.

Mir kommt sofort meine Großmutter in den Sinn, eine herzensgute Frau. Ich kann mich nicht erinnern, an ihr auch nur die Spur einer Bosheit wahrgenommen zu haben. Von ihrem Glauben her ließ sie sich alle Dinge zum Besten dienen. Sogar dann, wenn jedermann es verstanden hätte, dass sie zornig oder verbittert reagiert: Als ihr Silvester in der U-Bahn ein blöder Kerl einen Knaller vor die Füße warf, war sie fortan taub auf einem Ohr. Sie aber sagte: „Nun weiß ich doch viel besser, wie meinen schwerhörigen Alten, die ich immer besuche, zumute sein muss.“

Ich denke auch an Menschen in meiner Jugend, in denen Gottes Geistkraft brannte, die uns ansteckten mit ihrer Begeisterung für Gott – unserer religionsfeindlichen Umwelt zum Trotz: einen Pastor, der so von dem erfüllt war, was er predigte, dass wir Halbstarken freiwillig in seine Gottesdienste gingen; seine Freude am Leben wirkte ansteckend.

Ich denke an einen tschechischen Freund, Laienprediger seiner Kirche – schon äußerlich eine prophetische Gestalt: Weil kirchliche Jugendarbeit damals verboten war, unternahm er mit Jugendlichen Bergwanderungen oder fuhr Wildwasser; und die Bibel war nicht nur dabei, sondern wurde täglich gelesen und ins Gespräch gebracht. Wir Jugendlichen spürten: Das Fest des Lebens und der Glaube an Gott sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille! Das lassen wir uns nicht nehmen!

An solche Menschen denke ich, wenn es heißt:
„Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“
Wie hören wir diese Worte? Wie sind sie zu verstehen in einer Zeit, in der viele Menschen mit Burnout zu tun haben, ‚ausgebrannt‘ sind – auch in der Kirche?

Zweifelsohne, Selbstsorge ist angebracht. Es macht uns nicht zu wertvolleren Menschen in den Augen Gottes, wenn wir uns ganz und gar für ihn verausgaben, uns für ihn verzehren. Das ‚Brennen im Geist‘ meint eben mehr, als leidenschaftlich für die Sache Gottes einzutreten. Im Grunde liegt es quer zum Sich-Verheizen – heißt ‚Brennen im Geist‘ doch auch und vor allem: Wach zu sein! Empfänglich! Berührbar! Resonanzfähig…

Wenn Burnout nicht so sehr in übermäßiger Arbeit seinen Grund hat, sondern in fehlenden Resonanzen, das Leben also an uns vorbeigeht, wir nicht mehr seine belebenden Momente spüren, dann geht es eben darum – wieder empfänglich und resonanzfähig zu werden.
Das gilt für einzelne Menschen genauso wie für Gemeinden oder ganze Kirchen: Wenn wir die guten Gaben dieses zerbrechlich-wunderbaren Lebens wahrzunehmen verstehen – Freundschaft, Zuneigung, Mitmenschlichkeit –, wenn wir mit allen Sinnen offen sind für Schönheiten der Natur oder großartiger Musik, wenn wir uns nicht abschotten müssen von der Not anderer Menschen, sondern schlicht das tun, was in unserer Kraft steht, dann ist Gottes Geistkraft in uns am Wirken.

„Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“
Dafür braucht es als Gemeinde, als Kirche – bildlich gesprochen – die ‚dünne Haut der Zelte‘. Ihre Kirche hier, liebe Matthäus-Gemeinde, erinnert daran mit ihrem Zeltdach – zunächst im Gedanken an die Flüchtlinge, die aus dem Osten kamen und hier neue Heimat suchten. Das Symbol des Zeltes erinnert erst recht aber auch an Gottes Wanderschaft mit seinem Volk ins Land der Verheißung – das bleibt wegweisend, auch für unsere Kirchen heute:
bereit zu sein zum Aufbruch aus dem Gewohnten, Vertrauten,
das Unbekannte nicht zu scheuen, wohin Gott uns führt,
damit zu rechnen, dass uns von Gottes Gegenwart manchmal nur Weniges trennt,
uns berühren zu lassen vom Ergehen der Menschen, die ebenfalls auf dem Wege sind,
zu beherzigen, dass den Armen zuerst Gottes Zuneigung gilt   –
so wach und empfindsam zu sein durch die ‚dünne Haut der Zelte‘, die wir – wie kontrafaktisch auch immer – Gemeinde oder Kirche nennen, das schenke uns Gott.
Das Schöne ist: Er tut das ja längst! In den Begegnungen dieser Tage war das zu spüren. Wenn wir Euch erzählt haben, was uns in unserem Kirche-Sein bewegt, und ihr habt mit dem Herzen zugehört, dann hat das für uns etwas sehr Ermutigendes.
Oder wenn ich an Ihre Gemeinde hier denke: Sprachkurs „Deutsch“ für Frauen, Alleinerziehenden-Treff, griechisch-orthodoxe Gottesdienste – alles Zeichen einer gastfreundlichen Gemeinde!

Bei uns in Neubrandenburg – um auch von mir zu Haus ein Beispiel zu erzählen – bei uns in Neubrandenburg gibt es eine christliche Gemeinschaft junger Familien, die bewusst in das Plattenbaugebiet Datzeberg gezogen ist – also dahin, wo man normalerweise wegzieht. Sie aber haben eine Vision: Sie träumen davon, dass das Licht der Welt auch den Alltag auf dem Datzeberg heller, bunter und wärmer macht, dass sich in der tristen Platte Leben entfaltet und schön werde. Sie bringen nicht das Evangeliums als Fertigware, sondern teilen das Leben der Menschen. Sie fragen danach, was die Datzeberger brauchen und wo Christus unter ihnen vielleicht schon wirksam ist.

Eines ihrer Projekte heißt ‚schall.platte‘ – der Chor vom Datzeberg. Da werden Songs gesungen, die man aus dem Radio kennt. Noten muss man also nicht können. Dieser Chor gibt den Leuten buchstäblich ihre Stimme wieder. Menschen, die Tag für Tag auf den Ämtern erfahren, dass sie nicht gebraucht werden, sondern ein Problemfall sind, erleben durch ‚schall.platte‘: Ihre Stimme zählt! Sie erleben Gemeinschaft, geben Konzerte. Manche sind auf diese Weise das erste Mal nach Berlin oder Hamburg gekommen. Videoclips sind entstanden. Preise wurden gewonnen. Einige von ihnen mussten sogar schon Autogramme geben… Menschen richten sich auf, spüren ihre Würde, entwickeln Zutrauen zu ihren Gaben und machen sie fruchtbar.    

Schwestern und Brüder, ja, auch in unseren Tagen ist etwas von Gottes Reich, von seinem Glanz mitten unter uns lebendig. Daher: Sparen wir unseren Wein nicht auf für morgen! Halten wir unsere Begeisterung nicht zurück! Denn wo Gottes Glanz aufscheint, da verwandelt er das Leben.

Amen.

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