9. Oktober 2018 | Rickling

Sichtbare Nachfolge im Namen des Herrn

09. Oktober 2018 von Gerhard Ulrich

Predigt anlässlich des Gottesdienstes zur Verabschiedung von Landesbischof Ulrich als Vorstandsvorsitzender des Landesvereins für Innere Mission in Rickling, 2. Korinther 9, 6-9

Liebe Schwestern und Brüder,

vor zwei Tagen haben wir das Erntedankfest gefeiert. Die Epistellesung dazu kommt aus dem 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth – wir haben einen Ausschnitt daraus gehört. „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen…“. Und der Abschnitt endet mit einer Ermahnung: „Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!“

In den Gottesdiensten werden viele Landwirte und ihre Familien gesessen haben, denen der Dank und der Lobpreis vielleicht im Halse stecken bleiben wollte angesichts der Einbußen bei dieser Ernte nach der extremen Dürre. Ich weiß von nicht wenigen Landwirten, dass sie Teile ihrer Rinderherden vorzeitig haben schlachten lassen, weil sie absehen konnten, dass das Futter für den Winter nicht reichen würde. Wie sollen sie das hören, was Paulus schreibt? Haben sie etwa kärglich gesät, dass sie nun kärglich ernten? Hatten sie nicht geschuftet und alles getan, was möglich ist? Bei manchem ist die Wut allemal größer als der Dank für alles das, was doch noch geerntet werden konnte.

Wir sind in diesen Zeiten konfrontiert wie nie zuvor mit dem von Menschen verursachten Klimawandel, der uns die extremen, kaum noch vorhersagbaren Wetterkapriolen durchleben lässt.

Und dennoch steht das große Loblied, der Dank für Gottes gute Schöpfung, im Zentrum dieser Woche, der Psalm 104: Herr, die Erde ist voll deiner Güter!

Wir wissen, dass wir am Erntedankfest nicht nur Dank sagen für die Früchte des Feldes. Wir sagen Dank für alles, was uns gegeben ist und was wir für unser Leben brauchen: Liebe, Frieden, Respekt, Barmherzigkeit. Und Dank für alle guten Dienste, die jenen helfen, die allein nicht zurechtkommen. Dank also auch für den Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein, für seine vielen Mitarbeitenden, für ambulante, teilstationäre und stationäre pflegerische, beratende, medizinische Dienste: Ernte-Dank auch dafür.

In seinem Brief geht es Paulus nicht in erster Linie um das Säen auf den Feldern. Es geht ihm um den „Segen des Gebens“ – so ist der Abschnitt in der Lutherbibel überschrieben. Genau geht es um die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem. Mit großer argumentativer Geschicklichkeit versucht Paulus, die Gemeinden zu überzeugen, dass sie teilen, was sie haben – und wenn es auch wenig ist. Er appelliert an die Christenmenschen: „Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe… so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat… Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet…“

Und dann sagt Paulus: „…wenn der gute Wille da ist, so ist jeder willkommen nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er nicht hat. Nicht, dass die anderen Ruhe haben und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme. Jetzt helfe euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit auch ihr Überfluss eurem Mangel abhelfe und so ein Ausgleich geschehe…“ Und dann kommt dieser Spitzensatz: „…denn wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten…“

Es geht um Ausgleich, um Teilhabe, würden wir modern sagen. Es geht um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse – in Ost und West, zwischen Gesunden und Kranken, zwischen Armen und Reichen. Es geht darum, zu verstehen, dass wir alle jederzeit angewiesen sind aufeinander, davon, dass wir einander im Blick haben, dass wir einander abgeben, damit wir bekommen, was wir brauchen. Und es geht dabei keineswegs um Geld allein oder materielle Güter; es geht um den Dienst für die Heiligen, um den lebendigen Gottesdienst. Es geht darum, zu antworten auf die Liebe, die wir empfangen haben.

Und damit bin ich beim Landesverein. Seit fast 150 Jahren geht es hier darum, das Wort Gottes zu verkündigen in der Tat, im Tun für die, die schwach sind und elend. Die Idee Johann Hinrich Wicherns umzusetzen in die Sorge um seelisch kranke Menschen, um Gebrechliche, Alte, Verwirrte, Abhängige. Zuerst als Anstalt mit einem Zaun drum herum, dann in einer rasanten Entwicklung bis hin zu den Werkstätten, den Altenheimen, Cafés; zum Kunsthaus und zur interkulturellen Psychiatrie und Trauma-Medizin. Ich erlebe an unserem Landesverein jenen Reichtum, den Paulus seinen Korinthern bescheinigt: „Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe…so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat…“ Hier wird reichlich gesät an Liebe, Zuwendung und Professionalität.

Ein Spiegel für diesen Segen des Gebens ist für mich in den letzten Jahren immer das Jahresfest gewesen mit seinen Darbietungen, seiner offenen Präsentation der Dienste: ein Beweis an gelingender Integration und Inklusion.

Der Landesverein verschweigt nicht die Not der Vielen, da wird nicht so getan, als gäbe es einfache Antworten auf komplexe Fragen des Lebens. Das ist für mich sichtbare Nachfolge im Namen des Herrn der Kirche, von der die Diakonie, der Dienst für die Heiligen, ein unverzichtbarer Teil ist. Ein Ort der Lebensfreude und ein Ort der Vielfalt ist hier sichtbar und spürbar. Und das ist in diesen Zeiten, die von Abgrenzung geprägt sind, von Hass auf alles fremd Erscheinende; in denen Schwache auf Kostenfaktoren reduziert werden, ein umso wichtigeres Zeichen, dass das Leben ein Geschenk ist und nicht ein Werk unserer Hände: „Die Erde ist voll deiner Güte, Herr!“

Natürlich ist das hier ein Unternehmen, eine wirtschaftlich zu führende Holding, kann man fast sagen. Und es braucht kaufmännischen und politischen Sachverstand, es braucht das Wissen, mitten in der Welt zu arbeiten mit ihren Regeln von Konkurrenz, Abhängigkeit von Fördertöpfen, Gesetzen, die Tarife regeln, Pflegegesetze, die noch nie den Notwendigkeiten genügten. Und es braucht clevere, risikofreudige Entscheidungen, Bilanzen, Mitarbeitendenführung, Öffentlichkeitsarbeit, Akquise, Vernetzung mit den politisch Verantwortlichen und so weiter.

Aber das allein beschreibt ja nicht die Seele dieses Unternehmens! Hier gelten die sogenannten „wertlosen Werte“ etwas, sie bilden den Kapitalstamm sogar: Barmherzigkeit, Liebe, Würde, Respekt. Darum auch schmerzt jene Kriminalisierung, die vor einiger Zeit mit der Durchsuchung, verbunden mit dem Vorwurf der Steuerhinterziehung, geschah. Denn die hier arbeiten, sind geleitet von dem Mehrwert des diakonischen Denkens, das sich nicht im Profit erschöpft, sondern das weiß: der eigentliche Reichtum sind die Menschen.

Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe – für die Gabe der Menschen, die hier Dienst tun und sich hineingeben und Teil des Segens sind und zugleich selbst Gesegnete.

Ich bin dankbar für die Zeit, in der ich Mitverantwortung tragen durfte – und ich denke, ich darf das auch im Namen von Stefan Block sagen. Diese Zeit hat mich reich beschenkt mit Menschen, die voller Hingabe sind und eine ausgeprägte Schwäche für die Schwachen haben – was sie stark macht; und mit Menschen, die hier und an den vielen Orten des Vereins Hilfe und Zuwendung finden und mit Lebensfreude antworten oder neu ins Leben finden. Ich bin dankbar für die interkulturelle Arbeit der letzten Jahre, weil sie ein Zeichen ist des Ausgleichs und ein Akzent gegen die trübe Hetze gegen die Fremden. Und weil hier deutlich wird: Liebe kennt keine Grenzen, weder kulturelle noch soziale.

Vor einigen Wochen habe ich mit einer Nordkirchen-Delegation einige Orte in Griechenland besucht. Überall im Land haben wir erlebt, welche Spuren die wirtschaftliche Krise in Griechenland seit 10 Jahren hinterlässt: Arbeitslosigkeit, ein völlig zusammengebrochenes Gesundheitssystem, aus dem viele Menschen herausgefallen sind; Obdachlosigkeit, Altersarmut; Wut auf Europa und speziell die Deutschen, die Zahlmeister spielen und Ratschläge parat haben, die ihnen angesichts der Geschichte, die beide Länder miteinander haben, vor die Füße fällt. Man erinnert uns in Griechenland an die Schuld der Nazis, an ausgebliebene Entschädigungen für ermordete Menschen und niedergebrannte Regionen; man erinnert an den Schuldenerlass, der Deutschland die Grundlage schaffte für den Wiederaufbau. Von denen möchte man nun keine oberlehrerhaften Ratschläge zur Überwindung der Krise.

Wir haben aber auch Menschen getroffen, die sich nicht zufriedengeben mit ihrer Rolle als Opfer, sondern die anpacken: in einer Sozialapotheke werden an Menschen ohne Krankenversicherungsschutz Medikamente verteilt; Ärzte und Therapeutinnen halten kostenlose Sprechstunden ab in ihrer Freizeit. Sie versuchen, einen Ausgleich zu schaffen. Dort werden auch Menschen versorgt, die auf der Flucht in Griechenland gelandet sind – viel mehr übrigens, als in Deutschland. Eine Diakonie entsteht, ein Dienst der Heiligen, eine Gemeinschaft des Teilens der Armen mit den Armen.

Im Gottesdienst am Beginn unseres Aufenthaltes sagte ein anglikanischer Geistlicher in Athen: „What we need is both: liturgy of men and liturgy for men.“ Mit Bonhoeffer übersetzt, hieße das: Beten und Tun des Gerechten gehören zusammen. Und so entstehen soziale Dienste ohne ein Sozialsystem – einfach, weil Menschen beschließen, Konsequenzen aus ihrem Glauben zu ziehen und zu teilen, Ausgleich zu schaffen.

Der Metropolit von Neapolis, ein Stadtteil von Thessaloniki, hatte uns eingeladen in die Armenküche der Metropolie. Wir bekamen die Speise, die den ganzen Tag über an die Armen verteilt worden war.

Der Metropolit erklärte uns, dass die Armenküche im Jahr 2012 800 Mahlzeiten pro Tag verteilt habe. Heute, so sagte er, waren es 8107 Mahlzeiten. Und das geschieht alles ohne eine staatliche Struktur oder Unterstützung. Der Premierminister Tsipras habe die Küche besucht, sagt der Metropolit. Und er habe erstaunt gefragt, wie die kleine Metropolie (so etwas wie ein Kirchenkreis) das denn schaffen würde. „Da habe ich ihm die Geschichte von der Speisung der 5000 erzählt – und da hat der Premierminister nichts mehr gesagt.“

In der Orthodoxen Kirche hat so etwas wie Diakonie nie eine große Rolle gespielt. Bis jetzt. Da kommt zur liturgy of men die liturgy for men.

Auf meine Frage allerdings, wie sehr denn diese Situation die Kirche verändert habe, erntete ich einen erstaunten Blick:  „Gar nicht“, sagte der Metropolit“, „die Kirche bleibt immer die eine, die dem Herrn nachfolgt und tut, was notwendig ist. Und wenn es notwendig ist, dass wir Wunder tun, dann tun wir Wunder! Weil: wir leben aus dem Wunder, das der Herr tut…“

Ich wollte euch diese kleine Begebenheit unbedingt erzählen. Denn etwas davon habe ich in den Jahren beim Landesverein erlebt: die liturgy for men und auch das Wunder der Zuwendung, des Teilens, den Segen des Gebens. Darum bin ich voller Dankbarkeit. Für diese Gabe Gottes.
Amen.

 

 

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