Sonntag, den 24.10.2021| St. Petri-Dom Schleswig

„Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und der höchste Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dieses Haus tun?“

Gothart Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche
Gothart Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche© Marcelo Hernandez, Nordkirche

24. Oktober 2021 von Gothart Magaard

Predigt im Festgottesdienst anlässlich der feierlichen Wiedereröffnung des Schleswiger Doms

- Es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Festgemeinde,
liebe Gäste aus nah und fern,

„Sechzig Ellen lang, zwanzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch“, dazu eine Vorhalle und ein Chorraum – alles im Detail beschrieben, die genauen Maße, das Baumaterial, die Innenausstattung aus Zypressenholz und der Altar mit Gold überzogen. Ein ganzes langes Kapitel wird im 1. Buch der Könige der Bau des Tempels in Jerusalem  beschrieben – in allen Einzelheiten.

Keine Sorge – ich möchte den St. Petri Dom nicht mit dem Tempel in Jerusalem vergleichen – das wäre wohl anmaßend! Aber die Freude und Dankbarkeit, dass die Renovierung dieses Gotteshauses nach langer Bauzeit abgeschlossen werden kann und so viel Planungs- und Handwerkskunst und Begleitung und Unterstützung durch so viele Menschen geschehen ist, ist eben auch sehr groß. Und ich kenne viele Menschen, die diesen Tag so sehr herbeigesehnt haben.

In großer Gemeinschaft können wir nach annähernd vier Jahren Bauzeit zusammen Gottesdienst feiern. Und wir freuen uns über das Erreichte:

  • dass Turm und Westfassade mit erheblichem Aufwand an Material und Arbeitszeit wieder wetterfest gemacht wurden.
  • dass alle Kirchenfenster kunstvoll überarbeitet werden konnten, die den Raum in ein wunderbares Licht tauchen.
  • eine sichtbar erweiterte  Beleuchtung mit einem ausgeleuchteten Gewölbe und strahlenden Kronleuchtern.
  • Barrierefreie Zugänge in den Hohen Chor und in den Schwahl, den Kreuzgang.
  • und nicht zuletzt die grundgereinigte und intonierte Marcussen-Orgel, die heute endlich wieder festlich erklingt.

All das zu sehen und zu erleben macht uns dankbar gegenüber denen, die hier bis zuletzt unermüdlich gearbeitet haben – und viele sind heute unter uns.

Dankbar auch gegenüber den zahlreichen Menschen aus Gesellschaft, Politik und Kirche, die dieses Projekt so tatkräftig unterstützt haben.

Und dankbar gegenüber Gott, der diesen umfassenden Umbau hat gelingen lassen.

„Als der Bau des Tempels in Jerusalem vollendet war, trat Salomo vor der ganzen Gemeinde Israels an den Altar des Herrn - so lesen wir es im 1. Buch der Könige Kapitel 8 -   und er breitete seine Hände aus und sprach:

Herr, Gott Israels! Kein Gott ist dir gleich, nicht oben im Himmel und nicht unten auf der Erde. Den Bund und die Treue bewahrst du deinen Dienern, die mit ganzem Herzen vor dir gehen…

Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe,  der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wie viel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe! Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, Herr, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet.“

Für den Gedenktag der Kirchweihe ist dieses Gebet Salomos als Lesung vorgesehen und eine Wiedereröffnung ist auch so ein Tag, an dem wir darüber nachdenken, welche Bedeutung Kirchengebäude haben.

Das ist doch bemerkenswert: Da feiern Menschen Gottesdienste in den wunderbarsten Räumen, in den Domen und Basiliken, in den charmanten kleinen Dorfkirchen oder den prunkvollen Stadtkirchen.

Da denken sie zurück an die langen Geschichten dieser besonderen Orte, an die Kunst der Handwerker, an die tiefgründigen theologischen Gedanken, die Stein wurden, und nicht zuletzt an die zahlreichen Lebensgeschichten, die mit diesen besonderen Orten verwoben sind.

Da haben die Menschen all das vor Augen, ehrfürchtig, dankbar, beeindruckt und immer wieder auch begeistert, und dann hören sie solche Worte:

„Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und der höchste  Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dieses Haus tun?“

Dieser Vers bewegt auch mich angesichts des heutigen Tages. Denn er wehrt sich gegen jede Instrumentalisierung von Kirchen. Gott lässt sich nicht einsperren – nicht in Kathedralen oder gedankliche oder kosmische Räume. Martin Luther hat es einmal so gesagt: „Nichts ist so klein – Gott ist noch kleiner. Nichts ist so groß, Gott ist noch größer. Er ist ein unaussprechlich Wesen über und außer allem, das man denken und nennen kann.“

Gott braucht diese Gebäude nicht. Die Härte dieses Gedankens wird uns zugemutet. Er ist ein Gott, der diese Welt durchwaltet, der sich finden lässt, in den Armen und Kranken, bei denen, die hungern und frieren, draußen vor der Tür.

Er ist dort zu finden, wo Menschen den Frieden suchen und  Versöhnung und für Freiheit und Gleichberechtigung und die Würde eines jeden und einer jeden eintreten. 

Er ist dort, wo Menschen auf der Flucht nicht dem Meer überlassen werden.

Er ist dort, wo wir in unserem Alltag einander in die Augen sehen, einander zuhören und füreinander da sind.

Und wo das, was in und um unsere Gotteshäuser herum geschieht, damit nichts zu tun hat, sind sie entbehrlich. Mit Martin Luther könnten wir das noch in anderer Hinsicht schärfen: mit der sogenannten „Torgauer Formel“, in einer Predigt anlässlich der Einweihung der Schlosskirche zu Torgau am 5. Oktober 1544:

Das neue Haus, so Luther, solle dahin gerichtet sein, „das nichts anders darin geschehe, denn das unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir widerumb mit im reden durch Gebet und Lobgesang.“

Ein Ort der Kommunikation des Evangeliums soll es sein.

Und dieses Evangelium wird auch in der tatkräftigen Nächstenliebe hörbar – womöglich sogar noch nachdrücklicher, als in der schönsten Kunst. So jedenfalls müsste man es wohl im Lichte des Weges Jesu einschätzen.

Beides steht dann doch nicht beziehungslos nebeneinander – die Hinwendung zu den Leidenden und die Kirchen, diese besonderen Orte.

Denn Gott lässt sich von den Menschen berühren und ansprechen, die in eine Kirche kommen. Von ihrem Hoffen, von ihrer Sehnsucht, von ihrem Klagen und ihren Ängsten lässt er sich einnehmen. Er hört auf das, was Menschen im Innersten ihres Herzens bewegt.

  • Er hört auf das Weinen der Väter und Mütter, die den Verlust ihres Kindes beweinen.
  • Er hört das Flehen von Menschen und Völkern, die ein Ende von Krieg und Terror, von Angst und Not herbeisehnen.
  • Er sieht die Ungeduld von Kindern und Jugendlichen, die nach all den Einschränkungen der letzten Monate auf mehr Begegnung und Freiheit hoffen.
  • Er weiß um die Bilder aus längst vergangenen Kriegsjahren, die alte Männer und Frauen in ihren Träumen des Nachts sehen und die noch immer so sehr belasten.

Die leisen Worte, das zögerliche Tasten, die suchenden Fragen und die klagenden Herzen sind Gottes Sache. Für Menschen in Verzweiflung – auch für solche, die zornig sind, sogar für solche, die ihn anklagen – hat er ein offenes Ohr. Ihnen wendet er sich zu.

Wir Menschen sind es, die diese „Anders-Orte“ brauchen, wie sie im Anschluss an Michel Foucault auch genannt werden.

Christliches Leben braucht Vergewisserung, denn der Glaube trägt sich nicht selbst. Er wird getragen, bewahrheitet und je neu und neu dadurch begründet, dass wir von Gott angesprochen werden. Manchmal Überraschend.

  • Wenn wir uns unserem Alltag mit allen seinen Anforderungen in einer unglaublichen Beschleunigung ausgeliefert fühlen. Dann brauchen wir Schutz und Geborgenheit.
  • Wenn wir nicht mehr wissen wo vorne und hinten ist, und wie es weitergehen soll. Dann brauchen wir das Innehalten, um uns neu zu orientieren.
  • Wenn das Getöse der Welt droht, Überhand zu gewinnen, und wenn wir von Meldungen über Klimakatastrophen, Corona-Inzidenzen und Konfliktmeldungen überwältigt werden. Dann brauchen wir Orte der Ruhe, der Kraft und des Gebets.
  • Wenn das Leben Grund zum Feiern bietet, wie bei einer Taufe, Konfirmation oder Hochzeit, dann brauchen wir Orte, an denen wir die Freude darüber vor Gott tragen können und um seinen Segen bitten.
  • Und wenn uns letzte Fragen nach Tod und Sterben anfechten und wir geliebte Menschen zu Grabe tragen müssen, auch dann brauchen wir Orte der Hoffnung.

Inmitten der Endlichkeit einer Ahnung von Unendlichkeit. Inmitten des Dickichts von wirtschaftlichen Zusammenhängen, ökologischen Entwicklungen, die besorgniserregend sind, und der Sorge um Menschen können sie Orte sein, die Erhabenheit und Weite signalisieren.

An denen Menschen zur Besinnung kommen, Trost erfahren, Lebensmut schöpfen. Wir brauchen diese Orte. Um uns aufzurichten, gute Worte zu hören - Evangelium eben.

Wo Orte dazu dienen, dem Wort Raum zu geben, wo sie dazu gebaut, erhalten und neu gestaltet werden, damit sie Gott und den Menschen dienen, und deren Seele sich erheben kann, da kann mitten im Alten etwas Neues entstehen.

Und dort ist es richtig, sich engagiert, kreativ und in außergewöhnlicher Weise, für ihre Erhaltung einsetzen – so wie es hier am St. Petri Dom geschehen ist.

In diesem Dom spiegelt sich auch die politische Geschichte des Herzogtums Schleswig: das Mittelalter, die Reformationszeit, die Blütezeit Gottorfs und der Einfluss Preußens im 19. Jahrhundert.

Vor diesem Hintergrund ist es unsere Aufgabe heute, ihn als Ort der Begegnung und des Dialogs über soziale, kulturelle, konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg zu prägen. Wie wir es beispielsweise so lebendig in der guten dänisch-deutschen Nachbarschaft erleben.

Wir brauchen unsere Kirchen, um uns zu vergewissern, dass da einer ist, der diese Welt hält. Und um gesegnet zu werden. Und dann Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

Mit Lust und Freude und dem nötigen Eigensinn, diese Welt anders zu gestalten, so dass in ihr jener große Andersort Raum bekommt, den Jesus Christus „Himmelreich“ nannte. Amen.

 

 

 

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