Sonntag, 21. Juni 2026, Theaterzelt am Küchengarten des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin

Theaterpredigt zur Dreigroschenoper

23. Juni 2026 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Musik: Moritat von Mackie Messer

Predigt I

So beginne ich heute - ganz in Brechtscher Manier. Mit der Dreigroschenoper als Troststück. Ein Troststück, ein tröstliches Stück Theater, damit wissen Sie jetzt schon mal, worauf ich hinauswill. Und brauchen, ganz im Sinne Bert Brechts, nicht so sehr auf das zu achten, was hier das Ziel, das Ergebnis sein wird. Sondern können sich getrost darauf konzentrieren, wie es geschieht. Wie macht sie das, die Bischöfin, dass sie die Dreigroschenoper als Troststück versteht?

Auf den beiden Projektionsflächen rechts und links der Titel: „Denn die Gemeinheit der Welt ist groß." (1) 

Oh ja, das ist sie, die Gemeinheit. Sie ist da und sie ist groß. Vielleicht wird es Sie erstaunen, dass ich als Theologin und Landesbischöfin diesem Satz nicht widerspreche. Stattdessen: Ja, die Gemeinheit der Welt ist groß. Manchmal ist sie vor aller Augen sichtbar. Manchmal sehr gut verborgen. Dass das so ist, ist in der Dreigroschenoper von Anfang an klar. Eigentlich schon mit den ersten Takten. Noch bevor die Handlung beginnt. Noch bevor wir Mackie sehen. Noch bevor wir Polly kennenlernen.

Weil ja alles mit der ernüchternden Moritat beginnt, die uns über die Zustände in der Welt ins Bild setzt. Wobei - die Zustände in der Welt? Wer oder was ist denn eigentlich die Welt? Na klar, alles was hier ist, was uns umgibt. Menschen, Tiere, Pflanzen, nicht-menschliche Lebewesen, Regen und Wind, Erdenstaub und Gesteinsmassen, Lavaströme und Kontinentaldrift. Nun, wir müssen Bert Brecht erst einmal zugestehen, dass er das heute als anthropozentrisch, also ein rein auf den Menschen zugeschnittene und aus Sicht des Menschen formulierte Weltverständnis und Weltverhältnis schon zeitbedingt wohl durchgehend geteilt hat. Und dennoch: die Moritat differenziert.

„Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht.“ (2) Der Haifisch, das Tier, zugleich Vertreter aller nicht-menschlichen Lebewesen, der hat Zähne. Jeder sieht sie. Jeder weiß, was er ist: Ein Raubtier. Gefährlich. Tödlich. Seine potenzielle Gewalt ist offen sichtbar. Man erkennt sie sofort. Da weißt du, woran du bist. Und die kleinen Fische um ihn herum wissen es auch.

Aber dann eine entlarvende Wendung zu Mackie, den Vertreter unserer menschlichen Spezies: „Doch der Mackie hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht.“ (3) Das ist mehr als die Einführung einer speziellen Figur. Das ist eine knappe und ernüchternde Beschreibung dessen, wie Menschen sein können. Bösartig, gemein, undurchschaubar. Und wenn du nicht hinsiehst, hast du ihr Messer im Rücken.

Vor Haifisch, Wolf oder Löwe mag man sich fürchten. Aber man weiß, woran man ist. Man kann sich vorbereiten. Oder ausweichen. Oder gewappnet sein. Die sichtbaren Feinde sind die schlimmsten nicht. Aber hüte dich vor denen, die ganz anders daherkommen. Nicht mit gefletschten Zähnen. Nicht mit Gebrüll.Sondern geschniegelt und gebügelt. Charmant. Freundlich. Höflich. Mit guten Manieren. Mit einem Lächeln. Der Haifisch zeigt seine Zähne. Der Mensch verbirgt sein Messer. Das macht ihn gefährlich. Und gemein.

Schon die Bibel - „Sie werden lachen, die Bibel“ (4) - weiß um diese Seite des Menschseins. Sie warnt immer wieder vor dem trügerischen Schein. Vor Frömmigkeit als Maske. Vor Gerechtigkeit als Fassade. Vor Worten, die schön klingen und doch töten. Vor Menschen, die außen glänzen und innen leer sind: „Ein heilloser Mensch, ein nichtswürdiger Mann, wer einhergeht mit trügerischem Munde, wer winkt mit den Augen, gibt Zeichen mit den Füßen, zeigt mit den Fingern, trachtet nach Bösem und Verkehrtem in seinem Herzen. … Diese sechs Dinge sind Gott ein Gräuel: stolze Augen, falsche Zunge, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, ein Herz, das arge Ränke schmiedet, eilige Füße, die zum Bösen laufen, ein falscher Zeuge, der frech Lügen redet, und wer Streit zwischen seinen Brüdern anrichtet.“ (Sprüche 6, 12-14. 16-19)

Das menschliche Böse kommt selten offen und offensichtlich als das Böse daher. Manchmal erscheint es alternativlos. Oder als Sachzwang. Als pure Notwendigkeit. Als gute Ordnung. Als scheinbares Bemühen um Anstand und Tradition. Womit wir beim ersten Hinweis wären, warum ich die Dreigroschenoper als ein Troststück verstehe: weil sie ganz offen und ungeschönt die Wirklichkeit zeigt. So, wie sie in Wahrheit ist.

Es ist gewissermaßen ein erster Akt der Wahrhaftigkeit, zu dem die Moritat von Mäckie Messer uns als Zuschauer einlädt: Haltet nicht nur Ausschau nach den Haifischen, nicht nur nach den offensichtlichen Schurken. Sondern seht euch vor vor den verborgenen Messern. Gut verborgen in Ideologien. In Institutionen jedweder Art. In den wirtschaftlichen Verhältnissen. Und - in uns selbst. Denn jeder Mensch trägt die Möglichkeit in sich, sein Stück zur Gemeinheit der Welt beizutragen. Die Möglichkeit zu verletzen. Zu betrügen. Zu verraten. Zu schweigen, wenn ein Wort des Widerstandes nötig wäre. Zuzusehen, wenn Unrecht geschieht, und nicht zu widerstehen.

Aber - und ist das nicht auch ein bisschen wunderbar? - die Moritat stimmt gar nicht hoffnungslos. Denn indem sie offen heraus singt, wie es ist, verlieren die verborgenen Messer schon einen Teil ihrer Macht. Die Illusion einer glatten Oberfläche wird zerstört. Die Wahrheit kommt ans Licht. Die Menschen wissen, was geschieht. Sie wissen es sehr genau. Und sie sprechen es aus: Das war Mackie Messer!

Was sich bereits in der Moritat ereignet, führt die Aufgabe von Kunst - und ich sage: ebenso von Religion - vor Augen. Die Illusionen beiseiteschieben. Die Wahrheit zu Wort kommen lassen. Damit wir sehen lernen. Und hören. Und auch: die Geister unterscheiden lernen. Damit wir wach bleiben. Damit wir nicht verführt werden. Damit wir – mitten unter Haifischen und Messerträgern – Menschen bleiben.

Denn es ist die Wahrheit, so heißt es in der Bibel, es ist die Wahrheit, die uns frei macht. Wobei in der Bibel damit die Wahrheit gemeint ist, die sich in Jesus Christus zeigt - in seiner Liebe, seiner Vergebung, seiner Barmherzigkeit. Die in ihm liegende Wahrheit befreit von falschen Bindungen und Abhängigkeiten - sie macht wirklich und wahrhaftig frei für andere und für sich selbst.

Aber zurück zur Dreigroschenoper: ich nenne den Sänger der Moritat den unbequemen Propheten der Dreigroschenoper. Er macht von Anfang an klar: in diesem Stück fliehen wir nicht in Illusionen. Hier sehen wir die Wirklichkeit, wie sie nun mal ist. Und nur so können wir ihr auch wirklich menschlich, nämlich mitmenschlich begegnen.

Musik: Lied vom weisen Salomo

Predigt II

„Denn die Gemeinheit der Welt ist groß.“ (5) Dieser Satz aus Brechts Dreigroschenoper trifft einen auch hundert Jahre später noch wie ein Schlag. Und vielleicht möchten wir hinzufügen: Ja, so ist es. Und manchmal scheint es, als würde sie jeden Tag größer. Man braucht morgens nur die Nachrichten zu lesen. Kriege. Gewalt. Lügen. Korruption. Menschen, die andere ausbeuten. Menschen, die wegsehen. Menschen, die sich bereichern. Menschen, die verzweifeln. „Denn die Gemeinheit der Welt ist groß.“ Brecht beschönigt nichts. Er tröstet nicht mit billigen Worten. Er behauptet nicht, alles werde schon gut. Im Gegenteil: am Ende wird er uns erinnern, dass die reitenden und rettenden Boten des Königs nur selten kommen.

So leicht und friedlich wäre unser Leben, wenn die reitenden Boten des Königs immer kämen. Weil es so aber nun einmal nicht ist… (6) stellt sich die Frage: Wie hält man die große Gemeinheit der Welt überhaupt aus?Wie hält man eine Welt aus, die oft ungerecht ist? Wie hält man das aus, ohne bitter zu werden? Ohne zu verzweifeln? Ohne depressiv zu werden? Ohne nur noch wütend zu sein? Ohne in Zynismus zu verfallen? Wie hält man das aus?

Manche halten es mit Sarkasmus aus. Andere ziehen sich ins Private zurück. Wieder andere versuchen, alles mit Humor zu nehmen. Manche rebellieren. Manche verdrängen. Manche werden gleichgültig. Aber all diese Strategien haben ihre Grenzen. Das Lied von Salomon zählt auf, was in dieser Welt alles nicht rettet! Weisheit, Schönheit, Wissensdurst, Sinnlichkeit.

Ich denke: Man hält die Wahrheit aus mit der Wahrheit. Für Christen es ist die Wahrheit, die uns frei macht. Nicht die Illusion macht frei. Nicht die Verdrängung. Nicht die Schönfärberei. Sondern die Wahrheit, die in Christus selbst, in Barmherzigkeit, Vergebung und Liebe gründet. Diese Wahrheit macht frei, weil sie uns nicht zwingt, eine heile Welt vorzutäuschen. Weil sie keine Illusionen nährt. Weil sie uns erlaubt zu sagen: Ja, die Welt ist so. Ja, die Menschen sind so. Ja, ich selbst bin manchmal so. Und genau dort beginnt aufrichtiger Trost.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb die Kunst so wichtig ist. Und in ihr besonders das Theater. Und die Religion. Sie schaffen einen dritten Raum. Einen Ort zwischen nüchterner Wirklichkeit und flüchtiger Illusion. Einen Ort, den wir betreten können. Einen Ort, an dem wir betrachten können, was ist, ohne vollständig selbst darin verwickelt zu werden. Einen Ort, der uns hilft, zu unserem Alltag in Distanz zu treten. Und weil wir in diesem dritten Raum als Zuschauer umhergehen, aber nicht Akteure sind, lernen wir zu verstehen, was geschieht. Weil im Theater offengelegt wird, wie die Verhältnisse nun einmal sind. Und weil wir sie nicht als Beteiligte erleben, weil sie uns nicht widerfahren, sondern weil wir sie als Zuschauer betrachten, werden sie uns offenbar - sie werden besprechbar - und damit bearbeitbar und veränderbar.

Dieser dritte Ort, das Theater, ist deshalb ein Ort der Möglichkeiten und damit - ein Ort der Freiheit. Und ein genau solcher Ort der Freiheit muss es auch bleiben. Sonst verliert das Theater sein Wesen, seinen Sinn, seine Bedeutung. Und wir als Bürgerinnen und Bürger, als Zuschauerinnen und Zuschauer, einen Reflexions- und Ruheraum, einen Raum der Möglichkeiten und unserer menschlichen Freiheit.

Auch die Religion ist vielfach ein solch dritter Raum. Ein Ort, in dem die Welt benannt wird, wie sie ist, an dem Klage und Trauer nicht verdrängt, sondern gesagt werden. An dem Unrecht und Unbarmherzigkeit nicht verschwiegen, sondern laut ausgesprochen und benannt und damit öffentlich, besprechbar, veränderbar werden. Der Gottesdienst führt mit seiner Liturgie, mit Liedern und Gebeten an einen Ort, der nicht mehr irdisch und noch nicht himmlisch ist. Aber ein Ort, an dem das Leben ausgehalten werden kann, An dem Hoffnung und Zuversicht wachsen, weil die Welt dort betrachtet wird, wie sie ist und zugleich klar ist: dabei bleibt es nicht.

Im Theater sehen wir die Welt. Ihre große Gemeinheit. Aber hier im Theater müssen - und sollen - wir nicht handeln, kämpfen oder siegen. Wir dürfen verweilen. Wahrnehmen. Verstehen. Mitfühlen. Und auch in der Dreigroschenoper mit all ihrem Witz, ihrer Ironie, ihrem Sarkasmus tief berührt sein - jedenfalls ging es mir so - wenn deutlich wird, wie sehr auch Polly und Mackie, - unter dem Mond über Soho (7) - sich sehnen nach beständiger Liebe, nach inniger Verbundenheit, nach wahrhaftiger Nähe und Treue für immer. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da will ich auch bleiben.“ (8) Übrigens auch diese Worte  - „sie werden lachen: die Bibel!“ (9)

Und das, obwohl sie doch wissen, wie brüchig auch ihre Liebe ist, wie zerbrechlich ihre Versprechen sind in einem Umfeld, in der keine Versprechen gehalten werden, ja nicht gehalten werden können - „denn die Verhältnisse, die sind nicht so.“ (10)

Verhältnisse, in denen einer wie Mackie immer wieder neuen und anderen Frauen in die Arme sinken wird. Und doch erscheint mitten in einer Welt voll kalter Berechnung plötzlich etwas anderes. Eine Ahnung von Liebe. Von Sehnsucht. Von Zärtlichkeit. Vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis guter Kunst: Dass sie das Elend zeigt und die Verzweiflung darüber, und zugleich das Menschliche darin entdeckt. Die Sehnsucht nach Liebe. Nach einem guten Leben. Nach einer guten und schönen und irgendwie „richtigen“ Hochzeit wie bei denen, die in ganz anderen Verhältnissen leben können. Diese Sehnsucht, sie wird persifliert und geht dennoch nicht weg. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da will ich auch bleiben.“ (11) Uns Zuschauenden ist sonnenklar, dass Mackie dieses Versprechen nicht halten wird. Und das wissen wohl auch alle Frauen um ihn herum - und halten dennoch mit ihm an der Sehnsucht fest, es könnte, es möchte so sein. Einmal nur und dann für immer.

Ach, an diesem Punkt möchte man sie alle fest in die Arme schließen wie verlorene Kinder - und ahnt zugleich, dass auch jede und jeder von uns genau solche Arme zuweilen braucht.

Musik: Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens

Predigt III

Wenn das Streben im Leben ein Selbstbetrug ist, dann muss wenigstens im Theater der Selbstbetrug aufhören. Denn wo sonst könnte das geschehen? Sogar die Dreigroschenoper selbst konfrontiert die Kunstform Oper mit sich selbst. Hier gibt es alles, was man aus der Oper kennt: Ouvertüre, Liebesduett, Hochzeitsmusik, Eifersucht, Verrat, Gefängnisszene, Bettler, Huren, Verbrecher, sogar eine Art großen Schlussgesang. Die großen Formen der Oper sind alle da. Aber sie erscheinen in einer Verkehrung. In der klassischen Oper stehen Könige, Feldherren, Edelleute oder mythologische Gestalten auf der Bühne. Hier sind es Ganoven, Bettler und Geschäftsleute, deren Moral kaum besser ist als die der Verbrecher.

Die Oper hat traditionell von den Großen und Mächtigen erzählt. Brecht erzählt von den Kleinen, den Gescheiterten, den Ausgestoßenen – und zeigt, dass die Mächtigen oft gar nicht so anders sind als die Verbrecher. Auch musikalisch geschieht etwas, was zugleich spannend wie unterhaltsam ist - hier ist alles verbunden: Oper, Jahrmarktsmusik, Kabarett, Tanzmusik und Gassenhauer. Hohe Kunst und alltägliche Unterhaltung treffen aufeinander. Die Musik erhebt sich nie ganz in die Sphären von so etwas wie dem des „Erhabenen“; sie bleibt immer mit einem Fuß nicht nur auf der Straße, sondern: in der Gosse.

Das ist kein Mangel, sondern Absicht. Auch hier: unsere Leben und die Welt werden nicht verklärt, sondern sichtbar, bekommen Kontur. Mich fasziniert die darunter liegende Ambivalenz: Die Dreigroschenoper verspottet die Oper - und liebt sie zugleich inniglich. Sie zerlegt ihre Illusionen - und bedient sich doch ihrer Schönheit. Sie entlarvt die Welt - und singt dabei ihre Lieder.

Und lassen Sie mich jetzt ruhig ein wenig pathetisch werden: kommt die Oper so nicht gerade zu sich selbst? Befreit, ja geradezu erlöst von Illusionen, gefüllt mit der Wirklichkeit der Bettler, der Prostituierten, der Gescheiterten und Schuldigen. Sie stehen im Mittelpunkt. Sie, die sonst im Dunkeln stehen und nicht gesehen werden. Die am Rande, die Marginalisierten und Ausgeschlossenen.

Und das ist schon fast Evangelium pur: denn Christus, der am Kreuz sein Leben geben wird, wendet sich gerade denen zu, denen die Aufmerksamkeit verweigert wird: den Bettlern und Prostituierten, den bestechlichen Zöllnern und schuldig Gewordenen aller Art. Zu ihnen fühlt er sich gesandt. Zu den Verlorenen und Vergessenen. Sie soll die frohe, die rettende Botschaft der Liebe Gottes besonders und unbedingt erreichen. Weil sie sie brauchen. Wie das Brot zum Leben. „Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Mt 4,4) Auch das, - „Sie werden lachen, die Bibel“ (12).

Der Dichter Uwe Kolbe sagt es in einem seiner Psalmen unter der Überschrift „Die Gnaden“ so:

Den Hoffenden führst du

unter den offenen Himmel

den Sehnenden stellst du

vor die Weite der See

und dem, der verloren war,

gibst du dein Wort.  (13)

Die Oper ist Ort der großen Gefühle. Ein Ort der Liebe und des Verrats, der Hoffnung und der Verzweiflung. Ein Ort, an dem Menschen um ihr Glück ringen. Zerbrechliche, verwundete Menschen. Menschen die stark sein wollen und ihre Schwächen nicht ablegen können. Die tapfer sein wollen und aufrecht und es doch daran scheitern. Die das große Glück suchen und sich mit dem kleinen zufriedengeben müssen. Die verletzt werden und auf Rache sinnen und nicht zu Ende kommen damit. Die sich sehnen danach, dass alles einmal ganz anders wird und doch hoffen, dass alles so bleibt wie ist. Ganz normale Menschen. Bedürftige und Verführbare. Menschen wie wir.

In gewisser Weise geschieht in der Dreigroschenoper das, was auch in der Bibel mit ihren großen Protagonist:innen geschieht: Sie werden entzaubert. Denn sie sind alles andere als perfekte Menschen. Der berühmte Ahnvater Abraham verkauft seine schöne Frau an einen mächtigen König aus Angst, nicht geduldet zu werden. Jakob betrügt seinen Bruder um das Erstgeburtsrecht. Sara schickt die Zweitfrau ihres Mannes mit ihrem Neugeborenen zum Sterben in die Wüste - aus Angst, mit ihrem eigenen Kind zu kurz zu kommen. Der große König David missbraucht seine Macht, um die schöne Ehefrau eines Untergebenen in sein Bett zu ziehen. Und Petrus, der bekannte Jünger Jesu, verleugnet Jesus in der Nacht von dessen Verhaftung mehrmals. Bis der Hahn dreimal kräht. Und er ging hin und weinte bitterlich … (Lk 22,62)

Die Bibel und der christliche Glaube setzen nicht auf perfekte Menschen, an denen kein Makel sein darf. Ganz im Gegenteil. Der christliche Glaube weiß darum, dass wir Menschen nicht immer gut sind, nicht immer gerecht. Er weiß, wie böse wir sein können. Aber er sagt auch: ich unterscheide zwischen deinen Taten und dir als Person. Ich kann das, was du tust, trennen von dem, wer du bist: ein Mensch. Ein Mensch, dem Gottes unbeirrbare Liebe gilt. Ein Mensch, der umkehren und sich verändern kann. Der das Recht hat, ein anderer, eine andere zu werden. Ein Mensch, der versuchen kann, gut zu sein. „Versuch es“ überschrieb Wolfgang Borchardt seine Zeilen:

„Stell dich mitten in den Regen

Glaub an seinen Tropfen Segen

Spinn dich in das Rauschen ein

Und versuche gut zu sein.“ (14)

Darin besteht für mich der große Trost des christlichen Glaubens: Dass wir die Wahrheit über uns erfahren dürfen, dass wir ihrer angesichtig werden dürfen, ohne verurteilt zu werden. Dass wir die Gemeinheit der Welt sehen können, ohne ihr zu verfallen. Dass wir lachen können über unsere Widersprüche und nicht an ihnen verzweifeln müssen. Die Oper verwandelt das Leben in Kunst. Die Dreigroschenoper verwandelt die Kunst zurück ins Leben. Und dort, mitten im wirklichen Leben, sucht sie nach Menschlichkeit. Nach Solidarität. Nach Mitgefühl.

Aber die Dreigroschenoper kennt auch den Wunsch nach Vergeltung. Im Lied von der Seeräuberjenny träumt die vielfach gedemütigte Jenny davon, dass ihre Peiniger vernichtet werden. Endlich sollen die Täter bezahlen. Endlich soll die Erniedrigte triumphieren. Dieser Traum ist brutal. Er ist erschreckend. Und zugleich verständlich. Wer verletzt wurde, möchte zurückschlagen. Wer erniedrigt wurde, möchte wieder aufrecht dastehen können. Wer Opfer war, möchte es nicht bleiben. Nochmals der Dichter Uwe Kolbe, der es in einem seiner Psalmen so formuliert: „Doch die uns das angetan, Auge um Auge, Zahn um Zahn." (15)

Nur zu verständlich ist dieser Wunsch. Vielleicht kennen wir ihn selbst. Vielleicht tragen wir ihn mit uns herum. Und doch zeigt die Geschichte: Rache heilt selten. Meist erzeugt sie neue Wunden. Aus Verletzten werden Verletzer. Aus Opfern werden Täter. Der Kreislauf setzt sich fort. Unrecht wird neues Unrecht hervorbringen. Durchkreuzen kann es nur: das Recht. Gerechtigkeit. Anerkennung dessen, was geschehen ist. Der ehrliche Versuch der Wiedergutmachung. „Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt, lasst euer Herz nicht gegen uns verhärten,“ (16) heißt es dann in der Grabinschrift. Und weiter: „Gesetzten Sinnes sind wir alle nicht – Ihr Menschen, lasset allen Leichtsinn fallen, Ihr Menschen, laßt euch uns zur Lehre sein Und bittet Gott, er möge mir verzeih’n.“ (17)

„Denn die Gemeinheit der Welt ist groß.“ (18) Das führt uns zu einer großen Frage der Dreigroschenoper. Nicht: Wie kann man gut sein, wenn alles gut ist? Sondern: Wie kann man gut sein, wenn die Verhältnisse schlecht sind? Denn oft genug wird suggeriert: Wenn „die Verhältnisse nicht so sind ...“, dann kann man eben unter diesen Umständen nicht anders. Dann ist Moral Luxus. Dann wird jeder egoistisch. Dann wird jeder hart.

Doch ist das wirklich alles? Ich denke nicht. Moral und Ethik braucht es gerade dann, wenn die Verhältnisse nicht so sind. Gut sein im guten Leben – das kann jeder. Freundlich sein, wenn alles gelingt. Großzügig sein, wenn genug da ist. Geduldig sein, wenn man ausgeruht ist. Das ist keine große Kunst.

Aber eine günstige Gelegenheit nutzen, auch wenn es nicht okay ist - wer widersteht da wirklich? Macht und Einfluss nicht im eigenen Interesse missbrauchen. Andere in einem Moment ihrer Schwäche nicht beiseiteschieben. Über Anwesende nicht sprechen, schon gar nicht schlecht.

Gut sein unter schlechten Bedingungen, wie kann das gehen, mit welcher inneren Haltung? Vielleicht so: Aggression nicht mit neuer Aggression beantworten und dennoch überleben. Wie eine gute Mutter, ein guter Vater, die nicht zurückschlagen, wenn die Kinder rebellisch werden. Die aber auch nicht weichen. Wie kann das gehen: Nicht zu lügen, wenn die Lüge Vorteile bringt? Nicht zu verraten, wenn Verrat sich lohnt? Nicht mit den Wölfen zu heulen, wenn der große Gesang der Vernichtung, zum Halali der Verleumdung geblasen wird, in digitalen Shitstorms die Messer gezückt werden. Hier zu widerstehen, beständig zu widerstehen, das ist die eigentliche Herausforderung.

Vielleicht besteht wahres Menschsein darin genau diese Herausforderung zu bestehen. Das Vaterunser formuliert genau deshalb die Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung. Lass uns das möglichst nicht erleben, dass wir vergessen, einander Mitmensch zu sein. Lass uns nicht vergessen, dass wir nicht trotz der Dunkelheit Menschen sein sollen, mitmenschlich und barmherzig, sondern gerade in der Dunkelheit. Denn wir Menschen sind verführbar. Von Glanz und Gloria. Von scheinbaren oder echten Mehrheiten. Einfachen Antworten. Und besonders gern dann, wenn eine, wenn einer schuld sein soll an allem, was gerade schief ist. Wir Menschen widerstehen oft nicht. Wir machen mit. Wir schauen weg. Wir passen uns an.

Darum braucht es Gewissen. Darum braucht es Gemeinschaft. Darum braucht es Glauben. Darum braucht es die anderen, mit denen oder auch an denen wir uns neu orientieren können. Denn - und gerade in Zeiten wie diesen - lasst uns das nicht vergessen: Jeder Mensch bleibt verantwortlich für das, was er tut oder nicht tut. Immer. Unter allen Umständen. Gerade dann, wenn die Umstände schwierig sind.

Und so kommen wir am Ende noch einmal zur Frage zurück: Wie hält man das alles aus? Die Gemeinheit der Welt. Die Härte der Verhältnisse. Die eigene Ohnmacht. Die Verführbarkeit des Menschen.

Vielleicht hilft uns Brechts Schlusschor. Dort heißt es: „Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt. Bedenkt das Dunkel und die große Kälte In diesem Tale, das von Jammer schallt.“ (19)

Ich höre diese Worte als Ermutigung. Beschäftigt euch nicht ausschließlich mit dem Unrecht. Starrt nicht ununterbrochen auf das Böse. Lasst euch nicht von ihm beherrschen. Denn das Böse steckt an. Es macht die Herzen kalt. Es verengt den Blick. Es nimmt die Hoffnung. Und am Ende geht es sowieso an der eigenen Kälte zugrunde. Es erfriert an sich selbst - immer. For sure.

Deshalb: Seht auf das Gute und vergesst es nicht. Seht auf die Wärme und spürt sie in euren Herzen. Seht auf die Freundlichkeit, die Freundschaft. Lasst sie hochleben, jeden Tag. Seht auf die Menschlichkeit und schafft ihr Raum. Behütet die Liebe, die zerbrechliche Liebe, die verwundbar macht - und dein Herz gesund küsst noch und noch.

Und seien sie alle auch noch so zaghaft und klein - seht sie, vergesst sie nicht. Denn so sagt es Christus: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor 12,9)

Oder säkularer mit Worten von Bert Brecht: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine. Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne. Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine. Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ (20)

Ja, die Dreigroschenoper ist ein Troststück. Sie zwingt uns nicht zur Illusion. Sie zeigt die Wirklichkeit. Sie schafft Freiheit. Sie schützt unsere Herzen. Und das Beste zum Schluss: Sie bewahrt unsere Seelen vor dem Erfrieren.

Danke!

Musik: Grabschrift

(1) Brecht, Bertolt: Die Dreigroschenoper. Der Erstdruck 1928. Frankfurt a.M. 2004, S. 109 (Schlusschoral).

(2) A.a.O., S. 9–10 (Moritat von Mackie Messer).

(3) Ebd.

(4) Brecht, Bertolt: „Meine Lieblingslektüre? Sie werden lachen: die Bibel.“ In: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 21. Frankfurt a. M. 1992, S. 248.

(5) Brecht, Dreigroschenoper (wie Anm. 1), S. 109.

(6) Vgl. a.a.O., S. 106 (Schlussszene / „Der reitende Bote“).

(7) Vgl. a.a.O., 52-54 (1. Akt, Liebeslied „Siehst du den Mond über Soho?“)

(8) Ebd., zitiert Rut 1,16.

(9) Brecht, Lieblingslektüre (wie Anm. 4), S. 248.

(10) Brecht, Dreigroschenoper (wie Anm. 1), S. 67.

(11) A.a.O., 54.

(12) Brecht, Lieblingslektüre (wie Anm. 4), S. 248.

(13) Uwe Kolbe, Psalmen, Frankfurt/ Main 2017, 28.

(14) Wolfgang Borchrdt, aus: Versuch es, in: ders. Das Gesamtwerk, Hamburg 1949, 264.

(15) Uwe Kolbe, Zeilen aus dem Gedicht „Rache“, in: ders. Psalmen, Frankfurt/ Main 2017, 60.

(16) Brecht, Dreigroschenoper (wie Anm. 1), S. 103-104, Ballade „Grabschrift“, 3. Akt.

(17) Ebd.

(18) A.a.O., S. 109 (Schlusschoral).

(19) Ebd., S. 108-109.

(20) Brecht, Bertold, Schweyk im Zweiten Weltkrieg In: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe (GBA), Bd. 7: Stücke 7. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1992, S. 250–252 („Das Lied von der Moldau“, 1943).

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